Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 12 (22.3.1923)
- Date
- 1923-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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91 Deutfthvölkifthe Oierhelöen. Jammergestalten vor Gericht. Antisemitische Ausschreitungen in einem Stettiner Restaurant kamen in einer Sitzung der dortigen Strafkammer zur Verhandlung. Sie warf ein bezeichnendes Licht ans dasgeistige .und sittliche Niveau deutschvölkischer Kreise. Der wegen schwerer Beleidigung des ReickMPräsidenten vorbestrafte Landwirt und Leutna nt a. D. Dr. Axel Oberg aus Stettin mußte sich wegen Schmähung dies! Ministers R a t h e n a u und Beleidigung unseres Syndikus Dr. Hei ma n n und 'des Kaufmanns Lachmann (Stettin) verantworten. Oberg hatte unter anderem geäußert, er müßte sünshundert Pommersche Jäger haben, dann wollte er die verdammte I ude n regier u ng zum T e u f e l jage n. Es sei ein Segen, daß Nathenau umgebracht worden sei. Außerdem hatte er die Herren. Dr. Heimanu und Lachmann durch Ausdrücke wie „S a u j u d e" im Lokal und aus der Straße schwer beleidigt. Die Verteidigung beschränkte sich darauf, aus die sinnlose Trunkenheit Obergs hin Zuweisen. Der Staatsanwalt hatte den Antrag aus sechs Monate Gefängnis und 100 000 Mark Geldstrafe wegen Beschimpfung der Regierung, sowie die Höchststrafe von 6000 Mark wegen ös.fenLl'icher Beleidigung der Herren Dr. Hermann -und Lachnlann gestellt. Das Urteil lautete loegen Beschimpfung der Negierung aus Fr e i sP r uch, da das Gericht sinnlose Trunkenheit annahur. Wegen d er öffentlichen Betei digung nahm das Gericht an, daß Oberg dafür, w e v i ic r in d e r Z w'i s ch e n z e >i t d n r ch St affeeg o n u ß nüchterner g e w o r d e n s e i, zur Verantw-ortu-n-g zu ziehen fei und hat gemäß dem Antrag des Staatsanwalts erkannt. Der Vorsitzen d e hob in die r U r t e i l s b e a r. ü n d u. n g hervor, daß es in der heutigen schweren Zeit doppelt unv e r a n t w o r t X ich sei, eine derartige Z e r s e tz n ngsa r beit innerhalb des deutschen Volkes zu betreiben. O- Vor dein Schöss-engericht des Amtsgerichts B e r l i n - M i t t e fand am 26. Februar" eine Verhandlung gegen den Ingenieur Franz Jaenicke (Berlin) statt, in der Vorgänge zur Sprache kamen, die wir in Berlin und anderswo leider fast täglich beobachten können. In. der Untergrundbahn zweiter Klasse sing eines Abends Jaenicke ohne jede Veranlassung an, laut auf das „Judengesindel" und das „Judenpack" zu schimpfen. Man möge am besten alle Juden Lotschlagen. Dem Schimpfenden gegenüber saß ein Herr katholischen Glaubens und machte ihm Vorhaltungen, und auch ein jüdischer Fahrgast namens Behrendt mischte sich in dieses Gespräch, in dem er dem katholischen Mitreisenden zu erkenneil gab, daß wohl nur ein Trunkene r derartige wüste Schimpfereien aussprechen könne. Das war das Signal für Jaenicke, den Herrn Behrendt' mit judenfeindlichen Unflätigkeiten zu überschütten. Behrendt ließ den Rndanhelden auf bcin Untergrundbahn- Hof Leipziger Platz durch einen Bahnpolizeibeamten aus dem Zn g e h ölen und ihn feststellen. Ans dem Bahnsteig und während der Vernehmung protestierte Jaenicke imnler wieder laut, er habe als „Deutscher" nicht nötig, sich von einem Juden ansprechen zu lassen. Daß Jaenicke ein „gesinnungstüchtiger Mensch" war, zeigte das silberne Hakenkreuz auf dem Patetotausschlag und sein Spazierftock, dessen Griff eine Judenkarikatur darstellte. Vor Gericht hatte Jaenicke n i ch t den AI u t, seine durch d i e e i d l i ch e n Aussage n zweier Zeugen erwiesenen Beleidigungen zuzngebeu. Er verteidigte sich damit, daß er in der Zeitschrift „Die Tradi Halt" gerade au dem fraglichen Tage in der Bahn einer: Artikel gelesen hätte, in dem über den Ausspruch eines „Rabbiners" in einer Versammlung in Breslau berichtet worden sei: „Unter den deutschen Frauen befinden sich viele Antisemiten. Wir Inden müssen daher die deutschen Frauen schänden, wo wir nur können, selbst die gemeirlsteu Mittel müßten uns dazu heilig sein. Wir müssen christliche Dienstmädchen ixt unsere Dienste nehmen und mit ihnen von Jugend aus geschlechtlichen Verkehr Pflegen, damit wir die deutschen Frauen schünden." Dieser Artikel habe ihn derartig erregt, daß er sich in allgemeinen Beschimpfungen der Juden ergangen habe. Im übrigen sei . er infolge bet _ Teilnahme am Feldzug schwer nervenleidend. Angesichts der Beweisaufnahme hals alles Leugnen nichts. Der Staatsanwalt hatte zwei Monate Gesangn i s beantragt und auch der Vertreter des Nebenklägers Behrendt, Herr Rechtsanwalt Dr. Fritz Wieluner, um eine exemplarische Bestrafung gebeten. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu sechs Wochen Gefängnis und bewilligte ihm eine dreijährige Bewährungsfrist unter der Voraussetzung, daß Jaenicke 60 000 Mark Buße an die Staatskasse zahle und daß bei der Polizei die Auskunft über ihn einwandsfrei laute. Die „Harmlosigkeit" Jaenickes wird dadurch am besten gekennzeichnet, daß er wegen verbotenen Waffentragens angeklagt war, und daß er gegenwärtig wegen des Verdachtes der Beteilig-ung an einer Wassenschiebung in Untersuchungshaft sitzt. Immer wieder dasselbe Bild, ob in Leipzig oder in Stettin oder anderswo. Entweder sie waren es nicht oder sie sind unzu rechnungsfähig und bringen Atteste über ihr Delirium bei. Heldengestalten am Biertisch, Jammerlappen vor Gericht! Die Minöerheiten als Opfer. Deu t s chen h a ß un d Iudenh a ß rn Qb ers chles i e n. Was wir als geschichtliche Wahrheit erkannt haben, wird in einem Artikel der „H e i in a t t r e u e", Wochenschrift für die Interessen Oberschlesiens und des Ostens, Nr. 10/11, mit erfreulicher Deutlichkeit bestätigt: Der Nationalismus aller Länder sucht sich mit Vorliebe die schwächsten Opfer, die Minderheiten aus, um seine chauvinist-i s ch e n B e st r e b u n g e n v o l k s t ü m l i ch z u xn a ch e n. Der Nationalismus in Oberschlleflen unter der Führung des 'demagogischen Prachtexemplars Korfanty gibt sich alle Mühe, die Gluten des aes immer wieder gegen die Deutschen anzufachen. Die Presse der lischeu Nationalisten führt eine Sprache, wie sie selbst in den französischen Blättern vom Schlage des „Echo de Paris" und „Matin" nicht alltäglich ist. Führend in dieser Tonart sind der „Knrjer Poznanski" und die „Grenzzoitung", beides Blätter, die ein Deutscher aus Nexnlichkeitsgründen kaum aufassen kann. „Die Einstellung, der polnischen Nationalisten", so klagt die Wochenschrift, „erscheint dem objektiven Beobachter w -i e e i n g r a u f am e s Stück M ittelalte r." Zn der Hetze gegen die deutsche Minderheit gesellt sich, eine planmäßige Judenhetze. „Mir hüben keine Veranlassung," schreibt „Heimattreue" wörtlich, „in dieser Frage den Grundsatz politischer Neutralität auszugeben, doch -müssen wir 'betonen: auch der Antisemit muß zug-eben, d a ß d i e ü b e r w i e g e xx d e M ehr z a h l 'bet Juden i n O b -e r s ch l -e s i e n als t r -e u d e u t s cherprobti stundsich als oPferfreudig erwieseu hat. Das ist der wahre und einzige Grund für den Korfanthschen Antisemitismus. D ie Juden halte n z u r ^d e u t s ch en Stange, des h alb s o l l e n s i e m a s s a k r i e r t werden. Man gebe sich keiner frommen Täuschung hin: auf nichts anderes als auf 'Judenpogrome größten Stils läuft diese Hetze hinaus. Die Juden haben sich mit den Deutschen verbündet — sie sind des Todes sch u l d i g." Muß nicht Leuten vom Schlage eines Hitler und Knüppek- Kunze die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn sie ihr Treiben eimn-a-l im Spiegel der Wahrheit betrachten, daß sie gelehrige Schüler des Deutschcnfressers Korfanty sind? Spenüen. Von Sanitätsrat Dr. Alfred Gvldschmidt (Berlin). lNachdruck erwünscht.'? Das Moralische verficht sich von selbst, jedoch nicht bei allen Menschen. Mit dem Notwendigen ist es nicht viel anders. Das Notwendige sollte rxnabweislich. sollte selbstverständlich sein. Es -ist's nicht überall. Eine Gemeinschaft, die, wie die jüdische, von so vielen Seiten angegriffen wird, so Uw in einer Zeit wirtschaftlicher Not, die an Institutionen, Parteien, Menschen nagt, r h r e M i 11 c I ri i ch t gerade i ü r e xx G e g n e r n ZU führen. Wirtschaftliche Mittel sind beute unentbehrliche Kgmpfmittel, sind Waffen, die Sein oder Nichtsein bedingen. Plan kannsie zur Stütze der eigenen Existenz, zum Woble Darbender benutzen, aber man braucht sie nicht unbedingt zur Hilfe derer zu verwenden, die ihre Sättigung benutzen, um -desto kräftiger und infamer gegen uns zu hetzen. In einer besonders stark vom Antisemitismus verseuchten Universitütsstadt agitierte der Rektor der Un. i ve r fitä t axich in finanzkräftigen jüdischen Kreisen und erhielt ihre Unterstützung! für die antisemitische Studentenschaft der Stadt. Wäre hier nicht angesichts des empörenden Treibens der Studentenschaft eine glatte Ablehnungmit entsprechender Motivierung das Richtige gewesen,-oder wenigstens eine Beschränkung der Unterstützung auf diejenigen Kreise, die sich nicht antisemitisch betätigen? Es gibt in jeder Unwerfitütsst,adt wissenschaftliche Vereinigungen, die andere Dinge zu tun haben, als sich mit antisemitischen' Hetzereien zu beschäftigen. Sofern sie von kundiger Seite als einwandssrei bezeichnet werden, könnte man sie unterstützen und würde damit zur Genüge erweisen, daß man -in feinem Hilfsdrange vor Konfessionen und Nassen nicht hallmacht. Jede Demonstration nach dieser Richtung hin Untre s a ch l i ch g c r echtfertigt u n d w ü n s ch e n s w e r t. Natürlich gibt es allgemeine Aktionen, die, wie die Nuhrhilse, keine Einschränkung vertragen und sie entbehrlich machen. '&k müssen voraussetzungslos mit aller Kraft gefördert werden. Eine Studentenschaft aber, die jüdische AUttel nach Empfang als Kriegsgewinnertridut bezeichnet, braucht .gewiß n i ch t g e r a d e von i ü b i s ch e r Seit e unterstützt zu werden. In Erkenntnis dieser Dinge hat der Vorstand des Central- V e r e i n s d e u t s ch e r S t a -a t s b ü r g e r j ü -d -i s ch e n G l a n b -e n s in einer seiner letzten Sitzungen auf Anregung des Verfassers dieser Zeilen e i n st i m xn i g folgende n Beschluß gefaßt: „Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen- Glaubens erwartet im Interesse der jüdischen- Gesamtheit, daß Unterstützungen von Geldsaxnxnlungen durch Unterzeichnung von Ausrufen -oder Hergabe eigner Spenden nur dann erfolgen, wenn die Sammlungen an sich die Gelvähr bieten, daß die erzielten Mittel nicht Kreisen zugute k-ommerr, die sich durch hetzerische antisemitische Agitationauszeichnen. Im Zweifelsfalle ist es xutbedingt erforderlich, zu betonen, daß jüdische Spenden nur xmter dieser Voraussetzung gegeben werden können." Amerikanische K r e i -s e, die große Bereitschaft zur Unterstützung der Studentenschaft in Deutschland hegen, s i n d e n tsprech e xx d v erst ä n d r g t worden. Gross-Berliner Mitglieder! I Denkt an die Bezahlung der fälligen | Vierteljahrsbeiträge!