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Central-Verein-Zeitung · 1923-05-04 · 18 (4.5.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
18 (4.5.1923)
Date
1923-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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142 zu wetten, daß der loSbrechende rechtsradikale Entrüstungssturm in der Erfindung neuer antisemitischer Legenden eine geradezu kaninchenhafte Fruchtbarkeit entwickeln wird. Die Regierung und die Regierungsparteien werden ihre Position um so erfolg reicher behaupten, je nachdrücklicher sie die antisemitischen Lügen in ihrer Plumpheit und sittlichen Niedrigkeit geißeln- Im deutschen Volke aber sollte man begreifen, daß jenes bequeme Sichselbstbelügen sowie die Duldung einer häßlichen Unwahrheit das ganze Volk Schaden an seiner Seele nehmen läßt und es untüchtig macht in dem großen Rechtskampse für die deutsche Freiheit, Mängel in der Grtsgruppenarbeit. Von Prediger S. G o l d m a n n (Herford). Die rege Winterarbeit ebbt ab, und wir müssen uns umstellen auf die nach außen hin weniger sichtbare Kleinarbeit. Da erscheint es angebracht, aus den während des Winters gewonnenen Eindrücken das Ergebnis Zu schöpfen und an Hand dieses Ergebnisses festzustellen: wo dürfen wir uns im bisherigen Gleise fortbewegen, und wo hat eine Umstellung Zu erfolgen? Es scheint mir, als wenn in der Arbeit der Ortsgruppen in mancher Hinsicht Aender ungen eintret en müßten. - Nicht selten drängt sich demjenigen, der die Arbeit vieler Ortsgruppen beobachten kann, der Eindruck auf, als wenn die Ortsgruppen häufig ihre Arbeit gar Zu sehr a uf r ein örtl i ch e Verhältnisse einstellen und dabei übersehen, daß sie die letzten Glieder in einer Kette sind. Es soll dabei betont werden, daß sie wichtige Glieder sind. Aber in fast allen Landesverbänden wird Klage geführt, daß die Verbindung zwischen Ortsgruppen einerseits und Landesverband und Hauptleitung Anderseits mehr als' mangelhaft ist. Es ist durchaus keine Selten-?eit, daß Ortsgruppen den Landesverband nicht über die ö x t ichen Verhältnisse unterrichten, ja daß sie dem Landesverbände entgegenarbeiten. Das, was unseren Gegnern so wesentliche Erfolge verschafft hat, restlose Disziplin, Unterordnung im Interesse des Ganzen unter einheitliche Führung, wird bei uns bisher Zwar oft genug gefordert, aber bedauerlicherweise nur selten betätigt. Anregungen und Beschlüsse werden den Ortsgruppen sicherlich in genügender Zahl zugängig gemacht, doch meist finden sie ein sang- und klangloses Begräbnis im Kreise des Vorstandes. Es soll sogar nicht wenig Ortsgruppen geben, in denen 'niemand ein Vorstandsamt annehmen will, weil der Vorsitzende sllein willkürlich die Dinge erledigt. 1 Da darf es uns nicht in Verwunderung setzen, wenn in solchen Ortsgruppen k e i n I n t e r e f f e für den C. V. und seine Arbeit besteht. Wie sollen unsere Mitglieder Interesse für eine Bewegung baden, von der sie — abgesehen von dem, was sie durch die „C. V.'- Zeitung" erfahren — so gut wie nichts wissen? Innerhalb und Außerhalb des Landesverbandes habe ich häufig den Vorwurf hören müssen.: „Wir sehen und hören euch nur, w-eNn ihr Geld haben wollt! Wo bleibt das Geld? Was leistet denn der C. $.?" Der Vorwurf, der in diesen Worten liegt, ist durchaus berechtigt; e r richtet sich nur a n d i e falschen Stellen. Alljährlich reichen die Hauptstelle und die Landesverbände Vortragslisten ein, 'meist ist es eine Vergeudung von Arbeit, Zeit und Geld. Ich kenne Ortsgruppen, die seit Jahren keine Mitgliederversammlung abgehalten haben, und kenne andere, die sich heute noch gegen jede Versammlung ängstlich wehren, weil sie „unliebsames Aufsehen" machen könnte. Andere Ortsgruppen wieder halten nur Versammlungen ab, wenn es gilt, Mittel flüssig zu machen. Ist es nicht bezeichnend für die Verhältnisse, wenn in manchen Ortsgruppen unter die Einladungen geschrieben wird: „Es wird keine Sammlung veranstaltet!"? Dürfen wir uns wundern, wenn dann die Mitglieder sernbleiben und kein Interesse zeigen? Ich möchte nicht mißverstanden werden. Der C. V. soll keine Dortragsvereinigung werden, eine Ansicht, die bedauerlicherweise in manchen Kreisen herrscht; aber wir müssen fordern, datz die Ortsgruppenvorstände irr weitgehenderer Werse, als es bisher in vielen Ortsgruppen geschehen ist, die Ortsgrnppenmitglieder „aktivieren." In regelmäßigen Abständen müssen die Mitglieder über die judenstindliche Bewegung unterrichtet werden; sie müssen aber auch über die Tätigkeit des C. V. uriterrichtet werden. Gewiß muß jeder Eührer von seiner Gefolgschaft Vertrauen beanspruchen; aber dieses ertrauen soll nicht unnötig aus die Probe gestellt werden. Wenn unsere Freunde im Laude erfahren, wie die Verhältnisse sich für uns gestaltet haben, und wenn wir ihnen dann — soweit es möglich ist — gejagt haben, was von uns in, der Abwehr geleistet ist, dann ist das Interesse geweckt, dann sinden wir offene Ohren, offene Herzerl und offene — Hände; das habe ich unzählige Male erfahren. __ Darum muß die Forderung heißen: Den Blick aufs Ganze richten und die Mitglieder mehr ausklären, mehr zur Mitarbeit heranzrehen als bisher. Dann werden wir nicht mehr so oft über Lauheit und Gleichgültigkeit zu klagen haben. 7*119 dem Reiche Mussolinis. (Brief unseres römischen Korrespondenten) Die winzige Anzahl der Juden in Italien bildet weder auf politischem noch aus religiösem Gebiet eine irgendwie organisierte Masse, so daß es geradezu lächerlich erscheinen würde, wollte mau von der Politik irgendeines Staatsmannes ihnen gegenüber reden. Unter rund vierzig Millionen Gesamtbevölkerung gibt es zirka, '4 5 00 0 Juden, von denen etwa 30 000 sich selbst noch als solche betrachten. Beachtenswert ist, daß ganz Italien etwa eine Million Nichtkatholiken zahlt. Eine Politik gegenüber .den Juden -in Italien wäre dasselbe, wie wenn man bei einem, deutschen Staatsmanne seine Politik gegenüber Leuten feststellen wollte, die Schulze, Müller oder Schmidt heißen. Auch sie sind nicht organisiert und vertreten keine gemeinschaftlichen Interessen. Wenn man also über das Verhältnis Mus s o l i n i s z u d e u i t a l i e n i sche n Juden, überhaupt sprechen will, kann man es nur unter dem Vorbehalt, daß es sich um das Verhältnis Mussolinis zu einzelnen Juden handelt. In allen politischen Parteien Italiens, mit alleiniger Ausnahme der katholischen Volkspartei, sinden sich Juden. Einer der Hauptführer der Mussolinischen Bewegung ist Aldo F i n z i, der jüdischer Abstammung ist, bekannt als kühner Sportsmann und verwegener Flieger während des Weltkrieges. Mit ihm hat am 26. März d. I. Hugo Stinn-es in Rom eine lange Unterredung gehabt, die vielleicht noch bedeutsame Folgen nach sich ziehen wird. Baron Sidneh Sonnin o, Minister des Aeußern während des Weltkrieges, Träger eines bekannten jüdischen Namens, ist bis zu seinem Tode als Symbol des unentwegten Patriotismus gefeiert wordeu. Nicht minder ist der vor wenigen Monaten in Mailand in hohem Alter verstorbene ehemalige Deputierte und langjährige Führer-der lombardischen Demokratie, Ricardo Luzzato, Bruder des Begründers der „Tribuna" — nach deutschantisemitischer Auffassung eines „Judenblattes" — noch aus seinem Sterbelager von Mussolini wiederholt geehrt worden. Seit über einem halben Jahrhundert werden im Königreich Italien Inden in-hohe Zivil- und Mtkttärbeamtenste.llen befördert. Die Regierun g Mussolinis hat daran nichts geändert. Auch er hat Juden mit ganz ^besonderen Misstönen betraut, so im Monat Mirz den Konteradmiral Angeln Frank aus Venedig, der im Oktober 1911 bei der Eroberung Bengasts in Lybien als Fregattenkapitän ganz besonderen Mut und große Entschlossenheit gezeigt hatte, schwer verwundet wurde und unter anderen Auszeichnungen auch die erhielt, daß eine Straße des dortigen Küftenorkes Tobruk nach ihm benannt wurde. Hätte Mussolini irgendeine Boreingenommenheit gegen Juden, so würde er nicht durch Dekret vom 2. März den früheren Deputierten nud ehemaligen Unterflaatssekretär im Eiftnbahnmimsterium, Ugo Ancona, dem König zum Senator vorgeschlagen haben. Außer diesem Professor der angewandten Mechanik am Polytechnikum in Mailand, .'der auch als Volkstoirt-schaftler Hervor ragendes leistet, sind gegen zwanzig Juden lebenslängliche Mitglieder des Senats, dem, wollte man den berüchtigten osteuropäischen Prozentgrundsatz zur Anwendung bringen, kaum einer angehören dürste. Die deutschen Antisemiten werden sich vielleicht peinlich berührt fühlen, daß Ugo Ancona. Deutschland nach dem Kriege bereist und über die in Deutschland gesammelten Emdrücke recht günstig berichtet hat. Ebensowenig hätte, wenn Mussolini' voreingenommen gegen die Juden wäre, der gegenwärtige italienische Ministerpräsident den Vorsitzenden des zweiten internationalen Kongresses der Handelskammern, den orthodoxen Jsiraoliten Marco C a s s i n, dadurch ausgezeichnet, daß er selbst die Eröffnungsrede hielt und den ausländischen Gästen — meist Amerikanern — einen Empfangsabend in Anwesenheit von Mitgliedern deI Königshauses gab, so glänzend, wie bisher noch keinen in seiner Regierung. In denn Hauptorgan Mussolinis, dem Mailänder ,L'Jtalia bei Popolo", schreibt Guido da Verona, ursprünglich ReiteroffiHier von Berus, seilt Jahren einer der gelesensten Romanschriftsteller der Halbinsel, ein Jude! In demselben Matt hat Mussolini seine eigenen Parteimitglieder öffentlich getadelt, weil sie. einem der sozialistischen Abgeordneten jüdischer Herkunft, Guiseppe Ewanuele Mvdig l i a n i, nach ihrer Weise übel mitgespiielt haben. Und zwar suchte er ihn vor weiteren Handgreiflichkeiten dadurch zu schützen, daß er ihn als „ungefährlich" bezeichnete. Würde Mussolini so geschrieben haben, wenn er nach dem Geschmack der deutschen Antisemiten wäre? Die -erdrückende Mvhrzahl der italienischen Jrrden ist seit viel längerer Zeit monarchistisch gesinnt als Mussolini selbst. Dieser ist es erst durch den Weltkrieg geworden, während jene seit fünfundsiebzig Jahren, nämlich seit Gewährung der völligen bürgerlichen Gle ichberechtigung, zu den Anhängern des' Herrscherhauses Savoyen zählen, welches den italienischen Juden gegenüber immer loyal und gerecht gewesen ist

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