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Central-Verein-Zeitung · 1923-02-01 · 5 (1.2.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
5 (1.2.1923)
Date
1923-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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34 Zerstörer -er deutschen Einigkeit. England einsichtiger als Hitler. Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Der' Franzose rast an der R u h r. Rücksichtslose Verhaftungen, erbarmungslose Ausweisungen jagen sich. Unschuldiges deutsches Blut hat das Pflaster rot gefärbt. Völlige Abschnürung des Ruhrgebietes ist das Ziel. Weitere Entbehrung und gesteigerte Not die Folge. Jeder Deutsche, in dessen Herzen noch ein Fürvkchen Vaterland schlummert, hält treu zu den Br ü d e r n ß n d e r Ru h r. Der Bergarbeiter stellte sich augenblicklich neben den Zechenbesitzer, der Eisenbahner neben den Jndustrief-ührer. „Nur das Wunder der deutschen Einigkeit bann uns retten," ruft der deutschnatiouake Landtagsabgeordnete Dr. Ritter in einer Hamburger Massenversammlung. Helfserich kündet es dem Reichstag in ehrlicher Ueberzeugung: „Wir kennen jetzt nur einen Feind, den, der gewaltsam bei uns eingedrungen ist. Erst wenn unser Haus von den ausländischen Eindringlingen gesäubert ist, wollen wir unsere inneren Auseinandersetzungen sortsetzen." Kann jemand, der wahrhaft Anspruch aus den Namen „Deutscher" macht, in diesen Tagen höchster Spannung anders denken, anders handeln? Wie schmerzlich und beschämend, daß diese Frage nicht verneint werden bann. Die unnachgiebige Haltung der Reichsregierung, die Einheitsfront der Deutschen aller Stände und Berufe, jedes Stammes und Glaubens kommen Herrn Hitler und fernen Mannen recht ungelegen. Die „Schlappheit der Berliner Judenregiernng", das „auf dem Bauch kriechen vor den Franzosen", das „internationale Gefasel der Marxisten" — seine beliebtesten Schlagwörter zerrannen wie Schnee unter der Märzensonne. Aber so leicht gibt ein Hitler sein Spiel nicht verloren. Hurtig wurde im „Völkischen Beobachter" und in den — „M ünchener Neuesten Nachrichten" der Kamps gegen diezwei Fronten gepredigt: gegen die Franzosen und gegen die Novemberverbrecher. Selbst das getreue München sieht Hitler von dem Einheitsdusel angesteckt. Zum Kampfe gegen „die deutsche Schande in Berlin und — München" ruft er seine Garden ailf. „Alle Opfer, aller Heldenmut, den unser Volk in der nächsten Zeit wird ausbringen müssen, werden wieder umsonst sein, solange Verräter und Schurken noch frei unter uns herumlaufen." Aber damit nicht yenug! Unter diesem Wählspruch soll am 28. Januar der Nationalsozialistische Parteitag in München vor sich gehen, soll die Parteffahne geweiht, sollen Versammlungen und Umzüge abgehalten werden. Ein jeder weiß, was sich zugetragen. Als die Nationalsozialisten drohten, sie seien keine Feiglinge, sie also ersichtlich die Anordnungen der Behörden gewalttätig beantworten wollten, verhängte die Regierung über Bayern den Ausnahmezustand. Der Minister des Innern, Schweyer, erklärte Pressevertretern: „Erste und ausschlaggebende Bedingung für den Erfolg unseres Widerstandes ist, daß das ganze deutsche Volk mitgeht. Erfreulich ist, daß dies auch namentlich bei der Arbeiterschaft der Fall ist. Eine Ausnahme macht jedoch die nationalsozialistische Bewegung." Trotz Ausnahmezustand wurden dann durch Einwirkung von außen im letzter Stunde Versammlungen und Umzüge gestattet. Wir wollen hier nicht untersuchen, welche starken Einflüsse die bayerische Regierung zur Nachgiebigkeit gezwungen haben, ob diese vermeintliche Nachgiebigkeit den Nationalsozialen neue Hasen in ihr Gann führt, oder ob Hitlers verbohrtes, unvaterlandisches Verhalten manchem seiner Anhänger die Augen geöffnet hat. Die bayerische Regierung möge sich aber darüber, klar sein, welche ungeheure Verantwortung gegenüber dem ganzen Reiche ihre Stellung zu den nationalsozialistischen Gewaltplanen bedeutet. Sie hat allzulange die Dinge treiben lassen. Gewiß nicht die ganze Regierung, aber einige ihrer Mitglieder sonnten sich in dem Gedanken, Hitlers schmetternde Agitation werde zahlreiche Arbeiter vom Marxismus heilen und zum Nationalismus führen, und um diesen Preis sei ein „Pogrömchen" nicht zu schlimm. So lenkten sie ihn mit weicher Hand, nagelten zwar hier und da Ausschreitungen fest, Leuten sich aber im stillen Kämmerlein über das Anwachsen der Bewegung. Der Knabe Karl ist ihnen nun fürchterlich geworden. Der gibt auch der bayerischen Regierung und der Bayerischen Volkspartei einen Tritt, wie -es ihm in den Kram paßt und, wenn es seine Taktik verlangt,'pfeift er auf die deutsche Einigkeit und ruft, ohne eine Sekunde die gefährlichen Folgen zu bedenken, mit gröbsten Beschimpfungen zum Kampfe gegen vre auf, deren Brüder an der Ruhr den Franzosen die Stirn'bieten. Brennt einem nicht die Scham im Gesicht, daß angesehene englische Blätter das deutsche Volk auf die unverantwortlichen Treibereien in München in dieser Stunde Hinweisen müssen, daß französische Blätter sich, auf die Münchener Vorgänge hinweisend, über die angebliche unzerstörbare deutsche Einigkeit lustig machen, mn damit Poincarös und seiner Spießgesellen brutale Methoden zu rechtfertigen und zu stärken? Muß einen: nicht tiefe Erbitterung überkommen, daß nächtliche feige Ueberfälle auf Juden, wirkliche und vermeintliche, in München nun schon als Selbstverständlichkeit empfunden werden, daß Juden in den Augen der Nationalsozialisten, ihrer Noßbach-Freunde^und anderer „vom Ban" für vogelsrei gelten? Ist die bayerische Regierung nun endlich gewillt, dem nationalsozialistischen Freibeutertum einen Damm entgegenzuwerfen? Der Feind steht vor den Toren! Aber innerhalb der Tore sorgen gewisse Kreise dafür, daß die einheitliche Abwehr unterwühlt wird. Möge alle, die so schändlich Handelm Verachtung treffen. Ihnen gelte schärfster Kampf. Unser Band für Hitlers Standarte hat die Inschrift: Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand! Dem unvergeßlichen Gscar Tietz. Ern Wort dankbaren Gedenkens. Von Alfred Wiener. t In der heute schon wieder vergessenen Wochenschrift „Morgen" Zeichnete Werner Sombart einmal mit teilnahmsvoller Feder den Gebildeten unserer Zeit: „Unser Freund liebt und segnet die lebendige Arbeit, das keimbildende, bluten- und fruchtet reib ende Schassen ... Nur, daß die Arbeit nicht in sinnlose Vrelgeschästiglkeit ausarte, wie sie den modernen Großstadtmenschen zermürbt, verödet, verflacht: jenes armselige Lasttier, das ,r\k Zeit hat"." Und gewissermaßen als Unterschrift unter sein Bild von: ivahrhast Gebildeten, als das Merkmal, schlechthin, schreibt Sombart als letzten Satz: U n s e r Freund h a t immer „Z e i t". Oscar Tietz hatte immer Zeit. Auf seinen starken Schultern lag die ungeheure wirtschaftliche Verantwortung für ein weitverzweigtes kaufmännisches Unternehmen größten Ausmaßes. Seine Entscheidungen gingen wie die des Feldherrn eines stattlichen Heeres auf das Wohl und Wehe Tausender und Mertausender von Angestellten. In zahlreichen Ehrenämtern der Stadt, der Gemeinde, des Berufes, des Wohltuns wirkten sich sein reger Geist, sein kluger Rat, sein teilnehmendes Herz rastlos aus. Seine Tür stand nicht stille von Leuten jedes Standes und jedes Glaubens, die seine einflußreiche Persönlichkeit als stets bereiten, geschickten Vermittler beanspruchten. Er hatte die seltene Gabe, in jedem, der ihm sein Anliegen vor trug, unbeabsichtigt das schöne Gefühl zu erregen: deine Sache liegt il>m besonders am Herzen und, wenn dieser Mann etwas verspricht, so erfüllt er es bis zum letzten I-Tüpfelchen. Mußte er auch mit seiner kostbaren Zeit Haushalten — Ungeduld, Unmut, Launen spürte keiner der vielen, die täglich sein Zimmer durchschritten. - Er hatte immer Zeit. Und Zeit und herzliche Teilnahme, die uns rührte, erhob und befeuerte, schenkte er wie wenige u n s e r e m C e n t r a l - V e r e i n. Der Verein war in schwerster wirtschaftlicher Bedrängnis. Wo war der zeit-, der t a, t b e r e i t e Helfer? Wer wird feinen klangvollen Namen, mehr noch seine gewichtige Persönlichkeit dafür hergeben, daß das stärkste Bollwerk des jüdischen Deutschen auf dem Kampsstlde der Verleumdung und Verkennung nicht in dm: Staub sinke? Oscar Tietz stellte sich in die Bresche. Was er im letzten Jahre für uns getan, das wird der künftige Schreiber unserer Vereinsgeschichte nur in Worten unbegrenzter Anerkennung und tiefer Dankbarkeit verzeichnen müssen. Wer weiß, wie heute., der C. V. aussähe ohne Oscar Tietz' Wirksamkeit? Und wie hat er diese Wirksamkeit ausgeübt! Er hatte immer Zeit. Und er war ein Mann der Tat! Viele Nachmittage seiner Erholung schenkte er unserer Arbeit. Keine Reise verging, aus der er nicht für den Central-Verein „arbeitete". „Ich war wieder einmal fleißig", pflegte er zu sagen. Und dabei strahlten seine gütigen Augen. Er freute sich wie ein Kind über jeden seiner zahllosen Erfolge; und wer uns durch ihn half, der hals ihm selbst, so warm dankte er, so innig freute er sich Diese Freude, diese Genugtuung über das Erreichte für ein großes Werk waren ihm der wahrhafte Lohn seiner Aufopferung, die er so selbstverständlich, so anspruchslos gab wie die unscheinbarste alltäglichste Verrichtung. Die gewaltige Teilnahme unseres Oscar Tietz für den C. V. erschöpfte sich keineswegs in rein wirtschaftlichen Fragen. Mit kundigem, scharfen Blicke überprü fte er ständi g die Organisation, die L e i st u n g e n, die Pläne. Be: jeder geeigneten Gelegenheit forschte er. wie die Vereinsarbeit ausgenommen wurde, überlegte er, wie sie verbessert werden könnte, riet und beriet er zu unserem Guten. Wenige Tage vor der Reise, die ihn für immer aus unserer Mitte riß, weilte er zum letzten Male unter uns. Trotz körperlicher Beschwerden wollte er bei dieser besonders wichtigen Sitzung nicht fehlen. Aber darüber hinaus — der echte Oscar Tietz! — unterbreitete er weitschauende Pläne über die wirtschaftliche Sicherung des Vereins, deren Gelingen er selbst aus seiner Erholungsreise vorbereiten wollte. Es war das einzige Versprechen, das er durch unerforschliche Fügung nicht halten konnte. In diesen bescheidenen Zeilen ist verschiedentlich auf den .Menschen Oscar Tietz hingewiesen worden. Wer das Glück hatte, mit ihm arbeiten zu dürfen, verehrte diesen großen Mann voll seltener Menschlichkeit. Das gütige Leuchten seinen Augen, die echte Herzlichkeit, die er cmsströmte, hielten jeden, der ihm näher getreten, war, in Bann. Wie innig erzählte er ein Geschichtchen aus dem jüdischen Leben seines Heimatstädtchens! Wie geschickt pflegte er selbst unerquicklich» Verhandlungen durch einen treffenden Witz oder ein überzeugendes Gleichnis zu fördern oder zum Guten zu lenken! Edle Menschlichkeit — das war das hohe Zeichen, tn dem er die Menschen bezwang und gewann. Das war das Größte, Erhabenste und Ewige an unserem unvergeßlichen ' Oscar Tietz. ' * Oscar Tietz' Bestattung fand unter großer Beteiligung auf dem Friedhof in Weißensee statt. Rabbiner Dr. Bergmann hielt die erschütternde Leichenrede. Geheünrat Du. Stern gedachte der Verdienste des Entschlafenen nur die Berliner Jüdische Gemeinde, Gewerberat Plottke der Verdienste um die Repräsentanteuversammkung. Im Aufträge der Stadt Berlin feierte Oscar Tietz der Stadtverordnete R o s e n t h a l, dem sich Stadtrat Wege angeschlossen hatte. Namens des Personals der Unternehmungen Tietz sprach Herr Löwenberger, für die Vereinigung für das kibemle Judentum Rechtsauwalt Heinrich Stern. Die Herren A l t h o f s und G r ü n f e l d zeichneten den Verstorbenen als eifrigen Förderer der Bestrebungen des.Warenhausveroandes und der Haupt-

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