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Central-Verein-Zeitung · 1923-06-07 · 23 (7.6.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
23 (7.6.1923)
Date
1923-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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186 Wie wenig ein wie auch immer gearteter Antisemitismus sich mit wahrhaft christlicher Staatsauffassung vereinigen läßt, ist von überzeugten christlichen Politikern schon früh erkannt worden. Auf einen der besten und überzeugtesten darf ich hier Hinweisen, auf August Re i che ns per ger, dem auch der Gegner seine Anerkennung nicht versagt, mtö dem der weder sein politische noch seine Weltanschauung teilende deutsche Philosoph und Pädagoge FriedrichPaulsen in der „Deutschen Literaturzeitung" vom 3. Februar 1900 ein herrliches Denkmal setzte. Mt den Worten, die August Reichensperger^ in seinem „Rückblick aus die letzten Sessionen des Preußischen Abgeordnetenhauses" im Jahre 1864 zur Judenfrage schrieb, schließe ich meine kurzen, nur fkizzenartig hingeworsenen Gedanken: „Den Juden muß ihr volles Recht werden w i e d e n C h r i st e n. Zün wenigsten aber sollten letztere sich eine ungerechtfertigte Bedrückung derselben auf den vielfach gchörten Grund hm erlariben, daß sie sonst überflügelt würden», und zwar schon um des Ehrenpunktes willen, der es nicht gestattet, sich selbst ein solches Armutszeugnis auszustellen. Aeberhaupt will es mir scheinen, als ob in einer Zeit, in ivelcher der offene Abfall vom Christentum, ja sogar die Verhöhnung desselben durch Namenchristen zu den alltäglichen Erscheinungen gehört, die spezifische Aversion gegen das Judentum, das sogenannte Reformjudentum nicht ausgeschloffen, vollends ein Anachronismus wäre. Keineswegs darf siesichausdemRechtsgebiete geltend machen." Unsrem Vorkämpfer Emil Josephthal. Emil Josephthal war dem Central-Verein mehr als ein Freund und ein Berater. In ihm verkörperte sich die Verbindung zwischen Deutschtum und I udentitin. Denn hatte er bereits durch seine geradezu klassischen Ansprachen und Reden in unseren Hauptversammlungen und Vorstandssitzungen die von unseren Feinden immer wieder angezweifelte Möglichkeit einer solchen Verbindung zu beweisen verstanden, so hat seine Lebensführung gezeigt, daß die Tat seiner Worte die Richtigkeit deckte und in jeder Beziehung bewies. Wenn an der Bahre JosePhthals sein. Wirken im Vorstande der Jüdischen G e m e i n d e N ü r n b e r g gepriesen, seiner Tätigkeit als stellvertretender Vorsitzender der Anwaltskammer Nürnberg ehrenvoll gedacht, seine Zugehörigkeit zum Korps von einem berusenen Vertreter des deutschen Korpsstudententums mit besonderer Anerkennung erwähnt wurde, wenn man der Ehre gedenkt^ie ihm die Loge zuteil werden ließ, wenn man sich endlich die zahlreichen großen Unternehmungen vor Augen hält, in denen Josephthal mitriet und mitschuf, so zog das Bild eines jüdischen Deutschen vor unseren Blick, das denen großer Männer unserer Vergangenheit nach vieler Richtung hin entsprach. Alan mußte an Gabriel Rießer denken in der Stunde, in welcher das der Erde übergeben wurde, was an Josephthal sterblich gewesen ist. Beide waren große Juristen; beide leisteten in ihrem Fach das beste. Die innigste Verbundenheit mit ihrem Vaterlande zeichnete sie aus. Ten Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes wie gegen die Feinde des Judentums führten sie mit vollster Energie. Mit glänzender Rede begabt, wußten sie nicht zu überreden, sondern 51t überzeugen. Ihr Leben war Treue; Dankbarkeit war ihr Erbe. Vielfach hat man es nicht verstanden, daß Josephthal dem Studentenkorps, dem er in der Jugend beigetreten war, bis zu 'seinem Ende angehörte. Schon die Tatsache, daß ein solcher Charakter nichts tun wird, was der edelsten Ue'berzeugung eines edlen Menschen widerspricht, mußte uns den Beweis liefern, daß hier Verhältnisse Vorlagen, die die leicht urteilende Maste nicht kannte. Und diese Umstände lagen darin, daß das Korps, dessen Band Josephthal trug, sich jeder judenfeindlichen Bestrebung auf das nachdrücklichste -entgegengesetzt und ausdrücklichen Protest gegen die Beschlüsse der anderen erhoben hatte. So konnten die Vertreter des Central-Vereins, Tr. Ludwig Holländer: für den Hauptvorstand und Justizrat Dr. Gallinger für den Landesverband Bayern und die Ortsgruppe Nürnberg, die Heimattreue, die Liebe zum Judentum und die unermüdliche Arbeit für unsere Sache an der Bahre Josephthals! besonders betonen, und sie konnten hervorheben-, daß unserem. \ großen, verehrten Führer Gustav Josephthal, der jahrzehntelang das einzige Ehrenmitglied des Central-Vereins gewesen ist, ein nicht minder bedeutender Sohn gefolgt war, der das Erbe des Vaters hochhielt und ehrte. Unserer Treue ist Emil Josephthal sicher. Irr-erchaß unö Deutschenhaß. Von B. Segel. Es ist längst bemerkt worden, daß der Haß, mit dem die Deutschen seit Ausbruch des Weltkrieges bedacht wurden, daß seine Psychische Motivierung und die Verleumdungen und Anschwärzungen des deutschen Wesens, in denen er zum Ausdruck kommt, mit dein Judenhaß und seinen Aeußerungssormen eine große Ähnlichkeit hat. Auf deutscher Seile hat man vielfach nach den Ursachen dieses Hasses gesucht. Die beliebteste Erklärung ist, daß es Juden gewesensind. Die den Völkern der Entente und ihren Verbündeten diesen Haß suggeriert haben, indem sie Tange vor dem Kriege und während des Krieges gegen Deutschland hetzten, „Juden", 5. B. Lord Northcliffe, Maurice Barres, d'Annunzio und ähnliche Leute, in deren Adern kein Tröpfchen jüdischen Mutes fließt, und die wahrscheinlich nie einen richtigen Juden mit eigenen Äugen gesehen haben. Max Scheler hat in seinem Buche „Die Ursachen des Deutschenhasses, eine national-pädagogische Erörterung" mehrere Ursachen aufgedeckt, die den Deutschenhaß in der: Welt geweckt haben. Im großen ganzen lasten sie sich auf zwev Kategorien zurücksühren: Verständnisloflgkeit iit betreff des deutschen Wesens und Neid aus Deutschlands Aufschwung. So lgrbe das Ausland z. V. die deutschen Rüstungen als Ausdruck der Eroberungslust gedeutet, während sie in Wirklichkeit nur ein Ausdruck der deutschen Ehre gewesen feien. Sodann haßte man die Deutschen, weil sie zu viel arbeiteten und dadurch die anderen zu einer Steigerung ihrer Leistungen, zuan Verzicht aus Muße und Bequemlichüüt, .zwangen. Auch hier waltete ein Mißverständnis ob: die anderen meinten-, diese „Askese der Arbeit", dieses rasende, nimmer rastende Tempo der Leistungen wäre eine Folge der Gewinnsucht, während sich hier in Wirklichkeit nur der echtdeutsche, rein geistige Trieb verwirklichte, „eine Sache rein um Ihrer selbst willen zu« tun". Gegen die Juden aber erhebt Scheler den Vorwurf, diesen Geist der arbeitswütigen-, auf Genuß und gerrchsamx Nduhe verzichtenden „kapital i st i sch e n Üeb e r be t r iebfamkei t", der norddeutschen Ursprunges sei und den er aus verschiedenen beachtenswerten sittlichen und kulturpolitischen Gründen verurteilt, „nur noch befeuert zu haben, durch ihre Zusammendränguing im m i t t l e r e n u n d h ö h e r e n K a u f m a n n s b e r u f". Es ist nun sehr lehrreich, sich hier zu erinnern, daß wir seit Kriegsausbruch unaufhörlich zu lesen bekamen, Deutschland sei vor dem Kriege in einem Schlamm der Genußsucht versunken gewesen, alle Großstädte und Zentren des Handels und der Industrie ein einziger Pfuhl der Äünde und des maßlosen Schlemmens, und daß die Juden die Führer und Verführer des deutschen Volkes auf diesen Pfaden des Lasters gewesen, der böse Geist, der die germanische Volksseele mit seiner semitischen Sinnlichkeit und unersättlichen, Gier nach fleischlichen Geilüsterl äuge steckt habe; erst das Erwachen de r deutschen Volksseele im Kriege -habe die Herrschaftdieses unreinen Juden geistes abgeschüttelt. . . Max Scheler gehört zu den führenden Geistern der jüngeren Generation in Deutschland. Er ist ein hervorragender philosophischer Schriftsteller von großem Einfluß, ein konservativer, dem Katholizismus zumig-ender Denker. Manche erblicktenin ihm den zukünftigen Joseph de Ma 1 stre der erhofften deutschen Reaktion. Während des Krieges war er damit betraut, hinter der Front den Offizieren Vorlesungen über Kriegsphilosophie zu halten. Gegenwärtig ist er ordentlicher Professor der Philosophie in Köln. Dev geistige Rang und die Bedeutung des Mannes machen es not)vendig> daß man sich mit ihm auseinanderseht. Zwei Menschentzruppen in Deutschland haben nach Schelers Meinung durch ihr Wesen und ihr Verhalten den DeutsckZn den Haß der Nationen, besonders der Franzosen, zugezoaxn. Zunächst die A l ld eutfche n durch ihre Großmäuligkeit und ihre herausfordernde Kriegsbegeisterung, sodann die Juden durch ihr „Eindringen in die Reihen der Presse, des politischen F ü h r e r t u m s". Hier bringen nämlich die Juden ihren „Geist der Zersetzung" hinein, den Franzosen ist aber nichts so sehr in der Seele zuwider, als dieser „Geist'der Zersetzung". „Eine der mert- , Erdigsten Haßihesen unserer Feinde — breit sind sie von Suarez und Verhaer e n entwickelt worden — ist die Behauptung, Latz .das moderne Deutschland in seiner Erscheinung ganz wesentlich bestimmt war durch den Preußischen Unteroffizier und einen hyperkritischen, überall Zersetzung suchenden un-bewirkenden jüdischen Geist!" Einen Suarez, -er über dief? Dinge geschriiLen hätte, g'.bt es nickst, gemeint ist offenbar Andro u a x e s, von dem weiter unten die Mde sein wird. Zuerst wollen wir uns die Haßthese Verhaerens anschen. Hier scheint Scheler ein arger Gedäckstnissehler unterlaufen zu sein. Bei Verheeren ist nämlich nicht mit einem Worte von denn zerfetzenden, sondern von hem a u f b a u en den, zusammenfassenden jüdischen Geist die Rede. In seinem Buch Belgique sanglante“, vollendet mit 15. April 1915, finden sich zwei Kapitel „I/organisation allemando“ und .JVAlIemagno asiatique“, die den Gegenstand betreffen. Der große Lyriker war ein schr schlvacher Historiker, Deutsch konnte er nur sehr wenig, von deutschem Geistesleben hatte er nur eine blasse Vorstellung. Er weist nach, daß der ganze „Geist der Organisation", auf den Deutschland so stolz ist, durch die Preuße n der katholischen Kirche entlehnt wurde, die ihn im Mittelalter über ganz Europa verbreitet hatte. „Nur regierte damals die Priesterkaste, während heutzutage die Militärkaste regiert." In beiden Fällen zählt der Einzelmensch nicht. Jede Initiative von unten ist verdächtig. <Schlnß folgt.)

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