Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 17 (26.4.1923)
- Date
- 1923-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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135 Deutschvölkische „Jubilare". In der deutschvölkischen Presse wurden in diesen Tagen zwei Fest, tage ersten Ranges mit großem Tantum und Trara begangen. Am 20. April feierte Adolf Hitler seinen 34. Geburtstag, und am 15. April war die 500. Nummer des „Hammer" erschienen. Geburtstagsfeiern selbst politischer Größen sind Seltenheiten, wenn die Einer-Ziffer nicht eine Null oder mindestens eine Fünf zeigt. Trotzdem wurde im „Völkischen Beobachter" Hitler in byzantinischer Weise gefeiert. Im Ueberschwang der Gefühle dichtete Dietrich Eckart, der seinen Namenszug recht fett und aufdringlich'in seinen „Völkischen Beobachter" setztl seitdem Verhaftungsbefehl gegen ihn erlassen wurde: „Die Herzen aus, wer sehen will, der sieht! Die Kraft ist da, vor der die Nacht entflieht." Und in einem Leitartikel des „Völkischen Beobachters", mit dem wir uns bereits auf der ersten Seite dieser Nummer beschäftigt haben, wird Hitler mit Friedrich dem Großen verglichen, wird er als Epigone Bismarcks gefeiert. Auch Herr Fritsch vom „Hammer" weiß als Mühlenbesitzer, daß Klappern zum Handwerk gehört, und veröffentlicht in Nr. 600 seiner Zeitschrift „H a m me r g r ü ß e". Daß Heinrich Claß^ Oberfinanzrat Dr. Bang und Neinhold Wnlle nicht unter den Gratulanten fehlten, wundert uns nicht; daß aber Dietrich Eckart so unaufmerksam gewesen ist, Herrn Fritsch den Zweitdruck eines im „Völkischen Beobachter" veröffentlichten Originnlgedichts als Geburtstagsgeschenk zu übersenden, scheint nicht ein Zeichen bösen Willens zu sein, sondern.der Gemütsverfassung, in der sich Herr Eckart augenblicklich befindet: Leipzig ist ihm in der Seele z u w i d e r. Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Herr Hitler und Fritsch sind gute Geschäftsleute, die den tieferen Sinn dieses Sprichwortes zn nutzen verstehen. Die juöenfemüliche Bewegung in Mitteldeutschland. Von Syndikus Kurt Sabatzky (Magdeburg). Die Bevölkerung Mitteldeutschlands ist seit der Revolution politiscl-en Extremen besonders zugänglich. Das hat der Kommunistenausstand nn Jahre 1921 bewiesen, der hier eine große Gefolgschaft fand. So ist es denn kein Wunder, daß, besonders gefördert durch die immer mehr zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sich auch weite Kreise in Mitteldeutschland der rechtsradikalen Bewegung anschlossen, die im Nationalsozialislnus, in der Deutschsozialen Partei oder in der Deutschvölkischen Freiheitspartei organisiert ist. Der Herd für den Faseismus in Mitteldeutschland ist in Stasif u r t zu suchen, wo unter Leitung von Hans H o t t e n r o t t die „M ittel deutsche Presse" erscheint, ein Blatt allerübelster Tonart. Da mit dieser Hetze in vielen Füllen auch eine solche gegen die bestehende Staatssorm verbunden war, sah sich der Oberpräsident der Provinz Sachsen bereits sechsmal veranlaßt, das Blatt aus Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik zu verbieten, und der Staats- Gerichtshof in Leipzig hat Herrn Hottenrott für ein Paar Jahre Möglichkeit zur inneren Einkehr gegeben. Es sei hier nur eine von den vielen Stilblüten wiedergegeben, die sich täglich in jeder einzelnen Nummer der „Mitteldeutschen Presse" wiederholen, mrd zwar nicht nur in politischen Artikeln, sondern auch in fast allen Lokal- und Feuilletonartikeln. So schrieb Herr Hottenrott kürzlich, daß die Juden, die die Rätediktatnr in Bayern gemacht hätten, dort während der Kommunistenherrschaft 69 katholischen Geistlichen die Zunge hätten herausschneiden lassen. Es ist festzustellen, - daß von seiten der Völkischen systematisch eine Agitation in a l l . n A rb e i t e rzü ge n st at ts ind e t, und so fährt von Magdeburg nach 0$$^^ D^x nach Burg kaum ein Arbeiterzug, in dem nicht die völkischen Agitatoren gegen die Juden hetzen; ganz besonders zeichnen sich hierbei Werkstudenten aus. In Halberstadt haben die Nationalsozialisten kürzlich unter -Führung des berüchtigten Herausgebers der Wochenschrift „Sturm" in Hannover, die auch in Mitteldeutschland stark verbreitet ist, des Herrn Ouindet, versucht, eine größere Aktion zu unternehmen. Quindel war dort mit einem Stabe von früheren Offizieren und Studenten, die -teilweise sogar aus München gekommen waren, erschienen und trieb in einer Vertrauensmännerversammlung der Völkischen eine wüste pogromantisemitische und staatsgesährliche Hetze. Daß Halle in übler Weise verseucht ist, braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden, denn bei dem Charakter Halles als Universitätsstadt muß man das heute leider als selbstverständlich betrachten. Aber auch hier sind in der Arbeiterschaft schon gewisse nationalsozialistische Strömungen bemerkbar. In den durch den Kommunistenputsch bekannt gewordenen Leuna- Werken, die Zwischen Merseburg und Weißensels liegen, macht sich in der Angestelltenschaft Fascismus breit, der durch dre Werkleitung geduldet wird. Auch das Mansselder B e r g r e v i e r ist von den Völkischen stark bearbeitet worden. Dort ist der deutschvölkische Agitator Dolle herumgereist, der überall vor den Bergarbeitern in Knappschaststrächt - spricht, und hat den Arbeitern das Märchen vom R-itualmord und : andere Schauergeschichten über die Juden erzählt. Der nördliche Teil Mitteldeutschlands, die Altmark, ist agrarisch, und auch in diesem Teil macht sich der Radauantisemitismus lebhaft bemerkbar. In Gardelegen wurden kürzlich bei jüdischen Geschäftsleuten die Scheiben eingeworsen und Schausensterschilder besudelt und demoliert. Man scheute sogar nicht zurück, die Schilder, von jüdischen Aerzten zu zerstören. In Salzwedel erscheint das „Salzwedeler Wochenblatt", das durch seine Judenhetze dazu beitrug, eine derartige Radauatmosphäre in der Altmark zu schaffen. Es ist ganz selbstverständlich, daß von seiten des Central-Vereins alles getan wird, um dieser Hetze, die nicht nur eine starke Gefahr für die jüdischen Deutschen, sondern auch für die Ruhe und Sicherheit des Staates überhaupt bedeutet, entgegenzutreten, und daß versucht wird, weite Kreise der christlichen Bevölkerung aller Schichten über Verwerflichkeit des Judenhasses auszuklären. Aufklärung uno Abwehr können aber ,\\nz dann Erfolg h a von, wenn sich sämtliche jüdischen Deutschen der Gefahr bewußt sind, die aus dem völkischen Treiben entsteht und sich an Operwilligkeit von ihren Todfeinden nicht übertreffen lassen. Deutschvölkische als „Wiffensdurftige". Spione in geschlossenen Versammlungen des Central-Vereins. „Der Centrnl-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dingt Leute, die sich in geheime deutschvölkische Versammlungen einschleichen sollen." Diese Behauptung konnte man vor längerer Zeit von einem der wüstesten antisemitischen Hetzer Breslaus in einer Gerichtsverhandlung hören, ohne daß der Beweis dafür erbracht wurde. Wahrscheinlich sind U)nt nur Beispiele gegenwärtig gewesen, die das Gegenteil seiner Behauptung bewiesen hätten, nämlich daß Deutschvölkische sich in ges-chlossene Versammlungen des Central-Vereins ei uschleichen. Die Ortsgruppe Breslau des Eenkral-Bereins hielt kürzlich ihre Generalversammlung ab, zu der die Mitglieder durch geschlossene und mit der Post beförderte Briefe ringelnden waren. Ein Außenstehender konnte von der Versammlung keine Kenntnis haben. Und doch! Bor Beginn erschienen Zwei junge Leute, die unter Vorweisung einer Einladung Einbast begehrten, aber nicht darauf gefatzt waren, datz man ihre Einladnng als gefälscht erkennen würde. Ihre Bestürzung war so groß, daß der eine bei Feststellung seiner Personalien (sicherlich nur aus Versehen) sogar richtige Angaben machte.— Dann begann die Versammlung und damit ein weiterer Versuch von Antisemiten, sich einzuschleichen. Ans einer Hintertreppe versuchte ein in letzter Zeit stärker hervorgetretener antisemitischer Hetzer in Begleitung eines seiner Anhänger die Galerie des Saales zn erreichen, um hier in Ruhe nÄes anhören zu können. Noch bevor sie. die Galerie betreten hatten, zeigte man diesen beiden jedoch, daß die Vordertreppe wieder aus die Straße führt. Streben nach Wissen ist zwar anerkennenswert, aber die Art des Strebens, die wir hier vor uns haben, ist -unritterlich. Gefälschte Eintrittskarten und Hintertreppen sollten «die Jünger.Wotans aus N e i n 1 i ch beit s g r ü n d e n verschmähen. Haprische Volkspartei und Hitler. Eegens eist ige he ftigeFehde. Das offizielle Organ der Bayrischen Volkspartei, 'der „Bayerische Kurie r", hat den Fehdehandschuh, den ihm ihr Herr Hitler hingeworsen hat, mutig ausgenommen. Dafür gießt nun Herr Hitler in seinem „Völkischen Beobachter" die ganze Schake seines Zornes auf die Bayrische Volks Partei aus, von der er behauptet, daß ihre Wählerschaft immer mehr und mehr auf die Politische Schiebertaktik aufmerksam geworden sei. und sich den Nationalsozi-alen zuwende. In letzter Zeit habe inan vergeblich verflicht, die völkische Bewegung zu spalten lmd der Volkspartei, dieser großen Hammelherde, das politische Nebergewicht zu schaffen. Besonders verhöhnst Herr Hitler die der Bayrischen Vvlkspartei nahestehende „nationale". bayerische Negierung. Ausgerechnet Herr Minister Sch weher solle eine nationale Negierung repräsentieren, derselbe Herr Minister Schweyer, der vor Jahr und Tag ein geheimes, ganz geheimes Rundschreiben an alle Beamten rechts des Rheins erlassen Habe, darin der böse Antisemitismus aufs strengste verboten worden sei. Die Bayrische Volkspartei und ihre Hintermänner sprächen zwar von „Weiß-Blau", meinten aber „Blau- Weiß" (die Zionistischen Farben). So geht es in lieblichen Angriffen fort, bis Herr Dr. Heim an die Reihe kommt., der Aussichtsrast in der Deutschen Bank sei, und der „j ü d i sch e" Direktor Masse rm a n n aufs neue verleumdet wird durch den Hinweis auf seinen angeblichen Ausspruch vom 18. Januar 1923: man müsse nur jüdische Interessen vertreten und keinerlei andere Rücksichten anerkennen. Schließlich wettert das Hitler-Organ: „Die Bayrische Volkspartei tut gut, sich allmählich daran zu gewöhnen, daß ihre Zeiten vorüber sind, daß ihr Verrat am Christentum sowohl, wie das schmähliche Imstichlassen wirklich bayerischer und wirklich deutscher Interessen schon stadtbekannt geworden ist, und daß auf dem Lande der morsche Bau einer Politischen Schieberpartei im Bersten ist und bald keine Säule mehr von vergangener Pracht zeugen wird."