Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 30 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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242 Die Ungeistigkeit -es Antisemitismus. Von Professor Dr. ErikNölting. Den Aufsatz des Detmolder Gelehrten bringen wir unverkürzt, auch wenn wir in einzelnen Ge denken gangen die Auffassung des Verfassers nicht teilen. Die Arbeit einer Persönlichkeit wie der Prvsess-v Nöltmgs wollen wir als Ganzes wirken lassen. S ch r i f t l e i L u n g. Drei große Gesellungsnwtive und Organisationsprinzipien sind bisher inder Geschichte der Menschheit wirksam gewesen, haben ihr'e soziologischen Zusammenhänge vermittelt und die soziale Formenwelt aufgebaut. Wjo der Dümmerschein über den Frühspuren des Menschengeschlechits zu Zerfließen beginnt, steht -am Anfang der Zeiten in beherrschender Ausschließlichkeit das Blut. Alle zwischen den, Menschen lausenden Beziehungen sind blutgeädert, Blut führt zusammen mit geheimnisvoll und stetig wirkendem Zwang, indem es aus trotziger Ungeselligkeit hervorlockt und die kleinen deine glichen Schwarmzellen zu festerem Zusammenhang ineinander verspinnt. Horde bedeutet Blutsverwandtschaft. Wer ebenso treibt Blut in stürmendem Anprall gegeneinander, jähe Wildheit lodert empor aus der Witterung fremden Geblüts und grausamer Vernichtungswille feiert düsterrote Triumphe. Hospes unb hostes. bzw. hostis, bei‘ Fremde und der Feind schlechthin ohne alle weitere Begründung, entspringen der gleichen Sprachwurzel. Die Vorgeschichte der Menschheit dampft wie ein Abgrund unseligen Wahnes. Neben das sanguine Prinzip rückt mit fortschreitender Entwicklung das territoriale. Die Beziehungen des Raumes gewinnen sormgestaltende Kraft. Mit dem liebergang von okküpartarischer Nahrungssuche zu produktiver Wirtschaftssührung, von Sammler- und Beuteleben zu Tierzucht und Ackerbau beginnt eine begünstigte Weide fläche, ein krag fähiger Ackergrund steigende Bedeutung zu erlangen. Noch mag der schweifende Blutsbund weiter in der Steppe irren, immer mehr muß er in der Niederung eines Tales, im fruchtbaren Schlammland eines Flusses, an nächtiger Wegkreuzung abgesprengte Splitter Zurücklassen, die sich in bäuerlicher Siedlung gegen die Unendlichkeit der Steppe befestigen. Aus den nährenden Kräften g e nt e t n j a m e n Bodens erblüht neuer Zusammenhang. Zur Blutsverwandtschaft tritt Nachbarschaft zunächst in nebenge schal toter Konkurrenz, bis in allmählicher Schwergewichtsverlagerung die Führerschaft aus diese übergeht. In die einende Laridschaft verrinnt die Fremdheit des Blutes. ' Eine geistrge Welt beginnt über der dumpfen Triebhaftigkeit animalischen Lebens allgemach he rau fzus chimmern, deren Entfaltung die stetigere Art der Lebensführung und der reichere Arbeitsertrag begünstigen. Im Gegensatz zur Horde ist der Stamm bereits mit ideologischen Elementen durchsetzt. Aus Bluts- und Gebietszusammeuhang Feimt die G e in e i n .s a m reit geistiger I n t e r - esse n, Uederzeugungsgehalte und SchicksaLserlebnisse, durch Kulte, Riten, Symbole, Eurbleme vielfach vermittelt, gewinnen Bedeutung. Ein geistiger Besttzsonds lagert sich ab, psychologische Verdichtungen verstärken die Zusammenhänge der Gruppe. Ein Teilhaben an ihren geistigen Gehalten wird nunmehr Voraussetzung der Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t. Llu Stelle von Bluts- und Gebietstritt tameradschastticher Geisteszusammenhang. Eine über die bloße Natursorm hinausgehende GesellschasLsform wird Zunehmend möglich und ausgebaut, lieber dem Naturgrund von Rasse und Boden wiegt sich die Zauberbtüte Kultur. Das ethhnwlog'ische Moment wird überholt durch ein geschichtliches. Um den Begriff Nation liegt im Gegensatz zur Rasse und Stamm ein seines Kulturarom. Damit aber ist ein grundsätzlicher Wechsel der Situation gegeben und der slotstand des Naturzwanges überwunden. Aus dem Fruchiboden gemeinsamer Geistigkeit ist ein Brückenschlägen möglich geworden von Mensch zu Mensch und Gruppe zu Gruppe-, Zugänge find ungebahnt, für die bislang die Voraussetzungen fehlten, uralte Fremdenscheu aus dumpfer Blutsdämmerung muß verfliegen in den helleren Regionen lichterer GeistesbewußtheiL, die engen Kirchturmshorizonte verlieren sich. Nicht daß die Stimme des Blutes einschliefe. Mit leisem Melodienzwang wird sie auch ferner heranstönen, ebenso wie sich Eindruck der Landschaft in Seelengebild umseht. Geheime Einung und Gegensätzlichkeit wird auch jetzt noch verspürt. Aber solcher Einung und Gegensätzlichkeit ist die aggressive Schärfe genommen. Es gibt ein negatives und konstruktives Sichverhalten zur Andersartigkeit des Mitmenschen. Das negative reagiert auf alles Fremde mit instinktivem Haßgefühl, während das konstruktive eben diese Andersartigkeit als Bereicherungsmoment, als Unterpsarrd beglückender Fülle, als eine neue Gewebeader im bunten Teppichgespinst ansteht. Mit immer feinerem Erlauschen der eigenen Art, wie sie erst die Romantik uns lehrte, .verbindet sich die Kraft immer weiterer Synthese. Daß ,,zehn Völkern die arme Stirn ihr bißchen Hirn schuldet" (Dehmel) kann auch von dem als Glück empfunden werden, der ebenso innig und glaubensstark wie dieser Märker darum weiß, welchem Bluts- und Volkskreis sein reinster Wert entstammt. Freilich ist die Fähigkeit der hier gemeinten geistigen Einfühlung und Verschmelzung gebunden an ein Teilhaben am Geist. Bei Walther Calch dem Frühvollendeten, findet sich die feinsinnige Bemerkung, daß erst -eine gewisse Technik im Zusammenleben der Geschlechter erreicht sein müsse, damit das spezifisch Seelische aus solchen Verhältnissen herausgelöst werden könne und Freundschaft zwischen den Geschlechtern möglich sei. Und er setzt hinzu: Dienstmädchen und Soldaten verlieben sich immer. So kann auch nur aus der Grundlage einer gesicherten und distinguierten Persönlichkeitskultur die rudimentäre Gegensätzlichkeit des Deutschen zum Juden hinweggeschmolzen werden. Es scheint mir immer für den Durchschnittsdeutschen die beste Probe zu sein -aus das Epempel, wieweit es ihm gelungen ist, sein Triebleben geistiger Zucht zu unterwerfen, ob und in welchem Umfang er diese Hinwegschmelzung zuwege bringt. Wer der Dichtung Stimme nicht vernimmt, ist nach Goethes maßgebender Bescheinigung nicht nur ein Barbar, sondern, zumindest in Deutschland bestimmt, auch Antisemit. Geistesarmut p r ä d e st i n i e r t zum Antisemitismus. Wer nicht gewohnt ist, aus geistigen Graden zu schreiten, wem Geistiges 'sogleich immer in Physisches zurück sinkt, der wird genau so zwangsläufig in rüden Antisemitismus geworfen, wie sich eine kulturgesattigte Vaterlandsliebe für ihn zu in aggressiven H e i l-d i rim.- S i e ge r k x a n z- Patriotismus verballhornen wird. In beiden Fällen handelt es sich um die gleichen Erlahmungserscheinungen seelisch-geistiger Antriebe, zu deren nachhaltiger Ueberwindung ein gewisses Mindestmaß kultureller Disziplin notwendig gehört. Antisemitismus als Massenerscheinung ist immer eine entstellende Beule im geistigen Gesicht eines Volkes, und es ist kein Zufall, daß diese Giftblume über dem Pestgrund unserer Tage in so voller Geilheit blüht. Jeder, der sich als Diener des Geistes berufen fühlt, ist schon allein aus diesem Grund heraus, ungeachtet seiner sonstigen Stellungnahme, zu entschiedener Gegenwehr verpflichtet. Gimthers „Rsjfenkunöe -es öeutfchen Volkes". Von Otto F e ld ma n n (Stuttgarts). Ein politisch sattsam bekannter Verlag-), ein gänzlich unbekannter Verfassers: mit einigem Mißtrauen nimmt man das Buch zur Hand und ist angenehm enttäuscht durch das Vorwort und die einleitenden Kapitel. Der Verfasser scheint gründliche anthropologische Kenntnisse zu besitzen: seine Darstellung ist gemeinverständlich, die Schreibweise flüssig. Nach guten allgemeinen Ausführungen schildert Günther die vier großen europäischen Rassen, die nordische, die nicht von allen Forschern anerkannte dinarische, die alpine und mediterrane; die letzteren beiden möchte er ostische und westische nennen; das dürfte wenig Anklang finden, ist aber im folgenden vielfach beibehalten, um den Leser nicht zu verwirren. Auffällig ist dabei nur, wie sehr die Schilderungen der Nordrasse wertbetont sind, ein Fehler, der dem Naturwissenschaftler nicht unterlaufen dürfte. Mit schwungvollen Worten, in leuchtenden Farben wird der nordische Mensch geschildert, während den anderen Rassen nur eine durchaus sachliche und wissenschaftlich nüchterne Beschreibung zuteil wird. Jetzt aber bespricht Günther in vier Abschnitten die seelischen Eigenschaften der vier Nassen, und von da an geht es mit der Wissenschaftlichkeit rasch bergab. Immer mehr gerät er in das Fahrwasser der alten Rassentheoretiker, das Buch wird zum Hochgesang auf die nordische Nasse, der nach bewährtem Muster alles zugeschrieben wird, was je in der Welt Großes geschah. In schwarzen Farben wird der alpine, ostische Mensch gemalt. Die nordische Rasse, zu der der edelste Teil des deutschen Volkes gehört, soll unfehlbar untergehen, wenn nicht auf jede Weise eine „Wiedervernordung" angestrebt wird. M a n s i e h t, genau die Theorie des alten G o b i n e a ui, nur daß statt fein e r weißen und s ch w a r z e n R a s s e Günther die n o r d i s ch e u n d die a l p i> n e neun t. Dazwischen Untersuchungen über die Rassenverteilung in Deutschland und Europa und über die Rassenentstehung sowie Ausführungen über den Mischling, auf die wir noch ausführlicher znrückkvmmen müssen. Das Buch schließt mit einem Anhang. „Rassenkunde des jüdischen Volkes". Für diesen Teil ist kein Ausdruck zu finden, der in den Grenzen wissenschaftlicher Kritik bliebe. Es kann sich im Nahmen einer solchen Kritik natürlich nicht darum handeln, alle die Irr kämer und Entstellungen zu widerlegen, alle die Behauptungen, die schon hundertmal widerlegt wurden, als andere, sie vor Jahren für die „Arier" oder „Germanen-" anfstellten. Stößt sich doch der Verfasser nicht daran, daß all das nun auf einmal für die nordische Rasse zutresfen soll, die sich ja durchaus nicht mit dem deckt, was jene Aelteren unter Ariern oder Germanen verstanden; im Gegenteil, Günther zitiert ihre AussprückM und „Feststellungen" fleißig und wendet sie unbedenklich ans seine Rassen an. Hier sollen Einzelheitennur als Beispiele angeführt werden, im; * i) Der gl. den Aufsatz „Nasse und Wissenschaft" in der Nummer 29 l dev „C. B.^Zeitung". T 2) F. Lehmann, München, 1922. | s) Dr. Hans Günther. r....