Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 24 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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194 Glaubensgenossen in Frankreich, in Deutschland selbst in die schwerste wirtschaftliche und politische Bedrängnis zu bringen. Wie reimt es sich aber damit zusammen, daß dasselbe deutsche Judentum jetzt ein großes Sachwertopfer hergeben will, um die .Ruhraktion möglichst rasch zu beenden und Deutschland den Weg für einen organischen Wiederaufbau freizumachen. Wenn später jemand die Geschichte dieser Tage und Jahre schreibt, wird er den Antisemitismus als eine krankhafte Verirrung leicht an der Hand dieser und vieler anderer Tatsachen und Gedankengänge Nachweisen können. Den aber, der diese Zeiterscheinungen als Politiker und Publizist zu registrieren und zu werten hat, beschleicht ein Gefühl des Ekels über die armselige und niedrige Gesinnung, die aus dem ganzen Gebaren des Antisemitismus entspringt. Die Nationalsozialisten in Württemberg. Von Tr. B -e e r nt ö n n (Heilbronn). Gelegentlich meiner jüngsten Besuche bei den L a n d g e m c i n d e n meines Bezirks ist wir wiederholt mitgeteilt worden, daß durch antisemitische Agitatoren W e r b e v e r s a m nt l u n g e u abgehalten worden seien, lvelche zu wüster Judenhetze zumeist aussorderten. Nähere Erkundigung Zeigte, daß es sich um planmäßige Wühlarbeit handelte. Hinter all dem steht mittelbar oder unmittelbar die Nation a l s 0 zi a l i st is ch e d e lt t sch e A r b e i t e r p a r t e i mit ihrer straffen zentralistischen Organisation, mit ihrem militärischen Aufbau und mit der unbedingt gebietenden Befehlsgenmtt der Münchener Zentrale, die auch die württembergischen Ortsgruppen beherrscht. Auch hier in Württemberg zeigt die Bewegung die gleichen Erscheinungen. Es gilt den Anhängern dieser Richtung, das wirtschaftliche Chaos ausznnutzen, um mit Hilfe nnlitärisch organisierter und geübter Trupps den geplanten Umsturz der augenblicklichen Staatsform dnrchzuführen und dabei den niederen Instinkten der Begehrlichkeit, und Leidenschaftlichkeit die .Jude n als Opfer der Beute- und Raubsucht vorzuwersen. In einer soeben erschienenen Sonderschrift der „Schwäbischen Tagwacht" (Stuttgart), betitelt „A u § der uati 0 n a lsozialistischen B e w e g u n g i n W ü r t t e m b erg", ist das Gemeinschädliche und Verderbliche dieser „Politischen EntartungZerscheinung" durch reiches lesenslvertes Material beleuchtet und ihr gewissenloses Freibeut-ertunv wie unreife Sucht nach Geheimbündelei ins rechte Licht gerückt. Zunächst hat ein Zimmermann Jaschek aus Oberschlesien sich als Führer der Bewegung hier aufgespielt. Wir konnten den Mann mit seinen verworrenen politischen Ansichten und mit seiner inehr an Polen als an Deutschland gemahnenden Aussprache hier in Heilbronn aus erster Hand genießen. Inzwischen hat aber Herr Jaschek infolge recht unangenehmer Dinge, die man in der genannten Broschüre Nachlesen möge, die Leitung in andere Hände gegeben. Hitler, der mit dem Stand der Dinge im Schwabenland weidlich unzufrieden sein soll,, verlangt schnelleres Tempo. „Nach seiner Auftastung", heißt es in der genannten Schrift wörtlich, „soll in den nächsten Wochen mit Hochdruck gearbeitet die SLurmabteilungeir sollen zum Losschlagen bereitgehalten werden." Warum wir ckn dieser Stelle aus diese akute Gefahr erneut aufmerksam machen? Aus keinem anderen Grunde, als um den Gleichgültigen in unserem eigenen Lager die Augen über den Ernst der Lage zu öffnen. Millionen fließen in die Parteikasten der Judengegner. In unseren Reihen kargt man mit den Gaben für die so notwendige Abwehr. Zumal auf dem Lande ist noch keineswegs der Sinn -überall dafür geweckt, daß jeder, aber auch jeder seine geldlichen Kräfte bis aufs ä u ß e r st e a n z u s p a n n e n h a t, um unseren Central-Verein in den Stand zu setzen, seiner R iescnaufgabe in dieser umdränten Zeit gerüstet gegenüberzustehen. Was müssen wir aber noch weiter tun? Rabbiner und Lehrer mögen Werbe- und Jnstruktionsversammlungen halten. Jeder Jude und jede Jüdin, auch auf dem .Lande, ist zu einem klarbewußten Verfechter unseres schwerbedrohten Rechtes zu machen. Ich Pflege bei meinen Besuchen auf dem Lande neuerdings Gemeindeabende zg veranstalten, wobei ich als Gegenstand die Angriffe gegen Talmud und Schulchan-Aruch wähle. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß Juden diesbezügliche Anfragen von Christen mit keinem Worte beantworten konnten. Vor allem aber muß die Heranwachsende Jugend überall in rechter Weife zur zwecksördernden Mitarbeit herangezogen werden. Hauptsache aber bleibt, daß wir das V e r a n t wort u n g s - ge fühl in einem jeden wecken! Wie lautet doch das alte Gleichnis, von jenem, der im Schisfsboden ein Loch bohrt und ganz naiv den Vorwürfen begegnet mit der Entschuldigung'. „Ich bohre ja nur an meiner Stelle." Ihm wurde die richtige Antwort- „Aber von deiner Stelle aus wird das Master das ganze Schiff bedecken rmd in die; Tiefe ziehen." Darum jeder auf seinem Platze, auch in der W erbe a r beit für unseren C e n t rat- V c x e i n. „Iuöenknechte". Von PaulCurtiu s. Der Gedanke, daß jemand einem schuldlos oder ungerecht verleumdeten Mitmenschen beziehungsweise einer solcher! Gemeinschaft seiner Mitbürger aus einem selbstlosen Motive, entweder aus Mitleid oder von. seinem inneren Gerechtigkeitsgefühl getrieben, schützend zur Seite stehen könne, scheint einer Bewegung ganz unfaßbar zu sein, die wie der Antisemitismus selbst dendunkelst e n Triebe n der Menschenseele entstammt und ihre Weltanschauung nicht selten zum S ch a che r g e s ch ä f t erniedrigt. Wie vielen der einstigen Rufer im Streit auf der völkischen Seite, die von sittlichen Idealen förmlich trieften, ist von ihren eigenen Gesinnungsgenossen bescheinigt worden, daß sie den a b - ge fe i m te sten Geschäf tsschwindel „A n t i sem i ti s - m u s" betreiben, daß sie in einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit verschiedensten Parteien ihre unsauberen Dienste anboten. In wie vielen politischen Lagern haben nicht ein Ahlwardt, Oswald Zimmermann, Erwin Bauer, O. Böckel und ebenso nicht wenige der modernen Apostel der völkischen Heilslehre hospitiert! Wenn in den letzten Jahren, vor allem in Bayern, ein so häufiges Hinüberwechseln aus den: sozialistischen Lager, insbesondere dem der Kommunisten, in das antisemitische, nationalsozialistische zu verzeichnen wag', so ist das eine Entwicklung, die Professor Dr. Theobald Ziegler (Straßburg) in seiner Schrift: „Die soziale Frage — eine sittliche Frage" schon vor zweiundeinhalb Jahrzehnten soziologisch klar erkannt hat: „Der Sozialdemokratie leistetder Antisemitismus den unbezahlbaren Dienst, sie von gewissen schlechten Elementen, welche sich als Bodensatz jeder großen Bewegung anzusammeln pflegen, zuentlasten." Je erbärmlicher diese Gesellen waren, desto mehr sonnten sie sich in ihrer eigenen unbestechlichen Tugendhaftigkeit, so daß ein Ahlwardt schließlich von sich behauptete, es gäbe keinen Menschen, den er sittlich höher stelle als sich selbst. So ist unter der Patronage eines ehemaligen Hofpredigers der Antisemitismus je länger je mehr ein S a m m elbecken für brüchige Existenzen, politische Gschaftlhuber jeder Art oder g ew erbsmäßig-e Verleumder geworden, die in dem Antisemitismus eine Erwerbsquelle erblicken und — dem Zuge der Zeit folgend — „dick verdienen" wollen. Gewiß soll nicht abgestritten werden, daß auch eine Zahl irregeleiteter, ehrlicher, vaterlandsliebender Persönlichkeiten in dev deutschvölkischen Bewegung steht. Sie halten sich aber im Hintergründe. Und was die Trompete bjäst, entspricht — beileibe nicht immer, aber auffällig oft — nicht den Anforderungen, die von ihnen selbst als die Grundlagen arischer und germanischer Moral' und Sittlichkeit bezeichnet werden. Aus diesen Kreisen kommen dann in der Regel die infamen Verdächtigungen tadelloser Ehremnänner, die dem schändlichen Treiben im Interesse der Wahrung deutschen Ansehens vor dem Auslande entgegen treten. Diese Deutschvölkischen behaupten von ihren christliä^n Gegnern schlechthin, sie seien, wenn schon nicht selbst „JudenstämmLinge", von den Juden gekauft und ständen in ihrem Solde. Kein Vorsitzender des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", von Rudolf v. Gneist über Ricker.t, Dr. Harth bis zu Dr. Gotheim, ist diesen Anschuldigungen entgangen. Herr Ahlwardt hat ausbaldowert, daß Rickert sich „für einen Sold von 12 000 Mark an die Judenschutztruppe verkauft habe", oder der Freihändler Dr. Barth ist nebenbei natürlich noch „Stipendiat" des jüdischen Cobdenklubs gewesen! Jndeß, all diese Männer konnten sich trösten; es ist größeren Männern nicht besser ergangen: Bismarck war ja a u d) nur e i n Söldling B l e i ch r ö d e r s! Was freilich das. Empörende war oder noch ist, das ist die beschämende Tatsache, daß diejenige Partei, die von der antisemitischen Welle profitieren wollte, nichts tut, um die Meute, die sich zu weit vorgewagt, zurnckzupfeifen. Im Gegenteils Man reibt sich schmunzelnd dis Hände und denkt nicht an das Hebbelsche Wort: „Lumpen gibt es beständig, Doch scheiden sich danach die Zeiten, Ob man sie rühmt und beklatscht Oder sie nötigt zur Scham." Als «gegen Peter Rosegger sich eine Koalition gebildet hatte, die nachwies, daß er ein Judenknecht und Volksverräter sei, und als dieser mit einein geharnischten Abwehrartikel an das Krankenbett Robert Hamerlings eilte — dem notabene später das gleiche Schicksal passierte —, um den Freund um ' Rat. zu fragen" erwiderte dieser gelassen: „Sie sollen Ihre Landsleute verraten haben, sollen von Juden bestochen fein, sollen Ihre Ueberzeugung für 30 Silberlinge verkauft haben? Wenn das deutsche Kampfesweise sein soll, dann kaufe i ch morgen eine tschechische Grammatik und will kein D e u t s ch er me h r sein. Aber im Grunde — geyt's nicht hundert anderen, hochehrenwerten Männern ähnlich wie Ihnen? Lesen Sie doch einmal diese Fachblätter politischer Verleumdung-'. Ter Künstler wie der Gelehrte, der Minister wie der Richter — jeder, der nicht ins Bockshorn dieser Leute bläst, wird umgebracht." vamerliug hat recht, nur daß man sich mit dem Um'bringen des Gegners durch politische Ehrabschneiderei nicht mehr begnügt, sondern gelegentlich auch für die „Propaganda der Tat" eintretend zürn M e u ch e l m 0 r d schreitet.