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Central-Verein-Zeitung · 1923-04-12 · 15 (12.4.1923) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
15 (12.4.1923)
Date
1923-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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120 Unser Kampf in Pommern. Dr. Fe lix Heimann (Stettin). Pouriuer ns Hauptstadt zählt Zwischen 250- und 300000 Einwohner. Die Zahl der jüdischen Seelen ist gering. Von einem merklichen Ueberschreiten der für Deutschland geltenden Durchschnittszahl'von einem Prozent kann jedenfalls nicht die Rede sein. Im. umgekehrten Verhältnisse zur jüdischen Einwohnerzahl steht die in den Mauern Stettins wie im ganzen, jüdisch äußerst dünn bevölkerten Pomrnerw land getriebene j u d e n. f e i n d t i ch e H e tz e und der dadurch hervorgerusene Judenhaß. Die Stadt weist fünf erwähnenswerte Zeitungen auf. Drei von ihnen sind offizielle Parteibläiter, geben also gleichzeitig die in den betreffenden Provinzialorgauifationen herrschenden Stimmungen wieder. Zwei andere, der „G e n e r a l a n z e i g e r", das größte Blatt Pommerns mit weit über 60 000 Abonnenten, m\b die ,',A b e ndpo st", sind parteipolitisch neutral und lehnen jegliche Betätigung in antisemitischer Richtung ab. Von den drei Parteiblättern gehört eins, die „O st) c e zeit u n g", ehemalig demokratisch, jetzt der Deutschen Volksparter an, deren Führer und Seele hier in Pommern der Reichstagsahgeordnete Dr. M i t t e l m a u n ist. Man muß gerechterweise zugeben, daß sich die „Ostseezertung" insbesondere in letzter Zeit bemüht hat, der jüdischen Bevölkerung vorurteilsfrei emg-eg-enzutreten., was ihr nebenanderenhier nicht zu erörternden Motiven den Haß der „Pommerschen Tagespost" zugezogen hat. Dies Blatt nennt sich „Organ der dentschnationalen Partei Ponunerns". Der Ton, der in ihm angeschlagen wird, ist aber von den: der schlimmsten deutschvölkischen Pogromblätter in nichts verschieden. Der Haß der „Tagespost" gegen Judentum und JudenheiL überschreitet bei weitem die Grenze des Ueblichen, und der Landesverband Pommern; des Central-Vereins hat dem dentschvölkischeu Organ erst vor kurzem durch eine in allen anderen teitungen erschienene Erklärung bescheinigen müssen, daß es „den nspruch verwirkt hat, ernst genommen zu werden". Der Grund zu dieser „ErWrung" lag neben' anderem in den seitenlangen „Erläutern!ngen" zu den „W eisen von Z io n". Für alles Schlechte der letzten Zeit, einschließlich Krieg, Niederlage, Ruhreinbruch und Säuglingssterblichkeit, hatte das pommersche Wulle-Blatt die Juden und die „verjudeten Sozialisten" verantwortlich gernacht. Mit beißender Ironie war den sensationellen „Enthüllungen" der „Pommerschen Tagespost" der „Volksbote" entgegengetreten, das leitende Blatt der Sozialdenwkratie Pommerns, das allen Anfechtungen und Verdächtigungen von völkischer Seite Zum Trotz einen zähen Kampf gegen die „völkischen" Methoden der „Pommerschen Tagespost", gegen ihre Aufforderung zu Boykott und Pogrom führt. Das Blatt der pommerschen Sozialdemokratie führt diesen Kampf wahrlich nicht aus Judenfreundlichkeit, sondern! getragen von der Erkenntnis, daß Nationalsozialismus, Deulschsoziale und Deutschvölkische Freiheitspartei gegründet worden sind, um die Republik zu zertrümmern und die organisierte Arbeiterschaft der Errungenschaften zu berauben, die ihr das neue Deutschland auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiete gebracht hat. Dem pommerschen Arbeiter, und gerade ihm, kann man nicht emreden, daß die völkischen Kreise besonders arbeitersreundlich^ sind. So viel über die Zeitungen und über die Parteien hier in ^Lettin. Die antisemitische Versmnmlungstätigkett war besonders lebhaft in den Wochen unmittelbar vor dem R a t h e n a u - M o r d. Damals konnte der Hauptgeschästsführer des Schutz- und Trntzbundes, Herr Roth ans Hamburg, hier unbehelligt zum „Hinauspeitschen der Juden aus Deutschland", zur Beseitigung des JSowjetjuden" Walther Rathenau, des „Ministers der bewußten Unwahrheit", des „Handlangers der Sklavenhalter" aufsordern. Als sich nach der.Beseitigung Rathenaus in imposantem Aufgebot die Massen der freiheitlich gesinnten Arbeiter und Bürger erhoben, duckten sich zuerst einige Wochen lang die deuLschvölkijchen Vaterlandserretter. Als der Zorn des werktätigen Volkes abgeebbt war, traten sie nach berühmtem Muster wieder aktiver hervor. Unmittelbar vor Severings Verbot der „F r e i h e i t s p a r t e i" hatten wir hier und in der Provinz wieder „Hochkonjunktur" in Versammlungsantisemitismus. Jetzt ist es etwas stiller geworden. Wie lange wohl? Die jüdische Bevölkerung Stettins wie ganz Pommerns ist sich leider der g e f ä h r l i ch e n L a g e, in der vor allemdas pommersche Judentum schwebt, nicht voll bewußt. Die Geschichte, besonders die der jüngsten Jahre, lehrt uns, daß man in kritischen Augenblicken immer versucht hat, die Juden dem Volke als Ablenkungsobjekte vor die Füße zu werfen. Es ist daher aus das Lebhafteste zu begrüßen, daß sich vor kurzer Zeit hier In Stettin eine an Mitgliederzahl bereits recht große -Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten gebildet hat. Darüber hinaus hat aber jeder deutsche Jude, ob Mann, ob Frau, die Pflicht, der großen Abwehrorganisation, dem Central- Vere-in anzugehören, und noch mehr, den Kamps des Central-' Vereins nicht' mit Bettelpfennigen, sondern m i t a n g e m e s s e neu Geld m i 11 e In zu unterstützen., Zu viele unserer jüdischen Deutschen, auch hier in Pommern, verlassen sich auf den andern, der sich wiederum zuversichtlich auf den andern stützt. Gewiß, in der Letzten Zeit ist es auch hierin bedeutend besser geworden; noch aber ist die Lauheit, Gott sesis geklagt, unerhört und geradezu sträflich. Noch kehlt selbst in Stettin in unserer Ortsgruppe reichlich die Hälfte aller derer, die in der Lifte der Synagogengismeinde zu-finden sind, wobei noch berücksichtigt werden mutz, daß diese Gemeindelists auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben darf. Die letzten Wochen haben denen, die nicht blind sind, gezeigt, wohin die Reise geht. Wer will fortan noch abseits stehen? jy^ns £e«n, jittefchcn Am 6. Mai findet in Berlin eine Hauvtvorftandsfrtzung deS Central-Vereins statt. Nur unter den größten Opfern ist es den auswärtigen Teilnehmern möglich, zu dieser Tagung nach Berlin zu kommen» Wir können nicht zugeben, datz die Herren noch mit erheblichen Quartierkosten belastet werden. Es wird vielen BerlinerMitgliederndesCentral-Berernseino Freude und Ehre sein, ein Freignartier zur Verfügung zu stellen. Wir bitten, uns Adressen gütig st umgehend mitzuteilen. Ein bedeutungsvoller Lehrauftrag ist Professor Dr. G. Weil von der Berliner Universität zuteil geworden. Er wurde beauftragt, hier Vorlesungen über Geschichte und Literatur des n a ch biblischen Judentums zu halten. Damit ist der seit langem bestehende Wunsch, daß an den Universitäten außerhalb der christlich-theologischen Fakultäten von berufener Seite über das nachblblische Judentum Vorlesungen stattfinden, für Berlin erfüllt. Wir hegen die Hoffnung, daß aus diesem Wege manchem christlichen Studierenden die so dringend nötige Aufklärung über die Bedeutung auch des nachbiblischen Judentums in wissenschaftlich hochstehender Weise geboten wird. Wenn mit Recht in den letzten Jahren wiederholt gesagt wurde, die christliche Umwelt kenne irgendeinen Vollsstamm in Indien und eine Religion in Afrika besser als die in ihr seit alten Zeiten Lebenden Juden und das Judentum überhaupt — man denke nur an den Talmud —, so ist die Wirksamkeit eines solchen Lehrstuhls von besonderer Wichtigkeit. Wer weiß, welche Rolle die theoretische Errichtung des gekennzeichneten Lehrstuhls bei der Gründung der Hochschule s ü r Wissenschaft des Judentums, bei der Stiftung der Frankfurter Universität und sonst spielte, wird sich freuen, daß er nunmehr Wirklichkeit geworden ist. Professor Gotthold Weil, ein Schüler Professors Sachaus, des angesehenen Arabisten, und früherer Angehöriger der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, ist auch Direktor der orientalischen Abteilung der preußischen Staatsbibliothek- Tie wissenschaftliche Wertschätzung, die er genießt, und der Ruf seiner Persönlichkeit geben die beste Gewähr, daß er durch seinen neuen Lehr» austrag das Ansehen der deutschen Wissenschaft mehrt. Professor Dr. Hugo Liepmann, der bekannte Berliner Nerveuarzs und Gehirnforscher, feierte am 9. April, wie die „Vosfische Zeitung" berichtet, seinen 60. Geburtstag. Liepmann, ein geborener Berliner, hatte, bevor er sich zur Medizin wandte, Philosophie und Naturwissenschaften studiert und den philosophischen Doktortitel erworben. Er hat sich namentlich die Forschungen zur Lehre Kants und Schopenhauers arrgelegen sein lassen und in der „Allgemeinen Deutschen Biographie" den Artikel „Schopenhauer" versaßt. Später ging Liepmann zur Medizin über und wandte sich nach beendigtem Staatsexamen der JrrenlreilkundG zu, in der er sich an der Berliner Charitö unter Jvllp ttrtb später an der Breslauer Universitäts-Jrrenklinik unter Wernicke ausbildete. Im Jahre 1899 wurde er Assistent an der Irrenanstalt Dalldorf und 1914 als Nachfolger Moelis Direktor der Irrenanstalt Herzberge in Berlin. Vor fünf Jahren zum ordentlichen Honorarprofesfor ernannt, widmete er sich nur noch seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Ausbildung von Religionslehrerinnen. Seitens der jüdisches Gemeinde zu Berlin werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen und Semin aristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Religions-» Unterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. D i e Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestelll wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichröderschen Legat einige Stipendien zur Verfügung. Das Sommersemester beginnt am Montag, den 16. April d. I. Meldungen nimmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstraße 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. — Auch auswärtige Damen sollten die Gelegenheit nützen, ihr jüdisches Wissen zu vervollständigen. Opfer des Nuhreirrbrrrchs. Der Inhaber des Zeitunasvertriebes Herze in Mülheim a. d. Ruhr wurde am 24. März von dem sranz ö s i s ch e n P o l i z e i g e r i ch t in Verden zu 8 00 00 0 931 a x f Gelds strase verurteilt, weil er angeblich verbotene Zeitungen verkauft haben sott. Der A n k l ä g e r batte zwei Monate Gefängnis und 500 000 Mark beantragt. Den Verurteilten trifft die Geldstrafe sehr schwer, da er seinen Zeitungsvertrieb ans ganz kleinen Anfängen in die Höhe gebracht hat. Als jüdischer Deutscher hat Herze aus seiner Vaterländischen Gesinnung niemals einen Hehl gemacht, Grund genug für die Franzosen, ihn so empfindlich zu strafen, daß die Früchte seines Strebens vernichtet werden. Die Nitualniordlnge. Tschechische Blätter melden laut „Vosfische« Zeitung": Das Gebiet von Kaschau wurde während der Osterfeiertags tmvd) RitnaUnordgen'lchte in Aufregung versetzt. Ein Gerücht wollte wissen, daß ein junges Bauernmädchen ermordet werden sollte, für das ihr Vater von den Juden 11000 Kronen erhalten habe. Ein Zweites Gerückt behauptete wieder, daß in Kaschau die Juden ein junges Christen- Mädchen aufgehängt, ihr alle Finger abgeschnitten und das Blut anläß» lich der Osterfeiertage benutzt hätten. Die Kaschauer Polizei hat -eine strenge Untersuchung eingeleitet, als deren Resultat sich ergab, daß kein wahres Wort an den Gerüchten sei. Kleine EHronik. Am Sonnabend, 14. d. M., feiert der in Erfurt seit 39 Jahren amtierende Rabbiner Dr. Salzburger in -geistiger und körpere Ucker Frische sein 59jähriges Amtsjubiläum. Das Fest Wird non der Gemeinds würdig begangen. — Das rührige Vorstandsmitglied unserer Ortsgruppe K ö p e * nick, Herr Prediger und Lehrer S. Fra n?, beging am 1. April sein 25s8hriges Dienstjubiläum unter allgemeiner Anteilnahme auch der nichtjüdischen Kreise seiner Heimatstadt. — Herr Malermeister Bernhard Bonn in in Bielefeld, Seniorchef der Maler- und Glaserfirma B. u. A. B o n n i ü , feierte am 1. April d. I. das goldene Berufsjubiläum. — Der langjährige Vorsteher der Synagogengemeinde Gollnow, Herr Adolf Glasfeld, wurde in Anerkennung seiner Verdienste als Stadtverordneter und unbesoldeter Rats-' , Herr zum Stadtältesten ernannt. — Am 22. März setzte Herr Rabbiner » Dr. Schüstan in der Görlitzer „Literarischen Gesell-schafi" vor einem aber*! mals überfüllten Hause seinen Vortragszyklus über den „Talmud" fort. DiS I Zuhörer, .fast nur Andersgläubige, nahmen auch diesmal mit größtem Zntereffß ' die Ausführungen des Redners entgegen»

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