Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 20 (17.5.1923)
- Date
- 1923-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- . 158 Knüppel. Da wir. gerade Knüppel-Kunze erwähnt haben, so sei zur Vervollstäuldigung nur noch kurz erwähnt, daß de!r Redakteur Debow von seinem „Deutschen Wochenblatt" vor gar nicht langer Zeit sich an die kommunistische Jugend von Schöneberg herauzrepürscheu versucht hatte, um dort als aZaut provoaateär im antisermtischen Sinne zu wirken, was freilich noch in letzter Stunde vereitelt wurde. Der Pakt zwischen Deutsch-völkischen und Kommunisten in Nürnberg, dev freilich ebenfalls zu keinem greifbaren Ergebnis gekommen ist, bezeugt desgleichen die Richtigkeit der Auffassung von Friedrich Engels, daß die beiden Extreme von rechts und links „die entgegengesetzten Pole ein und derselben Borniertheit sind", freilich einer verbrecherischen Borniertheit. So könnten wir noch Dutzende von Fällen aus allen Ländern auführen, die über das i n n i g e Z u s a trt m e n - wirken und die geistige Verwandtschaft von Antisemitismus und Anarchismus nicht den geringsten Zweifel lassen. Was der konservative „Reich sb o te" einst schrieb, hat auch heute noch eine uneingeschränkte Gültigkeit gerade für nationale Kreise: „durch die antisemitische Agitation wird das V o l k i r r e g e s ü h r t und es werden die Gefühle des Hasses erregt, die, wenn sie erst groß ezogen sind und die erwartete Wirkung nicht e r - o l g t, sich mit erbitterter Gewalt auch gegen andereKreisewenden muß. Wenn man das Volk e r st g e w ö h n t, a l l e S ch u l d an den Uebelständen allein bei den Juden zu suchen, dann verlernt es jede bußfertige Selbsterkenntnis und jede seelische Ausraffung, um durch eigene Kraft das Uebel zu heilen, wird pharisäisch, unwahr, verbittert für sittliche Einflüsse unzugänglich." Carl Hilmar. Zu Schsbrwth. Von Bezirksrabbiner Dr. Be er mann (Heilbronn). „Und alte Deine hoben Werke Sind herrlich, wie anr ersten Tag." Wollten wir im Stile moderner Weltweisheit ausdrücken, was wir Inden an unserem Osfenbarungsfeste eigentlich feiern, so könnten wir sagen: damals wurde die Welt des -Geistes erlebt und eine über alles Sinnliche und Greifbare überlegene Wirklichkeit erfahren; „Ihr habt keine Gestalt gesehen!" heißt es von dieser G -e b n r t s st u n d e der Religion des Gei st e s. Mit feiner Empfindung für das Wesentliche jenes großen Erlebnisses haben die schriftgelehrten Schöpfer des rabbinischen'Judentums der Erinnerung au den Sinaitag, wie sie in der Thoravorlesung des Festes monumentalen Ausdruck findet, die B e -- rusungsvision des Propheten Ezechiel als Haphtarah an die Seite gestellt. Auch Ezechiel sah die Herrlichkeit des Ewigen, aber trox >dem Anblick des Weltengottes wn-tt er den traumverlorenen Blick, und läßtuns ahnen, daß, wie nachmals 1ö imo nide s sich ausdrückte, an die Gottheit k ein e r 1 e t x Sinnen well entnommene Begriffe heran reichen. Und noch ein anderes hebt die sinnvolle Betrachtung eindringlich und nachdrücklich hervor: G o t t e r s ch l i e ß t s i ch tm m er n o ch. Der Gottesfunke zündet noch heute, die Gottesstimme tönet noch jetzt, der Gottesodem weht auch hinein; in unsere Seele. Krank und heimatlos ging der Prophet am sandigen, sonnenverbrannten User des Kebar in der Gluthitze des Juli. Manche Jahre waren vergangen, seitdem N e b u k a d n e z a r s babylonische Söldner ihn mit Zehntausend der Edelsten seines Volkes in die- Fremde geschleppt hatten. Aus war -es mit dein erträumten Priesterberufe an Gottes,Altar. Sollte Gott auch aus fremdem Boden sich finden lassen? Sollte auch hier sein heiliger Blitz erleuchtend in die Seele fallen und für seinen Dienst weihen, und auch aus heidnischer Erde die Leiter stehen, die Himmel und Menschenwelt verbindet? Und wirklich! Der Kranke ward zum Gottesboten, der Heimatlose geweiht zum Prophetenb-erus.! Noch sind des Krieges Wunden längst nicht vernarbt. Noch sehen wir sie unter uns, die^ Kriegsverstummelten und Kriegsblinden, von denen manche im'Hinblick auf ihren siechen, schwachen Leib ihr Dasein für unnütz und wertlos halten. Sind nicht aber auch ft i 11 getragene Leide n spre ch ende T a t c n , liegt nicht aber in einem Leben voll vorbildlicher Geduld Segenskrast für die anderen. Doch diese, des Krieges zerstörende Gewalt so sichtbar darstellenden Menschenbrüder, sind doch immerhin in so sichtbar darstellenden Menschenbrüder, sind doch immerhin auch in dieser leidersüllten Zeit die Ausnahme. Die meisten können Gott sie im Berufsleben hingestellt hat, da in seinem Sinn für die Mitmenschen zu arbeiten und ihre Tätigkeit als einen Gottesdienst aufzufassen, als eine Aufgabe, die durchstrahlt sein will von dem Gedanken: ,,Jch muß der Kerze gleich, anderen leuchtend, mich verzehren." Zum Wächter und Warner fühlte sich Ezechiel bestellt; die Sorge für die Seelen sah er auf sich geladen: ein neues Herz, ein fühlend Herz wollte er den Seinen schassen helfen und die Heiligung des göttlichen Namens in Israels Gemeinde anstreben. Seelsorger ist aber nicht das alleinige Vorrecht des Gemeindelehrers. Er soll nur in diesem Stücke dem Volke Muster sein. Alle sollen einander das jüdische Gewissen schärfen, für die Heiligung des göttlichen Namen s zu s or g e n , Kiddusch haschem. Heiligung Gottes! Das prange unsichtbar sichtbar an den Türen unfern Häuser, deren schönster Schmuck Eins a ch he i t und S i t t e n r e i n h e i t sein möge, das leuchte aus den Pforten unserer Schulen und B e t h ä u s e r, die erfüllt seien von Weihe und Innigkei t. Ein Tal voll toter Gebeine erblickt der Prophet. Ter Geist fährt in sie. Sie leben auf. Auferstehung. In versandeten Seelen ringt der Quell der Gottesfthnsucht zum Lichte. Wieder gibt es Müde in Israel, die verzweistungsvoll sagen: „Unsere Hoffnung ist verloren:" Denen muß man immer wider ins Bewußtsein rufen, was unsere großen Führer erkannt und bekannt haben: Nicht nur. nicht ü b e r t e b t ist das I u d e n t u m , s o n d ern b t e Weltwird e r st a H m ti 1} I i cf) t e t f für sein e Bots ch a s t. Die Menschheit braucht die Kulturreligion Israels mit ihren dreigewaltigen Idealen: Dein E i n go t tg l au b e n, der dem Daheim Sinn, Segen gibt; dem H u m a n i t ä t s g ed a n k e n , der dem einen Gott in der veredelten Menschheit einen Tempel gründet; der Fo r der un g der sozialen Ge r e ch t i g k e i t, die den Weg zur Erlösung zeigt. „Selig bist Du, Israel. Volk, dessen Sieg der Ewige ist!" Ist flhmstyt Aufbau l Tie Abwehr der antisemitischen Angriffe wird vielfach als u n f r u ch t b a r u n d u u zweck m ä ß ig verurteilt. Diese Tätigkeit, so wird eingewandt, ist rein negativ, der Antisemit wird nicht belehrt, fühlt sich in seiner Eitelkeit höchstens noch geschmeichelt. Unsere eigene Kraft aber wird in dieser Arbeit verzettelt und aufgerieben. Die großen Gesichtspunkte gehen verloren, und die Wiederholung der Angriffe und ihrer Abwehr wirkt abstumpsend. Wir glauben, die Frage, die unser Thema stellt, viermal bejahen zu können: aus dem Ursprung der Abwehr, aus ihren Mitteln, aus ihrem Ziel, aus ihrer W i r k u n g. Aus ihrem U r s P x u n g. Denn niemand wehrt ab, der nicht erhalten will, niemand, der nicht schon vor dem Angriff zum Aufbau entschlossen war, niemand, in dem nicht das Bibetwort dauernd tönt: „Kampf des Ewigen gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!" Niemand wird durch Angriffe berührt, in dem der Boden nicht vorbereitet war, niemand, der nicht durch seine Einstellung und Seelenstruktur ganz notwendig von dem Gegner getroffen werden muß.. Auf uns angewandt: niemand wird Angriffe auf das Judentum abwehren, in dem nicht schonvor h e r Wille zum Judentum lebendig war. Indem wir aber nun a bwehre n d k ä m p s e n, bekommt der Boden andauernd neue Nahrung, wird der Wille immer wieder gestärkt —- wird a-usgebaut. Aber Abwehr ist auch Aufbau hinsichtlich der Mittel. Niemand kann abwehren, der eine Antwort nicht geben kann. Der Angreifer zwingt ihn, sich zu orientieren, zwingt ihn«, sich selber kennen zu lernen, seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Schriften, die Grundlage seiner Existenz. Sein Wissen wird fo gefestigt, wird reicher, wird tiefer — wird aufgebaut. Und gerade, wenn wir den skrupellosen Mitteln der Gegner die reinen gegenüberstellen, wenn wir Roheit durch Vornehmheit, Knüppel durch Geist zu bezwingen trachten, wenn wir wteder das Bibelwort klingen lassen: „Der E w i g e ist unser Sieg!" — dann haben wir Unendliches aufgebaut, dem Idealismus zum Leben verholfen, das Herz unserer Religion zum- Schlaom gebracht. Abwehr ist Aufbau hinsichtlich des Z i e l e s. Wozu wehren wir denn ab? Um uns selber zu rechtfertigen und unsere Ahnen, um unsere Zukunft zu sichern, um Unrecht, "Lüge und Verleumdung zu wehren, um der Sittlichkeit eine Gasse zu bahnen. Um des Judentums willen wehren wir ab, um es rein und groß und stark dastehen zu lassen, um ihm als vollwertigen Kultursattor im religiösen Leben der Menschheit und Deutschlands insbesondere zur Anerkennung zu verhelfen — im religiösen zuerst, aber im geistigen, sozialen, politischen ebenso. „Ob auch die Menschen in Dir untergehn, der Mensch soll um so herrlicher erstehn", singt Jakob L ö w e n b e r g. Abwehr ist Aufbau endlich hinsichtlich der Wirkung. Sind wir in unserer Abwehr erfolgreich, dann ist unsere Widerstandskraft von neuem gestärkt, der Optimismus bekommt neue Nahrung. Der Mut 31t ueuent Leiden wixb wach, der Mut zu neuen Kämpfen erhöht. Die Achtung vor uns wird künftig steigen, die Furcht vor uns fortan rege werden. Aber vor allem wird die Liebe ltnb Treue bereichert — zu dem grade, was nicht unser sein s 0 11. Jeheißer wir, es verteidigen müssen, desto beiher lieben wir unser Schmerzenskind, unser Judentum. Je mehr Steine mau unfern Kindern in den Weg wirst, desto fester prägen wir ihnen das a u f b a u ende Wort Jakob L ö wen be r g s ein: Sei. fest, sei stolz, undeines noch, laß Dich lehren: Dich wehren. Jung, Dich w-ehren! Abwehr ist Aufbau — Aufbau an uns selbst, Ausbau an Deutschland, Ausbau am- Judentum, Aufbau an der Menschheit. Tr. Bruno Gottschalk.