Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 27 (5.7.1923)
- Date
- 1923-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2277415-2277442--00660-2279809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzeinummer öSSÄ. rmvDwentum . ’±LX vläller (ür-eitticktomdl Serlin, 5. Juli 1923 II. Jahrgang ❖ Nr. 27 Organ -es fbtlral-Vrraus -eutscker Stnatsvüryer j ü-ffrken vlauvens'D» S^ll^siinSii^S Zeitung des Ouderuums Verlag u. Schriftleitung r Lentral-Verein deutscher Staatsbürger jü-ifchen Glaubens e.v. Gerun SMbS, Liudenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595 .».Postscheckkonto: Berlin 30472 .»..Telegrammadresse: Centralverein Lindenstr. 13. Berlin- 4>ie Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postanstalt zum Preise von v i er t ei j ä h r l i ch M. 6000,— su dezi ehe» tlleinige Anzeigenannahme-. Annvncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 4800,— für die 7 gespaltene eile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienauzeigen und 'Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 20000,— SoWewismus und Judentum. Die Zerstörung einer unheilvollen politischen Legende. In d r e i S t u sen vollzieht sich der Werdegang des radikalen Antisemiten von heute: der Ausgangspunkt ist eine bestimmte U.eberze ugu n g , miftlnter auch nur ein unbejstrmmtes Gefühl vom Anderssein dem Juden gegenüber. Auf diese Einstellung als Fruchtboden kommen die Samenkörner seiner unkritischen Betrachtung von unleugbar bedenklichen Einzelerscheinungen und Einzeltatsachen; und als trucht ergibt sich, unter vollständiger A at s s ch a l t u n g -d e r e f l e x i o n , die Folgerung: d i e Juden sind d a s Unglück. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist subjektiv blinder, hemmungsloser Haß, -objektiv die Legende. Die behauptete Identität von Judentum und W o l's chew i s m u s ist unbedingt die gefährlichste aller derartigen Legenden. Darum die gefährlichste, weil in sie alle übrigen Legenden einmünden, und weil die Furcht vor dein Bolschewismus international ist. Nur ein genauer Kenner der russischen Verhältnisse kann es versuchen, in den Widerstreit der Meinungen über das Wesen und die Dräger des Bolschewismus Ordnung zu bringen. Einen 'solchen berufenen Aufklärer dürfen wir wohl in D i m i t r i B u l a s ch o w sehen, der mit seiner verdienstvollen Schrift „Die Nutznießer des Bolschewismus" jedem, der sehen will, ein Licht aufgesteckt hat. Diese Schrift'liegt nunmehr in dritter, gänzlich umgearbeiteter Auflage unter dem Titel „Bolschewismus und Judent u m" vorch. Es handelt sich also um eine T e n d e n z -s ch r i f t, aber um eine solche, die e i n s i t t l i ch e s Z i e l verfolgt: ein raffiniert gewobenes Lügennetz zu zerstören, und zwar mit e i n w a n d f r e i e n Mitteln: mit Zahl en und T a t s a ch e n. Zunächst gilt es dem Verfasser, die Zahlen- und Ansiedlungsvsrhültnisse der Juden in Rußland klarzustellen. Ullter 120 Millionen lebten vor dem Kriege etwa 7 Millionen Juden in den Ansiedlungsgebieten, 200 000 im übrigen Rußland (Großrußland). „Wie kommt es nun," fragt Bulaschow, „daß der B o ls chewi s m u s in G ro ßr u ßla nd zur H>e r r - 's ch a s t g e l a n g t e u n d n i cf) t i n d e n L a n dern b e s A n s i e d l u n g s r a h o n s?" Das ist das erste Rätsel für antisemitische »Köpfe, und aus ihm ergibt sich sogleich das Weilte: woher nimmt die Handvoll Juden die physische »Kraft, 120 Millionen 31t beherrschen, Gegenrevolutionen niederzuschlagen, Aüßenangrifse abzuschlagen? „Sie haben -die geistige »Kraft, mit der sie die physische des russischen Volkes binden — wie bei uns", antwortet der Antisemitismus. „Von 703 Reg.iermlgsmän.n>ern-' in Rußland sind 664 Juden, von 22 Volkskommissaren (Ministern) sind 18 Juden", meldet „La Meille France" in Paris. „In den einzelnen Räten (Ministerien) sitzen 80 v. H. Juden", schreibt Henry Ford im „Internationalen Juden". Und tausend andere beten es nach. Wie Philo-Verlag, Berlin 1923, ' steht es in Wirklichkeit? Unter 18 Volkskommissairen waren im Sommer 1922 z w e i Juden (Trotzki und Dowgolewski), unter ungefähr 150 Rätemitgliedern etwa sieben — statt der 80 v. H. Fords. Die zahlreichen deutschklingenden Namen, -die größtenteils echten Stammesdeutschen zugehören, lverden eben kurzerhand als jüdische angesprochen, während z. B. selbst die jüdischen Arbeiterbün-de entschieden an'tibolschewistisch gerichtet sind. Soviel über die aktive Teilnahme der Juden am Bolsche» wismus und die Stellung der jüdischen Massen 31t ihm. — Ebenso wichtig ist natürlich die Klärung der Frage, welche Stellung die Juden in der Entwicklungsgeschichte des revolutionären Gedankens in Rußland gespielt haben. Gehörten . sie auch ^u den „Vätern des Bolschewismus"? Die Antwort auf diese Frage ist leichter zu geben als auf die erste, weil es sich hier um ein längst -ansgehelltes Kapitel der neueren russischen Geschichte handelt. Wir kennen die Auszeichnungen der großen russischen Revolutionäre wie die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Massen. Wi>r wissen, welchen Kreisen die Attentäter entstammen und können Schritt für Schritt verfolgen, wie die Angehörigen sogar der b e v 0 r z u g t e st e u S ch i ch st e n , wie des Hofadels, durch die Zarenwirtschaft dem Nihilismus in die Arme getrieben wurden. Die Mernoften des Fürsten Krapotkin geben ein anschauliches und fesselndes Bild , einer solchen Entwicklung. Bulaschow s Ansichten decken sich mit dem- Bilde, das uns die Geschichte gibt, und diese Uebereinstimmung kann natürlich nur die Ueberzeugung von der Objektivität des Berfa s s e r s auch in den übrigen Fragen stärken. Die Väter des Bolschewismus von heute, die „großen" Nihilisten, waren ausschließlich N i ch t j u d e n, teilsAngehörige des höchsten Adels (Krapotkin, Herzen), teils echtrussischeJntellektuelle. Den unmittelbaren Anlaß für ihre politische Entwicklung gab ihnen naturgemäß die tägliche Erfahrung; aber die Ideologie, die jeder Bewegung erst den Schwung und die Stoßkraft gibt, woher hatten sie die? Wenn man den Antisemiten glauben darf, von Marx, nur von dem Juden Marx. — Und in Wirklichkeit? Bulaschow zitiert als Kronzeugen den ehemaligen Professor M a s s a r y f, jetzigen Präsidenten der T s ch echoslowakei, der Hegel und die deutschen Materialisten, vor allem Feuerbach und D. Fr. StraH, verantwortlich macht. So hat überhaupt die unvermittelte, unvorbereitete Bekanntschaft mit den radikalen deutschen Denkern aus die Russen verheerend gewirkt. „Diese russische 1 Krise läßt sich mit dem Zersetzungs- und Anflösungsr Prozeß vergleichen, dm die Naturvölker durchleben, wenn st- I mit der europäischen Kultur plötzlich bekannt werden . k