Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2277379-2277415-2277443--00672-2279822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-lguüas Jisroel. Von Rabbiner Dr. E. M unk (Berlin). Das erste Parlament der seGständigen gesetzestreuon I üben heit der Welt, die konstituierende Hauptversammlung der Agudas Jisroel — „Kn esst oh G ed auloh" —, ist für Mitte August dieses Jahres nach Wien eilnberusen worden. Am 15. August sollen Delegierte der Ortsgruppen aller Länder zu einer achttägigen Beratung zufammentreLen. Ferner stehende, die vielleicht bereits vor mehr als einem Jahrzehnt von einem Weltbund dieses Namens und seiner öffentlichen Wirksamkeit inner halb des Judentums und nacha-usten^ Kunde erlangt haben, must es befremden, daß „Agudas Jisroel" noch vor ihrer Konstltiuler'll-n^g steht. Umsimnehr, als schon iim> Jahre 1932 eine aus der ganzen Welt beschickte, eindrucksvolle Konferenz Zn Kattowitz die baldige Einberufung der konstituierenden „Kenes,- froh Gebaut oh" beschlossen hat. Eine Organisation, die lebt!, obigleich noch nicht „geboren", deren Geist und Tendenz in Presse und Versammlungen leidenschaftlich befehdet werden, als dürste sie sich einer kraftvollen Vergangenheit evsreuen. In Wirklichkeit haben Geist und Zweck der Agudas Jisroel geschichtliche Vergangenheit. Charakteristisch für diese junge Organisation ist es eben, daß ihre Seele Wer ist als sie, so alt wie das Judentum selbst. Ihr Wesen und Inhalt sind die des über- Meserten Judentmus. Dieses i!n Reinheit zu erhalten, ist ihr einziges Ziel. Dem „Alten" will sie keine „neue" Substanz einimp'sen. Vom „Neuen" begehrt sie nichlts an Grundideen. Wohl aber zeitgemäßes Gewand, zeitgenvaß-e Methodik, zeiügeurüßes Werk- Leng. Daß zur Bewahrung des alten Judentums vor Vergessenheit die Schöpfung eines neuen organisatorffchen Gefüges bedi-N'guugslvse Notwendigkeit sei, will selbst die gesetzestreue Judenheit nicht behaupten. Ob Ltgudas Jisroel oder' nicht, das Judentum der Einai-Osfenbarurrg bedarf ihrer nicht, um sich Ewigkeit zu sichern. Aber ob es nur einzelne, nur erleuchteLe Geister eines Zeitalters sein werden, deren- Leben die himmlische Botschaft verwirklicht, oder ob es die Mehrheit dttx doch ein ansehnlicher Teil der Judenheit ist, das wird stets von der voraujsschauenden Klugheit und' unerschrockenen Tatkraft abhängen, nrit denen jeweilszur Sicherung des geistigen Erbgutes dem Zeitcharakter angemessene Schutzbauten ausgerichtet werden. In diesem besonderen Sinne 'scheint der ZusMNmenfchLlst zu einer WeltorgMufLÜliou \\m die Gesetzestreuen heute allerdings zu einer eonältio sine qua non geworden zu fein. Heute! Nicht schon immer! Zumal nicht in-der bis tief in die Neuheit währenden Periode des Gettos. Damals ist aus dem Fluch äußerer Ätbschließun-g den Gemeinden und einzelnen der Gewiinn i-nnerier Geschlossenhleit erwachsen. Jede Gemtemde fand ihre Kraftquelle in sich selbst. Des Panzers der Weltorganisation bedurfte das GettojudenLum nicht. Den Eingepferchten wurden die Tore endlich geöffnet. Freiheit nach biblischer Lehre der cbelfte Nährboden vollkoumrener Erfüllung des Simaigefetzes, bereicherte das geistig-sittliche Erbe aus dem Getto um neue Hilfsmittel der Kultur zur Erfassung von Welt und Lebien im Sinne der Ueberlieferung. Als aber die Erdteile zu beiden Seiten des grosten Weltmeeres, die „alte" und „neue" Welt, sich immer nüherkamen, als internationale Beziehungen zu dem entferntesten Westen das Gesichtsfeld der europäischen Völker um ein mrsterordentliches vergrößerten, als am Saume des ungeahnt erweiterten Horizonts der autonome Verstand die Morgenröte der „Aufklärung" aller Naturrätsel wahrzunehmen glaubte, da muhiien für die ftmg emianzipierte Judenh>eii!i Mitteleuropas Heilmittel gefuuden lverden, um die Krankheitskeime des noch ungelvohnteu Kulturklblnas zu. bekämpfen. Erlesene Geister, wie Hildesheimer und Hirsch, haben der zum autonomen Kritizismus erzogeneu Juge-nd die Straße gebahnt, auf der „Altes" und „Neues" sich »tiraffen, jedes seinen gebührenden Platz erhielt und harmonisch sich dem' andern vermählte. Doch heute bedarf es eines Weiteren. Tie Hochburg des Werlieferten Judentums m Osten ist ins Wanken geraten. Abwanderung von Millionelt über dm Ozean! Auflösung ganzer Gemeinden! Suche nach neuer Heimat lut unbekannten Ländern! Hier -gewaltsame Losreißung von tiefgründiger Verankerung! Do.rll Einwurzelun-g m e-i'n neuartiges, jüdische-n Empfindens und Denkens völlig bares Milieu! Wie tonnten die Millionen dem ererbten Judenttun errettet werden? Tarisendjährige Kraftquellen des Gemeindeilebens lvaren versiegt. Neue noch nicht erbohr-t. So ntu.ßten denn Hnndertlausende dem alten Judentum verlorengehen. Aber nicht nur über den Osten, auch über Tausende Klein- und Mittelgeweindender westlichen Länder hat die Neuzeit das Geschick des Verfalls oder völliger Auflösung verhängt. Hier ist es die zentralisterende Folge der modernen wirtschaftlichen Entwicklung, der die einzelnen und die provinzialen Gerneinden machtlos gegewiberstehen. Ist aber Wurzel der Krarn^ heit Zersprengung. und Zerklüftung, so rnuß im InfammenschkuH>. in einer unr-fasse-nden. Orgauifativn, das neue Heilmittel gesucht lverden. s ' Drunr ist ein thoratreuer Weltbund, ein internationaler jüdischer Verband rnit „Thoratreue" als Leitbegrisf und Ziel zur Notwendigkeit gewordlein. Esin Bu>nd, in dem Ost und West vereint an den großen geistilgen Aufgaben des Judentums arbeiten. Heute kann nur noch im Zusammenwirken aller berufenen Kräfte das alte Judentum fein Kulturwerk vollbringen. Aus einem Labyrinth von Problemen wirtschaftlichen, politischen und besonders allgemein kulturellen Charakters sucht unser Zeitalter bisher vergeblich den Ausweg zu erlösender Freiheit und Klarheit. Ein Zeitalter höchster Problematik! Sie berührt das überlieferte Judentum nicht nur peripherisch. Der Agudas Jisroel vornehmste Aufgabe ist die Verbindung aller Geister, der besten Kräfte aus Ost und West, zur gemeinschaftlichen Arbeit am Erzichungswerk für die thoratreue Judenheit, zürn al der Jugend. Zu weit ist das Feld der Wissenschaft, zu ausgedehnt der geistige Weltverkehr, di-e Forschungser gebnisse sind zu minutiös, als daß ohne systematisches Zufanrmenarbeilien aller die Probleinie der Halachah, der Relig>ionsp>h!ilosoph,ie, der Apologetik, die Tagessordern ngen siür Schule u-nd Haus, Beihlanridrasch und Akademie, Literatur und Tageispresse gelöst werden könnten. u Aber in der Welt des Denken!s, der Forschung, der Theorie erschöpfen sich bitte Eesamtheitsaufgaben nicht. Erfüllt sind sie erst in den WirklichDiten des Lebens, in der Welt der realen Lebensnotwendigkeiten der G-efanrLH>eit. Tafz bereits große und achtunggebietende Weltorganisatioueu -an diesen Werken arbeiten, -enthebt die thoratreue Judenheit nicht der Pflicht des freien Zusammen- Wusses zn demselben Behuse. Nicht in alto Zeiten und nicht -auf allen Gebieten können die Thor-aLreuen ihrer Pflicht dadurch schon gerecht werden, daß sie als Individuen oder Fraktionen in neutrale Organisat>ie!n'e>n sich eitn schichten. Tenn in dem alles und jegliches umfassend-en Nahmen sowohl als der inneren Geschlossenheit der Thoragesetzgebung ist tiefbegründet die Pflicht zur „Lösung aller Ge sa m th eitau f gaben im Geiste der Thora". Dazu wiederum >ist unenitbehrliches Erfordernis: Freihteit, Sielbstständigkeit, vollkommene Un!gebunderch.eit> in Tendenz, M!eth>ode und^ Ausführungi, lmgehemmt und ungefährdet durch Entschilietzungenj einer von der Pflicht zur Thoratreue nicht -innerlich 'überzeugten Mehrheit öder Fraktion. Vestigia terrent. Das gilt ebensowohl' vmr der Besserung där- 'MrlfchafVichjen ^Bedingunigen für die jüdischen Mjasfen in den Ländern der Not,'der Organifalivn und Förderung langfristiger' Hilfsaktionen', wie von der Abwehr des Kmnpses gegen riölri-giöse Institutionen, Aufgaben der Gesetzgebung und Poikitlik. Uebierall erh-ebt sich für uns die Frage: „Was gebitetet, was erlaubt das Thoragesetz?" Dieser Pflichtstandpunkt duldet keine Majorisierung durch Andersgesinnl'e. Das gilt auch — undi nicht zuletzt — für den großen Komplex -von wirtschaftikichen, kulturellen und politischen Ausgiabien, die dort zu lösen sind, wo Jahrhunderte hindurch nur die orthodoxe Judienheiit das Judenlium gepflegt und seiner Träger fürsorglich gedacht hat — im heiligen Lande. ~ 1 Die Verhandlungen der „Keuessioh Gedauloh" üiber das Palwstinaproblem werdenvon dem Grundgedanken geleitet sein messen, daß im überlieferten Judentu-m auch die Begr-iffe eilnes Staats- und Nal'.vnakju'dLntuws niemals lvsMwst waren von der Ver> pflichtuug zum Thoragesetz. Die Definition des Begriffes „national" ist in der S'!aatswissenschaft strittig. Diese und jene Merkmale iwevden zur Bildung des V>egriffes für zutreffend oder erforderbich gehalten-. Ist aber der Begrisß eines jüdischen NationaMmus im allgemieineit Sinne des! Wortes vorhand>en, so ist chm bae Verpflichtung zum Offenbarungsgesetz immanent. Von einer jüdischen Mutter geboren zu sein und-vermöge der Geburt zur Erfüllung des OissenbarungZ-gesetzes verpslichliet sein' und bleiben, das ist im Sinne des ü-berlieserteiN Jndentutmis e i u e s. Der Begriff des jüdischen Nationalismus besagt zugleich Entstehung und Berufung,. Geschehieu und Sollen, Tatbiestand und Postulat. Der jüdisch-palästin!en'sische N-ationalismus darf kein Ist ohne ein MuH anierikennen', -nicht ei-rr NaLü-rLches ohne Sittliches. NMrr rrnd SitLkitchketb, 'beide; eines Ursprungs, beide Schöpfungen des „Einend können und' 'müssen'sich in der Idee eines jüdischen N>ationalisMUs zur Einheit verschmelzen. Für ein Getneinschajstswesen in Palästina zwiiugt dch Eigenart der Idee auch zur Besonderh-ei-ii <i!m> ganzen Bereich der öfsentlichen Ausgaben. Assimilierende Jnneup-ölitik besiegelt dertz R-uin vor dem Austatl. Weise äb-wsgend, wielche FolgerrutMU aus der Jdoe eines 'wahrhaft;üd-ischen NattonMs-mus. für die Wirtlichkeit sich Grgjrbest, zurückblickend und vorausschaue-nd lvird die „Keuessioh Gedautoh" zu prüfen haben, was die Pflicht, des Ji'schuw! Erez Jisroel an Zielen, Methodik und Mitteln fordert und duldet. Hat die gesetzestreue Judenheit das Recht, an die Wiener „Kenessioh- G-edauloh" .hochMhMde' HoGnungen zu knüpfen? Es-ist wahr, seit Kattowitz sind mehr als elf Jahre verstrichen, ohne, daß