Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 100 IR. Serlin, 7. Juni 1023 ll. Jahrgang 4- Nr. 23 vlüller fürSruWrt unSluventum vryan Ves lÄilralVercdrs öeotjcker Skmtsvüryer jüEcken olauvens^L S^II^Sr^Sir^s clss OucLenrums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. Gerlin SlVdS, Lindenstr« 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff3594,3595 .'»Postscheckkonto: Berlin30472 ,% Telegrammadresse: Eentralverein Lindenstr. 13. Berlin- Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po st an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 1200,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Tlunoncen-E^pedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 1600,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Cenlral-Vereins mit 50°/8 Nachlaß. Die 90inin breite Reklaniezeile M. 7500,— Sie Judenfrage im Spiegel chrWcher SlaatsauffaflUng. von Studienrat Dr. Hrinrich Iah. Grühl ldüffel-orf). Die „C. V.-Aeitun-g" kann sich nicht daraus beschränken, aus der Einstellung jüdischer Deutscher heraus uns bewegende Fragen Zu würdigen. Erst aus der Kenntnis aller nur denkbaren -Allsfassungen Zur sogenannten „Judensr-age" kann Verständnis erwachsen, das zur Versöhnung und Einigkeit in unserem Vaterland führt. Dieser Gesichtspunkt war ausschlaggebend, den Aufsaü eines hervorragenden katholischen Politikers unseren Lesern nicht vorzuenthalten. Er ist geeignet, Wahrheit und Klarheit zu schassen, auch wenn er naturgelnätz in manchen Punkten unserer Arissessung widerspricht. S ch r i f t l e i t u n g. In einer vor einiger Zeit in München abgehaltenen Massenversammlung der Nationalsozialisten erklärte nach Zeitungs- Meldungen derLeiter, ein Herr Weber, wenn dem Parteiführer . Hitler nur ein Haar gekrümmt werde, würden im nächsten Augenblick 2 0 0 0 Juden an d e n La t e r n e n pfähle n hängen. Man mag diese Häßliche Aeußernng als den Ausbruch aktiven Hasses werten, der zu.unheilvollen Taten hetzt, man mag sie -als verächtliche Großsprecherei belächeln, die der Seifenblase gleicht, die sich schillernd bläht, um im Nll wirkungs- : kos zu zerplatzen —, in ihr offenbart sich ein Syptom mehr der Friedlosigkeit, die grau und schwer über unserem Lande hängt. 'Gewiß ist die Jude n f r a g e nur eins der vielen Probleme, , deren gründliche und endgültige Lösung die -Gesundungsmög- . lichkeit unseres Volkes bedingt, leugnen läßt es sich aber nicht, daß gerade in der letzten Zeit wieder die antisemitische Woge zu einem Wellenberge ausgeflu'tet ist, der sich unheilbringend Fu überschlagen droht. Aus Nützlichkeitserwägungen hrrvorgegangene Beschwichti-. : gungsversuche mögen eine Zeittaug als Wellenbrecher wirken, . einen festen Damm gegen die heranrollende Flut bietet nur eine zum Gemeingut der großen Mehrheit des Volkes gewordene, aus gesunder e t h t sch e r Grundlage ruhende Staatsauffassung. Für mich, den überzeugten Christen und Katholiken, kann diese nur die christliche sein, aber jeder geschichtlich Denkende wird geneigt sein, zuzugeben, daß überhaupt für die Mehrheit des deutschen Volkes kaum eine andere in Frage kommt. Rückhaltlos erklärte auch Walther Ra th e na u, bei* '-sein Judentum offen bekannte: „Ich will den christlichen 'Staat; denn auf seinem Boden sind wir und mit uns die ' gesamte abendländische Welt der Gedanken und Gefühle erwachsen." Den Begriff „christlicher Staat" fassen wir nicht nur -negativ, etwa in dem Sinne, daß in einem christlichen-Stantswesen alles vermieden werden muß, was dem Geiste des 'Christentums zuwider ist, sondern durchaus positiv ans, das heißt, wir fordern, daß die Satzungen des Staates geregelt werden von dem „Zentrum einer geheiligten Wahrheit" aus, die für uns eben die christliche Sittenlehre ist. Anderseits sind wir mit Wilhelm Emanuel v. Kettel er durchaus der Ansicht, daß das erste Erfordernis des christlichen Staates nicht ist, daß die Staatsgewalt fich christlich nenne, sondern daß die Menschen, die den'Staat bilden, zur Höhe der christlichen Würde gelangen. - In einem solchen Staatswesen, demdie Grundsätze der Bergpredigt imb das Gebot der ^Nächstenliebe als höchste Gesetzesnorm voranlenchten, ist für Unduldsamkeit und Gewissenszwang kein Raum. Mit Rathenau sind wir durchaus der Ansicht: „Hilfe und Stütze schuldet der christliche Staat jeder Glaubensform, soweit die Zahl ihrer Bekenner hinlänglich und ihre Lchre nicht der Vernunft und Sitte zuwider ist." Hieraus ergibt sich ohne weiteres/daß auch das gläubige Judentum im christlichen Staate Anrecht auf Schutz und Stütze hat. Darüber hinaus wird der christliche Politiker nicht vergessen, daß die ethischen Grundlagen der christlichen Staatsauffassnng int jüdischen Altertum verankert sind/ daß' die höchste Sanktion der christlichen Sittenlehre, die in der lleberzeugung von der Göttlichkeit des Gesetzgebers besteht/zum großen Teil sich auf die heiligen Ueberlieferungen der Inden, aus die alttestamrntlichen Messiasprophetien, stützt. Glicht mit Unrecht haben christliche Denker und Dichter daraus hingewiesen, daß von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet das Judentum den Christen als etwas Ehrwürdiges erscheinen müsse, das, wie Karl Gutzkow in seinem „U'r i e l Aeosta" beit Arzt de Silva 'treffend bemerken läßt, „in finstrer Heidenzeit die Offenbarung eines Einen' Gottes, wie eine einige Lampe pflegte, das der Hüter der.Verheißung war 'und dessen Etamin der Heiland entsprossen ist". Mag der christliche Staatsmann die Klarheit bewundern, die aus den Schriftzügen der Gesetzessünle Hammurabis spricht, .mag er die Weisheitsfülle anstaunen, die aus dem Schikmg des Konfuzius und den Vedas der Inder quillt, mag er in der Schönheit schwelgen', worin die Kunst der Hellenen die Starre des Gesetzes auflöste, — der absolut bindende Wille der.Gottheit tritt ihm zum erstenmal als positives Gesetz ausgesprochen im Dekalog entgegen, den Jehova unter den Sinaidonnern verkündete. Nicht als ob die christliche Ethik sich mit der mosaischen Gesetzgebung erschöpfte, nein, Christus ist gekommen, das Ge- [ setz zu vervollkommnen, aber ebenso wie das Alte Testament ohne das Neue ein Torso bleibt, eignet 'den Schriften , des Neuen Bundes, wenn wir den Zusammenhang mit denen des Alten lösen, nur fragmentarischer Charakter.