Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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326 jünger mit beschwörender Gebärde hier gewissen Kreisen der sonst verjudet genannten Kirche assistieren. Darum ein Wort an die, welche der Einsicht ihr Ohr nicht verschließen. Es gibt dogmatisch keinen größeren Gegensatz als Judentum und E r n st e Bibelforscher! Unverrückbar fest steht, daß sie Christen sind und echte Christen sein wollen. Sie bekennen die Gottheit Christi und die Persönlichkeit des heiligen Geistes, glauben an die Erbsünde des Menschengeschlechtes, an eine Hölle und ewige Bestrafung und sind überzeugt, daß Christus wiederkehren wird, um die Welt zu richten. — Ein jeder Laie muß hieraus klar und unzweideutig erkennen, daß jeder Konstruktionsversuch, diese Leute uns zuzuschieben, Blödsinn oder Böswilligkeit ist. Damit dieser Darlegung der heitere Ausklang nicht fehle, sei erwähnt, daß Hans Lien Hardt in seiner Broschüre „Ein Riesenverbrechen usw." a u ch d e n katholischen I e s u i t e n o r d e n als ein von jüdischer Seite gespieltes Instrument bei der Durchführung der Bibelforscher-Ideen bezeichnet. Umso verwunderlicher wirkt dann, wenn der katholische Geistliche F r i tz S ch l e g e l für sein umfangreiches Buch „Die Wahrheit über die Ernsten Bibelforscher" das Imprimatur erhalten hat. Denn auch er behauptet, daß wir Juden hinter den Bibelforschern stehen, und enthüllt zwar keinerlei Wissenschaft, aber einen bösen Haß, dem diezum^ Segnen berufene Hand das Siegel der Billigung ausdrückte. Ein solcher Mißgriff wird uns nicht beirren, nach wie vor'— bei allen Glaubensunterschieden — das Christentum als eine hohe und heilige Form der Gottesverehrung zu achten und beleidigende Angriffe gegen die christliche Religion als genau so ungehörig und bekämpsenswert zu empfinden, als gingen sie gegen die jüdische. „N u r t i e s e r s ch r o ck e rt", um Schlegel zu zitieren, kann man diesen wütenden Haß betrachten, den nicht zu überbietende Oberflächlichkeit ihm und allen anderen judenseindlichen Gegnern dieser Sekte diktierte. Mit Entrüstung weisen wir Juden den verwerflichen Versuch zurück, unbequeme Irrlehren uns in die Schuhe zu schieben und ihre rein christlichen Verfechter uns aufzuhalsen. Dr. M. S a l o m o n s k i (Frankfurt). Professor Scheler öementrert sich selbst. Erinnerung a n e i n e Rathenau -- Feier der Kölner Universität. In Nr. 23 der „C V.-Zeitung" wendet sich unter dem Stichwort: '„Judenhaß und Deutschenhaß" B. Segel mit an ihm gewohnter Ruhe und Sachlichkeit gegen eine nicht durch den Reiz der Neuheit sich auszeichnende Behauptung des Herrn Pröfessors Max Scheler (Köln) dahin lautend, daß es die Juden sind, die ihren „Geist der Zersetzung" in die Presse und das politische Führertum hineingetragen und dadurch den Deutschen den Haß besonders der Franzosen zugezogen hätten, denen nichts so sehr in der Seele Zuwider sei, als dieser Geist der Zersetzung. Was die professorale Einschätzung der Franzosen anbelangt, so werden gleich Segel Zahllose Deutsche und Nichtdeutsche der Ueber- Zeugung sein, daß gerade aus dem Volke, dem Diderot und Voltaire entstammten, der Geist der Auflösung und Auflehnung in die Religion, die Literatur und namentlich die Presse getragen und gepflanzt worden ist. Was aber die Einschätzung von Juden in geistesgeschichtlicher Beziehung anbelangt, so sei darauf aufmerksam gemacht, daß Herr Professor Scheler bei der am 16. Juli 1922 zur Erinnerung an Walther R a t h e n a u von der Universität in Köln veranstalteten Gedenkfeier eine ganz hervorragende Rede gehalten hat, in welcher er als Vorbild für einen neuen deutschen Menschen das Bild der Persönlichkeit seines hingemordeten Freundes mit Meisterhand zeichnete und vvn ihm sagte: „Er war ein Patriarch und Weiser, und zwar vom Typus des Volkes, dem er entsprungen war." (Abgedrucht in der von der A. E. G. zum Gedächtnis an Walther Rathenau herausgegebenen Sammelschrist S. 35 sf.) Nun war Rathenau bekanntlich Ausbauminister des Deutschen Reiches, und das auch im geistigen Sinne, das heißt Baumeister eines Systems von Gedanken Zur Aufrichtung einer neuen Wirtschaft, einer neuen Gesellschaft, eines neuen Staates, einer neuen Volksseele. Und wenn in Rathenau-nach Sche'lers eigenen Worten ein Patriarch und Weiser sich verkörperte „vom Typus des Volkes, dem er entsprungen war", wie vereinbart sich damit die Behauptung, daß d i e Juden den Geist der Zersetzung in die Reihen der Presse und des politischen Führertums hineingetragen? O nein! Den Ungeist und das Gift der Zersetzung haben diejenigen ins deutsche Volk geimpft, aus deren Mitte die Mörder des Aufbauministers hervorgegangen sind. Dr. A. Eckstein (Bamberg.) O „Neueste Geschichte -es jüdischen Volkes." Dubnows dritter Band. Drei Jahre nach dem Erscheinen der beiden ersten Bände'der. „N e u e st e n Geschichte des jüdischen Volkes" von S. M. Dubnow logt uns der Jüdische Verlag den dritten Band vor, der die Epoche der zweiten Reaktion, 1884—1914, umfaßt. Die beiden ersten Bände haben der ihrem Erscheinen eine lebhafte Auseinandersetzung für und wider hervorgerusen. W i r konnten uns bei der Betrachtung des Werkes („Im deutschen Reich" 1921 Nr. 9) bei aller Wahrung des Gegensätze? zu dem extrem Zionistisch eingestellten Verfasser dem Eindruck nicht verschließen, daß wir es. mit dem glänzend geschriebenen Werke eines den Stoff meisternden Historikers zu tun haben. Wohl verdunkelte die zionistische Tendenz die Unbefangenheit, die man von einem Geschichtsschreiber erwarten mußte, aber die Tatsache, daß es die ausführlichste und dabei die einzige bis in die Gegenwart sortgesührte jüdische Geschichte ist, sicherte dem Werke Eingang auch in diejenigen Kreise, die dem Zionismus sernstehen. Der dritte Band befriedigt nicht in dem Maße wie seine Vorgänger; die Vorzüge verblassen und die Mängel, die vornehmlich Jit der Einseitigkeit liegen, treten schärfer hervor. Die dramatisch-bewegte Darstellung ist einer breiten, oft ermüdenden Erzählung gewichen. 375 Seiten sind bis aufleinen geringen Teil (der die nationale Bewegung behandelt) der Schilderung von antisemitischen Hetzen, Pogromen, Ritualmordprozessen, literarischen geh den eines Zeitraums von 35 Jahren gewidmet. Nachweise über erussschichtung und -Umschichtung, Bevölkeruugsverschiebung, Teilnahme der Juden am allgemeinen Kulturleben/Leistungen in Kunst und Wissenschaft fehlen — von gelegentlichen Bemerkungen abgesehen — gänzlich. Konnten wir in unserer früheren Besprechung die UnHaltbarkeit des'jüdischen Volksbegriffs aus der künstlich konstruierten Gliederung des Wertes herleiten, so können wir heute auf die ausgesprochen passive Rolle Hinweisen, in der der jüngste Gesckiichtsschreiber des jüdischen Volkes sein Volk notgedrungen verharren lassen muß. Eine Schicksalsgemeinschaft das ist alles; wobei noch einschränkend zu bemerken wäre, daß auch daran ein beträchtlicher Teil der Judenheit — Gott sei Dank — nur noch aus innerer Verbundenheit heraus, nicht von außen her gezwungen, teilnimmt. Diese Tatsachen würden uns natürlich nicht veranlassen, dem Werke eine ausführliche Besprechung zu widmen. Hierzu nötigen uns vielmehr grundsätzliche Anschauungen des Verfassers, die eme klare Stellungnahme unserseits als zweckdienlich erscheinen lassen. Dubnow ist Gegner des Emanzipationsgedankens. In der politischen Emanzipation, wie sie am Beginn bzw. um -die Mitte des 19. Jahrhunderts in den mittel- und westeuropäischen Staaten erfolgte, sieht er erstens ein Unglück für die Juden, weil sie dadurch ihre nationale Einheit und ihr nationales Bewußtsein — das bis dahin angeblich vorhanden war — verloren haben; zweitens eine Narrheit der Indem weil sie dem nationalistischen Furor' ihrer Mrtsvölker ein übermäßiges. Opfer gebracht haben, und endlich drittens einen Betrug der Wirtsvölker, weil diese ihr Versprechen nicht gehalten und gar nicht zu halten gewillt waren. Dubnow ist Vertreter der mechanistischen Staatstheorie, wonach die staatsbürgerliche Gleichstellung als Gegenleistung wicht mehr als die Uebernahme der staatsbürgerlichen Pflichten zu verlangen hat. Die Forderung nach der inneren Ver schui elzung, der Eindeutschung, ist eine Vergewaltigung der nationalen Minderheiten, wie sie Deutschland, besonders rücksichtlos, auch den Polen gegenüber, begangen hat. — Dieser Auffassung müssen wir die nnsrige unzweideutig gegenüberstellen/ Für uns ist die Gleichberechtigung nicht nur eine verfassungs rechtliche, sondern auch eine psychologische Frage. Wir wollen nicht nur Staatsbürger, sondern auch Volksgenossen sein. Und wir muss e n es sein, weil wir einen nicht unwesentlichen Faktor -im deutschen K u lt u r lebe n dar st et len— und zwar nicht nur auf dem Gebiete der neutralen Wissenschaft und Wirtschaft —, w <a s uns zur vorbehaltlosen Hingabe an die deutsche Volksgemeinschaft verpflichtet und das deutsche Volk durchaus berechtigt., diese Hingabe zu verlangen, ohne daß man es dieserha f b e i n e % ü b e r s p a n n t e n N a t i o n al i s m u s z e i h e n dürft e. Wie wenig Verständnis der Geschichtsschreiber Dubnow für diese Tatsachen und Imponderabilien besitzt, zeigt der ungeheuerliche Satz, mit dem er die Darstellung der deutschen Verhältnisse abschließt: „ .. Zwei Monate später marschierten Zehntausende jüdischer Soldaten in den Reihen der deutschen Armee an. die russische und französische Grenze, um für den Ruhm des Landes des Militarismus und des Antisemitismus zu kämpfen." Die deutschen Juden wüßten und wissen, wofür sie in den Krieg gezogen sind; es Herrn Dubnow auseinanderzu setzen, ist überflüssig, weil es sich um eine innere Angelegenheit der deutschen Juden handelt. Hätte er sich aber einmal bei seinen zionistischen Freunden erkundigt, wofür sie — zu Hunderten freiwillig — an die russische Grenze gezogen sind, er hätte wohl eine Auskunft erhalten, die ihn dieser sinnlosen und herausfordernden Phrase 'überhoben hätte. Damit kommen wir mit wenigen Worten zur Behandlung der deutschen politischen Verhältnisse. Diese betrachtet, er — wie überhaupt die große Politik der Mächte — aus der Perspektive des jüdischen Nationalisten, was manchmal geradezu zu Grotesken führt, Deutschland bedeutet ihm weiter nichts als das Land des Militarismus, Nationalismus und Antisemitismus, und Wilhelm H. ist „die