Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1923)
- Date
- 1923-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Völkische Hlut- und Schäöel-^nalpLiker. Von Fritz Halm. T<r. E. M. Arndt, der aufrechte Demokrat und echte Patriot, in seinem Kampfe gegen die hauptsächlich durch die Fürsten und die höheren Stände herbeigeführte „Verwälschung" des deutschen Wesens unablässig auf der milche nach der Herkunft der Hauptschuldigen war und sich selbst einmal in diesem Zusammenhänge als „Rassensp ü r h u n d" bezeichnet hat, kommen sich unsere kleinen Kläffer der modernen völkischen Heilslehre wunder wie Patriotisch vor, wenn sie ebenfalls bei jedem SJlcumv der in der Politik, Literatur, Wissenschaft oder im gesellschaftlichen Leben eine Rolle gespielt hat ode^, noch spielt, eine pseudowissenschaftliche Untersuchung anstellen, „woher er kam der Fahrt und wie sein Nam? und Art". Daß vor dem Nichterstuhl dieser Prediger „der B l u t h e i l i g k e i t", wie Wilhelm Cchwaner, der Herausgeber des „Volkserziehers", diese Sorte völkischer Rasseuschnüfsler einmal hübsch charakterisiert hat, auch die größten unserer deutschen Geisteshelden keine Gnade finden, ist bekannt; aber lustig wird die Geschichte doch, wenn diese „christlichg e r m a n i s ch aufgestülpten »Arierriecher'", wie Wilhelm R a a b e sie nennt, sich einander in die Haare fahren, sobaldsie entgegengesetzten Schlüssen kommen. Während Eberhard König, selbst ein Vorkämpfer für reines, unverfälschtes Deutschtum, für das wurzelechte Deutschtum des großen Olympiers von Weimar seine drei urteutschen Schwurfinger in die Höhe hebt, hat Eugen Dühring, der Goethe mit Vorliebe „Herrn von K o s ch e" tituliert, entdeckt, daß seine „sinnliche Frankennatur sehr viel Verwandtes mit entsprechenden hebräis ch e n R e g u n g e n" habe,' und im zweiten oder dritten Kriegsjahr hat gar „einer von den Neuesten, die sich fürchterlich erdreusten", es als' ausgemachte Sache erklärt, daß Goethe Judensprößling sei. In einer der letzten Nummern des „Hammer" wird ein Buch von Dr. Hans Günther: „Rassenkunde des deutschen Volkes" angezeigt, das die bisher in der Wissenschaft üblichen Rassenklassifikat'e vollständig verwirft unb an dessen Stelle ein ganz neues Rassenschema ausstellt: er unterscheidet eine „dordische, westische, ostische und dinarische Rasse". Der letzterein die ihren Ursprung wohl in den dinarischen Alpen (Dalmatien) hat, rechnet Th. Fritsch in seiner Besprechung des Buches auch Goethe zu, wenigstens behauptet er, seine Erscheinung „könnte einen dinarischen Einschlag vermuten lassen". Nun fehlt nur noch, daß nach dem 'von Herrn Tr. H offmann- Kuts ch k e und von Ph. Staufs über den grünen" Klee gelobten B u r g e r s ch e n S ch a d e l m e ß v e r f a h r e n noch nachträglich der Schädel unseres Dichterheros von einem gelehrten Kollegium unserer völkischen Rassentheoretiker gründlich untersucht wird, damit das deutsche Volk endlich von der quälenden Ungewißheit befreit wird, ob Goethe ein Deutscher oder ein Mischling war, in letzterem Falle also nach der Terminologie des trefflichen Dr. Franz H a i s e r „der K ö t e r r a s s e" zuzurechnen ist. Bei S ch i l l er hat „e r w a s iX n deutsches, j a U n g e r m a n i s ch e s", bei Richard W a g u e r die „nicht ganz klare Mischung" ja der völkische Tatar Lama in Weimar, Herr Adolf Bartels', schon längst als'unanfechtbar festgestellt, und Herr Dr. Heinrich Pudor hat aus der Tatsache, daß Wagner auf der Iudenstraße „Brühl" in Leipzig geboren wurde, mit Hilfe des Juden Meyerbeer das erste Fortkommen fand, Sür die Pariser Juden den „Tannhäuser" bearbeitete und in der iahe des Judenviertels in Venedig die Augen schloß, die untrüglichen Beweise seiner Verjudung entnommen. Auf der anderen Seite kam Ernst v. Wolzogen — freilich lange Jahre, bevor er sein nur für völkische Reinheit erglühendes Herz entdeckte — der Gedanke gar nicht aus dem Sinn, lvas ein Bismarck, der ja selbst mehr als einmal, wie sein bekanntes drastisches Wort beweist, einer Vermischung der germanischen und jüdischen Rasse das Wort geredet hat, für die Menschheit hätte bedeuten können, wenn. . . Doch lassen nur Proteus- Wolzogen selbst sprechen, indem wir wiederholen, wie er im Jahre 1900 („Liter. Echo" 9h\ 9, S. 16) über das jüdische Blut geurteilt hat: „Ob er (Bismarck) nicht' vielleicht der ersehnte, ganz moderne U n i v e r s a l m e n s ch gewesen wäre, wenn er ft a t t eines rein gezüchteten N i ed e r s a ch s e n ein bi ß ch e n Mischling, vielleicht gar mit einem Spritzer jüdischen Blutes, gewesen wäre?" Alle diese Spürnasen der Blutszugehörigkeit beanspruchen für die Ergebnisse ihrer Wissenschaft oder für ihren intuitiven Blick aus Grund eines ihnen vorliegenden Lichtbildes -ein inappellables Urteil, sie sind unfehlbar, und wehe denen, die gegen dieses Urteil demonstrieren wollten. Bartels hat den verstorbenen Rechtslehrer Joseph Köhler ginn Juden gestempelt: als dieser seine rassenreine arische Abstammung urkundlich nachwies, schrieb der Weimarer Papst der völkischen Kirche höhnisch: „Köhler leugnet, Jude zu sein." Noch schlimmer erging es dem bekannten völkischen Publizisten Prot. Freiherrn v. Lichtenb e r g mit Herrn Ph. S tauf s, der von ihm behauptet hatte, er sei jüdischer Abstammung. Auf die Erklärung des Angegriffenen, diese Behauptung sei in jeder Beziehung unwahr, die Beweise seiner rein arischen Abstammung seien in seinen Händen, erwidert Herr Staufs gelassen: er „verbreite" nichts, die Echschlagssamilien seien jüdisch. „Außerdem sind die stärksten G e gen - beweise gegen arische Abkunft im Antlitz." Warum lasse sich . L. nicht dem Burgerschen Kopfmeßverfahren aus Kosten Stausfs, wie ihm angeboten, unterziehen? Der verstorbene alldeutsch-antisemitische Fanatiker, Studienrat Dr. Lange mann in Göttingen, der in einer Anzahl von Hetzbroschür'on seine vergifteten Pfeile abwechselnd gegen Juden und Jesuiten richtete und in einem Schreiben an den bekannten national- Liberalen Parlamentarier Frei'herrn v. Richthosen kurz vor unserem militärischen Zusammenbruch damit drohte: „Hoffentlich haben d nicht Gelegenheit, Ihr schändliches Gewerbe bis zum. Ziel des. Elends-, Papst- und In den friede ns fortzusetzen, sondern werden schon vorher unschädlich gemacht", verzichtete von vornherein aus das Feigenblatt der Wissenschaftlichkeit; er dekretierte einfach: „Gras Karo ly ist Jude, wenn nicht bestimmt, so doch w ah r sche i n l ich". Mit dieser Burgerschen Schädel- und Gesichtsuntersuch u n g , die die Otto H a u s e r s ch e Diagnose nach dem Lichtbild immer mehr verdrängt zu haben scheint, glauben die Naffefetischisten offenbar den Stein der Weisen gesunden zu haben. Herr Dr. H o f f m a n n - K u t s ch k >e ist ganz fuchsteufelswild geworden, daß man daraus nicht ganz allgemein wie aus - ein Evangelium schwört. In einem Aufsatz, der vor längerer Zeit in der „Schlesischen Tagespost" erschien, donnerte er sein Anathema gegen die Zweifelnden und Ungläubigen: „Wir müssen dahin kommen, daß rücksichtslos der Wahrheit wegen s e l b st im na t tonalem1 Lagera l l e großen Führe r und selbst die Unterführer, einer-: genauen Schädel- und Gesichtsuntersuchung unterzogen werden. W e t] etwas zu verbergen hat, wird sich natürlich sträuben und' kneifen, und nur der edle, nicht von bösen Leidenschaften geleitete - Mensch wird sich freudig zu einer solchen Untersuchung stellen." Zu; der letzteren Kategorie^ gehörte offenbar auch ein auf seinen rassigen Schädelbau besonders stolzer Gelehrter, der nach der „Germania" > einst schrieb: „Ja, wenn nach Generationen einstens m ei n Totenschädel einem Anthropologen vor die Füße rollen sollte, so würde er diesen wohl höhnend als einen P f u sch e r i in seinem Fach a n g r i n s en, wenn er in ihm n i ch t g le i ch b e n i Ge rmanenschädel c r k e n n e n sollte". Also der Schädel und - das Blut — der „geheimnisvolle Saft" — sind die sichersten Kenn-; Zeichen der edlen oder unedlen Abstammung, und La gar des Satz/ „Das Deutschtum liegt im Gemüt, nicht im Geblüt", ist als böse! Irrlehre und Entgleisung abgetan. Gertrud B ä u m e x, die ) demokratische Reichstagjsabgeordnete und langjährige Herausgeberin! der „Hilfe", hat einmal aus einer Wahlreise in einem Eisenbahnabteils folgenden hübschen Typus eines .alldeutsch-antisemitischen Edel-; rassigen gezeichnet: „Mir gegenüber^ sitzt ein Bürger. Kugel-! rundes Gesicht, ausgebürsteter Schnurrbart, k l >e i n e A e u g -! -lein. T r i v i a l v e r sch w o m m e n, rasselos zum Uebelwerden.t Vor ihm liegen als sein geistiger Proviant die „Deutsche Zeitung", ein Roman von Cönrths-Mahler und — „Die Sünde wider das Blut", von Tr. Arthur Dinker. Lieber Gott — als ob an de m : Blut lvas zu verderben wäre?" Wenn schon einmal Schädel und'! Gesichtsausdruck zu Untersuchungen von Rassen- und Charaktereigenschaften herangezogen werden sollen, so gefällt uns Friedrich v. Bodenstedts in so hübsche Reime gegossene These doch erheblich besser: In jedes Menschen Gesichte — Steht seine Geschichte, Sein-Hassen und Lieben — Deutlich geschrieben. Sein innerstes Wesen — Es tritt ans Licht. — Doch nicht jeder kann's lesen — Verstehst jeder nicht. Der „Völkische Beobachter" beschäftigt sich in Nr. 94 vom- 17. Mai d. I. mit der Lösung der Frage: „Partei und Ueberpartcilichkeit". In der Kampfpartei des Nationalsozialismus sieht der Leitartikler, Herr Alfred Rosen borg, die Kopftruppe des völki-s scheu Staatsgedankens., der das gesamte Deutschtum vertritt, auch, wenn er schärfste Partei sein muß. Wie stände es dagegen um die s Reichswehr,-die eine überparteiliche Sicherung -des Staats.-! ge danke ns sein solle: „Im Reiche besteht eine Reichswehr, welche, wie es heißt, für Ruhe und Ordnung zu sorgen hat. Dieser Reichswehr wird heute zur Pflicht gemacht, die sogenannte demokratische Republik zu: schützen... In dieser demokratischen Republik von heute herrscht dev: Börseukapitalismus in einer Weise wie nie zuvor, blüht die Wucherfreiheit in einem Ausmaße wie niemals, ohne daß die Regierung'die Todesstrafe für diese Bolksausbeuter verhängt . . . Ganz abgesehen vom guten oder schlechten Willen einzelner Persönlichkeiten dient somit, sachlich betrachtet, die gesamte deutsche Reichs lv ehr letztenEndes zu m Schutz nichts einer deutsche n st tätlichen R u h e und n i ch t e i n e r deutschen staatlichen Ordnung, sondern dev! Wucherfreiheit, und unter dem Schutze deutscher Flinjtena kann der Großschieber und Großspekulant in Ruhe und Ordnung dem deutschen Volke das Fell über die Ohren ziehen. Das ist, rein sachlich' betrachtet, die der Reichswehr gestellte Aufgabe, die sie in Deutschland zu erfüllen hat, und es ist dies beileibe nicht eine überparteiliche Sicherung eines deutschen Staatsgedankens, es ist dies nicht die Sicherung eines deutschen Freiheitskamps.es nach' außen, ja d i e' R e i ch s w e h r ist vielleicht nicht einmal das Jnstrument einiger weniger Parteien, sondern letzten Endes die l Waffe von e i n i <3 e n D u tzend j ü d i s ch e n. u. n d nichtj ü d i s ch e n M i l l 1 a r d ä r e n, welche diese Parteien gründeten und großzogen. Die Worte: die Reichswehr sei der Schutz des Staates, sei der Schutz der Republik usw. entpuppen sich somit als Ablenkungsmanöver derjenigen Kreise, welche am Fortbestehen der heutigen schmutzigen Zustände ein persönliches Interesse haben/'.