Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 13 (29.3.1923)
- Date
- 1923-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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104 «und Zuverlässigkeit erheblich hinter den von Staats wegen angeordneten zurück. Sodann sind die 'letzten Volkszählungen in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten vorgenommen worden^ so daß zwischen den Ergebnissen der einzelnen Länder bedeutende Zeitabstände liegen. In Deutschland, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz, Belgien, Bulgarien, den Vereinigten Staaten, Argentinien, Brasilien wurden Volkszählungen im Jahre 1910 vorgenommen, in- Rumänien aber 1899, in Frankreich 1906, in Holland 1909„ in Italien 1911, in Spanien und in Schweden' 1900. In Rußland, wo mehr als die Hälfte aller Juden der Welt wohnte, wurde die erste methodisch exakte und einigermaßen zuverlässige Volkszählung 1897 veranstaltet, im türkischen Reiche dagegen 1904. Zwischen den Ergebnissen aus dem asiatischen Rußland und jenen aus der nahen asiatischen Türkei liegen also volle sieben Jahre. In manchen Staaten, die erhebliche jüdische Gemeinschaften beherbergen, find Volkszählungen überhaupt nicht oder nur in höchst primitiver Form vorgenommen worden. Dahin gehören die meisten asiatischen und afrikanischen Staaten. Hier ist man auf Schatzungen angewiesen. Allein diesen Unzulänglichkeiten zum Trotz bieten die modernen Methoden der wissenschaftlichen Statistik hinreichende Mittel und Wege, größere Jrrtümer 31t vermeiden und ein allgemeines Zahlenbild zu gewinnen, das von der Wirklichkeit nur sehr wenig abweicht. Der Verfasser hat seine Untersuchungen auf einer möglichst breiten Grundlage angestellt. Besonders verdienstlich ist es, daß er die Vergangenheit zum Vergleich herangezogen hat. Dadurch gewinnen wir ein anschauliches Bild vom Wachstum und den Wandlungen der Judenheit. Znm Ausgangspunkt seiner Feststellungen für die Gegenwart wählte er die Zeit vor dem Weltkriege. Die grundstürzenden Aenderungen, Verschiebungen und Umwälzungen, die der Weltkrieg auch im Leben der Inden verursacht hat, lassen sich vorläufig in ihren Folgen auch nicht im entferntesten überblicken, geschweige daß sie statistisch erfaßbar wären. Immerhin gewährt das Zahtenbild, das wir aus der Zeit unmittelbar vor dem Weltkriege gewinnen, eine sichere Grundlage für die Beurteilung des Bevölkerungsstandes der Gesmntjudenheit in den europäisch-amerikanischen Hauptzentren im Moment des Abschlusses einer weltgeschichtlichen Epoche. Die Gesamtzahl der Juden auf der ganzen Welt wurde 1915 auf 14 340 000 geschätzt. Das jüdische statistische Komitee im Haag gab die Schützungsziffer auf nur 13 800 000 an. Es liegt aber eine viel genauere, nach exakteren Methoden vorgenommene amerikanische Schätzung aus dem Jahre 1918 (im American Jewish Dcar Boot für 1919/20) vor, die die Zahl der Juden auf 15,3 Millionen angibt. Diese Zahl dürfte der Wahrheit wohl am nächsten kommen. Nun betrug vor dem Kriege der jährliche Zuwachs der Juden in der ganzen Welt 180 000 Seelen, alle sechs Jahre vermehrte sich!Wnnach die Zahl der Juden ungefähr um eine Million. Es dürste also im Jahre 1914 die Gesamtzahl der Juden in der Welt weit über vierzehn Millionen betragen haben. Diese Zahl gibt zu mancherlei bedeutsamen Erwägungen Anlaß. Zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels betrug nämlich die Seelenzahl der Juden in der damaligen Welt höchstens 4,5 bis 5 Millionen. In den folgenden Jahrhunderten ging die Zahl erschreckend herunter. Zu der großen Sterblichkeit, die das ganze Mittelälter kennzeichnet, kamen für die Juden besonders noch die grausamen Metzeleien und Verfolgungen, Austreibungen und Zwangsmassen- Laufen hinzu. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts betrug die Zahl der Juden in der ganzen Welt kaum eine Million. Erst die beiden folgenden Jahrhunderte schufen in steigendem Maße, wie für die Gesamtbevölkerung Europas so auch für die Juden, die hygienischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die der Volksvermehrung Vergesst nicht die fälligen Vierteljahresfeeiträge* günstig waren. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gab es 2,5 Millionen Juden, ihre Zahl war also auf das Zweieinhalbfache gestiegen. Im Verlause des neunzehnten Jahrhunderts wuchs sie sogar um das Vier- bis Fünffache, so daß die Zahl der Juden gegen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bereits etwa zwölf Millionen betrug. Die Gesamtbcvölkernng Europas nahm während des Mittelalters bis tief in die Neuzeit hinein nur wenig zu. Die öfteren furchtbaren Seuchen, die lang andauernden Kriege und die schlechten hygienischen Zustande mähten den natürlichen Zuwachs hinweg. Das achtzehnte Jahrhundert brachte hierin eine beträchtliche Aendernng Zinn besseren. Im Jahre 1804 zählte Europa 191 Millionen Einwohner, 1910 zählte es schon 452 Millionen. Zählt man noch die 100 Millionen Nordamerikaner hinzu, die entweder aus Europa eingewandert sind oder von cm:043äifd)£n Eltern abstammen, so erhält man 552 Millionen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hat sich die europäische Gesamtbevölkerung beinahe um das Dreifache, die jüdische dagegen, vok wir gesehen haben, in demselben Zeitraum um das Bier- bis Fünffache vermehrt. Ihre Zw.vachsqnote war also bedeutend größer als die der Nichtjuden. Eine genaue Untersuchung ergibt, daß diese merkwürdige Erscheinung in erster Reihe auf die geringeSterb-! lichkeit bei den Juden zurückzuführen ist. (Schluß folgt.) 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