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Central-Verein-Zeitung · 1923-05-26 · 21 (26.5.1923) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
21 (26.5.1923)
Date
1923-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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EtnAelnummer 100 flt. VMter sürOeulscktum^ itnoTopcn Serlin, 20. Mai 1-23 H. Jahrgang <* Nr. 21 ÄrMui^LMtMVeremsöeull StaatÄÄryeriüWcken KoofrettsTn JUlgemeine £eitun$ des Oudenrums Verlag u. Schristleitung: Tentral-Verein deutscher Staatsbürger jü-ischen Glaubens e.v. Gerlin SW HK» Linöenstr. 13 -Fernsprechern Amt Dönhoff 3594,3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 Telegrammadreffe: Lentralverein Lindenstr. 13. Berlin. Ä>ie Zeitschrift ist nur durch di« zuständige Postanstalk zum Preis« »o» v t«r t e ljii l> r l ich M. 120»,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annonceu-Expedition Rudolf Moffe, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. ILM,— fiir die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmeffer Nr. 1, Familienanzeigcn und Stellengesuche sür Mitglieder des Ceytral-Vrreins mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 5000,— Ist Oesterreich verjuöetl Von Siegfried Fleischer (Wien). In den letzten Monaten häuften sich in Wien schwere Zusammenstöße mit HakenkreuZlern. Der Judenhaß in Oesterreich, das Bayern seinen Hitler geschenkt hat, nimmt bedenkliche Formet an. Wir haben den Generalsekretär der „Union", Herrn Siegfried Fleischer, gebeten, in einem Aussatz festzustellen, was es mit dem völkischen Ansturm gegen die „Versudung Oesterreichs" für ein Bewenden hat. Die S ch r i f t l e i t u n g. In der völkischen Presse macht gegenwärtig ein Auszug aus . einer Flugschrift, welche der Obmann des „Deutschvölkischen! Schutz- und Trutzbundes sür Oesterreichs Herr Leo Haube n berger, erscheinen ließ, die Runde. Es wird behauptet, daß in dieser Flugschrift „unwiderlegliche Beweise" mit statistischen Zahlen irnd Namen für die Macht und den; Einfluß Judas im Kulturleben Oesterreichs erbracht werden. Wir wollen uns zunächst dm Verfasser dieser Flugschrift, j Herrn Leo H a u b en b e r g e r, näher ansehen. Er ist ein Kleiner Beamter bei den Bundesbahnen in der niederöster- '.reichischen Kreisstadt St. Pölten. Das Amt, eines Revidenten der Bundesbahnen läßt Herrn Leo Hauben- Berger nicht nur Zeit, ein „ü b e r a u s r ü h r i g e r Ob-? m a n n d e s D e u t s ch v ö l k i s che n S ch - u tz - u n d Trutz - i b it n d e s sür O e st e r r e i ch" zu sein, sondern auch sich in mancherlei niedlichen Späßen mit den Fahrgästen wteser -Bahnen zu gefallen. So wurden z. B. im vorigen Herbst der : Bahnhof und die Werkstätten der Bundesbahnen in St. Pölten mit vielfarbigen Klebezetteln bedeckt, welche die Aufschrift: „Hinaus mit den Juden!" trugen, und es wurde mit voller Gewißheit festgestellt, daß der geschmackvolle Scherz von der durch ' Herrn Haubenberger geleiteten Ortsgruppe St. Pölten der Schutz- und Trutzbündler veranstaltet wurde. Und nun «wollen wir ein wenig in die angeblich „u n - w i d e rIeg I i ch e n Beweise" . des' Herrn Leo Haubenberger 'hineinleuchten. Bor allem sei die für einen Statistiker gewiß überaus wertvolle Scheu von jeglicher Quellenangabe festgestellt. Das „wahrhaft erschütternde Bilo von -der Berjudung Oesterreichs", wie sein Lobredner, der „Königliche" Landrat von Hertzberg, die Broschüre Haubenbergers nennt, jongliert mit einer verwirrenden Fülle von Ziffern, ohne daß auch nur bei einer einzigen der Ursprung angedeutet wäre. Herr Haubenberger arbeitet also nach dem Vorbilde jenes ausgezeichneten Historikers, der sich erbötig machte, sämtliche Jahreszahlen der Weltgeschichte aus- Zuzählen, nur dürfte man von ihm nicht auch die Kenntnisse der dazu gehörigen Ereignisse verlangen. Er spricht zunächst .vom Wiener Bildungswesen und vergleicht die Zahl der „a r i s ch e n" S ch ü ler mit jener der;j üdischen Schüler an den elf Wiener Gymnasien. Nun gibt es in Wien nicht elf, sondern fünfzehn öffentliche Gymnasien und dazu noch neun Realgymnasien und achtzehn Realschulen, von den Privat-Lehranstalten gleicher Kategorie nicht zu sprechen. Die Behauptung des Herrn Haubenberger, daß von 1914 bis 1918 die Zahl der „arischen" Schüler von 69 Prozent auf 63 Prozent gesunken, die der jüdischen von 31 Prozent auf 37 Prozent gestiegen sei, ist eine vollkommen willkürliche und wird durch das Statistische Jahrbuch der Stadt Wien widerlegt, nach welchem im Gegenteile das Verhältnis zwischen „Ariern" und Juden in den letzten Jahren sich konstant zugunsten der ersteren verschoben hat. Mit welcher Genauigkeit Herr Haubenberger arbeitet, zeigt folgender Satz: „Nicht inbegriffen sind darin die getauften, gewässerten Juden, schätzungsweise 210 000 in -Wien." Nun veröffentlicht bie~ Wiener Kultusgemeinde alle vierzehn Tage einen Ausweis der „Austritte aus dem Judentum". Durchschnittlich enthält jeder dieser Ausweise 40 bis -50 Namen. Es treten danach alljährlich etwa 1200 bis 1300 Angehörige aus dem Judentum aus. Um zu der Ziffer 210 000 getaufter Wiener Juden zu gelangen, müßten also alle seit 180 bis 200 Jahren „Gewässerten" zusammengerechnet werden und als lebendige Zeugen des Abfalls noch immer unter uns wandeln. Dieselbe wissenschaftliche Präzision offenbart sich in dem Satze: „Heute haben die Gymnasien „reichlich" die Halste jüdischer Schüler." Bon dem klassischen Deutsch dieses Satzes abgesehen, läßt sich aus demselben nicht erkennen, ob dabei die Frequenz jener elf Gymnasien, die Herr Haubenberger kennt, oder auch jener vier, die ihm unbekannt sind, berücksichtigt erscheint. Tatsächlich erweist das Statistische Jahrbuch der Stadt Wien, daß der Besuch humanistischer Lehranstalten sowohl bei Juden wie bei Christen in den letzten Jahren abgenommen, dagegen jener der Realschulen und der Realgymnasien sich erheblich gesteigert hat. Und n u n zur Universität! Herr Haubenberger stellt die Besuchszisser aus dem Jahre 1910/11 den Besuchsziffern des Sommerhalbjahres 1921 gegenüber und berechnet für letzteres die Zahl der jüdischen Hörer auf 56 Prozent. Er unterläßt auch hier, seine Quelle anzugeben. Es ist nun richtig, das schon im Sommersemester 1921 die Zahl der -kriegsflüchtigen Studenten aus Galizien und der Bukowina eine sehr bedeutende war, und daß namentlich die medizinische Fakultät der Wiener Universität einen sehr großen Bruchteil solcher Flüchtlinge -aufwies. "Es ist auch richtig, daß während der Kriegszeit die Zahl nichtjüdischer Studenten ebenso wie die Zahl jüdischer Studenten aus Mittel- und Westösterreich und namentlich aus Wien deshalb in sehr erheblichem Maße zurückgegangen war, weil viele dieser Studenten aktiven Kriegs-

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