Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1923-04-26 · 17 (26.4.1923) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
17 (26.4.1923)
Date
1923-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277415-2277432--00569-2279708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

136 Qcfftntlid)* Kundgebung in Hremerr. Gegen die Verhetzung der Jugend. „Antisemitismus, Jugend und Wiederaufbau" -Lautete das- Thema einer vom Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Bremen am 15. April nach dem großen Kasino sa a I einberufenen Versammlung, zu der hauptsächlich Lehrer eingeladen waren. In der Eröffnungsrede wandte sich. Rabbiner Dr.- R o s e n a k gegen die judenfeindliche Bewegung, zu deren Abwehr diese Versammlung mit beitragen solle. Hieraus übernahm Lehrer Heinz M e y e r die Leitung der Versammlung, und erteilte, machdem er um ruhiges und dem Ernst des Themas und der heutigen Zeit, entsprechendes Verhalten'ersucht hatte, dem Referenten Volksschullehrer Koster (Dresden) das Wort. Der Redner wies, wie aus einem Bericht der volksparteilicheu „Bremer Zeitung" vom 18. April hervorgeht, einleitend auf das alte Nebel der Deutschen hin, sich untereinander zu bekämpfen, statt die ganze Geschlossenheit auf den Feind zu konzentrieren. Die Not sei groß, aber falsch wäre es, zu.» sagen, der Jude sei an ctHetn schuld. Im Laufe seiner meiteiTii Ausführungen Polemisierte er an Hand eines reichhaltigen Materials gegen diese Ansicht und bezeichnete sie als durchaus irrig und gefährlich. Er selbst sei früher Antisemit gewesen, habe das Hakenkreuz getragen, und besitze eine riesige deutschvölkische Bibliothek. Er sei aber heute überzeugt, daß die Argumentation der Antisemiten teils auf böse m Wille u und teils ans T r u g, s ch l ü sse n auMebaut sei. Er sei ein begeisterter Anhänger Ludendorffs gewesen und habe diesen innig verehrt, er uni sie aber sagen, daß er jetzt das Auftreten Ludendorffs als ungernein schädlich betrachte und dieser gut daran täte, sich als Politiker zilrinkhaLteuder zu benehmen. Das meiste, was den Juden nachgesagt mürbe, sei unwahr, und das übrige träfe auch auf die Vertreter der fälschlicherweise als „arisch" bezeichneten Raffe in gleichem Maße zu. Alle .feien Menschen und alle Hütten Fehler.' Die Fachliteratur der iAntisemiten könne einer ernsthaften Prüfung nicht staudhaltm, idesgleichen die Behauptung, vorwiegend die Juden hätten sich im Kriege gedrückt. Die unbestechliche Statistik entzieht dieser Beschuldigung den Boden und beweise das Gegenteil. Für die Eltern- Mdischer Frontkrieger sei es bitter, immer wieder diese Behauptung hören zu müssen^ Die Raffentheorie der Antisemiterr. lehnt der Redner ab. Zdi m Dchlu ß . e rma h n L er die anw e s e nd e n In ge uderziehe r zur Toleranz. (Lebhafter Beifall.) In der freien A u s s P r a ch e bemerkte Herr Dr. M a h l st a e.d t (Völkisch^ man solle in der.gegenwärtigen Zeit keinen Zankapfel ms Volk werfen. (Zuruf: Das Plakat an den Anschlagsäulen!) Die angeschnittenen Fragen Ließen sich in einer großen Versammlung nicht entscheiden. Die Deutschnationale Volkspartei lebe unter dem Zwange eines Maulkorbgesetzes, des Gesetzes zum Schutze der Republik, das ein Hemmnis für die freie Aussprache sei. — einer Ansprache führte Herr Rabbiner Dr. Rocheuak aus, datz das jüdische Volk schon in den ältesten Zeiten das Leben nach ethischen Gesichtspunkten geordnet hat, und daß es das erste gewesen ist, das den Grundsatz allen Menschentums ausgestellt hat: Liebe deinen Nächsten; er ist wie du! (3. Buch Mose, Kap. 19). Der seiner Verantwortung bewußte Lehrer wird die Kinder, mögen sie jüdisch oder christlich sein, in diesem Geiste ersiehe u. (Bravo!) — Herr Dr. Eggers (Völkisch) erinnerte an den Untergang des römischen Reiches, das den Germanen, nachdem sie -es durchhöhlt hatten, als Beute zugefallen sei. Ebenso könne es dem. Deutschen Reiche durch die Juden gehen (Zuruf: 1 Prozent!), durch die schwarzen und weißen Juden! Gerade weil die Juden so bedeutend sind, seien sie zu fürchten! Der Mammonismus sti eine besonderejüdische Erscheinung. (Widerspruch.) Sombart habe gesagt, Kapitalismus ist Judaismus. Wer von den Juden ißt, stirbt daran. Wir sehen das große Sterben, das durch die Welt geht. (Vielseitige Pfui-Rufe, unter denen der Redner das Rednerpult verläßt.) — Herr Pastor F e l d e n führt aus, daß Herr Dr. Eggers feiner Sache einen, schlechten Dienst geleistet habe, da er, um sie zu beweisen, 2000 Jahre in die Geschichte habe zurück-greisen müssen und mit dem verlotterten einstigen römischen Reiche das heutige Deutschland verglichen habe. Herr Dr. Mahlstaedt sei klüger gewesen, indem er einfach -gekniffen habe. Redner forderte aus, in die Jugend keinen Haß zu säen, s o n d e r n M e n f ä) e n zu erziehen, d i e im Menschen den Menschen sehen. — Frau Kirchhofs erklärt sich mit den Rednern, die gegen den Antisemitismus gesprochen hatten, einverstanden, insbesondere auch mit den Ausführungen Dr. Rosenaks über die jüdische Ethik. Im Schlußwort forderte Herr Koste r auf, den antisemitischen Schriften mit größtem Mißtrauen zu begegnen. Ernsthafte Schriften seien in der völkischen Literatur nicht da! Herrn Dr. Mahlstaedt gegenüber bemerkte Redner, daß das Gesetz zum Schutze der Republik kein Schutzgesetz für die Juden sei, sondern ein Gesetz gegen den politischen Mord! Dann schloß er mit der Aufforderung an die Lehrer zum sittlichen Wiederaufbau der Jugend. Auch das Schlußwort fand lebhaften Beifall/ ie ö Verleumdung der -eutschjüöischen Jugend. Wie die „Deutsche Zeitung" Berichte fälscht. Am 12. April d. I. fand in der Ghamisso-Schule in Schöneberg eine gemeinsame Veranstaltung der de ut s chjüd i s che n Jugend ge mein schuft und der Ortsgruppen „Neuer Westen" und „Schöneberg" des Central-Vereins statt. Das Thema des Abends „Die Jugendbewegungbei unfern G e g nern u nb bei un s" gab mir Gelegenheit, die deutschvölkische Jugendbewegung, deren Umfang und ihre Gefahren', eingehend zu schildern und das Programm der deutschjüdischen Jugendgemeinschaft, Deutschtum und Judentum in unlösbarer Verbindung, zu entwickeln. Dem Vortrag folgte eine lebhafte Aussprache, an der sich Redner aus den verschiedenen jüdischen Jugendverbänden beteiligten'. ' Am 19. April brachte die „Deutsche Zeitung" an hervorragender Stelle einen Bericht von „züberlächsiger Seite", überschrieben -„Der jüdische Kampf gegen die nationale Jugend". Unterstrichen wird die Zuverlässigkeit noch durch das Nachwort: „Der Berichterstatter hat an dieser Versammlung persönlich teilgenommen und kommt für die Wahrheit seines Berichtes auf." Der ehrenwerte Herr wird Gelegenheit dazu erhalten, denn ich nenne ihn in aller Oeffentlichkeit einen Verleumder g e rn ei n g esä h r li ch st e r S o r t e. Man kann hier nicht mehv von Fälscherkunststückchen sprechen, weil die Fälschung so plump und augenfällig ist, daß die Böswilligkeit des Schreibers aus jedem Satze hervorleuchtet. ' Der Bericht in der „Deutschen Zeitung" beginnt folgendermaßen:. „Die jüdische Jugend ist anfgeboten gegen die völkische Strömung der. heutigen christlichen Jugend, denn diese völkische Bewegung ist eine g r o ß e G e f a h r für die Al a ch t des I u d e n t u m s (im Original gesperrt gedruckt). Die heutige Generationen Deutschland ist unserer jüdischen Führung'unterworfen..Daß diese Sätze er Io gen sind, brauche ich wohl kaum zu sagen. Man fragt sich nur, wer ist hier eigentlich der Dumme? Ist es 'der „Berichterstatter", der das fabriziert hat, ist es der Redakteur, der es diesem Herrn geglaubt hat, daß ein jüdischer Deutscher derartigen Unsinn aussprechen könnte, oder ist es schließlich die Dummheit -des Leserkreises, auf die man hier spekuliert? Das letztere wird wohl das Richtige-- sein. Die Grenze desjenigen, was ein deutschvölkischer Leser widerspruchslos von seinem Lerbblatt entgegennimmr, ist eben noch nichtgesunden worden. Ich zitiere noch ein paar solcher glatt e r f u n bene t Sätze: „Die Volksschulen sind in unseren Händen und werden in unserem Sinne beeinflußt." Dieser Satz stellt das genaue Gegenteil von dem -dar, was ich gesagt habe. Ich habe' die Aqitatron der deutschvölkischen Verbände geschildert und habe gezeigt, daß von uns in der Bearbeitung der jüdischen Schüler viel zu wenig geschehen sei, so daß der Zionismus uns' nmnchell iungen Menschen.Wegnahme, den wir bei regerer Arbeit uns zu führen könnten. Ferner heißt es: „Die Ausgabe der jüdischen Jugend ist es, der christlichen völkischen Jugendbewegung entgegenzutreten. In die Verbände müssen Inden eindringen und diese völkischen Verbünde mit ihrem jüdischen Geiste d u r ch d r i n g e n." Dieser Satz ist noch durch Fettdruck besonders hervorgehoben und soll offenbar aus den Leser als Zitat wirken.. Man weiß wieder nicht, soll man sich über die Unverschämtheit entrüsten, mit der hier Lügen in die Welt gesetzt werden, oder soll man sich über die Dummheit wundern, die mit so einfältigen Mitteln lügt, dieweil unzählige Zuhörer die Unwahrheit dieser Anwürie bezeugen können. Glaubt man. in der Redaktion der „Deutschen Zeitung" wirklich, daß wir Juden so dunun sind, von einem „Eindringen" in deutsch-völkische Verbände etwas zu erhoffen? An die Spitze unseres Programms stellte ich ein begeistertes B e k-e n u t n i § z u m D e u t s ch t n m. Ich zitierte dm schönen Satz von Gabriel Rießer: „Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir, Gott, ihn aller Wesen-Vater, Deutschland unsere Mutter hier." Ich sagte, daß wir auf die Frage, was uns mehr wäre, Deutschtum oder Judentum, dieselbe Antwort gäben, wie der verstorbene Rabbiner Werner es einmal gesagt hat: „Wenn man mich danach fragt, so'sage ich, das ist dieselbe dumme Frage, wie man sie oft an die Kinder richtet: Hast du Vater oder Mutter mehr lieb?" Was hat nun der „Berichterstatter" daraus gemacht? Man höre: „Wanderklubs, Turnvereine und ähnliche Verbände müssen geschaffen werden, die sich deutsch stellen, um die deutsche Jugend e i n z u f a n g e n." (Wieder fett gedruckt) „Jüdischer Geist mutz der jetzigen deutschen Generation eingeiwpft werden! Wenn ihr gefragt werdet, so sagt: Mein M u t t e r l a n d i st das Judentum, mein Vaterl an d ist Deutschland! Deutschs Land mutz auch in der künftigen Generation unter jüdischer Macht 1 bleiben. Wir Juden müssen die ganze Welt beherrschen!" Ich muß I aestehen, dieses Maß von Gemeinheit und lügnerischer Verdrehung llt selbst in den Kreisen der RadauantisemiLen bemerkenswert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.