Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 25 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dir Antwort -es profeffors Dr. Julius H-löstein. et r m ft ct b t, den 15. April 1923, Sehr geehrter Herr Professor T i l s e n! Ihr Brief soll zum gegenseitigen Verstehen anregen. Zum gegenseitigen Verstehen? Kein deutscher Jude wird stch in Ihrer Auffassung wiedererkennen. Wenn Ihr Brief aber dazu anregen soll, die geistige und politische Verfassung des heutigen deutschvölkischen Antisemitismus verstehen zu lernen, so liefert er hier in der Tat einen ausgezeichneten Vorwurf. _ Mein Schreiben muß leider länger sein als das Ihrige; die V e r 't e i di g u n g i st i in 11t e r tt m st an d lieh er als den Angriff. Mit einem Worte kann man angreifen; es bedarf vielen, um sich zu verteidigen. Wenn Sie das Wort „Angriff" als zu scharf empfinden'für Ihre Ausführungen, so mögen Sie für die Einleitung Ihres Briefes wohl recht haben. Aber diese Einleitung wirkt wie die Figur eines Friede n s enge l s a nt G i e b e l t i rt e s Z e u' g - Hauses: stillos! Sie beginnen mit der Versicherung, alles Hell und Muck für Volk und Menschheit zu wollen. Sie schließen ui i t der A u f s o r d e r n n g z it m P o g r o nt, — der heute üAichen deutschvölkischen' Apokalypse. Dazwischen entwickeln Sie mit -einer gewissen lyrischen Ausführlichkeit ben My thos vom alles zerstörenden und alles beherrschenden Juden. Die Revolution (so nennen Sie die von Ihnen behauptete Herrschaft des vierten Bruders) i— Juden haben sie herbeigeführt. Der Sturz des Kaisertums — Juden haben den Kaiser verraten. Unser wirtschaftlichem Elend, Geldentwertung, Preistreiberei — Inden sind die einzig Schuldigen. Und. dann geht es, wie selbstverständlich, weiter: Theater, Presse, Kunst, Vertrauensposten, alles, alles in den Händen der Inden ... So ähnlich, nein, genall so, lesen lvir es täglich in der „Deutschen Zeitung", inr „Völkischen Beobachter", lasen lvir es auf beit Klebezetteln jenes Schutz- und Trutzbundes, der sich den Antisemitismus in gewissen Anstalten besonders hat angelegen sein lassen. Man kann drei Teile i n d e m A u f b a il I h r e s Brieses unterscheiden: einen prinzipiell gehaltenen Teil, der Ihre Beurleilungs-maßstäbe für die Juden frage i nt a l l g e nr e i n e n enthält; einen h t ft o r i s ch e u T e i l, der gewisse Ereignisse der letzten Vergangenheit aus der politischen Bestätigung der Juden verstehen will, und schließlich eine a l t - t e st a m e n t l i ch e m Stile ll a ch g e bildete D r o h - rede gegen die Juden, der man die Echtheit des Affektes wenigstens nicht absprechen kann. Ich beschränke mich auf das Wesentliche. Einzelwendungen Ihrer Argumente müssen alls Raummangel unberücksichtigt bleiben, ebenso alles, was mehr für eine antisemitische Versammlung als für eine mit kritischen Lesern rechnende Zeitschrift Paßt. Ich wage nicht, annehmen zu dürfen, Sie, sehr geehrter Herr Professor, eines Besseren belehren zll Ennert. D e r A n t i s e m i t i s nr rr s lv i l l i m nt e r rt u r eines S ch l e ch t e r e n b e l e h r t werden. Selbst wenn dem aber — wie ich höflich genug bin, anzunehmen — in diesem besonderem Falle ttichk so ist: Ein Brief vermag rticht sorgfältig g e p fl e g t e Vorurteile eine s ga n z e n Lebens zu berichtigen. Höchstens kann ich hoffen, daß Sie einige der von mir angeführten Schriften (ich muß der Kürze halber mich mit solchen Himveisert begnügen) Ihrer Anfmerk- -samkert für würdig halten. Das wäre dann ein Gewinn für die Sache des gegenseitigen Verständnisses. Ich will schließlich noch bemerken, daß meine Ausführungen nicht den Anspruch erheben, viel Neues zu sagen. Es sind meistens alte Ladenhüter, mit denen ich mich hier anseinallderzusetzen habe. Möglich, daß Sie ihre Gedanken als neu empfinden. Dann habe ich eben das bessere .Gedächtnis für literarische Herknnstsverhältnisse. — — Ihre Stelltmg zur Jndenfrage ist durch zwei Behauptungen charakterisiert: ) 1. D i e I u d enfrag e i st eine Raff e n f x a g e. 2. Juden u n d. N i ch t j u d e n st ehe n im B er - h ä l t n i s v o n G astvo l k z u W i r t s v o l k. Da Sie nun die nich'bjüdisMn Deutschen als Germanen bezeichnen, die jüdischen Delltschen als Semiten, so stehen sich Juden und Nichtjuden in einem hoppelten Gegensatz gegenüber r ' Ger m an e n " Semiten Wirtsvolk Gastvolk. Zu Ihrer Behauptung: Die Juden frage ist eine Ras senfrage, kann ich mich sehr kurz fassen. Zinn ersten: Sie wollen dainit sagen, Wesen ttnd Schaffen der Juden, wie das jedes anderen Stammes, sei in allem mti*. Ausdruck der Rasse —als -ob man die Geschichte des Christentums, die Geschichte der Kunst, die Formen des politischen und ökonomischen Lebens alls der Rasse erklären könne, llnd als ob ernsthafte Soziologen ttnd Historiker der Gobineauschen Geschichtsphilosophie hellte -mehr als eine antiquarische Bedeutung zumüßen! Zluu zweitell: S i e v e r w e ch s e l n R a s s e ll n d V o l k — als ob es nicht zur elementarsten Voraussetzung im Verständnis dieser Fragen gehörte, gl wissen, daß Rasse ei« n a t n r io i s 1 e n s ch a f t l i ch e r, Volk ein kult u x - •tu i s s e n f ch a f t l i ch e r Begriff ist, mtb daß a l l een -r o - P ä i s ch e rt V ölte r g e m t f cf) t c r R a s s e sind! Zum dritten: Sie sprechen die nichtjüdischen Dentschen als Germatlen all — als ob Ostdeutschland und Mit'teldentsthland (auch Thüringell!) nicht voll Slawen, Süd- und Südwestdeutschland nicht von Kelten die stärkste Beimischung erfahren hätten: ganz zll schweigen von all den Rassen Mischungen zweifelhafter Herkunft, denen ein Land der europäischen Mitte, das unzählige Male Kriegsschallplatz fremdländischer Heere gewesen, ausgesetzt war. ZllUl vierten: — Nein, es möchte dieA ll s e in a u dersetz ung, die immerhin doch auf beidetl Seiten eine gleichartige Kenntnis der Streitfrage voraussetzt, allzusehr in Beteh r ull g übergehen. Sollten Sie an einer solchen Interesse haben, so Verlveise ich Sie aus das Bllch von F. v. Lu sch an: „Völker, Rassen, Sprachen", ferner alls die Verhandlungen des ersten delltschen Soziologentages, Tübingen, 1911, und schließlich ailf meine Schrift: Rasse und Politik, Neuwerkverlag, 1921. — Aber, die betonte Verschiedenheit der Nasse — weshalb es angesichts zahlloser Mischehen ein „Rassengegensatz" sein soll, Ist tlnersindlich, — bedeutet ja nur eine der 'akademischen Gepftogenheiten, mit denen man die Erörterung der I u'd e nfrage „w issenf ch astl ich" präludiert; entscheidend für Ihre Haltung ist die wettere Behauptllng, wir deutschen Jlldetl feien nur ein Gastvolk, geduldet vom Wirtsvolk, und rnüßtell daher entweder tms aller Politik ertthälten oder doch wenigstens eine solche treiben, die bei den herrschenden Schichtetl des altert Systems beliebt war. Hier spürt man echte Leidenschaft bei Ihnen: Zorn, Wllt, Haß. Die I ud e n s i n d j a ll u r G n st e £» e i tt n s! Wie dürfen sie es wagen, sich in llnsre politifchell Streitigkeiten einzumischen! Merkwürdig, daß wir gar nicht das Bewußtsein^haben, Gäste in Deutschland zu sein! Wenn ich mich in H o ll a n d oder D ä n c m a r k anfhalte, so habe ich ein de-tlkliches Beloußtseiu: Hier bin ich zll Gast, hier habe ich deshalb die geschriebenell llnd ungeschriebenerr Gesetze des Gastes gegenüber dem Wirt zll beachten. Kehre ich aber nach Deutschland ztlrück, dann bin t ch z u H a u se: mich umfängt meine Heimat. Der Staat verlangt von mir dieselben Pflichten wie dort den nichtjüdischen Volksgenossen und gewährt mir in seiner Verfassung die gleichen Rechte. Bon Gastvolk und Wirtsvolk ist dabei tt t r'g e u >d s die Rede. Aber so meint mau in Ihren Kreisen das Schmgwort vom Gasttmb Wirtsvolk wohl auch nicht. Indem Ulan mit diesem Worte operiert, loill man ja gerade gegen die bestehende Verfassung auf- - treten', erkenn t' man die v e r f a s s u u g s m ä ß i g f e st - g e l e g t e G l e i ch b e r e ch t i g tut g nicht an. Man nrteift alls einer längst abgelanenen feubafen Verfassung,, wie sie etwa im 18. Iahrhllndert noch bestand, d. h. zu einer Zeit, lvv I h r e Vorfahren und die der a n d e ren b ü rger - l ich e lt A n t i^e m i t e n vielfach lloch r e ch t l o s .ttnd leibeigen waren. Die demokratische' Entwicklung, die allen Staatsbürgern gleiche Rechte und Pflichten gegeben hat, bejaht man für sich; mmn v e nt c i n t sie für die Juden. Die Tatsache, daß vor 150 Jahren Bürger und Ballern in Detrtschland kaltm politische Rechte besaßen, wird als Um x echt, der helltige Zustand als Recht empfunden.' Für die Juden hingegen lvird der frühere Zllftand als Recht trnd der h e n t i g e als n i ch t z u Recht b c st e h e n d empsttnden. Alan weist darauf hin, daß wir nicht eingeboren, daß wir e i n g e lv a n d e r t sind, daß wir deshalb nicht so lange im l Lande wohnen als die nichtjüdischen Detltschen. Wenn die Zeitdauer eines Aufenthaltes in einem Lande, ich meine! natürlich nicht die für die Erlangung des Bürgerrechtes