Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 12 (22.3.1923)
- Date
- 1923-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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90 So geht es nicht weiter! Ein offenes Wort von Dr. Haus Kalisch. S o g e h t e s n i ch t w e i t e r m i t d e m A ntisemitid m u s. Jeder Jude weiß das, jeder Jude sieht und fühlt, wie um ihn herum fanatischer Haß arbeitet, wie sein ruhiges Leben in der Gegenwart, wie die Zukunft seiner Kinder bedroht rst, wie immer weitere Schichten der Bevölkerung unterwühlt werden, wie selbst in der höchsten Not des Vaterlandes kein Burgfriede gehalten wird. Jeder weiß das, keiner ist, der nicht wünscht, daß diesem Treiben endlich ein Nietzel vorgeschoben werde. Es gehl wirklich nicht so weiter mit dem Antlsemitismus. Es geht aber auch nicht so weiter mit den Juden! Ein bekanntes Wort sagt: „Ein jedes Land hat die Juden, die es verdient." Ich drehe das um und sage: Die Juden haben den Antisemitismus, den sie verdienen, sie haben den Antisemitismus, den sie sich gefallen lassen. Wer nicht genügenzur Abwehr tut, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner Erfolge hat. Aber haben wir denn nicht den C. V.? Wird nicht immer gefragt: Was tut der C. V.? Er tut außerordentlich viel, aber ehe man fragt, was tut der C.V., sollte inan fragen: Was tut der Feind? Erst, wenn inan diese Frage beantwortet hat und weiß, was zur Bekämpfung des Feindes notwendig ist, dann kommt die bange Frage: Was kann der C. V. tun? Die Gegner arbeiten mit ungeheuren Geldmitteln. Zahlreiche Wochenschriften und Tageszeitungen stehen ganz und gar in ihrem Dienst. Nicht Dutzende, nein, Bataillone von Agitatoren, sind für sie tätig. Nach vielen Millionen zählen die Flugschriften und Flugblätter, die sie systematisch versenden, um die 40 Millionen erwachsener Männer und Frauen, die durch ihre Stimme entscheiden, welche Richtung die Politik haben soll, in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die zahlreichste Schicht, das arbeitende Proletariat, wird in letzter Zeit mit besonderem Hochdruck bearbeitet, und wenn diese Tätigkeit auch im ganzen noch keinen Erfolg gehabt hat, so zeigt doch die Machtstellung der Hitler-Bewegung in Bayern und das Ergebnis der Uu uze- A g i - tation in Ob e rschl esi e n, welche Entwicklung die Dinge nehmen können, wenn wir keine durchgreifende Gegenwirkung ausüben. Die wenigsten jüdischen Deutschen, scheinen sich über die Zahle n, die hier in Betracht kommen, eine Vorstellung zu machen. Eine Million Flugblätter ist gar nicht viel. Für Groß-Berlin oder das Ruhrgebiet reicht solche Auflage nicht aus. Zu einer wirksamen Agitation braucht man mehrmals im Jahr das Vielfache. Ein einziges Flugblatt kostet heute 5 bis 10 Mark. Eine kleine Flugschrift kostet das Zehn- bis Zwanzigsache. Der A n t i s e m i t m i t seinen Helfershelfern überwindet die Teuerung. Können wie das auch? Bis jetzt nicht. Aber wir müssen es können, wenn wir nicht unter die Räder geraten wollen. Es sollte doch zu denken geben, daß wir gerade jetzt unsere wöchentlich erscheinende „C. V.-Zeitung" von zwölf aus vier Textseiten Zusammeuschrumpfen lassen mußten. Und gerade jetzt konnte der „Völkische Beobachter", das wildeste, über ganz Deutschland verbreitete Hetzblatt, sich von einer Wochenschrift zu einer Tageszeitung auswachsen. Dabei ist die „C. V.-Zeitung" nur ein Teilgebiet unseres Aufgabenkreises. Sie soll eine Rüstkammer sein, aus der der Einzelne sich sein Abwehrmaterial holt. Daneben steht die dringende Ausgabe, in Wort und Schrift Aufklärung in a 11 e rgrö ß t e m M a ß st a b c zu verbreiten. Der A n t i s e m i t i s m u s von h e u t e i ft'~c i it politischer Großbetrieb. Mit kleinen Mitteln ist er nicht zu bekämpfen. D i e Abwehr muß sich de m U m f a n g des Angriffs a n - passen. Das haben wir bisher nicht gekonnt. Wir haben in der Not der Zeit unseren Betrieb verkleinern müssen, statt ihn zu vergrößern. So geht es nicht weiter! Wir müssen es offen heraus sagen: Wir wissen nicht, ob wir, wenn es so weiter geht, unsere Tätigkeit dauernd anfrechterhalten können. Wer nicht die Verantwortung dafür übernehmen will, daß derartiges geschieht, muß dazu beitragen, daß wir endlich aus eine sülche Basis gestellt werden, wie sie andere Verbände seit langem besitzen. Wir können nicht andauernd S a m nt I u n g e n veranstalten. So dankenswert deren Ergebnis gewesen ist, so notwendig sie für besondere Zwecke stets sein werden, einen f e [t e n Haushaltsplan kann man nicht a u s st e l l e n, solange man v o n der Hand in den Mund lebt. Außerdem wird bei jeder Sammlung eine erhebliche Arbeitskraft, die wertvoller in dem Kampf gegen den Gegner Verwendung fände, durch die Indolenz derer, die nicht wissen, warum sie etwas tun sollen, im Kleinkamps an der inneren Front vergeudet. Wir müssen nun endlich dazu gelangen, daß der ^atz: „Das Moralische versteht stch von selbst" auch für die Leistungen Anwendung findet, die der deutsche Jude macht, um Ehre und Leben, um seinen Anteil an der deutschen Kultur und Gesellschaft gegen Einbruch zu versichern. Wir müssen lernen, den ClV. als die Gewerkschaft der zielbewußten deutschen Juden zu betrachten, die sich ihren Anteil am deutschen Leben und an der Heimat nicht rauben lassen wollen. Wir müssen unsere Verteidigung so betreiben, wie die Gewerkschaften der Arbeiter die Wahrnehmung ihrer Interessen betreiben. WaS tun die? Längst ist ein Stundenlohn wöchentlich, das sind 1000 Mark und mehr die Woche, der übliche Beitrag. Schon lange hat der Deutschnationale HandlunKgehilsenverband den. Monatsbeitrag von 3u00 Mark bei einem Monatseinkommen von 110 000 -Mark überschritten, die Beitrüge für Kassen und. Versicherungen nicht einbegriffen. Politische Parteien, wie die V. S. P. D., gehen zu Wochenbeitragen bis zu 100 Mark über. W a s t u t d e r E e n t r a l - V e r e i n? Ich frage: Was tun seine Mitglieder? Nur wenige von ihnen haben bisher Beitrüge geleistet, die denen der Handlungsgehilfen und Arbeiter auch nur entfernt gleichkvmmen. Das muß anders werden! Wir verlangen gar nicht Diel. Verglichen mit den Leistungen anderer Verbände wäre ein Mindestbeitrag von 1000 Mark monatlich noch sehr bescheiden. Wir verlangen nicht einmal das. Der C.V. sieht von einem Mindestbeitrag vollständig ab, weil er nicht darauf verzichten will, die große Zahl von Rentnern, Akademikern, kleinen Kaufleuten, Angestellten, Beamten und Handwerkern, denen selbst das schwer fallen würde, weiter in seinen Reihen zu sehen. Wir verkennen auch nicht, daß mancher Bessergestellte durch die verschiedenen Anforderungen verschiedenster Organisationen stark in Anspruch genommen' ist. Aber man halte sich vor Augen, oaß der C.V. eine Versicherung aus Gegenseitigkeit ist, der die Grundlage dafür schaffen will, daß die weitere friedliche Betätigung aus allen Gebieten gewährleistet wird. Deshalb beanspruchen wir eine Vorzugsstellung. Wir erwarten, daß ein jeder sich nach seiner Leistungsfähigkeit einschätzt, und wenn wir damit zufrieden sind, daß Minderbegüterte hinter 1000 Mark monatlich weit Zurückbleiben, so erwarten wir, daß Besser gestellte weit darüber hinausgehen. D i e s e n Sinn hat die Forderung des Durchschnittsbeitrages von 3000 Mark für das erste Vierteljahr 1923. Das ist kein Mindest- und noch weniger ein Höchstbeitrag, sondern das, was rechnungsmäßig als Durchschnitt heräuskommen muß, wenn die Mehrleistungen der Bessergestellten die Minderleistungen aufwiegen sollen. Das aber mutz geschehen, ltitb es kann geschehen! Ich habe die persönliche Genugtuung, daß ich auf zahlreichen Werbereisen in allen Teilen Deutschlands mühelos das erreicht habe, und der Erfolg des Aufrufs, den unsere Groß-Berliner Freunde erlassen haben, zeigt, daß auch dort vollstes Verständnis für unsere Arbeit vorhanden ist. Von niemand kann man verlangen, daß er etwas tut, ehe denn er weiß, warum und wofür. Das Verständnis hierfür zu fördern war der Zweck meiner offenen Worte. Der e.v. im preußischen ftbgeorönetenhaus. Kleine Anfrage den t schn a t i o n a t e r Abgeordneter. Dem Preußischen Abgeordnetenhaus liegt eine „Kleine Anfrage" Nr. 757 der Abgeordneten V o ß, D r. Quaet-Faslem und Lo gern a n n vor. die folgenden Wortlaut hat: „In Hannover hat der Oberpräsident Roske in letzter Zeit verschiedentlich öffentliche Veranstaltungen rechtsstehender Parteien oder Gruppen durch Verbote lahmgelegt, so am 27. Februar d. I. eine öffentliche Versammlung der Teutschvölkischen FreiheitZpartei, in -welcher der R e i chs t a g s ab geordnete Wälle sprechen wollte. Sozialisten und Kommunisten bleiben dagegen in ihrer VersammkungZtütigkeit in der Regel unbeschränkt. Früher vorgekommene gewaltsame Störungen von nationalen Kundgebungen durch kommunistische ^prengkommandos könnennicht zur Begründung, dieser Verbote herangezogen werden, weil ans diese Weise jede öffentliche Betätigung rechtsgerichteter Kreise von dem Belieben kommunistischer Störenfriede abhängig gemacht -würde. _ In -bei* öffentlichen- Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Lehrervereinshaus in Berlin hat dessen Vorsitzender, Tr. Holländer, sehr deutlich durchblicken lassen, daß die Verbote öffentlicher Versammlungen der Deutschvölkischen -Freiheitspartei in Thüringen und anderswo infolge der Einflußnahme der leitenden Persönlichkeiten dieses Vereins und seiner Zweigorgauisationeu auf die Behörden erfolgt seien. Ist der -genannte, über das ganze deutsche Reich verbreitete Verein auch vor dem Verbot in Hannover in dieser Richtung vorstellig geworden? Ist das Staatsmmisterium bereit, auf den Oberpräsidenten in Hannover dahin einzuwirken, daß in dieser Zeit eine solche Ausnahmebehaudlung politisch rechtsstehender Kreise, welche die allerseits geforderte Einheitsfront des Volkes aus das schwerste gefährdet, zu unterbleiben hat?" 'Die „Kleine Anfrage" stellt einen großen Täuschungsversuch dar. Wir werden ihn in nächster Nummer ausführlich kennzeichnen. Auhrgrrbiet - ösutsthsvIiales Neulanö. Kunze gegen Bctitcrn uni) Großagrarier. In einer Versammlung im Berliner Leh r er ve r einsh aus am 2. März d. I. beschäftigte sich Herr Kunze ausführlich mit der Nu h rbesetz u n g. Bei Zurückziehung der Besatzung werde die nationalsozialistische Partei ihr H aupt a rb e i ts s e I d nach diesem Gebiete verlegen in der Hoffnung, daß man nach der Drangsalierung der Volksgenossen guten' Zulauf erwarten könne. Sein Erfolg in O b er schl e si e n nach Abzug der Ententetruppen habe dies bewiesen. Bezeichnend ist es, daß Kunze neben den Juden auch die V a ü c r n u n d G r o ß a g r a t i e r , die heute noch Gold in Hülle und Fülle hätten, als „Totengräber des deutschen Volkes" bezeichnte. — In Berlin kann er sich diese Extratour leisten. In ländlichen Bezirken wird Herr Kunze mehr Rücksicht aus seine Hörerschaft nehmen müssen, die sich überwiegend aus „Totengräbern" Zusammensetzt und ihm' zujubelt. Wir werden dafür sorgen, daß diese Doppelzüngigkeit des großen Demagogen in Stadt und Land bekannt wird.