Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1923)
- Date
- 1923-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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179 Das Wesen -es Talmuö. Aufklärungsvortrag in Bremen. r Hm Aufklärung über den Talmud, die alte und doch ständig neue Quelle antisemitischer Angriffe zu schassen, hatte die Bremer jüdische 'Gemeinde durch MitLeil ungen in den Tageszeitungen alle Interessierten zu einem Vortrag des Leiters der Hamburger T a l m ud - Tho r a - Sch ule, Dr. Carlebach, eingeladen. Der Vortrag fand am 27. Mai im Ge wer behaus statt und war besonders auch von sehr zahlreichen Nichtjuden, darunter ortsbekannten Antisemitenbesucht. Der Redner führte in seinem fast zweistündigen Referat etwa folgendes aus: ,.Tas Wesen des Talmud ist nur aus gründlicher Kenntnisdes gesamten Werkes heraus Zu erklären. Die Nichtjuden sind aber zn zählen, die dieses Riesenwerk durchgelesen haben. Es ist behauptet worden, der Talmud sei kein Buch, sondern eine Bibliothek. Das stimmt nur teilweise; denn wenn er auch die verschiedensten Gebiete bespreche, so sei er doch in einem Geiste geschrieben. Er ist auch nicht, wie Graetz ihn nennt, das jttdische Pompeji. Ueber Pompeji weht Leichenluft.- Der Talmud ist aber noch heute ein Buch des Lebens. Das Wesen des Talmud könne nach vier verschiedenen Seiten hin begriffen werden: Er ist eine Welt ohne Pathos. Auch die erhabensten Ereignisse meldet er sachlich und ohne Begeiüerrug. Dann ist ' er eine G l a u b-c n s w e l t ohne Glauben. Ueberall und jedem gegenüber fordert er alle ohne Ausnahme zur Kritik aus. Drittens bildet der Talmud eine Toppe!-, w e l t, die Welt der Hagada und die der Halacha, die der Erzählung und Sentenz und die des Berichtes und Gesetzes. Und doch sind beide Teile nur Aggregatzustnnde desselben Körpers. Die Halacha ist die kristallisierte Hagada. Grütze Ideen lügen allen Religionen zugrunde. Ter Talmud zeigt, wie sie im praktischen Leben durchgeführt loerden können. Tie Halacha wendet sich an den menschlichen Verstand, die Hagada au das Herz. Darin liegt das Mysterium des Talmud, denn die menschliche Natur besteht selbst aus Hagada und Halacha. Schlietzlich ist der Talmud seiner Methodik nach die Welt der Scholastik, Er gibt die Begründung und Erklärung zu den Sätzen der Mischna. Nie behandelt er die großen Probleme als solche, sondern stets praktische Eiuzelfälle. Bon der Scholastik des Mittelalters unterscheidet er sich durch die Wahrheit seiner Ausführungen. Aristoteles, Vorbild der Scholastik, wurde schlietzlich für erledigt erklärt. Der Talnmd ist noch heute das Problem der Geistesgrößen. Aristoteles erlag der Kritik: die Mischna hielt sie aus. Der Talmud erzieht zum objektiven Denken: er ist das Buch der Ehrlichkeit. Die Verbirrdung von Halacha und Hagada, von Wollen und Können, von Verstand und Gefühl, ist das Mysterium des Talmud, das Geheimnis Gottes." Reicher Beifall dankte für die hervorragend sachlichen und erhebenden Ausführungen. Der Vorsitzende, Dr. Nu tz b a um, wies in einem Vor- und Nachwort kurz die Angriffe der Judengegner zurück. Der Abend hat seine Absicht, Juden u n d N >i ch t j u d e n den Wert dieses Werkes jüdischer Selb Prüfung zu beweisen, in mustergültiger Weise e r f ü l l t. §dd Zrieörich Wilhelm Prinz zur Lippe. Verleumd-ung der jüdischen Ruhr.deutschen. In der letzten Dienstagausgabe der ,,D e u t s ch e n Z e i t >u n g" leitartikelt W H h e tmzur L i p P e zur Abwechselungeinmal über sich selber. Cr hebt seinen Heldenmut während seiner vorübergehenden und du-rch den Preis schwerer Millionen beendeten Gefangenschaft über Gebühr hervor, um dann miff sittlicher Entrüstung behaupten zu können: - „Bezeichrrerrdevk^eise hat fich unter den mindestens sechshundert Gefangenen, die ich gesehen habe, kein einziger Jude befunden." Wenn der Prinz auch durch seinen Geldbeutel fich die Freiheit, erlaufen konnte, die anderen versagt blieb, die iu der Wahl ihrer Ettern weniger vorsichtig waren es ist nicht recht glaubhaft, daß die Franzosen ihm aus Dankbarkeit für den Reparationsersatz gestattet haben, eine Parade über die Gefangenen abzuhalten und sechshundert Blutsprolberr vorzunehmen. Gm Blick iu unsere heutige A nt w o rt eu r ubrik zeigt, -daß der Prinz ein verleumderisches Wort gelassen ausgesprochen hat. Der Herr Ro senil a u m aus Dortmund, ein 74jähri>ger Greis, hat schwere materielle Opier, die Einbuße des ganzen Pfingstgeschäftes, aus selbstverständlicher VaterlandGiebe auf sich genommen. Zwei Juden sind statt 'des einen 'in die Gefangenschaft gegangen. Der jugendfrische Prinz dagegen hat materielle Opfer nur gebracht, um seine geschätzte Persönlichkeit in Sicherheit zu bringen, und fern vorn Schuß im beha glichen Arbeitsz im me rLeitartikel gegen Rosenbaum und Genossen schreiben zu können. Adel verpflichtet! Deutschsoziale und Republik. Lawerrenz gegen Kunze. Die letzte Nummer des „D e u t s ch n a t i o n a l e n Volksfreundes", des offiziellen Organs des Landesverbandes Berlin der Deutschnationalen Volkspartei, bringt eine Philippika des deutsch» nationalen Reichstagsabgeordneten Lawerrenz gegen Herrn Kunze, der wir folgende Sätze entnehmen: „Herr Richard Kunze, der erste Vorsitzende der Deutschsozialen Partei, übersandte kürzlich dem „Berliner Lokalanzeiger" eine Richtigstellung zu den Berichten über die Verhandlungen wegen des Verbots der Deutschvölkischen Freiheitspartei vor dem Staatsgerichchhof in Leipzig. In dieser Erklärung steht u. a. der folgende recht interessante Satz: „Die Deutschsoziale Partei anerkennt durchaus die Republik". Demnach hat sich auch Herr Kunze vorbehaltlos auf den berühmten ,Boden der Tatsachen' gestellt und versucht auf ihm sein ,Programm der Rettung' zu verwirklichen. Wir be* neiden ihn um dieses Bekenntnis nicht und gönnen der Republik von Herzsn diese neue kräftige Stütze." Wir haben keinen Anlatz, uns in diesen häuslichen Streit einzumischen. Allerdings scheint uns die Ironie, mit der hier auf das „P r o g r a m nt de r Nett u n g" hinge lvie sen wird, sehr berechtigt. Kunze als Hüter der Republik paßt zu dem Rettungsprogramm \mt die Faust aufs Auge. Ist er doch so unvorsichtig, in der letzten Nummer seines „Wochenblattes" ein Inserat folgenden Worb, lants erscheinen zu lassen: Wer größere Kapitalien mit IW Prozent Verzinsung anlegen will, der schreibe sofort an das „Deutsche Wochenblatt"! Will Herr Kunze sich oder andere iretten?! Not unö Elentrotz horthp. A u s de m i u d e n s e i n d li ch e n IX n gar n. Wem: man Knüppel-Kunze oder die Herren Graefe lind Wulle in den Volksversammlungen reden hört oder die Pretzorgane dieser Herren liest, hat man den Eindruck, als ob in Deutschland alles paradiesisch schön werden könnte, wenn eine Regierung nach d e m G e s ch tu a ck dieser H e r r e n mit der „Jndenwirtschaft"' in Deutschland aufrüumen würde. Nicht selten wird auf Ungarn hingewiesen, in dem die „Judenherrschaft" über Nacht gestürzt worden sei, und das Regiment Horthy für Deutschland herbeigesehnt. Die „Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom Sonntag, den 27. Mai, einen Sonderaufsatz aus Budapest, der Eindrücke wiedergibt, die man nach den so wenig erfreulichen Bildern in Oesterreich bei der Ueberschreitung der ungarischen Grenze empfängt: Zeichen eines strafferen Geistes; über allem öffentlichen Leben ein starker militärischer Einschlag. Stolz stellt der Briesschreiber fest, daß in der Budapester Stadtverwaltung die Macht der Juden gebrochen sei mtb daher Goldankaussstellen, Bars, Likörstüben und Kinos fast ausnahmslos im Straßenbild Budapests fehlen. Man sieht lebhaft einen alkoholfreien Großgrundbesitzer vor sich. Mit triumphierender Mene möchte er sein Leibblatt der ganzen Mitwelt zeigen: „Seht, überall herrscht Ordnung, wo die Völkischen am Ruder sind! Machen wir es den Ungarn nach!" Doch als er das Blatt wendet, wird er — fünfzig Zeilen weiter — recht betrübt. Dort steht geschrieben: „Ungarn ist Weinland. Es kann zurzeit seine Weinproduktion nicht einmal ordentlich absetzen, da die Nachbarn die Grenzen gesperrt haben. Umso besseren und billigeren Wein gibt es im Lande. Das ist ein kleiner Trost bei all den sonstigen Nöten. Die sind meist nicht geringer als bei u n s. D i e Wohn u ngsnot ist sogar noch viel größer. Jetzt will man den Versuch wagen und die bisher zwangsweise niedrig gehaltenen Mieten etappenweise dem Friedenspreise annühern. Die Bautätigkeit ruht fast g a n z. Auch kein Villenbau wie in Berlin. Es fehlt eben allenthalben an Geld. Die Beamten erhalten geradezu erbärmlich niedrige Ge- Halter, überall wird nach Möglichkeit gespart. An Nahrungs- Mitteln fehlt es in dem Agrarland, das noch Rumpf- Ungarn geblieben ist, zwar nicht — sie sind' größtenteils erschwinglich — wohl aber an fast allem andern. Holz zum Häuserbau muß, ebenso wie Brennholz und Kohlen, im Ausland gekauft werden. Außerordentlich teuer, selbst für deutsche Begriffe, sind Textilwaren und Stiefel. Ein Paar aute Halbschuhe 30- bis 40 000 Kronen (über 300 000 Mary. Es wird anscheinend wenig, gekauft." Die Nöte in Ungarn sind also meist nicht geringer als in Deutschland. Und die Wohnungsnot ist sogar noch viel größer? So sieht es also trotz Horthy in Ungarn , aus? Wenn Herr Kunze und Genossen die Juden als die Schuldigen an Not und Elend in Deutschland hinstellen werden, wird man ihnen den Bericht der „Deutschen Tageszeitung" aus dem judefffeindlichen Ungarn Vorhalten müssen, auf daß sie verstummen.