Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Mten und die Jungen. Von S. B r ü ck h e i m e r (Marktbreit). Der Fortschritt des Menschengeschlechts beruht sicherlich letzten Endes im ewigen Sichreiben des Jungenam Alten. Die Alten, in ausgetretenen Geleisen gehend, die ihnen Zufall, Einsicht und Wetterschlag geschaffen, wollen keine neuen Wege mehr finden. Dakommt nun die Jugend gestürmt und steht vor sich die Straße verstopft. Mittendurch führt kein Pfad. Und jo bleiben ihr nur zwei Möglichkeiten: geduldig hinten nachzulausen, bis die Reihen der Alten sich lichten, oder auf Seitenbahnen durch Busch, Graben und Steinl och vorzubrechen unter Einbuße von überaus! viel Zeit und Kraft. Wie aber, wenn — um bei dem obigen Bilde zu bleiben — die Aelteren freiwillig e L w a s nebenhin träten, um den Nachdrängenden die Gelegenheit zur Entfaltung Zu geben? Werfen wir einen Blick auf die Zusammensetzung der Gemeindeverwaltungen! Seit altersher werden Vorsteher und Beisitzer aus den besitzenden Kreisen gewählt. Und wenn nicht irgendein Zwingender Umstand sie das Amt niederlegen heißt, blecken sie an der Spitze, bis zu hohes Mer oder der Tod ihnen die Führung aus der Hand nimmt. Kein mit den Verhältnissen Mischer Gemeinden Vertrauter wird glauben, daß diese Posten eitel Ehre und Anerkennung im Gefolge haben. In Zeiten ruhiger Entwicklung mag das Alter bei der Führung der Gemeindegeschäfte nicht so deutlich in Erscheinung treten. Wenn aber politische und wirtschaftliche Verhältnisse sich in schneller Folge tiefgreifend ändern, und deren Auswirkungen auf das Gemeindeleben nicht erkannt und nicht berücksichtigt werden, dann ist eben die Verwaltung überaltet. Und es sind heuten sehr viele Gemeinden in Deutschland, die ihren: lebenswichtigsten Interesse, ja dem A und O des deutschen. Judentums ohne Verständnis und darum ohne jede Opferbereitschast gegemckersrehen: der Erhaltung eines nach Vorbildung und Zahl ausreichenden Lehrer stand e S. Ich will hier keineswegs das Hungerlied der Mischen Gemeindebeamten Vorsingen! Ueber massenhafte Austritte aus dem Lehrerstande wegen unzureichender Bezahlung, über Aufhebung jüdischer Seminarien, von Streiks jüdischer Gemeindeangestellte u, über Reduzierungen am Gehalt selbst in Großgemeinden bringen die jüdischen Blätter fast in jeder Auslage leider nur zu oft unbeachtet bleibende Notizen. Eine noch größere, brennendere Wunde soll aufgezeigt werden. Während jüdische Gemeinden- und Schulen ob des Lehrermangels zerfallen, schreit unsere Jugend gerade in dieser Zeit der tausendfachen Anfeindung nach geistiger Kost aus jüdischen Disziplinen. Die Jugend braucht zum Abwehrkamps ein reiches Arsenal von Waffen. Und — vor allen: soll sie wissen, für welche hohen Werte zu verteidigen sie sich anschickt. Besser als die n:eisten Gemeindeverwaltungen ist die Jugend von der Notwendigkeit der Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes' überzeugt. Die Programme der meisten jüdischen Jugendverbände verlangen deshalb die materielle Sicherstellung des Lehrers. Eine Gemeindeverwaltung, die heute nicht die Devise aufstellt, daß der jüdische Lehrer mit allen Opfern, gehalten werden muß, soll xungen Gehirnen Platz machen, deren Seelenwege noch abwandmngsfähig und die neue Richtungen einzuschlagen imstande sind. Auch'zu den V o r st an dschaften unserer C.-V.-Ortsgruppen mühte heute die Jugend in größerer Zahl herangezogen werden. Den vor den: Kriege und während desselben verdienstvollen Leitern soll mit diesem Verlangen in keinem Falle ein Mißtrauensvotum eingebracht sein! Der Abwehrkamps unserer Tage kann nicht mehr allein mi>t zielsicherer Ruhe und abgeklärter Erfahrung geführt werden. Wer sich angesichts der vorgehaltenen Lanze des Gegners überlegt, wohin er den Gegenstoß zu führen habe, der wird wohl bald solcher Erwägungen überhaupt nicht mehr bedürfen. Zum schnellen Zupacken aber — selbst wenn, der Gegenzug ins Leere gehen sollte — brauchen wir das Ungestüm der Jugend. Gewiß ist — und ich betone dies nur falschen Auffassungen gegenüber —, daß schon die Jungen allein keineswegs den Erfolg verbürgen. Denn e würden unsere Feinde, die sich doch in der Harchtsache an die md wenden, längst abaesiegt haben. Die Schwierigkeiten und Hindernisse aber, die die Alten sehen, sollen die Jüngeren in dem ihnen allein eigenen kühnen Schwung überrennen. Und was liegt denn daran, wenn sie dabei das Ziel nicht erreichen! Gelingen denn alle mit bedächtiger Ruhe überlegten Maßnahmen? Der Gedanke, daß von der Seite des Angegriffenen mit einem ständigen Gegenschlag zu rechnen ist, nimmt dem Feind oft die Sicherheit und Ruhe. Als Moses den Auszug aus Aegypten vorbereitete, rief er dem Pharao entgegen: „Mit unseren Jungen, in vorderster Linie, und mit unseren Alten wollen wir gehen!" Und heute, da wir um die Erhaltung des Judentums und um unsere Bürgerrechte unsere ganze Kraft einzusetzen gezwungen sind, soll die In ge n d i m Vor de r - treffen den Kampf mutvoll bestehen!;*i Die Arbeitsgemeinschaft der -rutsch-jüdischen Ingen- Ostwestfalens und Umgegend veranstaltete am 7. und 8. Juli in Bünde ihre erste Gautagung, zu dev etwa 100 Jugendliche herbei geeilt waren. Am Sonrrabend, den r 7. Juli, abends, wurde die Tagung durch eine Kundgebung. „Für a? Deutschtum und Judentum" eingeleitet. Nach herzlichen Be- | grützirn-gsworten durch Fritz M eher (Herford) und Vertretern 'verschiedener Korporationen hielt Rudolf Herzberg (Hannover), Mitglied des Hauptvorstandes des C. V.. ein Referat,, in dessen Mittelpunkt alleßdio Fragen gestellt.waren, die eine.Jugend begeistern müssen, die sich ihres Deutschtums und Judentums bewußt est. Ehrlicher und reicher Verfall folgte den Worten des Vortragenden, der sich in selbstlosester Weise in den Dienst der Sache gestellt hatte. Dann folgten Begrüßungen durch Dr. Friede. V r o d n i tz (Berlin) von der Deutsch-jüdischen Jugendgememschast (Berlin) und Werner v. d. Z i j l, Gaulliter der Kameraden Lüdenscheid. Mit herzlichen Dankesworten wurde die Versammlung geschlossen. Am Morgen des 8. Juki versammelte sich die Jugend erneut. An Stelle des leider durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Prediger G o l dmann (Herford) hatten in letzter Stunde Dr. B r o d n i tz und v. d. Zijl kleine Referate übernommen über das Thema „Unser jüdisches Wollen". Die stark interessierten Ausführungen gaben zur Aussprache reiche Gelegenheit. Dann folgte die Besichtigung des geologisch-paläontolischen Museums unter Führung des Leiters Professors Langewies che, eines weit über die Grenzen der engeren Heimat bekannten Gelehrten. Dann gings, trotz der außerordentlichen Hitze, in einhalbstünoiger Wanderung hinaus aus den Doberg. In einem Wäldchen wurde Rast gemacht und hier sprachen zu der an einem Abhang lagernden Jugend v. d. Zijl (Lüdenscheidt) und Werner Alexander (Bünde) über „Unsere Stellung zum Elternhaus". Jedem Teilnehmer wird die Bünder Tagung unvergeßlich bleiben. F. M. Rann uns philo Vorbild fein? Als der dem Central-Verein angMiederte Verlag den Namen ^Philo-Verlag" erhielt, wachte man sich in nationaljüdischen Kreisen darüber lustig, daß man einem im Geiste des C. V. geführten Unternehmen den Namen eines „Assimilanten" gegeben habe. Wenn Philo ein Assimilant war, so war er es sicherlich nicht in dem Sinne, daß er sich kritik- und würdelos seiner jüdischen Werte entäußert und den kulturellen Einflüssen seiner alexandrinischen Umwelt hingegeben hätte. Zwei Elemente: die Ueberlieferungder Sittenlehre des Judentums und der Niederschlag der ihn umgebenden Kultur Welt wollten in Philo zur Einheit werden. Diese Einheit in Denken und Fühlen zu erringen, war für ihn noch eine Aufgabe, denn zahlreich waren die Widersprüche und Gegensätzlichkeiten, die Zwischen dem Judentum als dem Träger einer sittlich religiösen Idee und dem Weltbild des Hellenentums bestanden. Wir haben es leichter, denn kein Gegensatz besteht zwischen unserer sittlichen Grundausfassung und der unserer mchtjüdischen Volksgenossen, soweit sie w ahre Christen sind. Was für Philo Aufgabe war, die er vollendete, ist für uns seelische Gegebenheit. Aber gerade dieses innere Ringen um die Einheit von geschichtlich-religiöser Ueberlieferung und Volkstum läßt uns Philo als Vorbild erscheinen, zumal er mit diesem seelischen Kampfe die begeisterte Verteidigung der Werte des Judentums und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung seiner Bekenner verband. Erst kürzlich ist ein von Dr. Ludwig T r e i t e l verfaßtes Werkcherst) erschienen, das uns über Philos Wirken dankenswerte Aufschlüsse gibt. Wir können -daraus ersehen, wie Philo im einzelnen seiner Verteidigungsausgabe gerecht wurde. So wandte er sich gegen die Verunglinchfung der biblischen Heroen und die Herabwürdigung der religiösen Einrichtungen des Judentums. Wie unsere heutigen Judenhetzer suchten auch die Heiden der damaligen Zeit das- Judentum als menschenfeindlich hinzustellen. Hier war es Philo, der „elenden Sykophanten" wie Lysimachos und Apion mit Schärfe entgegentrat und dartat, wie gerade das jüdische Gesetz von reinster M ens chen li eb e durchdr u n ge n s e i. Es genügte Philo aber nicht, nur in Erwiderung aus Angriffe für das Judentum Zeugnis abzulegen; er wollte auch in die heidnische Umwelt hinein die Kenntnis von dem tragen, was ihm Herz und Geist erfüllte, um über den Verteidigungszweck hinaus Verständnis für das Judentum zu erwecken. Für die Wirkung dieser Ausklürungsarkei t ist es bezeichnend,- daß sie den Uebertritt zahlreicher Heiden zum Judentum zur Folge hatte, trotzdem sie nur aus Belehrung, nicht aber auf Bekehrung ge-- richtet war. Wie aus religiösem Gebiete, war Philo auch im Kampfe um die Erhaltung der Gleichberechtigung und Gleichachtung der Juden als Bürger des römischen Weltreiches ein unerschrockener Führer. Jhn wählte die Alexandrinische Gemeinde als Fürsprecher vor Caligula, um das Bürgerrecht der Juden Alexandrias vor Schmälerungen schützen zu lassen. Der Verleumdung, daß den Juden wahre Bürgertugend, worunter man damals die Verehrung des Kaiserhauses verstand, fremd sei, trat Philo mit Entschiedenheit entgegen, wohl erkennend, daß solche Anklagen letzten Endes darauf hinausliefen, die Gleichstellung der Juden im römischen Reiche zu erschüttern. So' legt er in seinen Schriften Zeugnis dafür ab, daß nicht der Umsturz, sondern die Erhaltung und Förderung der staatlichen Gemeinschaft von jeher Ziel des Judentums gewesen ist. Wie Philo nach außen hin Judentum und Juden verteidigte, so kämpfte er auch im Kreise seiner Glaubensgenossen gegen Lauheit, Gleichgültigkeit und mangelnden Opsersinm Er warb um Verständnis für die überlieferte Lehre und wollte so der jüdischen Gemeinschaft seiner Zeit die innere Stärke geben, die allein befähigt, Erbärmlichkeiten und Gehässigkeiten der Judenhetzer 31t erfahren, ohne mut- und haltlos zu werden. Sein ganzes-Wirken aber — auch im engeren Kreise — war Dienst an der Menschheit. Philo hat den Grundsatz der Menschenliebe ohne Rücksicht auf Rang und Abkunft in die Kultur- *•) Gesamts Theologie und Philosophie Phikos von Alexandria. Berlin 1923 bei Schwetschke m Sohn.