Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1923-03-29 · 13 (29.3.1923) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
13 (29.3.1923)
Date
1923-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277415-2277428--00527-2279662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

98 Tätiges Gottvertrauen. Peßach - Betr crH tung. In der Beurteilung der Eremniffe, die zur Erlösung Israels aus Aegypten geführt haben, lassen sich im altMifchen Schrifttum zwei Stimmungen und Strömungen seststellen. Die eine schaut verzückt auf das Geheimnisvolle der Erlösung und erklärt es allein aus der göttlichen Gnade. - Die zweite betont Den Anteil des Volkes an dem Erlösungswerke und damit sein Anrecht aus die Befreiung. Aus ihrem Kreise stammt die Ln unserem Schrifttarnt immer wiederkehrende Stage: „Wodurch erwarb sich Israel das Recht auf Erlösung?" und seine mannigfaltige Beantwortung. Die einen weisen daraus hin, daß Israel auch Ln seiner Entrechtung nicht von dem Namen und der Sprache der Väter gelassen, daß also der Stolz auf die Vorzeit und die Treue die erlösenden Kräfte «wesen. Die anderen rühmten die Frauen in Altisrael als ihres Volkes Erlöferinnen, da.sie den Geist der Vorväter in dem jungen Geschlecht lebendig erhielten. Die dritten rühmten, daß das versklavte Volk wenigstens seine angestammte SittlickMt nicht preisgegeben, und daß inmitten der Entsittlichung Aegyptens so seine Volkskrafb un- Debrochen geblieben. Und wieder andere sprachen davon, daß aller- «ngs die Tugenden der Vorzeit in Israel langsam abgestorben, daß «der doch Gintracht Israel zusammenhielt, und diese Geschloffenheit yach außen seine Jnnenkraft gesteigert hat. Aus jeder dieser Antworten ßpricht ein tiefes Verstehen für das Lhesentliche in Israel, und zugleich hie Erkenntnis, daß e r n Volknicht wider fernen Willen, «icht ohne sein Mittun befreit werden kann, daß lein Wunder und leine Gnade aus einer Sklavenhorde ein freies Volk machen wird. Dieser Glaube unserer Men an die wirksamen Jnnenkräfte Israels, enträtselt zu einem guten Teile das Wunder seiner Erhaltung. Gewiß empfindet jeder, der sich in Israels Geschichte versenkt, andächtig die prvvidentieüe Fügung in seiner Führung. Aber nicht minder stark verspürt er, daß in ihm mit dem Gottvertrauen ein starker sittlicher Wille, das Verständnis für seine Sendung wirksam gewesen. Es lag stets in seiner Hand, sich aller Verfehmung und Verfolgung zu entziehen. Ein kleiner Meineid vor dem fremden Mar und ein wenig Wasser auf das Haupt — und der Makel seines Jndejeins war vergessen. Israel ließ sich aber nicht locken und nicht schrecken; es ging seine eigene Straße, auch wenn sie ein. Leidensweg, rin Dornenpfad war. Man singt und sagt so gern von deutscher Treue, wie ihresgleichen nicht unter der Sonne zu finden ist- Wir singen Wn Peßach das Hohelied von Israels Treue, wie es aus freier Entschließung alle Güter der Erde mißachtet hat, um das Gottesdiadem Hemer Selbstachtung nicht zu verlieren, wie sein Martyrium nicht aus Resignation, nicht aus der Verzweiflung, sondern aus gesteigerter sittlicher Tatkraft,aus eisernem unbeugsamen Willen geboren worden. Die Kraft seiner passiven Resistenz war stärker als die physische lieber macht feiner B e D rang e r. ~ An diese aktiven Kräfte im Judentum erinnern-die drei Festtmbole, das Peßachlamm, das ungesäuerte Brot und das Bitterkraut. Le erzählen vom alten Israel und mahnen das neue an den Mut zu o p f e r n , den Mut Zu e n t b e h reu, den Mut zu leiden. Der Mut zu. opfern war die erste Aeußerung seines erwachenden Selbstgefühls in Aegypten gewesen. Als Pharao zu Mose gesagte „Geht, opfert eurem Gotte in meinem.Lande," hatte Mose bekennen müssen: „Das wird Israel nicht wagen, denn die Tiere, die wir opfern, betet ihr an; wenn wir das Tier, das ihr vergöttert, opfern, wird mau uns da nicht steinigen?" (Exodus 8, 22.) Wenige Wochen später aber war diese engende Angst überwunden. Die Sklaven waren zum L-elbstbewußtsem erwacht, und am zehnten Nissan wird in -jedem Hause das Opferlamm geschlachtet, nicht etwa verborgen, min, offen werden die Hauser mit dem Opferblut besprengt^ vor ganz Aegypten bekennt sich Israel zu seinem Gotte. Der Mut zum Opfern, zum offenen Bekenntnis inmitten einer feindlichen Welt war eine sittliche Tat! Das reiche Aegypten bot Israel Nahrung im Ueberfluß. — Grund genug, daß die^ Sklavenseelen in ihm sich an den Fleischtöpfen Aegyptens für ihre Aechtung schrdlos hielten. Für sie galt das knechtische Geständnis: „Es ist besser, in Aegypten zu leben, als in der Wüste zu sterben." (Exodus 14, 12.) Für das e r w a ch e n d e Israel war aber die Politik keine M a g e n s r a g e mehr. Seine Losung war: Lieber das karge Elendsbrot in Freiheit als Leckerbiffen in Sklavenketten! Statt Entehrung und Selbstsucht, sollten Entbehrung und Selbstzucht das Leitwort seiner Geschichte sein und bleiben. Es i st eine der häßlichsten Geschichtslügen, die Is r ael Zu m Tr äge r des materialistischen Gedankens in der Menschheit stempelt. Wäre Israel so praktisch gewesen, es hätte längst seine unpraktische Religion aufgegeben. D i e Prak t i-s che n haben sich läng st aus seinen Reihen gelost. Die Idealgesinnten sind in ihm verblieben. Sie haben das Brot der Entbehrung jedem leckeren' Köder vorgezogen. Der Mut Zum Entsagen war der Prüfstein ihres Jsraelismus- Und Zum Elendsbrot -der Entbehrung reichte ihm das Schicksal das Bitterkraut der Leiden. Sie haben es still aus seinen Händen entgegengenommen und die Märtyrerkrone des Haffes stolz wie eine Königskrone, getragen. Sie gehörten immer und überall zu den Stiefkindern des Glückes. So ist das Schicksal Israels der Gradmesser der Menschlichkeit geworden. Nicht nur die Kreuzritter haben ihr Heldentum unritterlich an wehrlosen Juden erprobt. Es ist eine bittere Wahrheit und zugleich ein harter Trost, was Friedrich Wilhelm Förster in seinem Buche: „Mein Kamps gegen das militärische und nationalistische Deutschland" ausgesprochen hat: „Der Jude ist uns gegeben, damit wir uns ihm gegenüber in schwerem Kampf mit eigener roher Unduldsamkeit zum Rechtsgedanken emporrmgen." Int Mut zum Leiden lebt mehr Heldentum als in dem Mute Wehrlosen wehezutun. Unser Peßach ist die alljährliche Predigt vom tätigen G o t t v e r t r a u e n, das heißt vom Heldentum des Opferns, des Entbehrens und des Leidens. Es . wendet sich an die Aufrechten in Israel, die ihr Judentum als einen Adelsbries bewerten, die für ihr Recht am Vaterland und an der Menschheit Mannhaft kämpfen. Jüdisches Gottvertrauen heißt nicht, tatenlos auf das Wunder der Erlösung warten. Nein, es heißt für sie leiden, für sie streiten. „Steh' fest und wehre dich!" (Jeremia 46, 14.) Stadtrabbiner Dr. Nreger (Stuttgart). Der parlamentarische Vorstoß gegen öen C.V. „Kleine Anfrage" — großer Verleumdungsversuch. In der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" haben tujjt Me „Kleine Sin frage" der W geordneten Voß usw. von 'der Deutschna-tionalen VvMpartei im Wortlaut wiedergegeben, die demnächst das Preußische Abgeordnetenhaus beschäftigen wird. Ta es sich hier um einen Verleumdungsversuch preußischer Abgeordneter handelt, muffenwir diesem in der Oefsentlichk-eit.sofort entgegentreten, so gern wir erst die Regierungserklärung abgewartet Hütten. Die „Kleine Anfrage" nimmt zunächst Bezug auf das Verbot einer öffentlichen Versammlung der Deutschvölkischen Freiheits- Partei durch Herrn Oberpräsidenten Noske, dem die für den 27. Februar d. I. in Hannover angekündigte große Rede des Herrn Reichstagsabgeordneten Wulle verfiel. Auf eine Anfrage bei unserem Ortsvereinsvorsitzenden in Hannover wird uns mitgeteilt, daß -,,woder direkt noch ittbirekt vor dem Verbot die Ortsgruppe des Central -Vereins in Hannover im Oberpräsidium Vorstellungen erhoben hat", daß also das Gegenteil von dem wahr ist, was die „Kleine Anfrage" behauptet hat. Wenn in der „Kleinen Anfrage" unser Syndikus, Herr Dr. Hol- Imtber, als Kronzeuge dafür ausgernsen wird, daß di-e Verbote öffentlicher Versanunlungen der DeutschvMischen Freiheitspartei in Thüringen und anderswo „infolge der Einflußnahme der leitenden Persönlichkeiten dieses Vereins uyd seiner Zweigorganifaäonen" erfolgt seien, so müssen wir a ller schä rfste n> Protest dagegen e r h e b en, d n ß Herrn Dr. Holländer angedichtet wird, in der bekannten Lehrervereins» h6 n s-Vevs6 mm lung derlei oder ähnliches gesagt zu haben. Mit keinem Wort hat Herr Dr. Holländer irgendwelche Einflußnahme auf Behörden, um Versammlungs- Verbote zu erreichen, auch nur erwähnt. Wir fordern die Herren Abgeordneten Voß und - Genossen auf, uns die Duelle anzugeben, ans der sie ihre Weisheit geschöpft haben: Herr Tr. Holländer hätte „sehr deutlich durchblicken lasse n", der E.-V. habe sich um Verbote bemüht. Da wir zu allen Abgeordneten das Vertrauen haben, daß sie haltlosen Zuträgereien nicht Zugänglich sind und eine „Kleine Anfrage" nicht auf einen Bericht gründen, der ans den Fingern gesogen ist, nehmen wir an, daß der „tmn.eradfchastliche" Geist gegenüber dem Herrn Wulle die Herren zu vertrauensselig gemacht hat. Mögen sie ein für allemal zur Kenntnis nehmen: wir sind Freunde der Vereins- und Versammlungsfreiheit. Zufällig ist uns bekannt, daß in Hannover gar kein Hehl daraus gemacht wurde, weshalb die Versammlung des Herrn Wulle verboten worden ist. Anfang Februar hatte dort eine völkische Versammlrmg stattgefunden, in der es zu einer wüsten Schlägerei gekommen war. Auf der Strecke waren damals schätzungsweise 50 Verwundete, darunter einige mit schweren Verletzungen durch Säbelhiebe, sowie 72 Stuhle, verschiedene Spiegel und Beleuchtungskörper geblieben. Das Verbot der Wulle-Versammlung ist deshalb mit vollem Recht wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ergangen, denn der Zusammenstoß wäre bei der noch nachzitterrtden Erregung auf beiden Seiten folgenschwerer gewesen als der erste. Die Abgeordneten Voß und Genossen haben sich ein deutschfreiheitliches Kuckucksei in ihr völkisches Nest legen lassen. Der vornehme Fraktionsführer der Deutschnationalen, Herr v. d. Osten, hat jüngst im Abgeordnetenhaus den deutschvölbisch gesinnten Herrn Schlange zur Ordnung gerufen, - weil er von „Kameradschaft" gegenüber Wulle, Graefe und v. Henning gesprochen hatte. Unter sichtlicher Bewegung des Hauses hatte Herr v. d. Osten erklärt, von den Methoden der deutschen Freiheitspartei trenne ferne deutschnatron-ale Fraktion ein Abgrund. Die „Kleine" Anfrage zeigt trotzdem deutlich die Methoden des Herrn Wulle.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.