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Central-Verein-Zeitung · 1923-06-14 · 24 (14.6.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
24 (14.6.1923)
Date
1923-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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m S8< In der bekannten Kopenhagens Zeitung „Politiken" findet sich eine sehr bemerkenswerte Feststellung, die beweist, wie die antisemitische Agitation überall mit den gleichen Mitteln arbeitet: Am 28. Mai fand in K ö p e n h a g e n eine Pr-otestversammluna statt, in welcher der frühere dänische A u % e n m i n i ft e x Harald Scaveni u s sprach. Einer der weiteren ossiziellen Redner, der Sekretär der Landmannsvereinigung, Herr Nissen, behauptete, das; während des Krieaes 4 0 0 0g deutsche, polnische und tu s s i s ch c I u de n in D ä n e m a r k e i n a e w a n d e r t seien. Die Zahl, die sehr phantastisch klinat. fand aber scheinbar Glauben bei den aufgeregten BersamnilmTgsbesuchern. Da nun das Gerücht von übergroßen jüdischen Einwanderungen bald hier, bald dort austaucht, wandte sich die „Politiken", um die Wahrheit festzustellen, an das st a t i st i s ch e Amt in Kopenhagen, dessen Leiter, Dahlg a a r d , folgende Ausschlüsse gab: „Eine am 7. Juni 1017 ausgenonunene S t a t i st i k über die während des Krieges eingewanderten Ausländer eraab (der größte Teil der Einwanderung ging in Kopenhagen vor sich, im übrigen Teil des Landes ganz verschwindend), daß bis zu diesem Taae s u s a m m e n 542 7 Personen eingewandert waren. (Diese Zahl bedeutet aber nicht absoluter Zuwachs; die Auswanderungen müssen abgerechnet werden.) Von den 5427 eineingewanderten Personen waren: 402 Norweger, 2707 Schweden. Von d e m R e ft von 2318 Vers o n p n st a m m t e n 7 10 aus R u ß l a n d. Die Einwanderung nach dem 7. Juli 1917 ändert das Bild nicht w e s e n t l i ck. „Politike n" schließt hieran Betrachtungen Über die Leichtfertigkeit der Ausstellung solcher Behauptungen rmd geht den Urhebern weiter nach, wobei sie feststellt, daß es auch bereits in Kopenhagen gewisse judenseindliche Kreise gibt, die nach denselben Methoden arbeiten, wie die Antisemiten dies in. Deutschland tun. In der Wiener „Neuen Freien Presse" lesen wir in einem Aufsatz -desbekannten Professors LujoBrentano „Ter Judenhaß" folgende bemerkenswerte Stellen: „Zwei Momente sind es, die eine rückläufige Bewegung erzeugt haben. Der Liberalismus hat früher herrschende Kreise depossediert: die politische . Gleichstellung aller Klassen hat die ehemals Privilegierten aus Menschen, denen das Recht, andere zu beherrschen, in die Wiege gelegt war, zu solchen gemacht, die mit den neu Aussteigenden um die Herrschaft ringen müssen, während gleichzeitig die Freiheit auch auf wirtschaftlichem Gebiete die Tüchtigsten .selbst aus den untersten Klassen emporsteigen und Reichtümer erwerben ließ, welche die der alten Geschlechter weit übertvafen. Es ist! menschlich begreiflich, daß die Devonedierten Gegner der Juden wurden, welche Förderer dieser Entwicklung waren. Dabei kam ihnen in Deutschland und Oesterreich zu Hilfe, daß die östlichen Lander Europas die Juden nicht emanzipiert lzatten. Ms Folge beharrt die dort wohnende sehr große Anzahl von Inden nach wie vor auf dem „Gesetz" und. steht, ebenso wie man sie als Fremde behandelt, allen übrigen Völkern nach wie vor als das auserlesene Volk gegenüber. Die Bedrückung, die sie zu erleiden hatten, hat zu einer fortwährenden Einwanderung ans dem Osten nach dem Westen von Juden geführt, die mit den zivilisierten Juden der Einwanderunasländer nur den Namen.'gemein hatten, und ihre primitiven Knltnranschauunaen im Verkehr mit den Bewohnern der Einwandermmsländer geltend niachten. Darunter halben besonders die unteren Klassen dieser gelitten, und es . war leicht, bei ihnen den alten Judenhaß neu zu entfachen ... Es ist begreiflich, daß die Depossedierten der höheren Klassen sich - dieser ^timrnung benrächtigt und die antisemitische Bewegung ins Leben gerufen haben, die seit dreißig Jahren und mehr unser öffentliches Leben verpestet. Dabei ist die große Wandlung zu vermerken, die in der Bekämpfung dev Juden vor sich ge gangen, ist. Ehemals hat man sie .als Nichtchristen bekämpft. Aber es haben sich Tausende von Juden taufenlassen und damit war ausgelöfcht, was man vorn Standpunkt der verschiedenen ' Kirchen gegen sie geltend machenkonnte. Die heutigen Bekämpfer holen ihre Waffen daher aus einem anderen Arsenal, aus der Rassentheorie. Vom Christentum reden sie vielfach wegen seines indischen Ausgangspunktes verächtlich, ja, einige möchten den WoLanskult an Stelle deS ChristuskulLs einsühren, und nuv auf Grundlage der Rassen, ^nbeik soll es möglich sein, das deutsche Volk .aus dein tiefen Unglück, dem es verfallen ist', zu erretten. Welche Utopie! Denn was heißt rassenrein? Nicht nur, daß es kaum größere Gegensätze geben kann, als die zwischen den verschiedenen deutschem dämmert, dem Bajuwaren zum Beispiel und dem- Niedersachsen, es gibt kaum ein rassengemischteres Volk als das deutsche. Man müßte die Hälfte desselben austreiben. wollte man eine Ranenreinheit desselben Herstellen, und zwar gilt dies für -alle Gesellschaftsklassen, für die höheren sogar mehr wie für die niederen: es gilt sogar am meisten für die fürstlichen Häuser, die gemäß dem Erfordernis der Cbenbürtigkeit ihre Frauen seit Jahrhunderten aus allen Rassen, die Europa bewohnen, geholt haben . . . Dabei kann man solche widersinnige Aeußerungen aus dein Munde von Konservativen hören, -deren ganze politische Weisheit von dem getauften Juden Ltahl stammt, die Disraeli im Gegensatz zu Gladstvne -als einen der größten Staatsmänner der Neuzeit Preisen, aber freilich alles ignorieren, was Deutsche sü di scher Abstammung seit mehr als einem Jahrhundert auf allen Gebieten von Kunst und Wissenschaft, von Wirtschaft und Politik zürn Aufblühen und Ruhme des deutschen Volkes geleistet haben . .. Noch entsinne ich mich aus meiner Jugend, wie begeistert Philipp Veit, der Enkel von Moses Mendelssohn, einer der Erneuerer der christlichen Kunst, von seiner Teilnahme an den Besreiunaskriegen erzählte, in denen er sich das Eiserne Kreuz erwarb. Unvergessen sollten die Tausende bleiben, die im Krieg von 1870/71 und im Weltkriege für Deutschland gefallen sind: und welche Verdienste um die deutsche Einheit haben sich nicht die Juden Gabriel Messer, Martin Eduard Simfon, Eduard Laster erworben! Wäre nicht ohne Walter Rathenau, der blindwütigem Judenhasse er lenen ist', im letzten Kriege, das deutsche Volk schon nach wenigen Monaten seinen Feinden preisgegeben gewesen? Nein, nicht Erweiterung der Spaltungen im deutschen Volk tut uns Not. Das Jremdtum innerhalb desselben muß aushören, wenn es wieder auftommen soll. Was uns nodtut, ist Einheit des Fühleps und Denkens. Sie kann nicht erreicht werden, indem wir denr Beispiel in der Kultur rückständiger Völker, sondern dem derjenigen folgen, deren Stärke es ist, daß sie durch gerechte Behandlung der in ihrer Mitte wohnenden Juden ihre gesamte Bevölkerung in eine einheitlich fühlende Nation verschmolzen haben. In Deutschland dagegen hat die in denr letzten Dezennien aufgekommene Antisemitenbewegung wesentlich dazu beigetragen, jene deutschfeindliche Stimmung hervorzurustn, unter der wir zur Zeit, da der Krieg ausbrach, so sehr gelitten haben und welche noch heute die westlichen Völker mit Mißtrauen aus das deutsche Volk blicken läßt. Man sah darin einen Beleg, daß die spezifisch deutsche Kultur, von der in Deutschland die Rede war, in nichts anderem als Gewaltverherrlichung bestehe. Sie hat zur prinzipiellen Verurteilung des deutschen Geistes als des Feindes der Gleichberechtigung der Menschen und aller friedlichen Kultur mächtig beigetraaen Es ist nickr daran zu denken, daß die westlichen Völker zum Wiederaufbau des Deutschtums die Hand reichen, solange man in diesem die Inkarnation von Gewalttätigkeit gegen .andere Völker erblickt. Aber auch die zum. Wiederaufbau des Deutschtums unerläßliche Einheit setzt eine solche Verschmelzung der deutschen Juden mit der übrigen deutschen Bevölkerung voraus, wie sie in den westlichen Ländern erfolgt ist. Das restlose Ausgehen der Juden in der deutschen Bevölkerung ist die einzig mögliche Lösung der Judensrage. Sie aber hat das Aushören des Judenhasses und dieser das Erlöschen der antisemitischen Bewegung zur Voraussetzung." Zum Wesen ües Talmuds. Eine Zuschrift. Die „C. V. - Zeitung" brachte in Nr. 22 einen Bericht über einen Au ff lä rungsvor t rag, der vor kurzem in Bremen von Herrn Direktor Dr. Carlebuch über „Das Wesen des Talmud" gehalten wurde, und der seine Ausgabe in mustergültiger Weise erfüllt hat. Ich habe den Bericht mit großem Interesse gelesen und halte es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß er einige Sätzeenthält, die infolge der auf knappen Raum zusanunengLdrängteli Inhaltsangabe des zweistündigen Vortrags leicht mißverständlich aufgefaht werdenkönnen. So lautet z. B. ein Satz des Berichts: „Ter Talmud ist eine W e l t o h n e Pathos. Auch die erhabensten Ereignisse meldet er sachlich und ohne Begeisterung." Der Redner hat sicherlich etwas Richtiges gemeint und dargelegt. Aber so wie der Satz in dem Bericht gefaßt ist, darf er nicht uwvidersprochen bleiben, da er nicht zutreffend ist. Umfaßt doch im Gegenteil die Welt des Talmuds ein großes Gebiet, das ha ggadi fche, das doll des höchsten Pathos ist, jenes Gebiet, das Heine in den bekannten Versen schildert: . . wo die schönen alten Sagen, Engelmärchen und Legenden ... glaubensglühend, o, das. glänzte, quoll und sproß so überschwenglich ..Aber auch gar manche Partien des h a l acht s che n, d. h. gesetzlichen Teils zeigen uns, daß der Talmud n t ch t eine Welt ohne Pathos war. Wie wäre es auch anders möglich! Waren doch die Gesetz esleh r er nicht Cherubim und Seraphim, sondern lebendige Menschen, und als solche menschlichen Affekten unterworfen. .Wie es Gesetzeslehrer gab, welche allem Haß und aller Feindschaft, die sich über den jüdischen Stamm entlud, das sanfte Gesetz der Liebe und des stillen Duldens entgegenstellten, indvnr sie geboten: „Die da verfolgt werden und nicht verfolgen, die da Schmähungen anhören und nicht erwidern, die aus Liebe handeln, und in Heimsuchungen fröhlich sind . . ." (Traktat Sabbat 88 b). so gab es andere, bei denen das Pathos der Empörung über Barbareien und Brutalitäten sich Luft, machte und feinen Ausdruck fand in entsprechenden Gegenaktionen und Notwehrgesetzen. Das Wesen des Talmuds kann nicht begriffen werden, wenn er lediglich als eine kalte, des Pathos ermangelnde Welt aufgefaßt wird. Noch erläuternngsbedürstiger erscheint aber in dem Bericht der Satz: „Dann ist er (der Talmud) eure Glauben swelt ohne Glauben. Ueberall und jedem gegenüber fordert er alle ohne Ausnahme zur Kritik auf." Die knappe Fassung hat diesen Satz völlig unverständlich gemacht, denn eine „Glaubenswelt ohne Glauben" ist ein Unding. Es ist .auch nicht zutreffend, daß der Talmud Mer-all und jedem gegenüber alle ohne Ausnahme zur Kritik auffordere/ Vielmehr ist dies die Wahrheit, daß der Talmud ein Werk tiefsten und demütigsten Glaubens an Gott und seine Off-enbarung -ist, und daß er von allen Juden die Anerkennung dieses Glaubens fordert. Die verstandesmähig kritische Methode, die das Wesen feiner Dialektik bildet, wird von ihm nur jenseits seiner Dogmatik angewandt, deren Wahrheit dorr ihmals ein Axiom vorausgesetzt und von jeder dialektisch kritischen Behandlung und Untersuchung grundsätzlich ausgeschlossen wird, wofern nicht negierende gegnerische Anschauungen ihn zu! einer verstandesmäßigen Apologetik nötigen. Er ist soweit entfernt, überall zu einer Kritik der Glaubenslehren aufzufordern, daß ihm diejenigen Juden Häretiker sind, welche diesen Glaubenslehren eine 'negierende Kritik entgegensetzen. Ich zweifle nicht daran, daß Herr Dr. Carlebach in seinem Vortrag alles dies dargelegt hat. Da es aber in dem Bericht, der! einen allzu aphoristischen Charakter trägt, nicht klar zum Ausdruck [ kommt, habe ich es für notwendig gehalten, denr Bericht noch diese"! ergänzende Erläuterung hinzuzufügen. I Hindenburg O.-S. . * Rabbiner Dr. Kaatz.

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