Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1923)
- Date
- 1923-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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178 Der harmlose Roth un- -er böse Eindrücke von der Verhandlung des Staatsgerichtshofes. ' Von Dr. Felix H e i m a n n (Stettin). Am 8. Mav 1922 — also kurz vor der ErMrdung Walther Rathenaus — fand in der Aula des Stadtghurnasiums zw Stettin eine öffeMiche Bersammlurrg des Deutschvöllischen Schutz- und Trutzbundes statt. Referent war 'der Leiter des Bundes, AlfredRoth: aus Hamburg, der angeblich über Deutschlands .Zukunft sprechen wollte, in Wirklichkeit aber eine an Niedrigkeit nicht zu überbietende Hetzrede gegen den damaligen Außenminister Nathenau, der zu jener Zeit in Genua weilte, gegen die ReickMregieru-ng und gegen das Judentum hielt. Ein Jahr nachher — und fast ein Jahr nach der Ermordung Rathenaus — stand Herr Roth als Angeklagter vor den Schranken des Staatsgerichtshofs ,in Leipzig, um sich wegen des! Stettiner Vorganges zu verantworten. Reichskanzler g. D. Dr. Wirth, in dessen Kabinett bekanntlich Nathenau das Aüßenlninisierium verwaltete, hatte in seiner Eigenschaft als Kabinettschef Strafantrag gestellt. Die deutsche Presse aller Richtungen hat sich mit dem Ergebnis der Berveisaufnahnle, die am 26. Mai, nachmittags, geschloffen wurde, in ausführlicher Weise beschäftigt. Deshalb an dieser Stelle nur eine kurze Darlegung von Eindrücken persönlicher Art. Aus der Anklagebank Alfred Roth, leicht ergraut, besangen von Weckst verhehlter Nervosität, unaufhörlich, oft vom Präsidenten unterbrochen, an fast jeden Zeugen Fragen stellend, vom Hundertsten ins Tausendste gehend. — Was er damals in Stettin sagte?! Aufreizung von Vobksklaffen gegeneinander-, verte u m b c r i f ch e B e l e i d i g u n g und S ch m ü h u n g Rathenans? Alles nicht wahr. Seine A u sforderu n g e n an d i e Versa mm l un gs te i l ne hme r? Nein platonischer Natur! Peitscht die Juden ans D e u t s ch land h e r a u s? Kein Gedanke! Er meinte nur Herrn Katz und Herrn Rosenfeld und andere jüdische Abgeordnete. D i e sollte man mit der Peitsche «ms dem Parlament, das sie zu einer Kaschemme erniedrigt hätten, jagen! Schmähungen Rathenaus? Ein großer Irrtum! Nathenau — ein hochbegabter Mensch. Aber nach seiner — des Angeklagten — Ansicht leider mit schwerem Geburtsfehler behaftet. Jude!! Einer von den dreihundert jüdischen Weltregenten! Könne als Jude nicht anders handeln als er gehandelt habe. Wenn er — Roch — von ihm in Stettin gesagt habe, er arbeite gegen Deutschland — gewiß! Aber eine Schuld Rathenaus hätte er damit nicht sestpellen wollen. Ein Jude könne aus seiner Haut nicht heraus. Müsse zum Verderben Deutschlands arbeiten. ' Die Zeugin Ilse Lew tu aus Stettin, Sekretärin des Landesverbandes Pommern im Central-Ver-ein, wird vorgerusen. Ob sie diese Auffassung von der Beurteilung Rathenaus durch Roth gehabt .Mite. „Keineswegs", meint sie und erklärt unter großer Bewegung am Richtertisch und im Zuhörerraum, daß sie eine derartige Beurteilung eines deutschen Juden für eine ungeheuerliche Beleidigung «msehen müsse.-- Dann— heftiger Zusammenstoß zwischen dem Angeklagten und mir. Der Ce ntr al-Ve r e t n st e h t zur Diskussion! Der böse schreckliche Central-Verein. Der verfolgt ihn, den harmlosen Alfred Roth, will ihn, den Familienvater, der durch seine Tätigkeit so manche Familie unglücklich gemacht hat, ins Gefängnis bringen. Das Wort Denunziation fällt von des Angeklagten Lippen. Ich belehre Herrn Roth — die gute Gelegenheit nützend — über die Aufgaben des Cendral-Vereins: , „Wir sind dazu da, um deutschen Juden, deutschen Volksgenossen, deutschen Staatsbürgern ihre durch die Verfassung feierlich verbrieften Rechte zu schützen. Wenn Sie Abwehr gegen Aufforderung zum „Abkillen", zur körperlichen und geistigen Vernichtung als Denunziation bezeichnen, so komme ich nicht mit. Defensiv und ausbauend ist unsere Tätigkeit, agressiv und niederreißend die Ihrige!" Hieben dem Angeklagten der Verteidiger. — Kommt aus München, hatsich einen Herrn aus Stillt gart „zur persönlichen Unterstützung" mitgebracht, stellt unaufhörlich Anträge -der sonderlichsten Art. Ter Reichskanzler Wirth soll geladen werden und der Sachverständige Bischof, um Erklärungen über Talmud und Schulchan abzugeben (!), der Herr Oberreichsanwalt soll die ganze Anklage fallen lassen — und überhaupt wäre der Gerichtshof unzuständig. Und Herr Roth würde sehr gern nach Stettin zürn Schöffengericht fahren. Und die Anklageschrift wäre nebenbei gefälscht. Und so fort all infiniium. Der Gerichtshof erklärt sich für zuständig mib< für sachverständig genug, um über die zur Anklage gehörenden Dinge zu urteilen. Lehnt alle Anträge des Verteidigers ab. Unter den Belastungszeugen Herr Pankow ski, Redakteur des „Stettiner Volksboten", macht unverkennbar tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Schildert mit klassischer Ruhe die Vorgänge an den: kritischen Tage. Eine Hetzrede hielt Roth, wie er, Zeuge, sie nie vorher gehört hat. Roth hat zur Hinauspeiffchung der Juden in ihrer Gesamtheit aus Deutschland aufgefordert. Hat Rathenau einen Handlanger der Entente genannt, den Kandidaten des W e 11 j u b e n -t u m s. Roth springt erregt aus! „Kandidat des Auslandes" hätte er gesagt — und ein gutes Dutzend seiner Entlastungszeugen erklären in merkwürdiger Uebereinstimmung genau, dasselbe. — „Diese Bezeichnung ist ja noch viel schlimmer" meint ruhig Präsident Niedner. Weitere Entlastungszeugen erscheinen. Ein Zigarrenhändler Müller, ein Stautsanwal-tschaftsrat (!) Blümel, der „schon schlimmere »Versammlungen" mit erlebt hat und jnriMch keine Schmähungen Nathenaus feststellen konnte (!), eine zwanzigjährige Landgerichtsratstochter Edith Bock, die den in der Tagespreffe viel besprochenen Zwischenfall herbeiführt, indem sie auf die Frage des Reichsgerichtsrats Döhn, ob sie dem Deuffchvölkischen Schutz- und Trutzbund angehöre, im Konversationstöne der Tanzstunde mit „selbstve-rständlich" antwortet, heiter gedämpften Unwillen am Richtertische hervorruft und sich einen scharfen Verweis seitens des Vorsitzenden zuzieht. Dann ernstzuuehmen und eindrucksvoll: Herr Hundeiker, Hauptmann a. D. und antisemitischer' Agitator. Er tritt selbstverständlich für seinen Freund und Meister Roth mit Wärme ein. Belastungszeugen Stadtverordneter Kuhrt, Redakteur La-nzLe, Kaufmann Leopold Lachmanu, der sich ungernein deutlich <m die Vorgänge Zurückerinnern! kann, sämtlich wie auch .die vorgenannten! Entlastungszeugen aus Stettin. Schluß der Beweisausnahme. — Kleine Sensation. Die Berichte der rechtsstehenden Blätter Stettins, der „Pommerschen Tagespost" und der „OstseeZeitung", über die Noth-Versa-mmlung werden verlesen. Sie — gewiß unverdächtiger Art — bestätigen restlos all das, was einheitlich sechs Belastungszeugen vorbracht-en und zwAii. Entlastungszeugen abstritten. Tie Sonnabendverhand-lung bringt noch nicht das Urteil. Dieses ist erst, wenn die „C. V.-Zeitung" im Druck erscheint, zu erwartend Wie es auch aussallen möge — -Herr Roth wird gerichtet die Anklagebank verlassen. ' das biblische Gebot -er Nächstenliebe. R-abb. Dr. K r o n e r (Oberdors-Bopfingen). Die Nächstenliebe der Bibel gründet sich, so merkwürdig wie daS klingt, aus die Eibenliebe. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Die Eigenliebe ist Grundlage aller Nächstenliebe, daeigene Ich soll den Maßstab für die Leistungen der w a h r e n Menschenliebe bilden! So wird die Eigenliebe von der Bibel sanktioniert, ja als unentbehrliches Postulat für hie Nächstenliebe hin gestellt. Die Bibel ist nicht so erd- und weltfremd, als daß sie den ganz natürlichen -tmfo gesunden Egoismus des Menschen nicht billigen und nicht als den rnächtigsten Hebel aller Daten der Menschenliebe ausrufen würde. Predigt doch die Bibel an vielen Stellen diese vernünftige Selbstliebe! >,Du sollst offen und satt werden, .du sollst einsammeln dein Getreide, deinen- Most und dein Oek, daß du freudig bist" (an deinem- Feiertage, wo du deine Ernte einheimst), „daß kein Armer unter -dir ist," wie unsere Weisen, es erklären, „daß du selbst ntäf)t verarmst," nicht über das vernünftige Maß hinaus von deinem Vermögen vergeudest, das alles sind Sätze einer klaren, lebensstarken und lebensfrohen Selbsterhaltung! Diese freudige Eigensucht soll mit allen ihren freudigen Energien, aber auch mit all der Vehemenz der Abwehr lebenbedrohender Feinde Maß stab f ü r deine N ä ch st e n lie b e sei n! Denn dein Nebernmensch, so deduziert biblische Logik und Ethik, ist genau so wie du,' er hat dasselbe freudige Lebensrecht, er will auch essen und satt werden, er will a u ch den Ertrag seiner Arbeit sammeln, er will auch seinen Feiertag besitzen und will ebensowenig verarmen wie du, und er wird ebenso wild und verzweifelt kämpfen gegen all die Mächte, die fein Lebensglück gefährden oder ihm gar rauben wollen. G er ade die letztere Erkenn tnis so1l der mä chtigste Ansporn d e i n e r N ä ch st e n l i e b e sein. „Daß du deinem Bruder das Nachtgewand, bein Pfandstück, bis zum Abend wieder Zurückgibst, sonst nnrb seine ^eele deinetwegen aufschreien zu Gott!" Denke an deine eigene menschliche Not und fei nicht lieblos und hartherzig, das ruft au so vielen Stellen die tiefgefühlte M e ns che n l r e b e d e r Bibel! Auf diesem Gedanken gründe ist auch das fast erhabenste biblische Gebot der Nächstenliebe ausgebaut: „Liebet die Seele des Fremden, denn ihr wäret selbst einmal Fremde im Lande Egypten." Es war deshalb eine der ethisch größten Wahrheiten, die «der weise Hillel gesprochen, als ein Heide ihn tun Kenntnis des Judentums in der Zeit, in der man aus einem. Fuße stehen könne, bat, und er ihn: erwiderte: „W a s dir v e r h a ß t i ft, das tue a u ch deine m N ä ch st e n nicht, das ist die Hauptlehre des Judentums, gehe hin und lerne weiter!" Biblis che, jüdische M oral, ihn d gerade jetzt politische Moral, wie weit sind j i e v o n e i n -anher entfernt, Berge von grundverschiedener ethischer Einstellung twcvn dazwischen! Trotz " alledem ' hoffen nur, daß auch die Zeit einmal erscheint, in der man einsieht, daß Bibelmoral loah re Lebensu n d W e l t m v r al bedeutet, daß des Propheten Wort voll und ganz als Wahrheit erkannt wird: '„Häven wir Nicht alle hat uns nicht alle ein Gott geschaffen, warum soll treulos sein einer gegen den anderen?"