Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 19 (12.5.1923)
- Date
- 1923-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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150 und äußere und innere Narrheit zum Zielpunkt berechtigter Verurteilung machen. Solche Leute gab es immer, Julianus spricht in seiner Rede von ihnen. Wir können sie nicht aus dem Judentum ausschließen, a b e r w i r k ö n n e n l e h r e n , f i e z u verachten. Ebenso zu verachten wie jene angeblichen Schriftsteller, denen nichts heilig ist, die Herabreitzen und nicht aufbauen, denen das Wort von der Heiligkeit, der anständig gefaßten Meinung anderer Menschen ein leerer Schall ist. Sie finden sich auch unter Juden. Kampf auch ihnen! Arbeiten und nicht verzweifeln. L u d w i g H o l l ä n d e r. Eine Nuhrkurrögebung ües Hauptvorftanöes. In der großen Hauptvorstandssitzung des Central-Bereins (siehe Derhandlungsbericht) wurde folgende Entschließung gefaßt: „Die deutschen Juden werden sich durch nichts abhalten lassen, unter Einsetzung von Out und Blut auch in Zukunft in der vaterländischen Einheitsfront unbeirrt auszuharren. Die ungeheuerliche Verleumdung, die Juden seien für den Einbruch ins Ruhrgebiet verantwortlich, weisen wir mit Entrüstung und Verachtung zurück. Die Erfinder und Verbreiter dieser Verleumdung begehen wie alle, die die Einheitsfront erschüttern, Landesverrat." Stimmungsbilö von öer Großen hauptvorstanöspchung» Schon geraume Zeit vor dem Beginn der Reichstagung des Hauptvorstandes ein lebhaftes Hin und Her in dem behaglich vornehmen Vor raum des Großen Logen s aale s. Bayern und Ostpreußen Arm in Arm in ernster Unterhaltung, Oberschlesier und Badener, Brandenburger und Pommern, Hessen und Hannoveraner, Westfalen und Hanseaten, Rheinländer und Sachsen — ein b u n t e s D n r cheinander schönster Harmonie. In kleinen Kreisen stehen sie Zusammen. Die Zeiten sind zu ernst, um sich mit der Wiedersehensfreude allzulange aufzuhalten. Die Stimmung in den Wandelgängen der Grotzloge gleicht der in den Parlamenten vor einem großen Ereignis. Mitten ans der Berufsarbeit heraus ist man nach Berlin gerufen worden, um in den Schicksalstagen des armen gequälten Vaterlandes Aufbau- und Rettungsarbeit zu leisten. Die Verehrung heischende Gestalt des ersten Vorsitzenden, Justizrat Brodnitz, erscheint drinnen im Saale, der bereits vor Ablauf des akademischen Viertels dicht gefi'lllt ist. In seinen kraftvollen Begrüßungsworten kennzeichnet sich der. Geht des Centralvereins, den der neben ihm in wunderbarer Frische sitzende Ehrenvorsitzende Geheimrat Fuchs verkörpert: Deutschtum und Judentum sind die Wurzeln unserer Kraft, die auch gegenüber der Drangsal der Feinde standh alten wird bis zu einem glücklichen Ende. Die geschäftlichen Mitteilungen des Vorsitzenden werden mit lebhaftem Interesse entgegengenommen. Es geht vorwärts im Centralverein. Der Mitgliederbestand wächst, der Philo-Berlag arbeitet erfolgreich, die „C. V.-Zeitung" erweist sich immer wehr -als eine Tat. Den Freunden billiger, negativer Kritik ruft Brodnitz zu-, daß sich diese Kritik letzten Endes gegen die ungenügende Unterstützung der „C. V.-Zeitung" durch geistige Führer in unseren eigenen Reihen richtet. „Sie werden die Zeitung h ab en, die Sie verdiene n." Rechtsanwalt Dr. Weil spricht als Erster zur politischen Lage. Jeder Satz wohlgesormt und doch schwungvoll, jeder Gedanke wohldurchdacht und von großem, verantwortungsvollem politischen Verständnis getragen. Aus seinen Worten spricht die tiefe Besorgnis für die Zukunft, aber auch der entschlossene Wille, durch praktische Politik einen Ausweg aus den Wirrnissen unserer Tage zu finden. Nur einmal findet diesem Meister der Rede nicht ungeteilten! Beifall, als er von der gesellschaftlichen Emanzipa-tion spricht und es einem Teil -der Versammlung scheint, sein Werturteil über dis jüdische Frau entspringe der Theorie des Junggesellentums. E h rs l t> ch u n d i a u t ist der Beifall, als Weil zum Schluß bittet, mit dem jüdischen Optimismus die Hossnungslosigkeit zu überwinden. Ein vielen Anwesenden noch nicht bekannter Mann, Dr. Ludwig W a s s ermann aus München, hält das zweite Referat. Drei Sätze, und er hat auch die im Bann, die prinzipiell nur den Rednern zuhören, die sie kennen. Ein Mann der Tat steht vor der Versammlung. Unbeugsamer Wille, sich nicht von dem Gegner das Gesetz des Handelns vorschreiben zu lassen, beseelt ihn. Man steht aus jeder Miene, aus jeder Geste: Konzentriertes Kraftbewußtsein. Und als er unter nicht endenwollendem Beifäll schließt, bewundert jeder im Saale die überragende Führerpersönlichkeit. Rechtsanwalt Marx-Karlsruhe mit dem sympathischen, gezügelten Temperament des Badeners hat in seinem Korreferat an der Arbeit des Centralvereins auszusetzen, daß sie nicht genügend politische Bahnen wandte. Dr. Ludwig Holländer weist sofort schlagend nach, daß die alte Rechtsschutztätigkeit längst nicht mehr der Kern der Arbeit des Central- Vereins sei, der wissenschaftlich-soziologische Erkenntnis in die praktische Aufklärungsarbeit umsetze. Vom ersten bis zum letztere Satz hat Dr. Holländer das, Ohr der Versannnlung, als er in den großen wissenschaftlichen Zügen, die überall das Charakteristische seiner sachlichen Redeweise sind, diese verinnerlichte Ausklärungstätigkeit des Centralvereins schildert. Die Losung des Tages: „A rbeitenund nicht verzweifeln!" wird tausendfaches Echo finden in den Massen des Centralvereins. Heber die wirtschaftliche Lage spricht eine bekannte Autorität des Berliner Wirtschastslebens, Mitglied unseres Hauptvorstandes, Herr Oskar Hermann. Er wendet sich nicht nur an den Verstand, sondern auch an das Herz und weist nach, daß in diesen Tagen alle kühlen und alle kühnen Rechnungen durch die Politik über den Haufen geworfen tu erben. Die jüdischen Deutschen müßten daher warmherzig aus ihrem Lebensinteresse heraus nicht nur der deutschen Wirtschaft helfen, sondern auch freudig und opserbereit für die Erhaltung des Staats ged ankens eintreteu. Die Referate sind gehalten, die Aussprache kann beginnen. Die Reihen lichten sich. Kopf und Herz verlangen gebieterisch eine kleine Erholungspause. Aber fast alle, die dem Ausgange Zuströmen, beflügeln den Schritt nicht mehr, als der Vertreter des Ruhrbezirks, Rechtsanwalt Dr. Herzfeld -Essen, über die Verhältnisse im R u h r g e b i e t aus eigener Anschauung berichtet. Er ist trotz alledem optimistisch. Sollten wir, weit vom Schuß, verzagen? Kaleidoskopartig wechseln die Bilder. Rabbiner Braunschweiger- Oppeln berichtet über Oberschtesien. Seine Ausführungen, die sich mit den besonders gearteten Verhältnissen in Oberschlesien beschäftigten und die unermüdliche^ Zähigkeit des Landesverbandes erkennen ließen, begegneten allgemeinem Interesse. Der dann folgende ewig junge Geheimrat Falkenheim-Königsberg, der lebendige Beweis für die Irrlehren der Rassetheorie in seiner wetterfesten, echt deutschen Erscheinung, bringt zum ersten Male das Thema auf die Ostjuden. Er prägt das geflügelte Wort: „Wir müssen als Juden mehr von den Juden verlangen, als die Christen von den Christen." Justizrat G alli ng e r -Nürnberg gibt eine Psychologische Studie über die besonderen Verhältnisse in Bayern. Die dort herrschenden Verhältnisse weiß er auch denen, die Vorurteile hatten, menschlich näher zu bringen. Herr Petzon- Magdebnrg, in großen Volksversammlungen ein Held in Lausend Schlachten, spricht der Einheitsfront das Wort, während der bewährte Nürnberger Vorsitzende, Rechtsanwalt Berlin, das hohe Lied der Bekenntnistreue auch in politischen Dingen singt. Aus eigenen Anschauungen konnte unser altbewährter Freund Generaldirektor S u ß m a n n - Chemnitz berichten. Er hat den Fascismus an der Quelle studiert. Zwei Juristen, die ganz verschiedener Ansicht sind, kommen nacheinander zu Wort. Rechtsanwalt Geiger - Frankfurt sieht in der Qstjudenfrage gegenwärtig. eine schwere Gefahr für Deutschland, während Rechtsanwalt Foerder - Breslau in dem Ostjuden nur das bekannte Ablenkungsmanöver unerbittlicher Feinde sieht. Man meine den deutschen Juden und schlage den Ostjuden. Rabbiner Dr. Jacob - Dortmund, der immer, wenn er spricht, etwas zu sagen hat, warnt in der Frage der Ostjuden vor einer Politik des Trennungsstriches. Rechtsanwalt Lichtender g-Hannover unterstreicht, daß es keine Konzessionen an das Nationaljudentum geben dürfe. Die Guillotine steht bereit, die der Aussprache ein Ende bereiten soll. Dr. Baron- München verhindert, daß sie in Wirksamkeittritt. Ein Antrag auf „Fünf Minuten Redezeit" wird angenommen. Mit jugendfrischem Temperament seht sich Geheimrat Fuchs für seinen Standpunkt ein, daß eine unterschiedliche Behandlung zwischen jüdischen und christlichen- Ostausländern ungerecht und unsittlich sei. Aus den Worten des Syndikus Dr. Wiener merkt man so etwas von Enttäuschung heraus über die dünne Saat von Anregungen praktischer Art. Dr. Paul Nathan weist daraus hin, daß die deutsche Wirtschaft, die deutsche Kultur, die deutsche Sprache nur durch die Beziehung mit dem Osten gewinnen könnten. Nach einer srischfröhlichen Rede des Herrn S ch w e r i n.e r - Berlin wird wegen der vorgeschrittenen! Zeit ein Antrag auf Schluß der Erörterung angenommen. In einer knappen halben Stunde haben sämtliche vier Referenten ihr Schlußwort gesprochen. Mit der Annahme der oben wiedergegebenen Rühr kun dgeb ung ist der erste Tckl der Versammlung beendet. - Der zweite bringt vor nicht mehr vollzählig, besetztem Hause ein Referat des Herrn Dr. Jsmar Freund-Berlin über