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Central-Verein-Zeitung · 1923-06-29 · 26 (29.6.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
26 (29.6.1923)
Date
1923-06-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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210 Leider gestattet es der Raum nicht, die neuere Auffassung über den Staatsgedanken, seine Aufgaben dem einlzelnen gegenüber und die Einstellung des einzelnen zum Staate in ihrer geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Man ist sich heute aber darüber einig, daß die Auffassung der bekannten Münchener Staatsrechtslehrer v. H o l tz e n d o r s f und Sehdel maßgebend ist, die im wesentlichen dahin lautet: Der Staat hat den Zweck, die G e s a m t i n t e r e s s e n der in ihm bereinigten Menschen zu verfolgen. Ausdrücklich wird hervorgehoben, -daß insbesondere auch gerade sozialistische Theoretiker aus das schärfste die Brandkas senth e o r i e, die die jüdisch-nationalen Schriftsteller sich zu eigen machen, als dem Volksempfinden widersprechend gegeißelt und abgelehnt haben. In Wirklichkeit hat heute der Staatsbegriff aüer ernsthaft denkenden Menschen eine tiefere, seelische Grundlage, als die Jüdisch-Rationalen Mgeben möchten. In ihren eigenen Reihen ist dieser Auffassung auch die schärfste Gegnerschaft erwachsen. Kein Werk zeigt dies klarer als die Schrift von Dr. Ignaz Zolls ch a n „Revision des jüdischen Rationalismus", in dem die Unhaltbarkeit jenes äußerlichen, fasff könnte man sagen „technischen" Staatsbegriffes, den auch -die „Jüdische Rundschau" sich zu eigen gemacht hat, aufgedeckt wird. Der vielleicht bedeutendste Soziologe der Neuzeit, Professor Franz Oppenheimer (Frankfurt a. Main), hat diese Auffassung ebenfalls stets aus das nachdrücklichste bekämpft. Auch er ist Zionist. Betrachtet man diese kurz skizzierte Situation, so darf der Streit über die Begriffe Volk, Nation und Rationalität — die bekanntlich zurzeit noch' bis ins einzelne durchaus schwankende, ungeklärte und urnkämpfte Gegenstände der neueren Staatsw'issenschaft und Geschichtsphilosophie sind — hier als völlig abwegig bezeichnet werden. Man spricht von einem Kirchenvolke, von dem bayerischen Volke, im Gegensatz zum Preußischen. Roch heilloser ist die Verwirrung der Begriffe Ration und Nationalität. Gewiß handelt es sich in vielfacher Beziehung um bedeutsame grundlegende Auseinandersetzungen oder vielmehr Begriffsbestlmmlungen, deren Erörterung aber in die Geldhrtenstübe gehört, so sehr die Aare Prägung eindeutiger Begriffe Boraussetzung politischer und weltanschaulicher Ueberzeugung ist. Von grotze!m Wert ist die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung des vaterländischen Gedankens. Wer die geistvolle, grundlegende Abhandlung von Michels über diesen Gegenstand kennt (Verhandlungen des zweiten deutschen Soziologentages, Tübingen 1913, S. 114 ff.), der weiß, wie der vaterländische Gedanke allmählich zu einer „historischen Notwendigkeit" geworden ist, wie Michels sich ausdrückt, und wie noch vor wenigen Jahrhunderten der Begriff der Vaterlandsliebe im heutigen Sinne den Menschen völlig fremd war"). Dieser Begriff, der heute von den meisten Menschen als etwas Naturgegebenes angesehen wird, hatte früher einen wesentlich anderen Inhalt. Heute aber ist man sich darüber klar, daß zum Wesen der Vaterlandsliebe die Sorge für den gestand, für die Erhaltung, für drei Zukunft des Vaterlandes gehört. Wiese Auffassung ist Gemeingut der deutschen Juden und auch der meisten Zionisten. Sie ist am besten in der grundlegenden Satzungsbestinrmung des C e n t r a l - V e r e i n s ausged rückt. Rach dieser verlangt der Centrall-Verein von seinen Mitgliedern die itnbeirrte Pflege deutscher Gesinnung, d. h. unbedingtes Aufgehen in den Gedanken der Wohlfahrt des deutschen Volkes,!des Deuffchen Reiches und der deutschen Kultirr. Uns trennt -infolgedessen von den jüdisch-' nationalen 'Schriftstellern die Staatsauffassung, welche dort einseitig mechanisch-rati-onaKstisch, bei u n s umfassend ist. Wir lehnen die Unterscheidung von „Gast- und. Wirtsvolk" als durchaus unberechtigt und irrig ab. Uns trennt die Auffassung der Spaltung und einer unter Umständen möglichen Gegensätzlichkeit des deuffchen Volkes vom jüdischen Volke; uns trennt die Auffassung von der verschiedenen Zukunft der jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Der Zionist im Stirne der „Jüdischen Rundschau" must notwendigerweise die allmähliche Loslösung vom Lande seiner Geburt als wenigstens ideale Forderung bezeichnen. Wir dagegen wünschen die Loslöfung n i ch t. Wrr hoffen sie nicht — w i r wehr e n u n s g e g e'n s i e. Uns bedeutet Zion n i ch t dre Heimat, Zion hat einen anderen Inhalt für uns. Guten Willen und Zuverlässigkeit haben wir den Jüdisch- Rationalen nie abgesprochen. Aber ihr Wille ist enger als der unsere. Ihre seelische Einstellung zu Deutschland muß eine andere sein als die desjenigen Menschen, der nicht nur aus einseitig berechnender, rechtlicher Ueberlegnng Staats- 2) Vergleiche auch Fr. Meinecke: „Weltbürgertum und Nationalstaat, Studien zur Genesis dos deutscheu Nationalstaates." München und Berlin 1919. bürger ist, sondern aus innerstem Gefühl die unbeirrte Pflege deutscher Gesinnung zum Maßstabe seines Handelns gemacht hat. III. , Aus diesen Erwägungen ergibt sich die innere Möglichkeit, gemeinsam mit den Jüdisch^Rationalen einen Kampf gegen den Judenhaß zu führen. Worin b e st e h t für uns dieser K a m p s? Unsere Ehre als Juden, unser Recht als Juden in der Oeffentlichkeit dadurch zu vertreten, daß wir im Gefühle engster Verwachse n h ei t mit dem deuffchen Volke und in der at nbedingte n Beton u n g der Ueberzeugung, deutsches Schicksal sei unser eigenes Schicksal, den jüdischen Werren, seien sie religiöser oder geschichtlicher Natur, die wir wohl mit nicht geringerer Innigkeit Hochhalten wie die Zionisten, in der Oeffentlichkeit des deutschen Volkes Gleichbewertung und Gleichachtung ^mit allen anderen Deutschen schaffen wollen. Schon häufig rst hervorgehoben worden, daß das Wort „Abwehrkampf" ein Fehlwort ist. Rur ein kleiner Teil unserer Bestrebungen ist auf die Abwehr von Angriffen gerichtet. Eingaben, Rechtsschutztätigkeit, Prozesse sind notwendige Kleinarbeit, aber sie sind nicht einziger Inhalt oder Wesen unserer Tätigkeit. Diese beruht vielmehr darauf, gffinnungsbildend, ' gesinnungssördernd, richtunggebend nach innen, aufklärend und Werte schaffend n a ch a u ß e n zu sein'. Rach innen die Befreiung des Judentums vom Ghetto und damit auch die Befreiung aus einer reaktionären, nationalistischen Auffassung des Judentums, wobei diese Worte in keinem angreifenden Sinne verstanden werden wollen. Wer wir sehen in allen völkischen Bestrebungen Kräfte, 'die fesseln, die uniformieren, die letztlich — im üblen Sinne des Wortes — militarisieren. Darum heraus aus diesem Ghetto! W i r wolle n f r e i es üd i s ch e Deutsche sein! Und nach außen: Dieser stolze jüdische Mensch soll seinen nichtjüdischen Volksgenossen ohne Leugnung oder Verschweigung einer stammlrchen Verschiedenheit die Gleichwertigkeit seiner religiösen und kulturellen Auffassung darlegen, persönlicher Zeuge für ihre Größe sein und den Beweis für diese Vollwertigkeit im öffentlichen Leben erbringen. Das ist kein Kriechen und kein feiges Handeln; im Gegenteil, Minderheiten im Staate haben immer diese Berufung gehabt, Vorbild und Träger der Aufklärung zu sein. Vrelleicht ist gerade dies die höchste Ausgabe, die dem Judentum in der Weltgeschichte gestellt ist. Wenn wir darum durch Wort und Schrifttum, durch politische Tat aus unserer Ueberzeugung heraus wirken, so ebnen wir dem Judentum einen Weg und leisten Hilfe dem Deutschtum. IV. Tun das nicht viele Zionisten auch? Gewiß. Mit Männern wie Oppenheimer, mit Männern wie Zollschan zusammenzuarbeiten, wird uns stets Ehre und Freude sein, wenn wir auch in der Frage des Volkes 'bzw. der Ration sowie in der Palästinafrage getrennter Auffassung find. Alle die, die vor 25 Jahrein begeistert im Esra-Verein mitaear'beitet haben;, haben bewiesen, daß sie ein Herz für Palästina haben. Rur scheint ihnen die heutige Staatlichkeit hemmender, fruchtloser zu sein als -die frühere,. ruhige Kolonisatronsarbeit. Das sind aber Nebenfragen in dem Augenblicke, wo ein anderes Thema, nämlich die Stellung Win deutschen Volke, behandelt werden muß. In dieser Frage kann es keine Neutralität geben und Freund Foerder irrt, wenn er meint, letzten Endes werde sich die Masse der Zionisten zu. unserem Standpunkt bekehren. Der Radikalismus ist zunächst einmal G efinnungsbestandteil aller Schriftleitungen der „Jüdischen Rundschau" gewesen', und die oben angeführten Bemerkungen werden für die Richtigkeit dieser Auffassung zeugen. Unsere Resolution ist heute ebenso notwendig und richtig wie sie es je war. Sie ist kein Angriff, sie ist keine Verdächtiigung; sie ist eine nüchterne, sachliche Feststellung, eine Klarstellung unseres eigenen Standpunktes. In 'Fragen, die das körperliche Dasein und seelische Gegebenheiten berühren, gM.es keine Zugeständniisse nach der einen oder anderen Richtung. Für uns ist die Bereitwilligkeit Ra th e n au s„ der Berufung zu folgen, nicht nur ein Recht, das er al s Den ts ch e r zu beanspruchen hatte, sondern die Erfüllung ei n e r se lb stv er st ä redliche ns Pflicht gew es en. Hier scheiden sich die Auffassungen. Die „Rundschau" schreibt: „Vom Standpunkt des jüdischen Volkes aus ist -die Berufung ein Opfer und ein Verlust." Wie meinen, vom Standpunkt des jüdischen Deutschen aus war sie eine fyeilitje Pflichte r f ü I lung und ein Gewinn. K ö r p e r l r ch e Abwehr auf gemeinsamer Grundlage, gemeinsame Abwehr verleumderischer Angriffe auf Bibel und Talmud sind möglich

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