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Central-Verein-Zeitung · 1923-06-21 · 25 (21.6.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
25 (21.6.1923)
Date
1923-06-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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gesetzlich vorgeschriebeue Zeit, darüber zu entscheiden hat, ob man als Gast zu betrachten ist oder nicht, dann, Herr Professor Tilsen, kbnnenwir.de u t s ch e I u d e n e s m i t Jh r e n Vorfahren g e t r o st anfnehmen. Nicht wenige jüdische Familien der Frankfurter. Gegend können bis ins 15. Jahrhundert ihren Wohnsitz in Frankfurt Nachweisen. Die älteste Niederlassung der Inden in Köln reicht bis zur Zeit Konstantins des G r o tz e n zurück. Es ist aber ein gefährliches Unternehmen, besonders für uns Deutsche heute, staatsbürgerliche Rechte abhängig zu machen oon geschichtlichen Feststellungen über die Dauer des Aufenthaltes in einem Lande. Wenn die Entscheidung, ob die Deutschen in der Tschechoslowakei, in Siebenbürgen oder Polen als Gäste oder als politisch Gleichberechtigte ju gelten haben, davon abhängig gemacht wird, welche der verschiedenen Gruppen länger im Lande gelebt haben - - das ergäbe eine politische Situation, die sich nach den Funden historischer Dissertationen f o r t - w ä h r e n d ch a o t i s ch ä n d e r n müßte. Wer ist in diesem Sinne in Posen, in Ostpreußen, in Ungarn Gast, wer Wirt? Und wenn man uns als Gäste betrachten will, d. h. als Menschen ohne politische Rechte, weil wir einmal eingbwan'dert sind, so teilen wir dieses Schicksal mit zahllosen anderen Deutschen in Deutschland und im Auslände. Eingewandert, vor historisch' g a r m i ch t l a n g er Zeit, siud auch die Vorfahren' von C l a u s ewitz, von T r e i t s ch k e, von B x e n t a lt o, von R a d o w itz, von Fontane und von vielen Tausenden hugen o.tti s ch e r F am Ll i e n. Soll etwa deu D e u t s ch e n in Amerika ihr Bürgerrecht zum Gastrecht herab'godrückt werden-, weil sie einmal, vor nicht allzulanger Zeit, eingewandert sind? Es gab und es gibt Strönnrngen dieser Art in Amerika (Bindestrich-Arnerikaner!). Dürfen wir sie anerkenn«? Jede antisemitische Agitation, Die uns ventsche Jnven als Gäste stigmatifiert, stärkt die Instinkte der Gewalt nnd schwächt Pen Sinn für das Recht. Was das für unsere deutsche Weltlage bedeutet, darf ich füglich Ihnen überlassen. ' . „Wir haben das Hmi.s gebaut", so schreiben '^ie. W i r? Ja, wir, d. h. Ihre Vorfahren und auch die meint gen, Ihre StauNnesgenosfen und meine!- Seit über hundert- Jahren durften Ihre bürgerlichen Vorfahren und die meinigen am Bau deutscher Kultur und an der Gestaltung des deutschen Staates Mitarbeiten. Für den Aufstieg des Bürgertums gegen Adel und Fürsten'iuur haben unsere VvrfahrcU', Herr Professor Tilsen, gemeinsam den Kamps geführt. Erst, als das .Bürgertum oben angekommen war, nahm es die Allüren seiner ^a-lten Feinde an, vergaß es des Kampfgenoss seiner Freiheitsjahre und belegte, seine Mitkämpfer mit dem Namen Gastvolk. Man muß schon sehr wenig von der deutschen Geistesgefchichte und der deutschen Wirtschastsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts^...berücksichtigen.,-- um die innere Verbindung von Denkschtum und Judentum — auch unabhängig aller verfass-uugsuräßigen Regelung — als das Verhältnis von Gastvolk imd Wirtsvolk auffassen zu -können. Es mag in diesem Gebern und Nehmen, in diesem Austausch der Geister manches verschiedener Beurteilung unterliegen: inan fördere das Gute, man bekämpfe das Schlechte, aber inan sei gerecht: Gerecht ist es aber nicht mtb da mit'an ch nicht d cii t f ch. - wenn man eine an historischer. Bedentüua. so reiche Situation mit den armseligen'und kränkenden Begriffen „Ga-stvolk nnd Wirtsvolk" abzutun uut-u'nimmt. Was mir deutsche.Inden dem Dentschtum schulden, dessen sind wir uns dankbar bewußt, aber nicht als eines Gastgeschenkes, -.sondern als einer schicksalbestimmenden, aller Willkür enthobenen Macht, die Deutschtum und Judentum zu „geeinter ZwÄnakur" . sonnte. Nach der alten wie nach '.der neuen Verfassung haben wir nicht nur das .Recht, wir haben die P.f l i ck t p o l.i t i s ch e r Mit - b e ft i m m. u ix g a n d e n o ch i ck s a ld n n n s e r e s -V ate-rla.nd es... Uebten -wir sie nicht wir.ioürden damit anerkennen, daß wir nur Gäste in Deutschland sind. Politik bedeutet aber Kamps (mchh.Terror!), bedeutet. ParLeiergr-eifen, bedeutet, an dem Konflikt der Interessen teilzunehmen, aber nicht als Juden, sondern als gleichberechtigte Deutsche, die u. a. auch die ihnen durch die Verfassung garantierten Rechte zu verteidigsn haben. Sie finden uns jüdische Deutsche i n a l l e-n P a r t e i e n. Wenn Sie uns mehr m den liberalen und demokratischen Parteien zu finden meinen, so liegt das eben an den Parteien, die uns noch immer als bloße Gäste behandelt wissen wollen. In denjen-igen Ländern, deren ininere Politik frühzeitig schon die Forderung/ der - ivettMfäsickMchenl Lageianerta-nnt. und mit den Überbleibseln des. --WMMoli tischen - FeudajiMus aufgeräumthat, ist die Pa.rtei.z-u-g,etzöri!gkE der Juden wesentlich anders als in Deutschland. Es liegt an Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen, hier Wandel zu schaffen. Räumen Sie in ~ Ihren Reihen mit dem Schlagwort von Gast- und .Wirtsvolk auf, und a l l e s , w a sank o n s e r v a t i v e n T e n - d e n z e n i m I u d e n t u m v o r h a n d ei n i st — u n d d a s i st n -i ch. t w e n i g —, wird s i ch a u ch p o l i t i s ch mehr als bisher aus wirken. Freilich müssen Sie dann auch versuchen, die politische Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Sie, Herr Professor Tilsen, stellen sich die Juden vor als eine politisch-einheitliche Masse, deren Betätigung von. der jeweiligen Führerschaft abhüngt. Die guten und edlen Inden — Sie behaupten-, solche PersöMch zu kennen, aber wohl nur vom Hörensagen, denn s o n. st w ä r e n S i e ü b e r d i e I u d e n b e s s e r u n t e r r i ch t e t — haben sich nun nach Ihrer Meinung diese Führerschaft von den schlechten Elmueuten aus den Händen nehmen lassen; daher alles SchlUMne der letzten Jahre! Wie wirklichkeitsfremd urteilen Sie doch hier! Sie denken sich die Juden als eine P o l i t i s ch g e s ch l o s s e n e M a-s 1 e, di-e bald diesem, bald jenem jildischen Führer zu finsteren Plänen folgt, so etwa, wie die Delitschvölkifchen sich bald einem Wolle, bald einem Hitler unterstellen zu heimlicher Verschwörung oder offener Gewalttat. Wir jüdischen Deutschen sind keine politische Einheit. Wir haben als Inden keine politischen Führer, die uns bald nach rechts, bald nach links dirigieren. Sie finden uns, wie ich schon sagte, bei allen Parteien, mit Ausnahme der au sg ci s p r o ch e n a n t i s e m i t i s ch e n Parteien — und sogar auch dort finden Sie Peosönlichkeiten jüdischen Stammes..Das ist alles so selbstverstänidlich, daß ich eigentlich mich schäme, einen Mann von Ihrer Bildung darauf aufmerlsaur zu. machen, wenn ich nicht wüßte, daß nicht einmal das SeDstver-stälMiche für die deutschvölkische Geistesart -- sielbstverständlich ist. Seitdem die „Wei se n v o'n Z i o n" erschienen und von den Weisen des Hakenkreuzes als historisches Dokmnent anerkannt worden sind — ich nehme zu ihren Gunsten an: aus parteitaLtischen Gründen- —, glaube ich nicht mehr an die Behauptung, daß Lächerlichkeit tötet. I ch h a b e st e t s D i n t e r b e w ü n d e r r als einen erschreckend guten Psychologen, zwar nicht in seinen Büchern, aber in der Abschätzung dessen, was er seinem Publikum an „Sünde wider den Geist" zmnuten darf. Ich weiß natürlich nicht, wie Sie, sehr geehrter Herr Professor, zu diesen Erzeugnissen stehen. Ich entnehme nur aus Ihrer obgedachten Auffassung von dem- Verhältnis der jüdischen Führer zu den Juden als einer geschlossenen politischen Masse, daß irgendwelche — Ihnen vielleicht selbst nicht bewußte T- Einwirkung aus der Geisteswelt dieser klassischen deutschvölkisch-en Literatur bei Ihnen stattgesund-en haben möchten Aber ich bin überzeugt, daß es zur Klärung beiträgt, wenn ich Sie darauf Hinweise, daß ein jüdischer Fabrikant, ein jüdischer Kleinhändler, ein jüdischer Arzt und Anwalt oder ein jüdischer Handwerker (es gibt deren etwa 5Y 000 in. Deutschland) nicht die gleiche politische Interessenvertretung haben können. — — : Doch ich habe mich bei dem ersten, prinzipiellen Teil Ihres Briefes in Ansehung der Papierknappheit schon zu lange ansgehalten. Ich eile zum z w eiten T eil e : Zwei Ereignisse sind für Sie, sehr geehrter Herr Professor, von entscheidender Bedeutung: Die von-Ihnen behauptete H e r r s ch a s t d e r o z i a l d e m o k r a t i e und der S t u t z d e s 'K a i s e r t n m s. Hier empfinden Sie den tiefsten Schmerz dieser Zeit. Ich ebre diesen Schmerz, wenn ich nrir auch nicht verhehlen kann: Die Auswahl dieser beiden Ereignisse läßt einen i nt e r e s s ante n R ü ck s ch l u ß a u f Jh re poli - tis ch e E i n st e l l u n g zu.: Sie sprechen im Namen von Adel, Geistlichkeit und Bürgertum — das sind drei Brüder deren Herrschaft von der Arbeiterschaft, dein vierten.Bruder, gestürzt-worden sei. Die politische Gleichberechtiguug der industriellen Arbeiterschaft nennen Sie eine mit iüdiMer Hilfe errungene Herrschaft. Sie belieben einweltgeschichtliches Er eignis mit einem-Familienzwist, zu vergleichen. D e r V e r g l e i ch i st u n a n g e b r a ch t. Wenn drei Brüder dein vierten ihre Rechte vorenthalten vgl. preußisches Wahlrecht! , daun kann man nicht von einer Herrschaft, des vierten Bruders sprechen, wenn dieser sich -schließlich^ seine Rechte verschafft. Daß im staat-.. lichen. Leben'dies .auf eine andere Weise geschieht als in dev. FMrilie, - entspr>cht den W e s e n s v-e r s ch i e d e n h eite n v o n F a m i l i c u n d S t a a t^rnd dürfte auch wohl zur Genüge aus der Geschichte ersichtlich seiiO- Denselben Vorwurf, den Si e der A r b e i t e r s ch a f t machen, hat _ in. der fran-. \ zösischen' Revolution Adel und Geistlichkeit dem B ü r g e ri u m gemacht. Daß die der Zahl nach größte Gruppe der deutschen I Volksgemeinschaft erst durch die Katastropheder Niederlage zu politischer' Geichbere-chti-gim-g gelangen konnte, hat mit'

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