Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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234 Roth find. Im Gegenteil. Die englischen Antisemiten beschimpfen diese Feinde französischer Gewaltpolitik tagtäglich. Und schließlich Amerika. Hier wird die Präsidentschastskandidatur Henry Fords, wie wir dem „Jewish chromcle" vom 1. Juni entnehmen, von den Deutschfreunden heftig bekämpft. In New - Jersey sei kürzlich eme Entschließung gefaßt worden, die Henry Fords Haltung verurteilt, seine Angriffe auf Juden uniamerikanifch bezeichnet und seine Präfidentschastskandidatur als eine Belerdiguna deramerikanifchen Demokratie brandmarkt. Es ist für dis Denkungsart dieses besonders von den deutschen Antisemiten gefeierten Mister Fords bezeichnend, daß er in seinem Buch „Der internationale Jude" die Erlösung Deutschlands aus napoleomscher Knechtschaft durch die Befreiungskriege als ein Ergebnis jüdischer Verschwörung schmäht! Auch in anderen Ländern läßt sich feftstellen, daß die internationalen Judenhasser zu jenen chauvinistischen Kreisen gehören, die nichts «dagegen hätten, wenn Deutschland morgen ohnmächtig zusainmenbricht. Von Frankreich, England und Amerika hängt für die nächste Zeit das Schicksal Deutschlands ab. Es kann uns heute die Feststellung genügen, daß in diesen Ländern die internationalen Freunde der deutschen Antisemitenjührer ausgesprochene Feinde Deutschlands find. Einem deutschen Mann müßte es gegen seine nationale Ehre gehen, sich in eine solche internationale Gesellschaft zu begeben. Eine Erkenntnis, die nicht erst der Fu ch s- M ach h a u s -Proz e ß in München hätte bringen sollen. Artur Schweriner. Raffe und Wissenschaft. Von Otto F e l d m a n it (StuLtgart)s Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß man in Zeitungen und Zeitschriften, in Reden und Vorträgen von Rassenfragen zu hören bekommt; und man könnte danach meinen, die Kenntnis dieser Fragen sei ein Gemeingut der Gebildeten, die Fortschritte ihrer Erforschung lägen den weitesten Kreisen am Herzen, und ihre genaue Durchdringung sei unerläßliche Voraussetzung jeder publizistischen oder rednerischen Betätigung im öffentlichen Leben. Wie erstaunt aber wäre ein ahnungsloser Beobachter, wenn er in dieser! Meinung den wahren Verhältnissen nachginge; er würde eine bodenlose Unkenntnis der einfachsten Tatsachen finden, eine unglaubliche Ahnungslosigkeit, so daß der Anthropologe Eugen Fischer ein-! mal mit Recht gesagt hat, von hundert Leuten, die sich über Ras senfragen äußerten, hätten mehr als n e u ni^nd n eu nz i g keine Ahnung davon. Es ist eine! erschreckende Halbbildung, die es einem großen Teil unserer Gebildeten erlaubt, sich.täglich über einen Gegenstand zu verbreiten, I der für sie ein schlechthin unbekanntes Gebiet darstellt. Die moderne Anthropologie, die Rassenkunde, ist ja eigentlich eine Wissenschaft erst der letzten zwanzig Jahre.! Sie ist in ihrer heutigen Richtung bedingt durch den außerordentlichen Fortschritt der Vererbungswissenschast, die sich nach langen : Zeiten vager Vermutungen und unklarer, widerspruchsvoller Vorstellungen heute in einer Periode exakter experimenteller Forschung s befindet, so daß man nunmehr die wichtigsten Tatsachen in scharfe, fast mathematisch genaue Gesetze fassen kann. Erst durch diese weitreichenden Entdeckungen begannen sich auch die verwirrten Probleme der Rafsensragen allmählich zu klären. Gegenüber den alten „Rassentheoretikern", den Gobi ne au und Chamberlain, setzte sich die Auffassung der Rassenkunde als einer exakten Naturwissenschaft mehr und mehr durch. Jetzt endlich wurde die unheilvolle Verwirrung der Begriffe Rasse und Sprache, Rasse und Volk oder Völkergruppe mit aller Energie als schwerer Fehler abgetan: und die Anthropologie ging daran, die Möglichkeit dieser verhängnisvollen Verwechslung endgültig aus der Welt zu schaffen, indem sie sich eine ganz neue Namengebung schuf: Kein Wissenschaftler spricht heute mehr von arischer, von romanischer, von jüdischer Rasse, denn all das sind Bezeichnungen für Sprachen und Völker oder ähnliche kulturell charakterisierte Gruppen, die sich heute fast nirgends wehr mit Rassengruppen decken. So darf man sich nicht wundern, im weiteren Verlauf der Abhandlung eine Reihe von Namen zu finden, die dem Laien neu und unbekannt find. Ja, fragt nun der Leser, gibt es denn überhaupt so etwas wie Rasse, und was versteht man denn darun ter? Das ist eine sehr berechtigte Anfrage, und hätte sie r jeder Schriftsteller, der sich mit Rafsensragen beschäftigt, zu Be-- * ginn seiner Ausführungen genau beantwortet, so hätte man da-! durch eine Fülle von unnötigen Mißverständnissen urü> Streitereien um leere Worte vermeiden können. Wir hatten uns am besten an die vorzüglichen Definitionen des EchnoLogen Ernst Große: Rasse ist „eine größere Gruppe von Menschen, die durch den erblichen Gemeinbesitz eines bestimmten körperlichen und geisti gen Hab itus ihre Zusammengehörigkeit erweist und sich dadurch von anderen Gruppen unterscheidet". Im Gegensatz dazu t st V o l k „eine größere Gruppe von Menschen, die durch den nicht erblichen Gemeinbesitz b e st i m m t e r Kulturgüter ihre Zusammengehörigkeit erweist und sich dadurch von anderen Gruppen unterscheidet". Man ersieht ohne viel Ueberlegen, daß jene Begriffsbestimmung der Rasse aus Mongolen beispielsweise oder Neger, anthropologisch bester Mongolide und Negride genannt, sehr wohl zutrifst. Es gibt also tatsächlich Rassen,' und die Wissenschaft hat eine durchaus bestimmte Vorstellung von ihnen. Es ist in der Definition die Rede von körperlichen und geistigen Eigenschaften. Bei ihrem heutigen Stande hält sich die Rastenforschung fast nur an die körperlichen. Die Gründe dafür sind leicht zu ersehen: Körperliche Eigenschaften find mit den Methoden der Naturwissenschaft, mit Messung und Zählung, leicht zu erfassen; seelische Merkmale dagegen sind sehr schwer exakt zu fassen und zu bestimmen. Es ist daher viel leichter nachzuweisen, ob eine Eigenschaft des Körpers vererbt oder erworben ist', als genau zu bestimmen, ob dieser oder jener Zug des Verstündes, des Gemüts, des Willens angeboren oder durch Einflüsse der Umwelt anerzogen wurde, so sicher jeder von uns aus der täglichen Erfahrung von ihrer Vererbbarkeit überzeugt ist. Wer kann so. mit einiger Bestimmtheit sagen, dieser Charakterzug eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen ist eine angeborene Rasten-, jener eine anerzogene Volkseigenschast? So wenig also die Rassenlehre die Existenz seelischer RasteneigLNschasten bezweifelt, so vorsichtig ist der ernsthafte Forscher mit Behauptungen auf einem Gebiet, das feinen Methoden bis heute nur wenig zugänglich ist, auf dem es naturwissenschaftlich exakte Ergebnisse fast noch nicht gibt. Nach körperlichen Merkmalen also teilt die heutige Anthropologie ihr Forschungsobjekt in Gruppen ein, und sie hat für diese Gruppen durchaus neue Namen ersonnen.. Für die oben geschilderte Unkenntnis aller Ergebnisse der Rassenforschung ist ein wichtiger Grund die leidige Tatsache, daß es bis vor kurzem überhaupt Lein Buch gab, in dem die Rassenlehre gut, in kurzer und gemeinverständlicher Weise dargesteüt war. Zwar ist 1921 die „Menschliche ErbLichkeitslehre" von "B au r„ Fischer und Lenz erschienen, ein Buch, das auch für den Laien gedacht ist. Es bietet in den Abschnitten von Baur und Fischer — die Ausführungen von Lenz müssen! mit großer Kritik gelesen werden — eine ganz vorzügliche Darstellung dieses Gebietes und bringt von der Hand Eugen Fischers -eine allgemeine Raffenkunde und eine ganz kurzgefaßte Anthropologie, eine spezielle Rassenbeschreibung. Aber das Werk stellt an den Leser den Anspruch, viele Stunden aus seine gründliche Durcharbeitung zu verwenden, und so sehr es jedem zu empfehlen ist, der in diesen Gebieten -genauer Bescheid wissen sollte — und das gilt für alle diejenigen von uns, die sich im Central-Verein aktiv betätigen —, so übersteigt es doch in feinen Anforderungen die Zeit und Arbeitskraft, die der Durchschnittslefer einem solchen Problem darzubringen gewillt ist. Sehr viel leichter zu lesen und zu verarbeiten ist v. L u sch ans „Völker, Rassen, Sprachen", das ja vielfach ausführlich besprochen! und empfohlen wurde, und dessen Kenntnis das mindeste ist, was man von jedem Gebildeten bei einer Diskussion der Rassenfragen verlangen kann und muß. Seit dem Erstheinen dieses Werkes kann die Entschuldigung nicht mehr gelten, man könne sich über Rassenfragen mangels Zeit und geeigneter .Lektüre nicht unterrichten. Wer irgend Interesse hat für die Geschichte der Judenheit und ihre rassischen KomponenLen, wer« von uns berufen ist, den unendlichen Jrrtümern und Lügen über die Raffenprobleme entgegenzutreten — und jeder sieht sich heute vor diese Aufgabe gestellt —, der sollte dieses vorzügliche Buch gelesen haben und besitzen. Luschan ist streng bestrebt, die übliche Schematisierung zu vermeiden, damit nicht der Laie durch eine solche dazu verleitet werde, wenig sichere Hypothesen für strikt erwiesene Wahrheiten, Versuche einer Einteilung für einwandfreie Systematik zu halten; daß dabei Europa mit seinen schwierigen Raffeverhältniffen recht kurz behandelt ist, wohl aus den eben angeführten Gründen, soll nicht übersehen werden. Daher möchte trotz der beiden eben besprochenen Bücher eine „GesaMtdarstellung der rassischen Verhältnisse innerhalb des. deutschen Volkstums" nach wie vor. als Notwendigkeit empfunden werden. (Weitere Aufsätze folge n.)