Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 21 (26.5.1923)
- Date
- 1923-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Emil Josephthal gestorben. Aus Nürnberg kommt die erschütternde Nachricht, daß unser Emil I o s e P h L h a l, der Getreuesten einer, kurz nach seinem 60. Geburtstage einer tückischen Krankheit erlegen ist. Wir verlieren in Josephthal einen unserer ältesten und bewährtesten Mitarbeiter, einen Mann von echt deutschem Schrot und Korn mit warmem jüdischen Herzen. Sein Auftreten in den HauPtvorsLandssitzungen, seine Packenden Reden, sein aufrichtig gütiges Wesen wird keiner je vergessen. In einer der nächsten Nummern unseres Blattes soll ihm ein eingehender Nachruf gewidmet sein. dienst an der Front leisteten. Es ist aber absolut unrichtig und eine gehässige F ä l f ch u n g, wenn versucht wird, die Zustände, die sich während der Kriegszeit au der Wiener Universität herausgebildet chatten, als öauemivti und auch heute noch fortbeftehende Hinzuftellen. Die überwie'gend'S Mehrheit der krieiAflüchtigeu Studenten aus dem Osten, sowohl Juden wie Nichtjuden, ist seither an die Universitäten Krv-kau, Lemberg und Czernowitz zurückge-kehrt und oß hadern au der Wiener Universität schon ziemlich normale Verhältnisse Platz 'gegriffen, so daß -auch gegenwärtig wieder die jüdischen Hörer zu den nichtjüdischen im Verhältnisse von etwa 45 Prozent zu 65 Prozent stehen. Ter Herr Revident, der Bundesbahnen schätzt die Zahl der jüdischen Bewohner Wiens derzeit auf „reichlich ein Drittelder Gefamtbevölkwunig Wiens". Das intimer Wiederkehr ende Wort „reichlich" ist sehr bezeichnend für den Statistiker Hmtbenberger. Die Ergebnisse der am 21. März d. I. vorgeno-mmenen DoMzächlung liecpi noch nicht vor. Aber wach der früheren NoWzählunig betrtlg die Zahl der Juden in der damaligen Zwei-Millionen-Stadt Wien rund 170 000, ttnd wenn nun angenEmen wird, daß die gesamte Bevölkerung Wiens! sich bis honte durch die Kriegsereignisse um etwa 30 000 Seelen vermindert, die Zahl der Juden aber durch den Zuwachs aus Galizien und Ungarn um 50 000 erhöht hat — denn der größte Teil der jüdischen Kriegsflüchtlinge ist schon, längst in seine Heimat befördert worden —, so gelangt man zu dem Resultat, daß die jüdische Bevölkerung Wiens heute etwa den a ch te n Teil d er G e s a nr tb e v ö l k e r u n g b e - tr ü g t. So sehen die „zwingenden Beweise" des Herrn Leo Haubenberger aus. Dieselbe stupende Verläßlichkeit zeigen jene Ziffern, welche das Glaubensbekenntnis der an der Wiener Universität lehrenden Professoren betreffen. Er stellt das Jahr 1888 (!) in Vergleich mit dem' Jahre 1920; er führt an, daß im Jahre 1888 an der Wiener Universität von 280 Professoren nur 93 Juden waren. Hier rechnet er also alle Fakultäten zusammen. Für das Jahr 1920 zieht er aber nur die medizinische Fakultät tlnd die juristische Fakultät in Rechnung und behauptet mit bewunderungswürdiger Kühnheit, daß an der ersteren 70 Prozent, an der zweiten 60 Prozent jüdische Professoren gezählt werden. In Wahrheit steht nun die Sache so, daß unter den gegenwärtigen 230 Professoren der Wiener Universität 11 der theologischen, 26 der juridischen, 83 der medizinischen und 110 der philosophischen Fakultät angehören. Hiervon lehren an der juridischen Fakultät 7 Juden, an der medizinischen Fakultät 81 Juden und an der philosophischen Fakultät 22 Juden. Man stelle diese Ziffern den von Herrn Haubenberger angeführten gegenüber und man wird dann zu einem klaren Begriff über die Verlogenheit und Gewiffenlosigkeit dieses deutschvölkischen Hetzers gelangen. Soweit die Ziffern. Aber noch schlagender sind die Tatsachen! Unsere jüdische Jugend ist nicht feige; die gewaltigen Hiebe, welche jüdische Studentenverbindungen an ihre nationalen Gegner austeilten, haben schon vor Jahrzehnten die völkischen Burschenschaften zu dem Beschlupe veranlaßt, mit Juden keine Mensur mehr auszutragen, weil diese „minderwertig" seien. In Wahrheit waren ihnen die Abfuhren zu vollwertig. Wenn nun jeden A u g e n b l i ck von den D e u t s ch v ö l k i s ch e n die Zugänge zur U n i v e r s i - tät bes etzt und die jüdischen Studenten am Be - suche der Vorlesungen g e h i n d e >r t werde n, so beweist dies angesichts der notorischen Tapferkeit der Juden die starke zahlenmäßige Ueberlegenheit der Deutschvölkischen. Zum Schlüsse stimmt Herr Haubenberger ergreifende Wehklage darüber an, daß die Wiener sogenannten „jüdischen Zeitungen" eine Tagesauflage von rund 1300000, die „reindeutfche" Wiener Presse jedoch "nur eine Tagesauflage von rund 140 000 Stück absetzt. Unser innigstes Beileid! Aber wer den Drefchflegelton, die Geistesarmut und Langweiligkeit dieser „reindeutschen" Presse kennt, wird den Geschmack des Wiener Lesepublikum vollkommen begreiflich finden. Die Deutfthnationalen im Schlepptau -er völkischen. A u f n a h m e e i n e s I ud e n p a r a g r a p h e n i n d i e Satzungen. Weit über die Grenzen Groß-Berlins hinaus dürste der Parteitag des Landesverbandes Potsdam II, der am 16. Mai in Potsdam stcittfand, Beachtung finden. Die Landtagsverhandlungen in der letzten Zeit haben zur Genüge bewiesen, daß die Furcht in deutschnationalen Kreisen vor der völkischen Konkurrenz dauernd wächst. Die ruhigen, besonnenen Führer aus der atireu konservativen! Partei müssen völkischen Heißspornen weichen, die wie S ch l a n g e - Schöumgen das Vertrauen der Hakenkreuzler genießen rwer wie Gras Westarp sür die Freiheitspartei des Herrn Gräfe offensichtlich Sympathie hegen. Von diesem Gesichtspunkt aus nimmt es nicht wunder, daß auf der Landesverbandstagung in Potsdam in die Satzungen die Bestimmung ausgenommen wurde: der Landesverband steht a it f v ö l k i s ch e m B o d e n u n b l ehnt d i e A u s n a h m e v o n I u d e n a b. Allein die Ortsgruppe C h a r l o L t e n b u r g unter Führung des SamtätsraL Tr. R a d i ck e stimmte g e g e n diesen Antrag, den Gras We st a r p mit Rücksicht aus die Beschlüsse einer Reihe anderer Landesverbünde warm befürwortet hatte. Tie Teutschnationalen werden nur so lange im Schepptau der Völkischen bleiben, wie sie sich den Luxus der Verantwortungslosigkeit leisten können. Praktische Arbeit im Interesse des Volksganzen ist unvereinbar mit demagogischer Hetze gegen einzelne Teile des Gesamtkörpers.. - Völkische helöen. A u ch H o t t e n r o t t i st p l ö tz l i ch s ch wer k r a n k. Als der Herausgeber des „Völkischen Beobachters", Dietrich Eckart, vor dem Forum des ^taatsgerichtshofes erscheinen sollte, tat er zunächst recht groß und trotzig, wurde aber bald klein und häßlich und ließ sich ein Attest ausstellem daß er an Lebers ch w tt u D leide. Was machte Hans H o i t e n t o 11 in Staßfurt für einen Tantam. als cx nach Leipzig hocherhobenen Hauptes und furchtlos wie ein Ritter ging. Zweieinhalb Jahre Gefängnis hat ihm der- Staatsgerichtshos zudiktiert und auch mit dieser strafe hat Hans HoLtenrütt in der Rolle des Märtyrers zu Paradieren gewußt. Jetzt lesen wir im „Al i e s b a ch e r A n z e i g e r" vom 18. Mai d. I, folgende Notiz in Fettdruck: Wie wir erfahren, haben, vier Polizeibeamte in Tölz versucht, den schwerkranken Schriftleiter der „Mitteldeutschen Presse", Hans Hotteurott. zu verhaften und mittels Autos wegzuschassen. Wir fragen die bayerische Regierung: . 1. Sind es bayerische Beamte, die an dieser Aktion beteiligt waren? 2. Ist ihr bekannt, daß infolge der Aufregung sofort der Arzt eingreisen mußte? Haus Hottenrott, einer der w ü st e st e n Anhänger des P o g r o m a n tise nt 11 i § nt u s , immer mit dem Galgen bei der Hand, ist also auch nicht der Mann mit den eisernen Nerven, als den -er sich in Wort und Schrift anzupreiseni pflegte. Das Lebert braucht nicht einmal in Gefahr zu fein — schon das bittere Muß der Gefängnisstrafe macht die völkischen Großmäuler kampfunfähig und — erholungsbedürftig. Früchte öer RrmZe-tzetze 'in Gberfthlesien. Gewalttätigkeiten und Attentate. W-er die letzten Nummern des „Deutschen- Wochenblattes" deÄ Herrn K u n z e° gelesen hat, weiß, daß Knüppel-Kunze Oberschlesien zu seiner Hauptdomane gemacht hat. Dort glaubt er, bei den nächsten Wahlen ein Mandat erlangen zu können. So wird er nicht müde, durch übelste Sensation die Blicke der oberfchlesifchen Bevölkerung auf sein Blättchen unb sich Zu lenken. Besonders auf B e u t h e n hat es das „Deutsche Wochenblatt" in letzter Zeit abgesehen. Die Erfolge blieben nicht aus: Am 16. Mai, abends 8 Uhr, drangen in das Benthener Gemeindeharrs, wo die Ostjrrden beten, 2V Banditen ein. Dem energischen Vorgehen des Verwalters gelang es, -die Eindringlinge herausznwerfen. Schupo wurde herbeigeholt, stMte aber keinen der Banditen fest. Am 15. Mai, nachts 11.30 Uhr, wurde auf das am 13. d. M. eingeweihte Kriegerdenkmal des jüdischen Heldenfriedhofes eine Handgranate geworfen. Das Denkmal blieb znm Glück unverletzt, dagegen wurden umliegende Grabsteine schwer beschädigt. Die Täter; find entkommen. Es scheint, als ob man in Oberschlesien erst dann fest zu greifen wird, wenn die täglichen- Aufreizungen zu Gewalttätigkeiten gegen Juden ähnliches Unheil herausbeschworen haben wie seinerzeit die Mordhetze gegen Rathenap.