Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 11 (15.3.1923)
- Date
- 1923-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lernten, das Deutschland heißt, ungehäugt herumlaufen dürfen . . . Notwendig ist die sofortige Lösung der Judensrage, weil damit die. Frage der Volksverhetzung und Volksirresühruna auch gelöst ist." (Nr. 38 vom 11./12. März 1923.) . So sieht das Gift aus, das Leute, denen der Mund von Vaterland und völkischer Gesinnung trieft, zu dieser Zeit deutscher Not zu verspritzen für nötig erachten. Zielbewußt wird die nationale Erregung umgefälscht und auf die deutschen Juden abgelenkt. Wenn solche Hetze zwangsläufig ihre Opfer fordert, dann waschen diese schuldbeladenen Politiker ihre Hände in Unschuld. Schon heute seien sie daher vor den Augen aller Rechtlichdenkenden anden deutschen Pranger gestellt. Ihre feigen Ausflüchte sollen ihnen nicht helfen. Das gesittete Deutschland wird sie, erntet ihre Arbeit die Frucht, laut als Verbrecher und Mörder kenntlich machen. Weit, weit größer als eine Besorgnis um jüdisches Leben ist jetzt die Sorge um das Vaterland. Matt einmütiger Abwehr der sranzösischen Gewalttätigkeit innerer Zwist, heraufgesührt durch deutschvölkische, rücksichtslose, planmäßige Angriffe gegen das deutsche Judentum. Irgendeine Veranlassung für diese wahnwitzigen Angriffe besteht nicht. Aber Rassensexe und Weltbeherrschungsfaselhänse müssen zum Schaden des deutschen Volkes ihren Tollheiten Recht und Gewicht verschaffen. Und die Deutschvölkische Freihertspartei, die Deutschsoziale Partei und die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei geben freudig ihre Presse und ihre Versammlungen her, damit sich dieser Hexensabbat austoben kann. Will die öffentliche Meinung Deutschlands, will die R eich s r e g i e r u tr g diese Dinge so weiter treiben lassen? Was würde geschehen, wenn in diesen Tagen eine so gemeingefährliche Katholikenhetze nach Art des Kulturkampfes unseligen Angedenkens losbräche wie jetzt diese Judenhetze? Soll die vaterländische Einheitsfront noch weiter unterwühlt werden? Die Hunderttausende vaterländisch bewußter jüdischer Deutscher, die der Central-Vereiu vertritt, haben bisher aus erklärlichen Gründen geschwiegen. Notgedrungen müssen wir jetzt an dieser Stelle offen heraussagen, was im deutschvölkischen Lager Vaterlandsschädigendes vorgeht. Wir sind keineswegs mehr gewillt, diesem unerhörten Treiben mit verschränkten Armen zuzusehen. Wir erwarten eine einheitliche Kampfstellung aller aufrechten Deutschen gegen die Zerstörer der deutschen Einheitsfront, gegen die Helfer der Franzosen. Dr. Alsted Wien e r. Ruhrembruch unö Iuöenhetze. Von einem altbewährten Vorkänivier unserer Vereiniauna im Ruhrrevier erhalten wir die sollende Zuschrift. Die Darstellung wird uns von allen unterrichteten Stellen als zutreffend bestätigt. Ist auch schon manches von dem Ausgesührten im leitenden Aufsätze dieser^ Nummer gesagt worden, wir wollten diese berufene „stimme von der Ruhr" unseren Lesern keineswegs vorenthalten. Seit fast zwei Monaten sind die Augen der Wett aus die Ruhr und die nach ihr benannte Wirtschaftsprovinz gerichtet. Die Berichterstattung der deutschen Presse ist ausführlich und wahrheitsgetreu. Die Stimmung Per Bevölkerung ist infolge der oft sadistischen Brutalität der -französischen Militärs fester, der Widerstand entschlossener und zielbewußter geworden. Die praktische Einigkeit in der Abwehr ist da. Genau wie alle anderen Volksgenossen erfüllen auch wir, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, unsere Pflicht. Manch treuer Freund unserer Bewegung hat mit oder ohne Aburteilung dnrch ein Kriegsgericht" Bekanntschaft mit dem französischen Gefäugms gemacht. Ouartierlasten werden getragen, Opfer mannigfachster wirtschaftlicher Art loerden gebracht. Das soll ohne jede Ruhmredigkeit und ohne Anspruch aus Anerkennung nur deshalb festgestellt werden, weil von „völkischer" Seite unter der Oberfläche in der üblichen niedrigen Weise gehetzt wird. Gleich nach dem Einzüge tuschelte man, nicht die Franzosen, sondern die Juden hätten das Ruhrrevier besetzt. Einer der französischen Generale heiße ja doch „Simon", und der stellvertretende Vorsitzende des Jngenieurkonritees führe den alttestamentarisehen Namen „Aaron". Die einen erzählten, die sranzösischen Offiziere quartierten sich ausschließlich bei Juden ein, weil sie dort einer freundlichen Ausnahme sicher wären. Die anderen wußten es besser, nur die Juden würden, aus Sympathie natürlich, bei« der Beschlagnahme von Räumen befreit. Bei diesen Proben mag es bewenden: die Feder sträubt sich, 'den Bericht Zu vervollständigen. Bei der vollkommenen Psychose, die diese Kreise beherrscht, war leider, obwohl die Ereignisse geeignet waren, eine Selbstbesinnung herbeiZusühren, eine andere Stellungnahme nicht zu erwarten. Wesentlicher ist die Frage, was nach Abschluß des Kampfes zu erwarten ist. Leider hat das Zukunftsbild sür uns keine. Hellen freundlichen Töne. Drei Lösnngsmöglichkeiten des Ruhrkrieges find theoretisch denkbar. Ein deutsches Obsiegen, ein Ausgleich und endlich, was nur gedacht schon herzbeklemmend wirkt, ein voller Erfolg des sranzösischen! Imperialismus'. Gelingt es durchzuhalten und den bis an die Zähne bewaffneten Goliath zum Abzüge zu Zwingen — und es wird und muß gelingen — so werden unsere Chauvinisten, voran die Völkischen, erklären: Die Juden- und Sozialisten-Regierung ist einzig allein daran Schuld, -daß erst nach vier schweren Jahren dieser Erfolg erzielt wurde. Wäre man den Herren von ganz rechts! gefolgt, dann wäre Frankreich längst nieder gerungen. Und in vollster Verkennung der Tatsache, daß nur das Recht sich gegen die rohe Gewalt durchgesetzt hat, wird diese Agitation Boden finden. Nach der surchtbairen Nervenprobe, die die Ruhrbevölkerung dann hinter sich hat, wird die Entspannung mindestens vorübergehend einen Siegestaumel auslösen, der einen günstigen Nährboden für die Alifnähme dieser Argumentationbilden wird. Endet der. Ruhrkonslikt mit einer wirklichen deutsch-französischen Verständigung, also durch einen Ausgleich, so werden selbstverständlich die Juden für dieses „Pflaumenweiche" Ergebnis verantwortlich sein. Sie haben dann gewiß wieder die Front von hinten erdolcht. Ohne die Landesverräter hätte „man" sich ganz anders durchgesetzt. Wir treten dann belastet mit den sicher nicht leichten Verpflichtungen in eine Krisenzeit, ohne die eine Gesundung unserer Volkswirtschaft, unseres Geldwesens und der Staatssinanzen sür jeden Urteilsfähigen undenkbar ist. Der schwer ringende und Zur äußersten Sparsamkeit gezwungene Teil der Bevölkerung wird in dieser Not einen Sündenbock sür sein Unglück suchen. Wie leicht wird in solchem Seelenzustande eine glatte und auf den ersten Blick Zu verstehende „Lehre" ausgenommen! In dem furchtbaren und nach unserer festen Ueberzeugung vollkommen ausgeschlossenen Falle eines Unterliegens werden sich die Dinge in gleicher Weise ab spielen. Außerdem wird aber im unbesetzten Deutschland die bislang mühsam beherrschte nationalsozialistische Bewegung sich entladen und den Bürgerkrieg zur Besiegelung unseres Unglücks entfesseln, dessen Opfer in erster Linie das deutsche Judentum stellen wird. Wie sagte doch der Patriarch im „Nathan der Weise": „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Es ist gewiß tragisch, mit solchen Erwartungen der Zukunft entgegenzugehen. Aber es wäre unwürdig und unmännlich, den Kvpf in den Sand zu stecken und nicht sehen zu wollen. Immer gebot uns in gleicher Weise unser Deutschtum und unser Judentum, unbeirrt den Weg der Pflicht gerade und allen Gefahren zum Trotz zu verfolgen. Aufrechten Hauptes und in klarer Erkenntnis aller kommenden Möglichkeiten stellen wir uns auch diesmal in Reih und Glied. Kein gerechter Richter soll uns künftig die Anerkennung versagen dürfen, keiner uns Vvrwersen können, daß wir hinter unseren christlichen Mitbürgern an Charakterfestigkeit, Opferfreudigst, Gemeinfinn und Vaterlandsliebe zurückgeblieben seien. Haben wir bisher den Kamps mit unseren Hassern bestanden, so werden wir ihn auch künftig bis zum guten Ende führen. Und das dann — so hoffen wir aus vollstem Herzen — zur Tatsache gewordene Ereignis, daß waffenloses Recht sich gegen die .ungeheuerlichste Uebermacht behauptet und durchgesetzt hat, wird uns auch in dem folgenden Kampf mit den „Völkischen" die Ueberzeugung geben, daß Recht Recht bleiben muh. Wir erfüllen in der furchtbaren Not unseres Vaterlandes unsere Pflicht bis zum letzten Blutstropfen und der letzten Mark, ohne daß wir Dank erwarten, mit der Selbstverständlichkeit, die jedes Tun auszeichnet, das eine sittliche Notwendigkeit darstellt. Wir Juden sind im übrigen Optimisten. Wir glauben an den Sieg der gerechten Sache und blicken stolz in unserer Not nicht aus die Hetzer, denen nicht einmal diese Not heilig ist, sondern aus unser ganzes deutsches Vaterland. fin unsere Hroß-öerliner Mitglieöer! 3000 Mark und mehr Diertch'ahresbeitrog forderten wir durch Rundschreiben von unseren Groß-Berliner Freunden. Wer nicht dazu in der Lage sei, solle die Höhe seines Beitrages selbst bestimmen. Oie große Zahl Einsendungen bisher beweist uns, daß die Notwendigkeit unserer Forderung mit warmem Herzen ausgenommen ist. Weit mehr unserer Mitglieder aber stehen noch mit der Lleberweisung ihres Beitrages aus. Läßt Eure Kampfesarbekt nicht Zusammenstürzen! Den deutschvölkischen Zerstörern der Einheitsfront an der Ruhr antwortet Ihr am besten, wenn Ihr opferwillig für Vaterland und Judentum einiretet. Opfern heißt, reichlich und schnell geben. Darum heute noch den Vierteljahresbeitrag an den Eeniral-Verein! Postscheckkonto Berlin 304 72 oder Dresdener Bank, Wechselstube G, Lindenstraße 7.