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Central-Verein-Zeitung · 1923-07-26 · 30 (26.7.1923) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
30 (26.7.1923)
Date
1923-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Glnzelmiinrner 500 M. vernn, 20, jm\ i?2s II. Jahrgang Nr. 30 Kälter fürAeuWUmnM unOluOentum, f0rylm Oes tenlnü^räns öeutsckw^ StaatsdüryerjlwtsLden Aauvens-Ä S^11^srrrsin:s des Judentums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SVbS, Linöenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Postscheckkonto: Berlin 3V472 Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Pystanstall zum Preise von vierteljährlich M. 6060,- zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse/ Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 4800,— für die 7 gespalten« Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 20000,— Reuter-Geist. Dr. h. c. Freiherr v. Schönaich, Generalmajor a. v Die weitaus schlimmste Folge des Krieges ist die sittliche Verrohung der Einzelmenschen. Haß und Verhetzung haben eine Höhe erreicht, daß jede Wiederausbauarbeit daran zu scheitern droht. Der beste Wille kluger Führer, ein erträgliches Verhältnis zwischen lassen, Ständen und Konfessionenzu schaffen, scheitert an der Sabotage einzelner, teils vor, teils hinter den Kulissen arbeitender Hetzer, denen es durch geschicktes Vermischen von Wahrem und Falschem leider auch gelingt, Einfluß zu gewinnen aus ehrliche aber unreife Idealisten. Was Wunder, wenn immer mehr Menschen sich voll Ekel von dem Treiben abwenden und den Dingen als unabänderlich ihren Laus lassen. Nichts ist verkehrter als das. Wer wünscht, daß seine Kinder und Kindeskinder einst in einer besseren Welt leben, als wir es zu tun verurteilt sind, der hat die Pflicht, m itzuarb eit en an der Abrüstung des Bruderkrieges. Dazu müssen vor allem diejenigen bekämpft werden, die durch Predigen von Haß gegen Andersdenkende ihrem schwer leidenden Volke glauben nützen zu können. - Die Wahlen in Mecklenburg-Strelitz haben eine erschreckende Zunahme der D eu ts ch v ö lk i s ch e n und Kommuni st en gebracht. Das ist besonders erstaunlich im Lande Fritz Reuters, des überzeugten Gegners von Chauvinismus und Radikalismus, dessen dichterische Kunst im Dienst der Freiheit den guten Seiten des Gegners ebenso gerecht wurde wie den schlechten. Politische, wirtschaftliche und 'persönliche Gegensätze wird es geben, solange es unvollkommene Menschen gibt. Aus gesundem Kampf zwischen ihnen erwächst gesunder Fortschritt. Der heutige Kamps ist ungesund und abstoßend. ' Nur im Geiste Fritz Reuters kann er Gesundung bringen. Lebte er heute noch und sähe .dr das verblendete Treiben vieler seiner Landsleute, würde er ausss neue fragen: „Segg, Meckelnburger, wat dat heit? Du wast süs so vull Fröhlichkeit, So lustig, as ein wesen kann, ~ En jeder lewt' mit Di in Freden, Un ganz verännert büst.Du nu: Nu Heft Du Strit un Stank mit jedem. Wat Heft Du mit de Judenfru?" Nun ist gewiß nicht jedem Menschen Geist und Humor gegeben. Aber ein wenig Sachlichkeit sollte selbst im verbohrtesten Hetzergehirn schlummern. Davon ist in der Judenhetze der Anhänger der Herren v. Graese und Hitler leider nicht viel zu spüren. . , , , . Si e w e rf e n d e n Iu d e n v or, s i e h ät t e n s i ch m it Hilfe jüdischer Aerzte vielfach dem Schützengraben ferngehalten und in denKriegsgesellschäften die Taschen gefüllt; sie seien die Hauptschürer der Revolution und ihnen fehle j e d e s d e u t f ch e N a t i o n a I g e s ü h l. Abgesehen davon, daß die Verlustprozente jüdischer Soldaten den Gesamtdurchschnittsverlusten entsprechen, müßte, wenn in dem einen oder andere Falle Vorwürfe zutreffen sollten, auS dem Gebot der Sachlichkeit heraus doch die Frage aufgeworfen werden: Wie kam das? Seit etwa 40 Jahren hatten wir im deutschen Heere keinen einzigen jüdischen aktiven und kaum einen Reserveoffizier. Dürfen wir uns darüber wundern, daß manche deutsche Juden sich mit einem Gefühl der Beklemmung in das Heer einreihen ließen, ihnen würden dort nicht d i e s e l b e n äußeren Ehren winken wie den anderen Staatsbürgern? Diejenigen Juden, die in der Etappe oder in höheren Stäben tätig waren, waren doch von ihren Vorgesetzten dorthin kommandiert worden, scheinbar, weil matt sie dort nicht entbehren konnte. Der in Deutschland allgemeine Ausschluß der Juden von der besonders geachteten Offiziers- und B eam t enl a usb a h n hat es mit sich gebracht, daß sie sich in den ihnen offen stehenden Berufen mit doppelter Energie betätigten. Der Gelderwerbssinn ist nie und nimmer eine jüdische Sondereigenschaft. Auch die reinblütigen „Arier" zögern keinen Augenblick, Aktien zu kaufen, wenn ein zuverlässiger Freund sie ihnen als steigerungsfähig bezeichnet, nicht einmal, wenn der Ratgeber selbst ein. Jude ist. Geradezu verächtlich ist es, dann in der Oefsentlichkeit über den jüdischen Rafsgeist zu schimpfen. Ganz sicher sind die Juden n i ch t d i e Schürer der Revo lut io n.ge wessen. Wären durch die Revolution die Ideen des extremen Marxismus zur Herrschaft gelangt, so wäre der Besitz der jüdischen Deutschen ebenso gefährdet gewesen wie derwer nichtjüdischen. Wenn aber hie und da jüdische Intellektuelle sich dem Radikalismus in die Arme werfen, so haben diejenigen schuld daran, die sie daran gehindert haben, vollberechtigte Staatsbürger zu werden, und die Verbitterten auf eine schiefe politische Bahn getrieben haben. Wenn einmal der politische Kampf mit dem Geist Fritz Reuters durchsetzt sein wird, mit dem Geist, der auch dem Gegner gerecht wird und an den eigenen Schwächen scharfe Kritik übt, dann wird-der Sumpfpflanze der üblen Judenhetze die Wurzel abgeschnitten sein. Bis die bessere Einsicht gesiegt hat, müssen , wir gleich Reuter, dem Vorkämpfer i deutscher Freiheit, durch stille und beharrliche Arbeit den Geist I wilder Hahgesänge bekämpfen. ■

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