Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 27 (5.7.1923)
- Date
- 1923-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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218 Zum Schluß stellt Bulaschow noch die Frage nach dem eigentlichen Nutznießer der Legende von der Judaisierumg des Bolschewismus und der Bolfchewisierung des Judentums. Dis Antwort lautet: Polen! Polen muß Westeuropa und ganz besonders Amerika, dessen Sympathien es braucht, die Berechtigung seiner unersättlichen Ländergier, seiner Raubpolitik gegen Rußland und die Ukraine Nachweisen. In einem Punkte müssen wir den sachkundigen Verfasser berichtigen oder poch ergänzen. Mag sein, daß Polen ein u n - mittelbares Interesse daran hat, die Legende vom jüdischen Bolschewismus in alle Winde zu posaunen. Mittelbar ist der Antisemitismus der ganzen Welt der Nutznießer. Denn die Legende ist das Element des Antisemitismus: von ihr lebt er, und um zu leben, muß er ständig eine neue schassen. Hier wirkt ein tiefliegendes psychologisches Gesetz, das den Antisemitismus oft ganz unbewußt zur Ausschließlichkeit und Unbedingtheit seiner Doktrin, kurz: zur Verallgemeinerung, treibt. Darin ist seine demagogische Natur begründet, die Ansteckungsgefahr, zugleich ist darin aber auch das Gegengift enthalten: die Ue dertr eibung, an der er scheitern wird wis jeder Radikalismus im politischen, sozialen, selbst wissenschaftlichem Kampfe. Diese Uebertreibung aus das rechte Maß zurnckzuführeu, eine gefährliche Legende zu zerstören, ist das Ziel, das sich Bulaschow in seiner Schrift gesetzt hat. Wer weiß, wie Legenden entstehen und was sie für die Massen bedeuten, der gibt sich keiner Täuschung darüber hin, wie schwierig es ist, sie aus der Welt zu schaffen. Aber die Schwierigkeit eines Unternehmens Hebt seine Notwendigkeit nicht auf. Notwendig ist es, die Aufklärungsschrift DUlaschows dahin zu bringen, wo sie Nutzen stiften Hann —. fonst wären Mühe und Kosten verschwendet. Dies an die Adresse jedes e i n z e l n e n v o n u n s. H. S t e r n (Berlin). Walther Rathenau unö öer v. Von Dr. A. E ck st e i n - B a m b e r g. Am 24. Juni jährte sich zum ersten Male der Tag, au welchem Walther R a t h e n a u, der vrelbeneidete und vielbedauerts Mann, als Opfer wahnverblendeten Hasses durch die Hand von Ruchlosen von der Höhe erreichten Erfolges in den Abgrund der ewigen Nacht gestürzt wurde. Mit ihm ist eine große Hoffnung des Wiederaufbaus vernichtet worden, und was dieser Verlust ftir das vaterländische Schicksal zu bedenken hatte, dafür ist das Gefühl und Verständnis mit der zunehmenden Verelendung Deutschlands in weiteren Kreisen gewachsen. Sein Verhältnis zum Judentum soll hier nicht zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht werden. Dagegen soll sein Verhältnis zum C. V. aus Grund von handschriftlichen Quellen zun Darstellung gelangen. Im Jahre 1911 fühlte sich Rathenau durch einen Zeitungsartikel des Herrn Professor Köhler über „Die Judenfrage" zu einer Polemik herausgefordert, die sich zu einem Geplänkel gegen die bekannte Politik der preußischen Regierung, die für die Gesinnungslumperei der Judentaufe die Prämie der Beförderung zu staatlichen Aemtern aussetzte, entwickelte. In längeren Auslastungen über dieses Thema, die im Band I seiner gesammelten Schriften wieder abgedruckt sind, äußert er unter anderem folgendes: „Im Leben eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, anden er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann." Die der preußischen Judenpolitik zugrunde liegenden Vorstellungen sind rückständig, falsch, unzweckmäßig und unsittlich. Sie müssen darum mit allen Mitteln der Vornehmheit all absurdum geführt werden. „Von den Juden aber erhoffe ich, daß sie auch während der Tauer -ihres Minderrochts unablässig an ihrer SeLbsterziehung arbeiten, in allen guten Tugenden mit ihren christlichen Landsleuten wetteifern und in verdoppelter Liebe ihrem Lande dienen. Ihres guten, wohlerworbenen und ungesetzlich verkümmerten Rechtes mögen sie gedenken, nicht in Groll, aber in Zuversicht. Gott wirds richten!" Nach den in diesen Aufsätzen -entwickelten Ansichten mxb dar gelegten Nieinungsänßerungen ist die Frage berechtigt: warumist Walther Rathenau nie Mitglied des C. V. geworden? Ein Versuch, ihn zum Mitkämpfer und Mitarbeiter seiner Bestrebungen zu gewinnen, wurde von der Vorstandschaft erst später, nachdem Rathenau infolge seiner hervorragenden Tätigkeit für Deutschlands RohstoffversoHung zu größerem Einfluß gelangt war, unternommen. Anfangs Januar 1917 fand eine fünfviertelstündige Unterredung zwischen GeheimraL Fuchs inib Rathenau statt, über welche elfterer zu den Akten berichtet: „Rathenau hält zum Judentum, hält aber dasselbe für dringend reformbedürftig; glaubt, daß wir nur für Schächten, Beschneidung, Kultus, Seelsorge usw. emtreten." Zum Zwecke der besseren Information über dm Ausgabenkreis und die Tätigkeit des C. V. wurde ihm ein umfangreiches Material an Drucksachen überwiesen, ergänzt durch eine ausführliche Darlegung von der Hand des Geheimrats Fuchs, aus der nur der Satz hervorgehoben sei: „Glaube und Ritus hat bei der staatsbürgerlichen Bewertung und gesellschMich-en Geltung der Menschen ganz auszuscheiden." Rathenans Stellungnahme ist in einer Zuschrift vom 31. Januar 1917 erklärt, welche folgenden Wortlaut hat: „Beifolgend gestatte ich mir. Ihnen für die mir freundlich überlassenen Aussätze mit verbindlichstem Dank zurückzureichen, nachdem ich sie mit lebhaftem Interesse gelesen habe. Meinen Entschluß vermochten diese Darlegungen nicht zu ändern; es ist nm zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht möglich, mich für Ihre schöne und große Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Wie ich mündlich darzulegen nur erlaubte, stimmen wir in allen wesentlichen Voraussetzungen' überein, und es liegt mir ebenso wie Ihnen die -Hebung der Rechte und des gesellschaftlichen Standes der Deutschen mosaischen Glaubens am Herzen. Indem, ich aber von der Dogmen- und Gewissenssreiheit Gebrauch mache, die der mosaische Aconetheismus seinen Bekennern gewährt, vertrete ich den Standpunkt eines stark konfessionellen! Liberalismus, den. ich «durch den Ausbau. Ihrer Organisation nicht gewähr lei stet finde. Sie habenmir den Wunsch allsgesprochen, die Gegenstände, die zull scheu uns berührt wurden, auch im Falle meiner Ablehnung gelegentlich mündlich weiter mit mir zu behandeln, und ich halte mich mit beswiderem Vergnügen zu Ihrer Verfügung, sobald in den nächsten Monaten die mir obliegende Kriegsarbeit sich etwas erleichtert. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr'sehr ergebener Rathenau.." Damit war der Versuch, die ungewöhnliche Arbeitskraft Rüthenaus und'seinen weitreichenden Einfluß Tn den Dienst der Abwehrbestrebungen des C. V. zu Ziehen, gescheitert. Die Bemühung in diesem Interesse wurde später nach dem Erscheinen eines antisemitischen Artikels über „Eine jüdische Zentralstelle zur Vorbereitung der Weltrevolution", in welchem Rathenau selbst die Zielscheibe albernster Verdächtigung gewesen zu sein scheint, abermals wiederholt, aber auch diesmal verschanzte sich Rathenau mit den Worten: ,,So erfreulich und ehrenvoll es nur Persönlich wäre, Ihrem: Wunsche zu. entsprechen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, so muß ich 'doch zu meinem Bedauern so lange daraus verzichten, als der C. B. sich mit orthodoxen und rituellen Forderungen identifiziert." Worauf Fuchs am 28. April 1918 sehr richtig erwiderte: „Wir sind religiös neutral, sind allerdings der Meinung, daß wir im Interesse der Vollbewertung und Gleichper echt i gnng der Juden heit nicht dulden dürfen, daß man unsere Orthodoxie minderbewertet. Wir werden nur? so stark sein, als wir es aus den schwächsten Punkten unserer Linie sind." Rathenau antwortet am 29. April: „Ich würdige vollkommen die Stellung des C. D. und verstehe, daß er für rituelle und kirchliche Forderungen einzutreten sich berufen fühlt. Da ich meinerseits diese Forderungen nicht als Ausgabe des neuzeitlichen Judentums betrachte, so würde ich durch meine Mitwirkung meinen Standpunkt verleugnen. Ich muß daher, so leid es mir tut, durch mein 'Fernbleiben der Tatsache Allsdruck geben, daß es Kreise innerhalb des Judentums' gibt, die solche Forderungen nicht solidarisch zu erheben wünschen." Die Worte, mit welchen Rathenau die Ablehnung seines Eintritts in die Abwehrfront des C. V. begründet, machen fast den Eindruck absichtlichen Answeichens. Tenn daß er in religiöser Beziehung einen grundsätzlichen Standpunkt über den Konfessionen eingenommen hat, rechtfertigt es noch nicht, daß er seine Mitarbeit auf der Plattform des C. V. ablehnen zu müssen glaubte. Wie dem auch sei: sein Leben und sein Streben war ein großer Kiddusch liaschein. Dessen waren wir am. Jahrestage seiner Ermordung auch im Kreise des C. V. wehmutsvoll eingedenk. Als Deutsche und als Juden haben wir seinen frühzeitigen und gewaltsamen Verlust doppelt zu beklagen. Im Gedenkbuch unserer Leidensgeschichte wird der Name Walt h er Rat he n a u genannt werden in der Reihe derjenigen, deren Haupt mit der Ehrenkrone des Martyriums ^schmückt ist. mmmiiimmiiimiiiiiiuiiii miHHiiimiiimmmniH uniiuiinniuuiiin m | /*« unsere Hroß-Serliner Mitglieder! I W Die Aufforderung zur Bezahlung des zweiten Viertel» W jahrsbeitrages sind in Euren Händen! § Schäüigt nicht unsere große Sache, Z H indem Ihr die Absendung des Beitrages auck» nur einen 11 3 Tag verzögert! Darum zahlt auf Postscheckkonto 30472 jg§ gjff~ noch heute "WM ||