Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 26 (29.6.1923)
- Date
- 1923-06-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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211 und notwendig. Damit sind aber die gemeinschaftlichen Wege erschöpft. Nicht darauf kommt eS an, ob sich jemand Zionist nennt, sondern daraus, ob ihm, mag er sich bezeichnen wie er wolle, deutsche Gesinnung notwendiger Lebensinhalt ist» ob er in gleicher Weise dem Judentum und dem Deutschtum die Treue bewahren will. K l a tz k i n hat es in seinem Werke über Hermann Cohen scharf ausgesprochen: „Die Assimilation als nationaler Uebertritt hat die gleiche, wenn auch weniger sichtbare Wirkung des Austrittes wie die religiöse Taufe. Unsere Asfimilanten konnten daher höchstens ihr Judesein subjektiv vernichten, nicht aber das Judentum objektiv assimilieren. Insofern also eine innere Verknüpfung der Juden mit einer fremden Kultur sich vollzogen hat, war es eine Auflösung der Juden in ihrem Wirtsvolk, das Erlöschen ihres Judentums, nicht eine Verquickung des Judentums mit dem Geist des Wirtsvolkes." Wer glaubt, daß mit einem solchen durchaus vornehmen aber völlig fehldenkenden Geiste Kompromisse zur sogenannten Bekämpfung des Antisemitismus möglich sind, der setzt das Bedürfnis nach einem faulen Frieden über das Bedürfnis nach Wahrheit. Und wenn, der bekannte jüdischnationale Geschichtsschreiber Dubnow in dem vor wenigen Tagen erschienenen dritten Band seiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" über die deutschen Juden den Satz schreibt: „ . . . Zwei Monate» später marschierten zehntausende jüdischer Soldaten in den Rechen der deutschen Armee an die russische und französische Grenze, um für den Ruhm des Landes des Militarismus und des Antisemitismus zu kämpfen", fo mag ein Jüdisch-Nationaler diesen Standpunkt verstehen. Für uns bedeutet er eine sicherlich nicht beabsichtigte aber ganz zweifellos nur als solche wirkende Beleidigung. Die Auffassung desJudentums ist weder bei den Jüdisch-Rationalen noch bei uns jüdischen Deutschen einheitlich. Aus unseren Reihen sind Männer in großer Zahl hervorgegangen, die beweisen, welche unbedingte Treue, welche Verehrung wir dem Judentum entgegenbringen und daß auch uns das Judentumcin wesentlicher Bestandteil unseres geistigen Selbst sein kann, ohne unser deutsches Empfinden auch nur im geringsten zu berühren oder gar zu verletzen. Man lese Leo Baecks „Wesen des Judentums"- und man wird diese Auffassung bestätigt finden. Philosophie -es Pogroms. Von B. Segel. Aus V. Segels-soeben im Milo-Verlag erscheinender „Philo^ s o p h i e des P r o g r o nr s", die mit Blichers ..Secessio Juäaica“ gründlich abrechnet. Veröffentlichen wir hier das Vorwort. Schon lange vermißte ich schmerzlich eine Philosophie des Pogroms. Nicht ohne ein Gefühl des Neides sagte ich mir: wir haben schon eine Philosophie des Fahrrades, eine Philosophie des Automobils, eine Philosophie des Kinos, eine Philosophie des Turfs, eine Philosophie der Damenkleidermode, eine Philosophie der Neitkunst — jede Errungenschaft des modernen Geistes hat ihre anständige, geachtete, in schönen Folianten vorgetragene Philosophie. Nur der Pogrom hat noch keine, obwohl er in der Praxis uralt und sogar unter diesem modernen Nansen bereits seit säst cment halben Jahrhundert allgemein europäisch anerkannt ist und längst -der Negierirugsmaschinerie großer und kleiner Staaten angegliedert wurdein der letzten Zeit gewann es auch den Anschein, -daß er einer glorreichen Zukunft entgegengch-e. Es war ärgerlich, daß sich keine Denkerseele fand, die sich seiner Blöße erbarmte und ihm ein gutsitzendes Gewand zurechtschneiderte. Endlich kam Hans Blüh er — und seither kann der Pogrom in einer prächtig ausstaffierten philosophischen Hülle uncherftolzieren. Blüher hat tatsächlich eine Philosophie des Pogroms geschaffen, hat den Pogrom nach althergebrachter Philosophmart aus die dreifache metaphysische Basis des Wahren, Guten, Schonen gestellt, hat das Warunr, das Woher und das Wozu so tief und allseitig erörtert und begründet, daß wir nun glücklicherweise eine Metaphysik, eine Logik, eine Aesthetik und eine Ethik des Pogroms besitzen. ' Es ist kein Wunder, daß dieser ragende Bau die Aufmerksamkeit der. Zeitgenossen auf sich gelenkt hat. Einem von ihnen hat die Blüherfche Pogromphirosophie so gewaltig imponiert, daß er in seinem Innersten tief erschüttert wurde und sich die bange Frage vorlegte, ob es uns Juden denn fürder noch erlaubt sein wird, „an der Kultur unserer Wirtsvotker mitzuarbeiten?" Wird es Einstein erlaubt sein, die Astronomie durch gewaltige Entdeckungen zu bereichern? L i e b e r m a n n, hervorragende Bilder zu malen, W a s s e r m a n n, > die medizinische Wissenschaft zu erweitern und Ehrlich und Haber, auf dem Gebiete der Chemie nach Schätzen zu graben? Oder? wird jeder von diesen Leuten künftighin verpflichtet sein, vorerst bei Hans Blüher um eine Sondererlaubnis nachzusuchen? Unser Zeitgenosse hat diese Frage noch unentschieden gelassen, aber vor der Hand hat er nun seinerseits eine Philosophie zu Blühers Philosophie des Pogroms verfertigt, . . Luöenöorff gegen Üie V-Zeitung". ' In Rr. 27 vom 9. November 1922 brachte die „C. B.-Zeitrmg" unter der Rubrik „Aus dem jüdischen Leben" folgende Notiz: „General Ludendorfss a rr t i s e m r t i f ck e Prova- -ganda rrn Ausland. „New Bork World" druckt ein Interview mit General Ludendorff über den Krieg und seine Zukunfts- Perspektiven ad, in welchem sich Ludendorfs über die Juden in folgender Weise auslätzt: ..Die verhaßte Regieruna in Berlin wird von Bolschewisten und Juden geführt. Die Juden sind die klrauekle alles ' Unglücks in der Welt, die Juden sind die arbßte Gefahr für die Welt. Amerika ist das zentrale Nest, wo Juden gemästet werden. Waren nicht die Juden gewesen, wäre Amerika gar nickt in den Krieg ein-- getreten. Amerika, das sich aus das eigene Volk stützt, wird sich endlich einen Monarchen wählen, denn die Monarchie ist Mark in des Volkes Gebein." Weshalb das Gesetz zum Schrchs der Republik vor diesem Herrn ha-ltmacht, der es mit deutscher Ehrenhaftigkeit vereinbar hält. Deutschlands Regierung für Dollarhonorare zu begeifern, ist schwer zu verstehen. Seine politische Beschränktheit, die nicht zum geringsten Teil an Deutschlands Unglück Schuld trägt, geht aus obiger Vrovbezeüma.; über den künftigen „Monarchen Amerikas" wieder mit erschreckender Deutlichkeit hervor." „ . * . General Ludendorff fühlte sich beleidigt und strengte Privatklage gegen unseren Nr. 27 verantwortlich zeichnenden stellvertretenden Syndikus Dr. Wiener an. Anl 26. d. M. fand Verhandlung vor dem Münchener Schöffengericht statt. Die gesamte deutsche Presse hat über den Prozeß berichtet. Wir verzichten darauf, einen eigenen ausführlichen Verhandkungsbericht zu bringen oder in eine Würdigung des auf 150 000 M. Geldstrafe erkennenden lkrteils einzutreten. B e r u Jit rt g ist .eingelegt, Münchener Sitten. Zum Ueberfall auf Kommerzienrat Frankel. Letzte Woche wurde in München auf der Straßenbahn Kommerzienrat Siegmund Frankel nebst Frau und Sohn ohne berechtigten Anlaß, nur weil er als Jude das Mißfallen einiger Rohlinge erregte und ihre beschimpfenden Redensarten nicht widerspruchslos hinncchm, von einer Aeberzahl überfallen und mittels eines Schlagringes oder eines ähnlichen Werkzeuges mißhandelt, so daß er blutüberstr5mt und bewußtlos liegen blieb. Werl diese Gewalttat — im Gegensatz zu früheren ähnlichen, von der OeffentlickMt aber kaum einer Beachtung gewürdigten Fällen — einen Mann von unbestrittenem Ansehen und anerkannter Wirksamkeit im öffentlichen Leben traf — Frankel ist nicht mit hervorragend tätig in jüdischen Angelegenheiten, sondern auch im politischen und Wirtschaft- Rchen Leben, ist zweiter Präsident der Münchener Handelskammer, Referent im Landeseisenbahnrat usw. —, erinnern sich die sogenannten maßgebenden Kreise und insbesondere die stets die Stimmung der Münchener „G'wappelten" getreu wiedergebenden „Neuesten Nachrichte it" endlich daran, daß solche Roheiten den Ruf Münchens, gefährden und in einem Rechtsstaat eigentlich nicht geduldet werden dürfen. Wir teilen selbstverständlich die Entrüstung Mer anständigen Leute über die Unbill, die einem Mann angetan wurde, der in hervorragendem Maß das Ziel unserer Vereinsarbeit verwirklicht, mit offenem und unerschrockenem Eintreten für Recht und Ehre des Judentu ms die unbeirrte Arbeit für düs deutsche Vaterland und das Gemeinwohl zu verbinden. Aber wir müssen uns doch, dagegen aussprechen, daß das Problem derart verschoben und die Roheit der Tat nur' d a r i n gesehen wird, daß sie gegen einen ungesehenen und vornehmen Wann verübt wurde, dessen Familie seit vielen Generationen in Bayern ansässig ist. Wir müssen daran festhalten, daß in einem Rechtsstaat jedermann, auch der arme und unbekannte Jude, solange er sich anständig und rechtlich beträgt und selbst, wenn er erst tags vorher von auswärts zugezogen sein sollte, Schutz vor Gewalttaten genießen muß. Wir sind überzeugt, daß Kommerzienrat Frankel in seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn selber der letzte wäre, der in dieser Hinsicht für sich ein Vorrecht beanspruchen möchte; gehört es doch nicht zu feinen geringsten Verdiensten, daß er immer, wenn der Ruf an ihn erging, fein Ansehen und seine ganze Person für verfolgte Glaubensgenossen eingesetzt hat. Allseits wird die Hoffnung geäußert, daß es gelingt, die Täter ztt fassen, und gerechter Strafe Zuzuführen. Die m o ra l i sch V e r a n t - wörtlichen, die durch Veranstaltung und Duldung jahrelanger maßloser Presse-, Plakat- und Bersammlungshehe gegen die Juden den „Geist" großgezogen haben, aus dem solche Rohheiten erwachsen, wissen sich freilich den Folgen ihres Tuns immer zu entziehen. Hebt doch das erwähnte Blatt in seiner „Würdigung" des Vorfalles sofort liebedienerisch hervor, daß die nationalsozialistische Parteileitung vor einiger Zeit öffentlich erklärt habe, sie mißbillige Gewalttaten. Solche öffentliche Erklärungen erinnern doch ausfällig an den Atibibewers, den sich ein gerissener Verbrecher zu sichern versieht, bevor eine Tat begangen wird/ deren Verdacht auf ihn fallen könnte. Es nützt nichts, mit öffentlicher Entrüstung oder auch mit gerichtlicher Strafe gegen ein paar unbedeutende junge Leute vorzugehen, die nur in die Tat umsetzon, was ihre „Führer" sie gelehrt haben, und die damit noch eine „völkische Tat" zu begehen glauben. In M ü n ch e n wird erst dann wieder Ordnung und Anstand sinke h r e n, w e n n m a n den Drahtziehern das H a n d w e r t legt. JW.-L. j