Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 2 (11.1.1923)
- Date
- 1923-01-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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10 Nicht wahr — „das sieht schon anders aus, man weiß doch wo und wie?" Dieses also ist die neue Deutschvölkische Freiheits-Partei. Ahr Streben und Wollen hier Zu kommentieren, ist überflüssig. Erstens weil wir am Ende in! den Verdacht der Besangenheit gerieten, dann aber auch, weil ein von solchem Verdacht völlig Freier, ein stramm Völkischer, jener eingangs erwähnte Herr v. Freytagh-Loringhoven, über b-ie mm Partei und ihr Programin schon ein Votum abgab, dem wir uns überzeugungsvoll anschließen. Er sagt nämlich in der „Deutschen Zeitung" mit Bezug auf jene Parteivorgänge, die Zur Gründung der Deutschvölkischen Freiheitspartei führten: „Dieser Z w i st unter den V ö l k i schon w I r d d e n Beweis d a für erbringen, daß Neid und Dummheit bei ihnen ü b e r m ä ch t i g s i n d." E. G. Unsere Mitarbeit an öer öeutschen VslkshschschulL. ' ' Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). Als Deutschlands politische Größe znsammenbrach, war Allen, die es liebten, eine Welt irt Trürnmer gesunken. Das Ende schien gekommen. Draußen im FeindeÄan'd oder in heimischer Erde schlafen die Millionen, einst der wertvollste Teil von Deutschlands Volk.. Und wir Uüberlebenden stehen nicht nur im Geiste vor Gräbern, sondern auch in Wirtlichkeit vor Trümmern. Da gilt es auszübauen. Aufbauarbeit will unsere Volkshochschule leisten. In der schweren. Krise, in der unser Geistesleben durch die Not der Zeit sich befindet, will die VMZbildlUngs.arbeit Zur Verjüngung und Neugeburt des deutschen KultnrlebenZ beitragen. Als Hörer und Lehrer, je nach Maßgabe der Kräfte und Fähigkeiten, sollen auch wir deutsche Juden uns an dieser Ausgabe beteiligen. Denn die Volkshochschule wendet sich, wie ihr Name sagt, an das ganze Volk. Es ist der Mensch dessen inneres Wachstum hier gefördert lverden soll. Menschen, die mit Liebe and Bewußtsein deutsches Wesen als Teil ihrer Eigenart und als wertvollen Bestandteil ihrer Bildung pitegen wollen, sind hier als Mitarbeiter willkommen, gleichgültig ist dabei, welcher politischen Partei oder welchem religiösen Bekenntnis sie sonst angehören. Die Stellung der VoMhochschwte in den mannigfachen Strömungen der Gegenwart ist in dem Dreiklang ausgedrückt: monschheitlich, vaterländisch, unparteiisch. Die Volkshochschule will die Menschen zum Selb st - denken erziehe n, aber nicht zugunsten e i ne r b e st i -m m ten Partei bevor m Lr n d e n. Sie ist auch keine Gegnerin des Pa-rteilebens, das im regen Karnpse der Meinungen nötig ist. Sie selber aber steht auf einer höheren Warte, sie steht über den Parteien, sie ist rmiverfalistisch, ihr ist nichts Menschliches fremd, sie ist national, indem sie das große Geisteserbe Kants und Goethes hütet. Jeder, der als Lehrer in diesem Sinne wirken will und kann, ist an der Volkshochschule willkommen. Dasmst aber den Kreisen nicht recht, die aus besonderen — nicht in der Dache liegenden — Gründen die Versöhnungs- und Verständigungsarbeit nicht mögen. Ihnen ist die Volkshochschule nicht deutsch genug. Sie möchten rassereine Teutonen als Lehrer, die aus das Programm des J-udenhasses eiugeschworen sind. Schon aus praktischen Erwägungen hat man ein* solches Ansinnen tatkräftig Mrückgewiesen. Wir haben an guten Volkstehrern nicht so viel Uebersluß,!daß wir es uns leisten können, eine völkisch-antisemitische oder eine sozialistische Einführung in Kunst, Geschichte nn-d' Naturwissenschaften u. a. zu geben. Sagt man a-ber, daß sich in den sogenannten Gesinnungsfächern unbedingt eine Scheidung der Geister nach Parteianfichten vollziehen muß, so habe ich mit Erfolg schon öfters daraus hingewiesen: in dem Augenblicke, wo unsere Hörer in ihrem Lehrer den Parteimann Mhiten, wird ihr Mißtrauen u-nid ihr Schutzinstinkt rege und sie wehren sich gegen die Einflüsse eines Redners, der sie nicht sachlich belehren, sondern für bestimmte Zwecke einsangen will. Tatsächlich leisten nun auch an vielen Volkshochschulen jüdische Dozenten Ersprießliches. Auch wenn sie nicht besondere, das Judentum berührende Gegenstände behandeln, so wird der Geist der Sachlichkeit und Gerechtigkeit, den ihre Darbietungen atmen, mit Helsen, Vorurteile 'zu zerstreuen. Ich gehe aber noch weiter, überall, wo die Volkshochschule, ob mit Hilfe auch jüdischer Kräfte oder nicht, zum Selbst denken und zur eigenen Prüfung erzieht, wird sie dem kritiklosen Judenhasse Nähüboden, entziehen. B i l d iti n g m ach t frei u n d fähig zu-m eigenen Urteil. Wir Juden haben die schädigenden Folgen leidenschastlicher V-or-urteiile oft genug gegen uns sich auswirken gefühlt, dieser Gedanke muß im Verein mit der Erkenntnis des Großen, was die Volkshochschule für die Rettung -unserer vaterländischen Gesittung tut, uns anspornen, durch die wachsende Geldentwertung schwer bedrängten Volkshochschule, so weit wir können, beizustehen. Ich schreibe diese Worte nicht bloß als einer, der seit Jahren im Dienste der Volkshvchschulbewegung steht, sondern auf Anregung von Männern, die in der Organisation der deutschen Volksbildung hohe Verdienste haben und die Zweifellos Wert daraus legen, daß diese Gedrnlen auch an dieser Stelle zum Ausdruck gelangen. die „sluöenhercschach in Schneidemühl. Ein -geisteskranker Führer der D e uts chso z ial en. Kunzes unmündiger Sitzredakteur Ein Beleidigungsprozeß, der den völligen Zusammenbruch eines Verbe u m d u ri g s f el d z u g e s brachte, fand am lebten Sonnabend vor der S t ra f k am m e r des Landgerichts III in Berlin statt. Wegen Beleidigung des Oberbürgermeisters Dr. Krause, des früheren Stadtrats und Vorstehers der jüdisckzen Gemeinde Louis Schneider und des Kreisarztes Dr. Leverrenz. sämtlich aus Schneidemühl, hatten sich der Oberstadtsekretär a. D. Adolf Lemke aus Schneidemühl und der Verantwortliche Redakteur des „Deutschen Wochenblattes" Friedrich Schmidt zu verantworten. Der Klage lag ein von Lemke verfaßter Artikel zugrunde, der im Mai 1921 im „Deutschen Wochenblatt" Richard Kunzes als Beitrag zudem Thema „Die deutsche Obrigkeit im D i e n ft e der I u d e n" erschienen war. Lemke erzählte darin, daß im Jahre MIß der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Schneidemühls. der Konfektionär Louis Schneider. Stadtrat und Dezernent des städtischen Lebensmittelamtes geworden sei. vbwrchl er kaum lesen und schreiben konnte. Dafür habe er aber sofort mitden üblichen Verschiebimgen in größtem Maßstabe begonnen. Waggonweise seien Mehl und andere Lebensmittel verschoben worden.' die man der christlichen Bevölkerung vorenthalten habe, während die Juden mit allem Nötigen versorgt worden seien. Ms Lemke diesen Schiebungen offen entgegen getreten fei, habe Oberbürgermeister Dr. Krause, der das Vorgehen Schneiders begünstigte, ihn, Lemke, für den Heeresdienst freigegeben. Bei seiner Rückkehr im Jahre 1918 habe er dann mit ansthen müssen, wie Schneider inzwischen die ganze Lebensmittelversorgung Schneidemühls den christlichen Händlern abgenommen und ausschließlich Juden übertragen hatte. Durch sein erneutes energisches Auftreten gegen diese Schiebungen habe er sich den Haß der Juden Zugezogen, deren willfähriges Werkzeug. Oberbürgermeister Dr. Krause, dann gemeinsam mit dem Kreisarzt Dr. Leverrenz unter V e r lr e n d u n a e i it e § gesäls ch t e n Attestes ihn f ü r geisteskrank erklären und zwangsweise pensionieren ließ. Verband Groß-Ver!rner Grtsgrnppeir öes Lorriral-Vereins deutscher Staatsbürger züdischeir Glaubens e. V. Dienstag, den *6. Januar 1925, abends 8 Uhr in der Aula der Mädcherischule, Aaiserstr.29/§0 (nahe Bahnhof Alexanderxlatz) Hellenentum, Christentum, Judentum Eine Auustbetrachtung mit Lichtbildern Von Dr. Ernst Lohn-Wiener Eintrittspreis zs,- M. einschließlich Steuer In der gestrigen Verhandlung, in der die d-rer beleidigten Kommrrn-altc-mnien als vwvenkläaer zugelasfen waren, ergab sich b-ei der Vernehmung Lemkes, daß dieser bis zum Kriege .konservativ gesinnt war. nach der Revolution dann aber zur II. S. P. übertrat und sich von ihr zum Stadtverordneten wühlen ließ. Jetzt ist Lemke Führer der Ortsgruppe Schneidemühl der D e u t s ch s o z i a l e n Partei. Weiter wurde festgesteltt. daß der Bezirksausschuß Frankfurt a O. Lemkes Geisteskrankheit fest-gestellt und ausdrücklich betont hatte, daß itet normaler Veranlagung Lemkes Verhalten so unwürdig und gemein gewesen wäre, dar ir rn?* 1-? weitere Ansprüche auf Gehakt oder Pension hätte entlassen werden müssen. Die Vernehmung des Redakteurs Schmidt vom „Deutschen Wochenblatt" ergab die Merkwürdige Tatsache, daß dieser in der fraglichen Zeit noch nicht das 2l>. Lebensjahr vollendet hatte und deswegen gar nicht das Amt eines verantwortlichen Redakteurs bekleiden konnte. Schmidt gab an, er wäre zwei bis drei Wochen beim „Deutschen Wochenblatt" gewesen, worauf der Vorsitzende weinte: „Na. solange wird es w o h l nicht gewesen s e i n . ich habe im lebten I a h r e mindestens vier bis fünf „Verantwortliche" v o in „D e u t s ch e n W o ch e n b l a 11" hier gehab t." — Staatsanwalt Dr. O r t m a n n hielt auf Grund der Beweisaufnahme den Beweis der schweren Beleidigung für erbiracht. Alte Angriffe, namentlich die schweren ehren kränkenden Vorwürfe gegen Schneider hättensich ebenso lute die gegen den Oberbürgermeister und Dr. Leverrenz gerichteten als v ölli g u n i< e g r ü ndet herausgestellt. Mit Rücksicht darauf, daß diese Angriffe gegen hohe städtische Beamte gerichtet worden seien, könne von einer Geldstrafe keine Rede sein, er beantrage deshalb eine Gefängnisst r a f e v o n s e ch s M o n a t e n. Gegen S ch m. i d t beantragte er eine Geldstrafe von 150b Mark. Justizrat Chodziesner als Vertreter der Nebenkläger schloß sich diesem Anträge an. Oberbürgermeister Dr. K r a u s e betonte in feinem Schlußwort, daß er sich in Schneidemühl den Unwillen der antisemitischen Heißsporne zugezogen habe, weit er einmal in einer Versammlung davor gewarnt habe, in der Provinz Posen Ant i fe m it ism u s zu treiben Der beleidigende Artikel des „Deutschen WocheEattes" sei unmittelbar nach stimm Erscheinen in Tausenden von Exemplaren in Schneidemühl, bei jeder Versammlung odrc Festlichkeit verbreitet worden.. Im übrigen bezeichnete er ebenso wie Ltad-trat Schneider alle Vorwürfe als gauEch haltlos. Stadtrat Schneider, -der langjährige Vorsitzende unserer Schneidcmühler Ortsgruppe, erklärte, man habe ihn als deutschen Juden treffen wollen. Nicht ein Gramm Mehl sei verschoben worden. Das Urteil lautete gegen Lemke aus drei Monate Gefängnis unter Gewährung eines Strasausschubes von drei Jahren bei Zahlung einer Buße von 15WO Mark. Gegen Schmidt wurde auf die nach dem Gesetz zulässige Höchststrafe von 1599 Mark erkannt. Die Kosten des Verfahrens wnrden den Angeklagten auserlegt. den Nebenklägern wurde Pnblikationsbefngnis des Urteils im „Schneidemühler Geselligen" und im, „Deutschen Wochenblatt" zugebilligt. In der Begründung betonte der Vorsitzende. Landgerichtsdirektor v. Schmiedeberg. daß die Angeklagten für ihre Behauptungen auch nicht den Schatten eines Beweises e r b x a ch t h ä tte n.