Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 20 (17.5.1923)
- Date
- 1923-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eknzrlnummer IS- M. Herlin, 17. Mai 1-23 II,Jahrgang «Nr.2- J±L-S Vlüller sürHaüscktumWj undluoentum vryan des Lntral^ereius örotscsier StmUsvüryerjüölfrken Vlaubrns'Lv. S^U^SrrrSirrs Lsitrar^^ ctss Iu<ASrntrirrrs Verlas». Schriftleitung: Lentral-Verein deutscher Staatsbürgerjüüifchen Glaubens e.v. SerlinSwbS, Lindenstr. 12! Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 Telegrammadresse: Centralverein Lindenstr. 13. Berlin.!Dte Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postanstalt zum Preise von vierteljährlich M. 1209,— zu beziehen lAÜemige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 1200,— für die 7 gespaltene 'Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mil 50^ Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 5000,— Anarchismus und Mtlsemltismus. Die völkischen „Propagandisten -er Tat D-as «ewalttätiW Auftreten der nalwnalsozi-alistisHm Sturmtrupps hat Gesetz rmd Recht in den Einzelstaaien derartig bedroht, daß die Regierungen mit Verboten und Ausnahmeverordn ungen dem Nmsichgreisen anarchischer Zustände Einheit nebieten wußten. Die sollende Untersuchung gibt bemerkenswerte Ausschlüsse über Zusammenhünge zwischen Anarchismus und Antiscmitism-us. Di« Schrisileitiiiig. Wer -nüt-Ler, .(beschichte -des Antisemitismus einigermaßen vertraut ist, weiß, was von der moralischen Entrüstung der kdentschnationalen und antisemitischen Presse, die hoch und 'heilig beteuert, daß sie nie einer gewaltsamen Lösung der Judenfrage das Wort geredet habe, in Wirklichkeit zu halten äst. Die Zahl der Aufforderungen zu Pogromen oder zur Beiseiteschaffung von besonders verhaßten Personen unter den! Juden ist in der antisemitischen Literatur Legion. Schon in dein noch heute als Standardwerk über das Judentum angepriesenen und immer wieder in neuer Auslage erscheinenden Buch des Sanitätsrats Dr. Stille „Der Kanrps gegen das Judentum" wurde an die rohe Gewalt appelliert, „weil bald überhaupt keine friedliche, sondern nur noch eine revolutionäre, gewalttätige Lösung mehr möglich sein wivd". Zum /Schluß wird darin die Drohung wiederholt, da „keine andere -Möglichkeit, die faktische Judenherrschaft abzuschütteln, mehr bleibe, als offene, blutige Revolution". Nach diesem Rezept haben die Antisemiten aller Länder die Leidenschaften zu fchüren gesucht, und dann, wenn die blutige Saat ausging, ihre Hände in Unschuld gewaschen. Für Deutschland haben wir zwei klassische Kronzeugen: Herrn Stöcker, „den Vater des Antisemitismus", der diese Bezeichnung ja selbst als Ehrennamen akzeptiert hat, und den Schriftleiter seines Blattes „Das Volk", O b e r w i nd e r. Am 30. Juli 1893 schrieb Stöcker: „Der sogenannte Radau-Antisemitismus, welcher den Skandal pflegt, Ausschreitungen p r o v o z i e r t, mit radikalen Phrasen paradiert, unter Umständen auch die Propaganda der Tat nicht verschmäht, ist ein Z w i l l i n g s b r u d e r j e n e s A n a r ch i s - mus, der in der sozialen Bewegung des Proletariats sein Unwesen treibt." Der Bismarck-Barde, Max Bewer, kokettierte 1906 mit dem ©eb unten einer d e n t s ch e n B a r t h o l o m ä u s n a ch t g e g e n d i e I it d e n -in einem schwülstigem Gedicht, das mit den Versen schloß: „Schwört, daß erst die Synagoge in die freien Lüfte kracht." Erwin Bauer, der bekannte langjährige Herausgeber des damaligen Leipziger Antisemitenblattes, warnte in einer Broschüre über den „Un ter g an g der ant is emitifchen Parteien" vor dem Radikalismus: „Die Früchte des rein antisemitischen Parteitreibens würden die Sozialdemokratie und der Anarchismus.ernten." In Herrn Dr. Heinrich Pudor (Leipzig). der ja ungeniert fortgesetzt zu Pogromen ausfordert und die dumme deutsche Sentimentalität verhöhnt, die „nicht genug Phosphor im Blut habe, um sich zu dem Standpunkt des germanischen Ebers im eigenen Selbsterhaltungsdrange aufzurasfen", hat die anarchistische Spielart des sächsischen Amstemitismus zurzeit ihren konsequentesten Vertreter gesunden. Das Berliner Pendant hierzu ist Herr Lebius von der „Staatsbürgerzeitung", der offen zum Meuchelmord gegen Harden, Einstein und andere Führer des pazifistischen Bundes „Neues Vaterland" ansgesordert hat: „Er würde jeden Deutschen, der d i e s e S ch u s t e n i e d e r f ch ö s s e, für einen Wohltäter der Menschheit erklären". Er fügte'noch hinzu: „Wir wundern uns überhaupt, daß sich n i e m a n d d a z u b e r e i t f i n d e t." — Wenige Monate später war das heiße Sehnen dieses antisemitisch-anarchistischen Ehrenmannes wenigstens teilweise durch das Attentat auf Harden gestillt. Das Zusammenarbeiten von Antisemitismus und Anarchism u 8 hat übrigens der Staatsanwalt in dem gegen die „Brüder der Finsternis" — wie sich die des Bombenattentats von Rakonitz im Jahre 1893 angeklagten Verbrecher selbst bezeichneten — angestrengten Prozesse ausdrücklich als typisch hervorgehoben: „Das Motiv der Untaten liegt in gewissen, heute weit verbreiteten Schlagworten, die heißen Anarchismus und Antisemitismus." Der ehrlichere von beiden ist zweifellos der Anarchismus, denn dieser hat aus dem Anarchistenkongreß 1882 in Ehur aus seiner Sympathie für die Benutzung antisemitischer Propaganda gar kein Hehl gemacht, während der Antisemitismus in der Maske des loyalen Patrioten zu paradieren pflegt. Zum Schluß -noch einige charakteristische Beispiele aus Frankreich, wo Drumont, der Herausgeber der „Libre Parole", der Organisator des gallischen Antisemitismus (der Juden und Deutsche in der gemeinsten Weise nahezu täglich beschimpfte, gegen Wilhelm II. die albernsten Anschuldigungen erhob, von den deutschen Antisemiten gleichwohl aber mit den servilsten Huldigungstelegrammen überschüttet wurde), L u cheui, den 'Mörder der Kaiserin Elisabeth, in der widerlichsten- Weise anhtmmekte: „Luchem, ich grüße dich." Ein gelehriger Schüler und eifriger Leser der Drnmontschen Schmähschrift „1-a Franke juive" war auch, wie in der Gerichtsverhandlung festgestellt wurde, Leon Bonteille, der am 5. September 1895 eine Bombe gegen das Bankhaus Rothschild in Paris warf. Der wütende Antisemit Roche fort nannte die Petroleiste Louise Michel stets ehrfnchtsvoll „notre citoyennc". Der M aryuis de Bl ore s auch ein -hervorragender Führer des französischen Antisemitismus, der zweimal wegen anarchistischer Wühlereien zu GesänguiSstrase'n verurteilt worden ist, war du Vorläufer unseres Knüppel-Kunze. Als man cutf eine Anzeige in einem anarchistischen Blatt Haussuchung hielt, fand man dort hundert von -dem edlen Marquis gelieferte, eisenbeschlagene