Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 9 (1.3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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66 Boden der konfessionellen Schule vermittelt werden. Einsichtige Zionisten wissen auch genau so gut wie wir, daß die Erziehung deutscher Juden in hebräischer Sprache und Kultur angesichts der praktischen Unmöglichkeit und des Mangels an sachlicher Grundlage wenig mehr ist als ein neues Schlagwort, mit. dem die Schreibtisch- Weisheit lebensfremder Literaten unser an leeren Schlagworten nicht gerade armes Politisches Leben bereichert hat. Und darin besteht die Gefahr! Eine Sache, die weder theoretisch darzustellen noch praktisch zu verwirklichen ist, wird wieder in den Diskussionen aus jüdischer Seite Zeit und Kraft unnütz in Anspruch nehmen, unfern Gegnern aber wird sie Anlaß geben zu scharfen Angriffen auf des .I uden Stellung zu feinem V a t e r la n d e! Wir 'dürften an dem bestehenden Antisemitismus reichlich genug haben und brauchten uns wirklich nicht noch um nichts und wieder nichts künstlich neuen zu schaffen. Voll nationaljüdischer Seite hat man einer alten Wahrheit ein neues Gewand gegeben und das Wort „T a t j u d e n t u m" geprägt! Wirkliche Tat wäre es, wenn man in so gefährlicher Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, auch auf nationaljüdischer Seite mit dem Worte etwas vorsichtiger umginge. Das Schitagwort von der hebräischen Schule in Deutschland, die praktisch nicht errichtet werden kann, deren Verwirklichung der jüdischen Seele den Stempel der Halbheit und Haltlosigkeit aufdrückeu müßte, gehört wegen seiner aufreizenden, die Gegensätze unnütz verschärfenden Tendenz gewiß zu den ersten, ni:ifc denen entschlossene Tat aufrämnen sollte. * Ms öem Lager Hitlers. Ein nationalsozialistischer TheaterskandaL. Die Hitler-Banden machen seit einiger Zeit auch Plauen unsicher. Wie wir in dortigen« Blättern lesen, veranstalteten sie nächtliche „Judenhetzen" in Cafös und Gasthäusern, bei denen! harmlose Paffanten und Gäste beschimpft und geprügelt werden, ohne dag die Polizei Zu kräftigem Einschreiteir den Mut findet. Kürzlich verlegten sie sogar ihr Tätigkeitsfeld ins Plau-cner SLadttheater. Tort hatte ein — offenbar natiönalfozialistisch infizierter — Sänger die Geschuracklosigkeit begangen, als „Waffenschmied" in Lvrtzings gleichnamiger Oder das bekannte Lied „Auch ich war ein Jüngling . . um. einen kriegshetzerischen Vers zu verlängern. Als die sachliche Kritik der Kunstreferenten diesen Unfug nicht abstellenkonnte, verhinderte eine Demonstration aus Arbeiterkreisen den Sänger am Vorträge jener sehr überflüssigen Zugabe. Da aber traten Hitlers Mannen auf den Plärr, 'besetzten das Theater und rüsteten zu einer ihrer bekannten „Kundgebungen". Allein der Sänger unterließ es unerwarteLertveise, jene Strophe zu singen, derenhalber doch die ganze Radaugefellschaft sich das Opfer auserlegt hatte, eine Oper anzuhören, statt beim Bier zu sitzen. Stürmisch) wurde immer wieder jene Zugabe gefordert — bis endlich der Sänger gestehen mußte, daß ihm die Behörde den Vortrag jener Verse verboten habe. Nun brach der Skandal los. Man trampelte, pfiff, gröhtte, schrie einmal über das andere Pfui, beschimpfte die Behörde, die Regierung, die Republik — kurz, man benahm sich, wie sich der nationalsozialistische Pöbel stets benimmt. Und als endlich ein Arbeiter aufsprang und laut in den Saal donnerte: „Schämen Sie sich nicht, neue Kriegshetze zu verlangen? Gibt es noch nicht genug Kriegskrüppel? Gibt es noch nicht genug Kriegswitwen und Waisen?"—da wandte sich die Wut der Hakenkreuzler gegen ihn. Sie schrien: „Das ist kein Deutscher! Hinaus mit dem Lumpen, und Feigling!" — und waren offenbar überzeugt, daß s t e dadurch den Beweis erbrachten, vorbildliche Deutsche zu sein. * Die Nationalsozialisten nnv „Nathan -er Weise." Wie bekannt, hat die Reichsprüfungsstelle für Filme denvon der Emella-Gesellschast hergestellten Film „Nathan der Weise", entgegen dem Wutachten der Münchener Sachverständigen, die diesen Film als gefährlich für die öffentliche Ordnung bezeichnet hatten, zur Ausführung, frei gegeben. Nun haben die nationalsozialistischen Agitatoren eine Propaganda gegen die Vorführung dieses Films in Bayern angefangen, die den Erfolg hatte, 'daß die Vorführungsgesellschaft eine große Anzahl Drohbriefe aus nationalsozialistischen Kreisen erhielt, in welchen für den Fall der Vorführung des Films Skandalszenen vorausgesagt werden. Die Gesellschaft sah sich deshalb veranlaßt, von der Vorführung des Films Abstand zu nehmen. Die nationalsozialistische Presse kündigt dies als einen Sieg ihrer Propaganda an und warnt die Gesellschaft davor, auch in Zukunft den „provokatorischen" Film „Nathan, der Weise" im nationalsozialistischen AArnchen, der Hochburg des Antisemitismus, aufzuführen. Die Regierungsbehörden haben zu der ganzen Sache keine Stellung genommen. Bekämpfe? -er „jüdischen UnfittLickckeit". Ein gewisser Franz Kirschthaler, ein früherer Baltikumer, den die Münchener Nationalsozialisten, obwohl er schon wegen Diebstahl vorbestraft war, als Sturmtruppsührer eigens nach München berufen hatten, hat anfangs Januar nach einer „vaterländischen" Kundgebung vom Bahnhof weg einen obdachlosen jugendlichen Handwerker mit sich nach Haufe genommen und mit ihm unzüchtige Handlungen verübt. Das Münchener Schöffengericht verurteilte diesen vorbildlichen Sturmtruppführcr zu zwei Monaten Gefängnis. Auch die Münchener Nationalsozialisten gegen eine Einheitsfront mit den Juden. Tie Presse der Nationalsozialisten, die nach der Komprvinittierung einiger nationalsoziakistischer Führer in ihrer antisemitischen Hetze etwas Zurückhaltend war, hat nun ihren rücksichtslosen Kampf, gegen das deutsche Judentum wieder ausgenommen. Das Hauvtorgan der Nativnalsvzialisten, der „Völkische Beobachter", schreibt in einer seiner letzten Nummern, eine Einheitsfront zur Stärkung der Deutschen im Ruhrgebiet sei vollkommen unmöglich, sv-lange sich «Lumven, Verräter, Spital und Juden in dev nationalen Einheitsfront betätigen". Demgegenüber sei festgestellt, daß gerade die Nationalsozialisten, die in ihrer Mitte französische Spitzel dulden und über die Quelle der ihnen zufließenden Gelder keine Rechenschaft geben können, die Einheitsfront stören. Vierteljahresbeitrag Zdvd M. Die Finanzfrage hat in einem unerträglichen Umfange die Arbeitskraft der Organe unseres Eentral-Bereins beansprucht. Die Erfolge dieser Tätigkeit waren dennoch ganz unbefriedigend, so daß nur durch wiederholte Sammlungen einigermaßen der Ausgleich zwischen Einnahmen und Ausgaben des C. V. geschaffen werden konnte. Das mutz unter allen Umständen abgestellt werden. Die VerwaltungsLFm Mission des C. V. hat deshalb in ihrer Sitzung vom 25. Februar 1923 veschloffen: 1. Die regelmäßigen Ausgaben find künftighin durch regelmäßige Beiträge zu decken. Nur bei wirklicher Durchführung dieses Grundsatzes ist eine Gesundung möglich. 2. Die Beiträge können nicht mehr für ein ganzes Jahr festgesetzt werden. Das hat die Erfahrung unzweifelhaft gelehrt. Die Verwaltnugskommisfion hat deshalb beschlossen, die Beiträge vierteljährlich festzusetzen und einzuziehen. Für das erste Vierteljahr 1923 ist der Durchschnittsbeitrag auf 3000 Mark für das Mitglied bestimmt. Dieser Beitrag wird von der Ortsgruppe eingezogen. Es ist die vornehmste Pflicht jedes Mitarbeiters, für das Ausbringen und die rechtzeitige Abführung zu sorgen. Daß Rentner, Witwen und andere schwer um das Existenzmininmm Ringende nicht so viel leisten können, ist selbstverständlich. Was fie weniger geben, mutz durch Mehrleistungen anderer ausgeglichen werden. Wer hinter der Norm von 3000 Mark Zurückbleiben muß, ist nns trotzdem ein liebes Mitglied, das wir keinesfalls missen mögen. Unbedingt erwarten wir aber, daß die Bessergestettten bedeutend mehr als den Durchschnitt von 3000 Mark zahlen. 3. Einzugs- und Abrechnungsstellen find die Landesverbände. Diese haben sofort und mit allem Nachdruck die Arbeit aufzunehmen und bis spätestens zum 15. April die Arbeit für das erste Vierteljahr 1923 zum Abschluß zu bringen. Für die Folge wird vor Beginn eines jeden Vierteljahres die Verwaltungskommifsion die Beiträge neu bestimmen und bekanntgebeu. Es ist am Schluffe eines jeden Monats von den Landesverbänden mit der Zentrale abzurechnen und der entsprechende Betrag sogleich abzuftthren. Rückstände find auf das Strengste zu vermeiden. Von dem gesamten Eingänge, gleichviel aus welcher Quelle er herrührt, erhält die Zentrale 55 Prozent, der Landesverband 45 Prozent. Der Verteilungsschlüssel zwischen Landesverband und Ortsgruppen ist baldigst von den beteiligten Stellen zu vereinbaren und nach Berlin mitznteilen. Die Landesverbände haben über ihre eigene Verwaltung der Zentrale Rechnung zu legen. Von der Durchführung dieser Matznahmen hängt das Schicksal «nseres Kampfes ab. Wir geben allen unseren Freunden diese wichtigen Beschlüsse kommentarlos bekannt. Wer nicht will, daß unsere Arbeit zugrunde geht, mutz fich dazu verstehen, unserem Kampf Opfer zu bringen. Keiner versäume seine Pflicht! Sturmzeichen in öaperrr. Sv hieß das Thema eines Vortragsabends des Verbandes Grvß- Berliner Ortsgruppen des Central-Vereins. der am 26. Februar Ä in dem überfüllten Saale des Lehrervereinshauses stattfand. Dev Vorsitzende des Central-Verems, Herr Juftizvat Dr. Brodnitz, betonte in seiner Eröffnungsrede, daß sich in diesen ernsten Tagen die Augen aller Deutschen! voller Empörung über den französischen Einbruch nach dem Rheinland und der Ruhr wenden. In einer solchen Zeit Lue unserem Volke Einigkeit not und dürften innere Gegensätze nicht aufgerührt werderr-. Diesem Streben diene diese Versammlung, die das Augenmerk aller besonnenen Elemente unseres Volkes daraus lenken wolle, daß der Burgfriede nur von deu tschvölkisd>er Seite gebrochen worden ser. Die Deutschenjüdischen Glaubens werden sich trotz aller Hetzereien von ihrer Pflicht gegen Volk und Vaterland nichtabbringen lassen, sie werden aber als Deutsche und als Juden alle die an den Pranger stellen, die jetzt zum Nutzen unserer äußeren Feinde Haß und Zwietracht säen. Rechtsanwalt V e r n h e i m aus Nürnberg berichtete über die Gefahren der antisemitischen Bewegung in Franken, einem Gebiet, das sich bisher derartigen Bestrebungen gegenüber stets ablehnend verhielt. Der NativnalsoziMsmus habe erkannt, daß München allein noch nicht Badern sei und deshalb nicht ohne Erfolg -auch in Nordbahern in seiner Weise agitiert. Der Hauptredner des Abends, Direktor des Central-Verems Dv. Ludwig Holländer, schilderte in einem ausgezeichneten Referat die Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung, deren Wurzeln in Deutsch- Oesterreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen lägen. Der Natimralsozialismus verbindet ökonomische Erkenntnis mit politischen und rassentheoretischen Momenten. Hierin liege seine Gefahr. Die.„Ohnmacht der Macht", die zu unserer aller Schmerz das Vaterland betroffen, habe uns Zur „Macht der Ohnmacht" geführt. Ihre sittliche Bedeutung habe sich in dem Befreiungskämpfe der Juden um ihre Gleichberechtigung erwiesen. Sie wird das deutsche Volk langsam, aber sicher herausbringen ans Elend und Not. In der anschließenden Diskussion berichteten Dr. Baron (München) und Dr. B rau ns chw ei ge r (Oppeln) übtzr die Lage und die Abwehrarbeit in ihren Landesverbänden. An der weiteren Aussprache beteiligten sich die Herren Petzvn, Detera, Spier, Heß, Eohn. Slomskv und Dr. CoheiN.