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Central-Verein-Zeitung · 1923-05-04 · 18 (4.5.1923) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
18 (4.5.1923)
Date
1923-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 100 M. -erUn, 4. Mal 1923 II. Jahrgang ♦ Nr. IS VÄller fürDeuIfchtom^] und Judentum. fvrya« des Centrnl-VmiJis deutsclrer Staatsvüryerjüdisckcn Klauvens-Ä. Verlag n. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SA)öS> Lindenftr. 13! Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 Telegrammadresse: Centralverein Lindenftr. 13. Berlin. Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po ft an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 1200,— zu beziehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mofse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 1200,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder deS Central-Vereins mit 50°/o Nachsatz. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 5000,— Die große Lüge. Eine politische Zeitbetrachtung von tzauptschriftleiter Otto Nuschke, M. ö. L. ' Nichts rächt sich im politischen Leben bitterer, als wenn ein Volk sich der Wahrheit verschließt. Deutschland hat den Krieg durch die Ueberschätzung seiner Kräfte und die Ueberi spannung seiner Nervenkraft verloren. Unendlich viel könnten? wir uns dieser Erkenntnis lernen, aber großen Teilen unseres; Volkes ist diese Wahrheit unbequem, und so greift man zur - gefälligen Legend e. Seit vier Jahren sucht man dem un-! politischen Teile unseres Volkes einzureden, daß geheimnisi volle Kräfte unsere Niederlage bewirkt hätten. Sozialisten, j Pazifisten und Inden Hütten die Front zermürbt, und für den! Ausbruch der Novemberrevolution möchte man am liebsten ‘ eine Alleinschuld der Judenheit konstruieren. Unendliches Gift ist in dieser Hinsicht m das öffentliche Leben Deutschlands; getragen worden. Leider haben die Parteien unb Führer sich; nicht von vornherein jener großen Lüge entgegeugestemmt, udie Deutschland allmählich zu einem politischen Tollhaus hat 'werden lassen. Es genügt nicht, die Wahrheit zu erkennen. Der Politiker hat auch die Pflicht, sie zu bekennen.! Man kann heute allgemein annehmen, daß die anti- ‘ semitische Irrlehre' von allen Parteien erkannt wird. Wir .reden ja hier nicht von üblen Einzelerscheinungen, von denen - das deutsche Judentum so wenig verschont geblieben ist wie irgendein Stand oder eine andere Konfession in Deutschland. Aber, daß die Revolution keine jüdische Verabredung und die Niederlage keine von Juden bewirkte Angelegenheit war, das weiß heute jeder nicht gerade entmündigungsreise Politiker. Nichts ist dafür charakteristischer als der häusliche Vorgang im | deut s ch n a t io n a l e n Lager, der die eigentliche Ursache der l deutschvolkifchen Sezession gewesen ist. Auf einem Bierabend! im Desiauer Garten zu Berlin wies der deutschnationale Landtagsabgeordnete Graf (Anklam) die anwesenden völki- ■ schen Führer darauf hin, daß am 9. November nicht die Juden, sondern die eingeschüchterten Offiziere den Ausbruch der Revolution verschuldet hätten. Er tat es in derben Ansdrücken -und nach völkischer Annahme in nicht ganz nüchternem Zustande. Aber das ist eben das Charakteristische, daß man die Wahrheit nur zu sagen wagt, mrm man die Herrschaft über die Zunge verliert. Im deutschnationalen Lager war man frivol genug, den Antisemitismus als zugkräftiges Agitationsmittel mit nüchternem Parteikälkül zu betrachten. Herr Hergt bekannte ossen, daß die antisemitische Welle der deutschnationalen Partei manches Parlamentsmandat zutragen werde. Derselbe Mann, . der Briefe um jüdische Gelder schrieb und Juden zur Mitarbeit ijrt seiner Partei einlud, ist nicht ein einziges Mal der vergiftenden Agitation seiner Parteigenossen entgegengetreten. E i ne solche Gewissenlosigkeit rächt sich. Heuts wenden sich die radi-kälantisernitischen Gruppen mit der gleichen Vehemenz gegen die Deutschnationalen wie gegen Volksparteiler, und die völkisch-antisemitische Welle beginnt den stolzen Bau des deutschnationalen Parteigebäudes ganz bedenklich zu unterspülen. Man könnte' über diese Wendung Schadenfreude empfinden, wenn nicht die Verantwortungslosigkeit der deutschnationalen Führer und der mangelnde Mut in den Mittelparteien die antisemitische Bewegungen einen Zustand der Verwilderung hatten treten lassen, der heute zu einer a k t u e l l e n Staatsgefahr geworden ist. Nichts hat in diesen Kreisen zum Umdenken geführt. Der grauenerregende Mord an Walter R a t h e n a u hat die Anhängerschaft ebensowenig zu mindern vermocht, wie -der systematische Kampf Hitlers und W u l l e s gegen die Einheitsfront an der Ruhr. Heute dürfen die völkischen Narren es wagen, selbst die französische Invasion ins Ruhrgebiet zu einem „jüdischen Unternehmen" umzudichten, ohne der verdienten Lächerlichkeit anheimzusallen. So peinlich tief sind wir gesunken! Dabei kann man nicht einmal sagen, daß f r a n z ö s i s ch e Juden sich in der Gefolgschast des Herrn Poincare besonders hervortäten. Wohl aber sind es Juden, wie der Deputierte Leon B l tt in, die Professoren Viktor Basch und Emile Ccrhen, die die schärfsten Kritiker der Ruhraktion des Ministerpräsidenten sind. Ein Antisemitismus, der zu solchen offenkundigen, groben Lügen greift, hat jeden Anspruch auf den guten Glauben eingebüßt. Hier handelt es sich nicht mehr um Fanatismus oder Verrannt!) eit, sondern um bewußte Demagoai e. Man will die Hetze und den Pogrom, wie man den Putsch will: um dunkler politischer A b s i ch t e n willen! Die Entscheidungen des Staatsgerichtshoses über die verbotenen Verbände haben ein erdrückendes Material zutage gefördert, wie man dort mit staatsgesührlichen militärischen Experimenten einen widerlichen Antisemitismus und eine offenkundige Mordhetze verknüpfte. Alle die verbotenen Verbände aber zogen sich in das vermeintlich schützende Parteihaus der sogenannten „Deutschvölkischen Freiheitspartei" zurück, die statutengemäß die norddeutsche Filiale der Hitler-Partei war und den-Befehlen der Münchener Zentrale unterstand. Es war die Pflicht des preußischen Innenministers Severin g, in dieses Wespennest zu greisen. Einmal werden die Verhandlungen mit Frankreich ■ kommen, und das judenreine Kabinett Enno wird sie führen. Für die Reichsregierung beginnt dann eine Zeit schwerer innerpoMischer Belastungsproben. Es ist Hundert gegen Eins

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