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Central-Verein-Zeitung · 1923-06-07 · 23 (7.6.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
23 (7.6.1923)
Date
1923-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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188 Im Alaihoft des „Hochland", der -bekannten wissenschasttichen LaLholischen Mona-tsischr-ist, macht Gen-erMonKl. Dr. I. A. Le t tt nb au er fesselnde Ausführungen über das aktuelle Thema „Rasse und M e n schh e i t". Nation ist die erweiterte Familie, mit Familienzügen, Familientradition und niemals ganz versagendem organisierten Familienstolz. Dabei macht es bei der Nation wie bei der Familie wenig aus, aus welchen Rassen oder Gameten sie sich zus-mmnengesetzt haben. Die amerikanische Milliardärstochter wird englische Herzogin (und versteht es gut!) und ihre Nachkommen leben in vollende te r Adels traßition; anMsehene Preußische Adels ge schlechter sind israelitischer Herkunft, nicht nur von Mutterst, sondern auch von Vatersseite und gelten sich und anderen als blaues Blut. Wo war je ein typischerer Nationalfranzose als Leon Gambetta, der Sohn eines genuesischen Juden?' Wogibt es am Deutschen Reich bewußtere und Patriotischere Deutsche als die Abkömmlinge jener unter dem Großen Kursürsten nach Preußen eingewanderten Franzosen', die' heute noch vielfach bäe äußeren Züge ihrer romanischen Abkunft ausweisen? Alle diese Abkömmlinge zeigen im Leben die charakteristischen Eigentümlichkeiten des Volkes, das sie aust genommen hat. Aus allem diesen aber erhellt, daß der Einfluß der Rasse aus den Charakter eines Volkes, der sich niemals ändert, von lmtergeordneter Bedeutung ist, daß vielmehr die Umwelt das gemeinsame innere Erleben und vor allem bei den höher entwickelten Schichten die Tradition mit ihren tausenderlei Einflüssen aus Geschichte und Erzählung bestimmender Kr den Natwnalcharakter sind als die Herkunft. Kaum irgendein Vorgang dürste anschaulicher sein Kr die Erkenntnis vom Primat des Geistigen als die Bildung des Nationalcharalters, der seine Wurzeln in Rass-enunterlagen hat, aber seine Gestaltung durch seelische Momente erhält, die sich ebenso vererben wie die leiblichen und konstant bleiben, solange der Prozeß der geistigen Weitererzeugung anhält. * In den ,,Hamburger Nachrichten" vom 29. Mai 1923 findet unter der Spitzmarke: „An die Juden Hamburgs" eine kiz in gesperrtem Druck: Der Centn al-Ver ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der „Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten" ersuchen um Ausnahme folgender Erklärung: „Eine Hamburger zionistische Gruppe in Gemeinschaft mit dem Lokalkomi'tee der jüdischen Arbeiterpartei Hapoel Hazair haben vorgestern in zahllosen ausfallenden Plakaten einen Ausruf „An die Juden Hamburgs" gerichtet, in welchem sie zu einer Versammlung im Konventgarten mLhlich des sozialistischen Kongresses aussorderte-n. Die Ueberschrist des Ausrufs ist dadurch daß sie sich ganz allgemein „An oie Juden Hamburgs" wendet, eine anmaßende Irreführung. Es ist durch die Fassung des Ausrufs in werten, besonders auch in rmchtjüdrschen Kreisen der Eindruck entstanden, als ob es stch bei. den Aufgevusenen um eine allein in dem Sinne »der Einladenden orientierte einheitliche Gemeinschaft handle. Die Juden Hamburgs Äls sblche haben aber weder mit der ziomMschen Allgemeinorganisa-kion noch mit der besonderen Organisation Hapoel Hazair etwas zu tun. Die Juden Hamburgs sind in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl Deutsche, welche dem Zionismus fernstehenr und seine einzelnen Sonderbestrebungen ablehnend. Es erscheint angebracht, der sicher auch nicht beabsichtigten irreführenden Fassung der Plakate gegenüber die tatsächlichen Verhältnisse klar zu stellen m Ein beachtenswerter Beitrag zum Kapitell „Antisemitische Badeorte" findet sich in-der Ausgabe der „Wahrheit" vom 90,. Mai. Das Wiener Organ der „U n i o n d e u t s ch - ö si e r - x t ’if ch t scher I u d e n" schreibt: Die Fremdenvertreiber an der Arbeit. Unter diesem Titel erhebt die „Oesterr. Hotel-Industrie", das Organ der Hoteliers und Fremdenherberger in Oesterreich, Klage darüber, daß immer, wenn die Reisesaison anhebt, in ausländischen Blättern aus wohlberechneten Konturrengrückstchten, «in inländischen aus Gedankenlosigkeit abfällige Berichte über unsere Zustände verbreitet werden-, die -auf eine fremdfeindliche Haltung der Bevölkerung Schlüsse zulassen; kleine lokale Ereignisse werden 'tendenziös ausgebauscht, die Fremden verschüchtert und vom Besuch unseres an Naturschönheiten so reichen Landes abgehalten. . . . Die „Oesterr. Hotel-Industrie" sollte stch jedoch mit ihrer Jeremiade an die wenden, die als eigentliche Fremdenvertreiber anzusprechen sind und die häßlichen Exzesse der Hakenkreuzler, wobei es manchmal Tote und Verwundete gibt, nur als „kleine lokale Ereignisse"' hintellen. Es ist nicht jedermanns Sache, bei ei nein Spaziergang in der mgebung Mens vielleicht in eine Schießerei zwischen Nationalsozialisten und, Sozialdemokraten zu geraten: nicht jedermanns Sache, während eines Straßentumults aus einem Straßenbahnwagen herausgeholt und -wegen Judenverdachts blau und braun geschlagen zu werden. Man will schließlich als Fremder — ob Jude oder judenähnlich — für sein gutes Geld feine Ruhe haben. Wer diese Wahrheiten anerkennt, wird auch die Freindenvertreiber an der rechten Stelle zu finden wissen. In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht der bekannte Berliner Rabbiner Dr. Weiße einen ausgezeichneten Leitaufsatz „F a l s ch e Bahne n", in dem es heißt: „Schon aus ethisch-religiösen Gründen sind die Juden Gegner der Gewaltpolitik die Frankreichs Imperialismus einschlügt, um die Hochburg deutschen Jndustriefleißes in seine Hand zu bekommen. Jeder Einsichtige weiß ferner, daß die Juden die ^chinach lind Erbitterung über die Vergewaltigung deutschen Bodens mcht weniger tief fühlen als ihre übrigen deutschen Volksgenossen. Aber der Judenhaß rechnet nicht mit Tatsachen, sondern mit der demagogischen Wirkung eines gewissenlos hinausgeschleuderten ^chlagwortes, das wie schlechte Münze ungeprüft weitergegeben wird. Wenn heute eine Bewegung, die den Judenhaß auf ihre Fahne geschrieben hat, sich gegen den gesunden Politischen Intellekt, der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes durchzusetzen sucht, so richtet sie damit nicht nur in unklaren Köpfen des Inlandes! Verwirrung an, sondern bedeutet auch eine Bloßstellung des deutschen Namens im Auslande. Der Ausländer kann es nicht'begreifen, daß politische Parteien ihre Politik auf Volksverhetzungi ausbauen und die Katastrophe Deutschlands einem ganz kleines Teile des Volkes zuschreiben möchten, der weder politisch noch wirtschaftlich und sozial eine einheitliche Schicht bildet und nur auf religiösem Gebiet als Gemeinschaft angesprochen werden kann. Ist es an sich schon ein Symptom schwacher Moral, daß man Kr! alle Schäden ein fremdes Opfer sucht, anstatt innere Einkehr zst halten, so wirkt es geradezu grotesk, wenn man einer Volksmasse, die noch nicht ein Prozent der gesamten ^Bevölkerung ausmacht, die. mystisch-diabolische Macht zutraut, das Schicksal eines großen Volkes lenken zu können. Im Mittelalter sagte man, die Juden vergifte re die Brunnen und rufen Epidemien hervor. Heute macht man/ sie für den unglücklichen Kriegsausgang, für das ungerechte Friedensdiktat und für das Elend der Nachkriegszeit verantwortliche Das ist nur ein Unterschied des Grades, nicht der Natur der psycho-, pathischen Auffassung. Ja, mittelalterlich mutet der heutige Judenhaß trotz aller PsendowissenschaftLichen Verkleidung an. Das Beschämendste ist, daß hier und da selbst Universitätsprofessoren, Jugendbildner und Geistliche diese unselige Bewegung rnit-. machen und damit dem Vaterlande den denkbar schlechtesten Dienst erweisen. Denn, wenn wir überhaupt noch aus dieser Misere herauskommen und die Wunden des Volkes heilen wollen, so kann das! nur durch eine Zusammenfassung aller nationalen Kräfte für dieser große Aufgabe geschehen. Wenn man nun Männer mit der größten Begeisterung für die Wohlfahrt Deutschlands nur deshalb! von der gemeinsamen Arbeit ausschließeu möchte, weil sie Gott mit anderem Namen anrusen, so begeht man nicht nur ein Unrecht, axxi Judentum, sondern stößt Kräfte zurück, die im Dienste des Wiederaufbaus wertvolle Wirksamkeit zu entfalten Ln der Lage sind!" 4 Urteilsbegründung im Roth-Prozeß. Irr Lev Tagespresse ist nun ganz Vereinzelt die Ar teils-' Begründung im Roih-Prozeß, Lev mit Lee Verurteilung des deutschvölkifchen: Führers zu 500 000 Mark Geldstrafe endete, wiedergegeben worden. Da sie allgemeinem, Interesse begegnen dürfte, bringen wir sie nach dem ausführlichen Bericht dev rechtst sichenden „Leipziger Neuesten Nachrichten". -du oer Urteilsbegründung hob der Vorsitzende, Reichsgerichtsrat Dr. Nied ne r, hervor, der Staatsgerichtshof Habs nicht f ü o je st ge stellt erachtet, daß der Angeklagte sich eine Verhetzung von Volksgenossen gegeneinander habe zuschulden kommen lassen. Esi sei! vielmehr das Gegenteil als erwiesen angesehen worden. Dagegen habe der Staatsgerichtshof für erwiesen erachtet, daß der Angeklagte sich einer Beleidigung des verstorbenen Ministers! Kathen au schuldig» gemacht habe. Es sei zwar nicht erwiesen, daß der Angeklagte bestimmte Ausdrücke, die ihm zur Last gelegt wurden,! wie „Sklavenhalter", „Kandidat des Weltjudentums" und „Minister dev bewußten Unwahrheiten" gebraucht habe. Wenn aber einem -deutschen Reichsangehörigen der Vorwurf gemacht wird, daß er vermöge der Zugehörigkeit zu einer Rasse nicht in der Lage sei, ein Deutscher zu sein, und wenn weiterhin diesem 'deutschen Reichsangehörigen vorgeworsen wird, daß er sich an die Spitze der deutschest Regierung stellte und zum Schaden des Deutschen Reiches wirkte, so ist dies eine sehr erhebliche Beleidigung, die man einem Deutschen und insbesondere einem deutschen Außenminister zusügen könne.! Der Angeklagte hat nicht den Schatten eines Beweises für die Behauptung gebracht. Weiter wird in dem Urteil ausgeführt, daß hier die Belei di gu n gsPa r a gr aph e n 185 und 186 des Strafgesetzbuches eilst schlagen. - S tra s e r s ch w e r e n d ist berücksichtigt worden, daß der Angeklagte! als D ien er ei ner Bew e gung tätig gewesen ist, die nach 'der klebe rzeugung des Staatsgerichtshofes und der überwiegenden Meinung des! deutschen Volkes im höchsten Grade verderblich wirken mußte und! so vor allen Dingen auf die .Einigkeit des deutschen Volkes gewirkt hast Es geht nicht an, daß deutsche Staatsangehörige gegen deutsche Staatsangehörige in dieser Weise.aufgehetzt werden. Weiter erschwerend wirkte,! daß der Vorwurf sich gegen den deutschen Außenminister richtete.. Das deutsche Volk hat ein Interesse -daran, daß die Stellung des. deutschen Außenministers nicht h e r a b g e d r ü ck t wird> Vor allem kommt noch hinzu, daß die Persönlichkeit des angegriffenen Ministers untadelig gewesen ist. Es ist beklagenswert, daß so der Boden vorbereitet wurde für eine Tat, die schließlich zur morduug dieses ausgezeichneten Mannes geführt har. Als strasmildernd sind die Ueberzengungstreue des. Angeklagten, seine CharakLersrstigtcit und seine großen 'Kriegsverdienste berücksichtigt worden.

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