Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 500 M. Serlln, 12. Juli 1-23 II. Jahrgang ♦ Nr. 2» bliUler füri>cBlfchtum'3] «avlsu-entum v oryan des ßmlrolVmins vcutscker SlmUsvürycrjiwiicken vlauvensLv. Ällggemeine Zeitung des Oudentums r\ A Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SMd8, Lindenstr. 13 Fernsprecher: A^t Dönhoff3584,3595 .««Postscheckkonto: Berlin30472 Telegrammadresse: Centralverein Lindenstr. 13. Berliir Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postansialt zum Preise von vierteljährlich M. 6000,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expeditiön Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 4800,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmefser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50a/o Nachlaß Die 90 mm breite Reklamezeile M. 20000,— Die „Ernsten Bibelforscher". Seit etwa drei Jahren gehen uns von Freunden aus dem ganzen Reiche Mitteilungen über Versammlungen zu, die die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher abhält. Da der Central-Verein bisher der Ansicht war, daß die Streitigkeiten um diese christliche Sekte die Judenheit nichts a n g e h e n, so hat er trotz vieler Angriffe und Verdächtigungen geschwiegen. Infolge verschiedener Vorgänge der letzten Zeit erscheint es nunmehr zweckmäßig, alle Freunde der Wahrheit jüber die Bewegung kurz aufzuklären und uns gegen die V e r i e« mdunge n: der Judengegner, die die Judenheit mit der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher fortgesetzt in Zusammenhang bringen,' zu wehren._ Wenn unsere Widerfacher recht hätten, dann haben religiöse und Politische Beweggründe, der geplante Sturz der Kirche-und die Thronerhebung des Bolschewismus die Juden in Amerika und der ganzen Welt veranlaßt, die Agitation der Ernsten Bibelforscher zu unterstützen und unter Aufwendung großer Geldmittel sogar zu gründen. Ein angeblich jüdisches Bankhaus soll. die weitverzweigte Institution, deren Schöpfer, Charles Tage Russell, ein „rassonbewußter Jude"*) genannt wird, speisen. Diese Verdächtigungen werden dann stets nur als ein Aushängeschild benutzt, um im Zusammenhang damit die angeblichen jüdischen G eh ei ml eh r e n . anzugreifen und dem oft befehdeten Talmud die Begünstigung des Falscheides oder die Verächtlichmachung des ChristentumL vorzuwersen. Als furchtbarstes Schreckmittel nennen diese Entdecker eines angeblichen Volksbetruges die unmittelbar bevorstehende Aufrichtung des jüdischen' Weltreiches, so daß auf einen Juden 2800 Christen als Sklaven kämen. Gegenüber diesen Phantasien ergeben die Untersuchungen des bekannten Hallenser evangelischen Professors Geheimrat D. Dr. Friedrich Looss. ganz andere DatsachM: Russell, der Schöpfer der Bibelsorscherbewegung, ist 1852 in Pittsburg (Pennshlvanien) als Sohn eines christlichen Ehepaares schottisch-irischer Abkunft geboren und 1916 gestorben. Er hatte weder durch Abstammung, Bekenntnis oder Betätigung irgend etwas mit dem Judentum jemals gemeinsam. Russell war weder Theologe noch Pastor, sondern nannte sich Redakteur. Schon als sechzehnjähriger Jüngling lebte er als „geweihtes Kind Gottes", d. h. als organisiertes Mitglied der Kongregationalistenkirche und beschäftigte sich lebhaft mit den sogenannten Endweissagungen der Bibel. Später gründete er mit Freunden einen Kreis zur Erforschung dev Bibel und stellte den Milleninmsgedanken. fix h. Den Anbruch des tausendjährigen Reiches auf Erden, in den Mittelpunkt seiner Lehre. *) Vql. Leo Haube nherger in der „ DeuLsch -Oesiem ichrfche11 Tageszeitung" vom 9. Oktober 1922. - Danach ist Christus im Herbst 1874 wiedergekehrt und' wirkt seitdem, vorläufig geistig, unter der Menschheit, um nach dem Weltkrieg und seinen Wirren die Weltherrschaft anzutreten, die Reiche zu zertrümmern, Babel oder die offiziellen Kirchen zu vernichten sowie alle irdischen Verhältnisse grundstürzend zu wandeln. Dann werden die meisten sich bekehren; die Auferstehung.und Unsterblichkeit beginnen und die Frevler ernten ewiges Verderben. ~ In D e u t s ch land ist R u s s e l l predigend, kurz vor dem Kriege, als moderner Apostel ausgetreten, der kaufmännisch,. mit dem umfangreichen Büro eines Warenhausmagnaten und Preislisten arbeitete. Er hat ein entsprechendes Vermögen erworben und bei der Scheidung von seiner rein arischen Frau, Marie Francis, geb. Ackleh, in der auch angeblich eine Art Prophetenbewußtsein erstarkt war, dieser einen Teilbetrag erstatten müssen. Sein Hauptwerk sind die siebenbändigen Schriftstudien, die auch teilweise deutsch erschienen sind und eine Gesamtverbreitung von mindestens süns Millionen Exemplaren haben. Wie werden nun die Ernsten Bibelforscher mit dem Judentum zusammengebracht? Obwohl sie, wie die überwiegende Mehrzahl aller Juden, Revolution, Gewalt und Anarchismus glatt a b l e h n e n, werden sie als Bolschewist -e n abgeftempelt, die in jüdischem Solde stehen. Und noch eine andere gemeingefährliche Arbeit wird ihnen nachgesagt, bei der sie wiederum Schrittmacher des Judentums sein sollen. Und diese sieht so aus: Die zionistische Heimstätte in Palästina solle schnellstens der Ausgangspunkt und das Zentrum des jüdischen Weltreiches werden. Zu diesem Ziel ströme amerikanisches Gold massenhaft nach Jerusalem, und nochmals seien die .getreuen Bibelforscher, Hyänen gleich, für die Juden am Werke. Obwohl diese Hirngespinste jeder Unterlage entbehren, werden sie doch unermüdlich vorgebracht, und fragt man nach dem Schatten eines Beweises, dann berufen sich die Interpreten auf das jüdische Bankhaus Hirsch in New- A o r k, dessen Existenz uns bis jetzt unbekannt ist. Aber selbst wemU es bestände, warum soll° es möglicherweise nicht auch Geld christlicher Bibelforscher verwaltend Vertraut doch sogar manckser völkische Edeling fein Geld beruhigter sogenannten Judenbanken an! Und mm setzt noch eine merkwürdige Kampfgemeinschaft gegen uns ein, zu der gewisse kirchliche und kirchenfeindliche deutsche Kreise deutschvölkischer Prägung sich treffen. Beiden ist anscheinend auffällig und unerwünscht, daß die Vereinigung Ernster Bibelforscher sich ziemlich abseits von dem großen Kesseltreiben gegen die Juden hält und auf ihre in Palästina schneller erhoffte Bekehrung zum Christentum vertraut. Darin wittern die sonderbaren Verbündeten eine große Gesähv, und ganz ergötzlich ist die Beobachtung, wie die Wodans»