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Central-Verein-Zeitung · 1923-01-04 · 1 (4.1.1923) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
1 (4.1.1923)
Date
1923-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3 daß iebet Lehrer in seinen Schülern gleichwertige Geschürte sieht. Ganz anders -aber ist die Sache, wenn wir uns fragen. wie das Betonen des Rassenunterrichtes gegen den Willen der Lehrer geschieht. Es liegt etwas Verführerisches darin, das ganze Weltbild so.'aufsubauen. daß die Hoh-snstaufenkarser gegen westliche Tücke kämvlln mußten, und Bismarck ein Recke germanischer Herkunft ist. Der Geschichtsunterricht bekommt dadurch zweifellos ein einheitliches Gepräge. Es wird aber ganz unberücksichtigt gelassen, daß hierbei ein gut Teil Dichtung in die Darstellung eingewebt ist. Die geschworensten Bismarck-Verehrer müssen doch zugeben, daß dieser Staatsmann die Erfolge feiner Politik nicht seiner eigenen Arglosigkeit zu verdanken hatte. Ein derartig schiefer Unterricht, wie er heilte noch in den unteren Klassen erteilt wird, mag, wohl erzieherische Gründe für sich haben. Die Schüler werden aber unbewußt vom Rassenhaß ergriffen. Da sie. für dieses Gefühl kein rechtes Objekt haben, denn sie haben keinen Russen oder Franzosen oder Engländer zur Hand, so erstreckt sich ihre Abneigung dann gegen ihre jüdischen Mitschüler. Aus alledem ergibt sich, daß der Unterricht an die Kinder unglaublich durcheinander g^t. Durch die Entsachung -des Rassenhasses will man über die Klassenunterschiede hinwegkommen. Es ist doch ausfallend, so meinte der Redner, daß es irr. einer Stadt wie Leipzig z. V. kein Lessing-Theater. kein Lessing-Denkrnal. keine Lefsmg-Schule gibt. Aus der Vol!ssck"le liest man Schiller und Goethe, von Lessing nichts, auf den höheren Schulen allenfalls Minna von Barnhelm und die Hamburgische Dramaturgie. Lessing ist ein Vorkämpfer der Toleranz gewesen. er hat sich inuner gegen die Rassenverkapselung ausgesprochen, und deshalb finden seine Werke in den Schulen kaum Einlaß. Eine Besserung ist nur zu erwarten, wenn der Unterricht in der Schule von allen diesen Hemmungen befreit wird, so daß die werdende Jugend nicht mit Konflikten beladen wird, die sich dann „ gegen einen Teil ihrer Zeitgenossen tätliche Auswirkungen suchen. Sind die Juden in Deutschland heimatberechLrgL? Unter diesem Titel hielt dieser Tage im Rahmen einer öffentlichen Versammlung des C. V. in Eßlingen Rabbiner Dr. R i e g e r (Stuttgart) einen reich besuchten Vortrag, in welchem er aus Grund unwiderlegbarer historischer Daten die völlige Unhaltbarkeit der immer wieder auftauchenden völkischen. Behauptung von der „Landsremdheit" der Juden nachwies. Dr. Rieger führte aus. daß schon Berichte aus dem zweiten Jahrhundert n. Ehr. über jüdische Siedet u n g e n i n D e u t s ch l a n d vorlägen, und daß der erste dokumentarische Nachweis über diese Ansässigkeit der Juden ein an die Juden v o n K ö l n gerichteter Brief Kaiser Konstantins aus dem Jahre 321 sei. Die Juden waren damals geachtete Bürger des römischen Staates und betrieben' jahrhundertelang Wein- und Ackerbau. bis ihnen dies die Engherzigkeit der mittelalterlichen Zünfte unmöglich machte. Es ist aber auch der Beweis erbracht, daß sie sich nicht minder in geistiger Beziehung hervorragend betätigen und sich stets die Pflege der deutschen Sprache angelegen sein ließen, die sie seit jeher als ihre Muttersprache betrachteten, während das Hebräische lediglich bei Religionsübungen verwendet wurde. An den überaus anregenden Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Diskussion. Wo ist Kleirr-Whoden? Gegen den bekannten Antisemitenführer und früheren Herausgeber der Düsseldorfer „Freien Meinung", Klein- Rhoden, hat die Staatsanwaltschaft wegen der bekannten Anschuldigung, der Eentral-Verein hätte zur Beseitigung gewisser völkischer Persönlichkeiten Mordgesellen gedungen, die.Anklage erhoben, kann aber den gegenwärtigen Aufenthalt Klein-Rhodens nicht ermitteln. Wir erbitten Zweckdienliche Angaben an unser Bureau. Berlin SW 68, Lindenstraße 13. EhrLuamMche Betätigung im Dienste des Central-Vereirrs muß .in Anbetracht der Entwicklung der Gehaltsverhältnisse mehr als bisher Ehrenpflicht von interessierten Mitgliedern sein. Persönlichkeiten, die sich für geeignet halten, gegen Erstattung der Unkosten Auskünfte zu besorgen und Besuche vorzunehmen und überhaupt unsere beamteten Herren zu entlasten. werden gebeten, ihre Adresse der Zentrale mitzuteilen. VerurteiLmrg eines antisemitischen Eisenbahnbeamten. Wir habenvor einiger Zeit über die rohen., antisemitischen- Ausschreitungen des Bahnbeamten Schubert in Meser-itz berichtet, dessen Opfer der dortige jüdische Einwohner Rothe war. Die Reichsbahndirektion Osten, bei der wir Beschwerde einlegten, begnügte sich. Schubert eine Disziplinarstrafe von 50 Mark aufzu erlegen. Unsere gerichtliche Strafanzeige hatte; gr ö B c re n Erfolg: S ch it dort w u r d e 3 u 1000 M a r k G e l d st r a f e. ersatzweise zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Eine Mordbeschuldigung. Man weiß, daß Richard Kunze die Knüppel und Totschläger, die er vertreibt, „Verkidigungswafsen" gegen die Juden nennt, obwohl er bisher nicht imstande war. über irgendwelchen tätlichen Angriff von jüdischer Seite zu berichten. Die bayerischen Hitler- Gardisten gehen um einen. Schritt lveiter und erfindeneinfach jüdische 'Angriffe. So konnte inan jüngst im „Deutschen Volkswitten", im „Völkischen Beobachter", in der „Deutschen- Zeitung" und ähnlich wahrheitsliebenden Organen lesen, .daß in Kt hingen ein Fabrikant Samuel L ö w e n-t h a l Arbeiter gedungen habe, um die antisemitische Hetzrednerin Etlendt und einen ihrer Gesinnungsgenossen ermorden zu lassen. Herr L ö w e n t h a l. der auf Grund dieser Beschuldigung festgenommen> wurde, mußte, da sich deren völlige Haltlosigkeit erwies, sofort wieder freigelassen werden. Gegen die genannten Blätter ist die Beleidigungsklage eingeleitet worden. - Verband Grosz-Berliner Ortsgrnppen des Lentral-vereins deutscher Staatsbürger Zü-rfche,r GtauSen» e.V. Dienstag, den;s. Januar *925, abends 8 Uhr in der Aula der Mädchenschule, Raiserstr. 29/50 (nahe Bahnhof Aleranderxlatz) Hellenentum, Christentum, Judentum Line RunstöeLrachLung stnit Lichtbildern ' Von Dr. Lrnst L o h n - M i e n e r Eintrittspreis einschließlich Steuer pem, -4^ Baron Manfred Weist. In Budapest wurde dieser Tage der bedeutendste Großindustrielle Ungarns. Baron Manfred Weiß, unter einem Trauergepränge zu Grabe getragen, wie es bei einem jüdischen Begräbnis inr heutigen Ungarn kaum für möglich gehalten wurde. Die Regierung, die Armee, alle Behörden, die aristokratische Gesellschaft waren vertreten. Erzherzog Joseph ließ der Familie durch seinen Sohn. Erzherzog Joseph Fvang, kondolieren, und sogar der Reichsverweser Hvrthp konnte nicht umhin, durch seinen ,.Flügel adjutanten" eine Beileidskundgebung zu veranlassen. Diese mochte freilich nicht dem Menschen und nicht dem jüdischen Philantropen, sondern einzig dem großen M u n iti o n s s a b r i kanten Manfred Weiß gegolten haben, aus dessen einstiger kleiner Konservenfabrik aus der. Donauinsel Esepel allmählich ein Fabrik komplex entstanden! war, der schon vor dem Kriege säst an alle Armeen der Welt Munition. Feldküchen- und Konserven' -lieferte, seit -dem Jahre 1914 über 30 000 Arbeiter beschäftigte und drei Viertel des Heeresbedarfs der k. u. k. Armee an Infanterie- und Artilleriegeschvssen deckte. Aehnlich wie einst der Dhnamitsabrikant Nobel die zerstörende Wirkung seiner Produkte durch große kulturelle Schöpfungen aüszugleichen und wettzumachensuchte, war auch Manfred Weiß bestrebt, einen großen Teil seines durch Kriegswerkzeuge erworbenen Reichtums in Werke des Friedens, der hilfreichen Nächstenliebe zu verwandeln. Bald nach dem Tode seiner Gattin ehrte er deren Andenken durch die Errichtung eines großen Wöchnerinnenheims, dem eine ganze Reihe ähnlicher Stiftungen folgten. Die Zahl der Darbenden. Siechen, Kranken, die ihm Unterstützung, Erholung. Heilung danken-, ist unübersehbar. Im Kriege vollends nahm diese charitative Tätigkeit, die. stets allen Konfessionen zugute kams noch imposantere Dimensionen an: Manfred Weiß schuf großartige Wohlfahrtseinrichtungen für seine Arbeiter, speiste in seinen Volksküchen Jahre hindurch Tausende und Abertausende, versah Millionen Säuglinge mit Milch, ließ keinen Bittenden unbeschenkt von seiner, Tür — und wenn mitunter hämische, antisemitische Stimmenlaut wurden, die den Werst solch großzügiger Wohltätigkeit mit dem Hinweis iü'U'f die MM-ardene-innalrmen Manfred Weiß' herabzusetzensuchten-, so muß man immer wieder fragen: Wann hat sich je einer der nicht weniger reichen Magnaten Ungarns, wann hat sich je ein Esterhüzp. ein Kürolpi. ein Andrassh.so hochherzig, so hilfsbereit, so freigebig gezeigt wie dieser Jude? Der überdies persönlich völlig anspruchslos war. in nichts weniger als eleganter Kleidung von früh bis abends seiner Arbeit nachging und dessen einzige Freude seine Familie und das Anwachsen seiner Enkelschar bildete. Auch die Auszeichnungen. denen er schließlich nickt zu entgehen vemnochte. truger nie zur Schau: Er war Mitglied des Magnatenhauses, ohne -dort je das Wort zu ergreifen, er besaß die höchsten Orden, ohne sie zu tragen und er wurde endlich — im Jahre 1918 — Baron, aber auf seiner Visitenkarte stand nach wievor nur: Manfred Weiß. Ein Name, der freilich besseren Klang hatte, als manch historischer und, der in Ilngarn wohk dauernd mit dc-r Erinnerung an -einen edlen Menschenfreund verknüpft bleibt. Chaim Nach man BiaLik. Der gefeierte hebräische Dichter Eh. N. B i a i i f feiert, dieser Tage seinenf ü n f z i g ft e n G e b u r t s t a g. Man schätzt ihn in jüdisch-siterarischen-Kreisen als den hervorragendsten Vertreter der neueren hebräischen Po-esi-e. Am bedeutendsten sind seine Gedichte, in denen sich eingroßer Reichtum an Gedanken und Empfindungen mit großer Schönheit der Darstellung vereinigt. Der eigenartige Zauber dieser Lhrrk besteht darin. daß sie alt und zugleich! neu ist, sie erinnert mi die biblische Dichtung und an die großen Lhriker unserer Zeit. Bialiks Lhrik ist ein treues Abbild der hebräischen Dichtung überhaupt, deren erste Anfänge mehr ests drei Jahrtausende Zurückreichen, und die sich seitdem in einer nnunterbrochenen Fortsetzung und au-ssteigenden Entwicklung befindet. Außer seinen tprischen Dichtungenhcrt Vialik noch eine Reihe von Erzählstngen in Prosa geschrieben. Auch aus diesem Gebiet hat -er sich als Meister bewährt. Seine Erzählungwzeichnen sich durch einen gesunden Realismus und durch pspchvlogische Wahrheit aus. Bialik schildert in ihnendas jüdische Volksleben. Im Juden erblickt er aber auch den Menschen-, und zwar den Menschen . mit den ihm eigenen natürlichen Regungen-, aber in der Färbung, die sie im jüdischen! Milieu und durch hie jüdische Tradition erhalten hadern lind auch die Prosa 23ialife zeigt den bedeutenden Sprachkünstler. Friedrich Delitzsch. Im Alter von 72 Jahren ist der Asshrivloge Professor Friedrich Delitzsch zu Langenfchwalbach gestorben. Der Oeffentlichkeit wurde er bekannt durch seine Vortrüge über „V a b' e l u n d Bibel", deren ersten er 1605 in Berlin vor Wilhelm II. hielt. Er gelangte in ihnen! auf Grund seiner KeUchMLforschungen zu dem Ergebnis, daß bestimmte Zusarnmenhänge zwischen der babplonischen Literatur und dein Alten Testament bdständen, aus denen er auf die Ileberlegenheit der babplonischen Religion über die Bibel schloß. Seine Aussagen riefen eine heftige literarische Fehde hervor, in deren Verlauf er scharfe Ablehnung aus Fachkreisen erfuhr. Man entsinnt sich, daß auch der Kaiser sich damals an der Diskussion beteiligte, und er meinte, es könne dem „auserwählten" Volke nichts schaden, lvenn es etwas von feinem Nimbus verliere. In der während des Krieges erschienenen- Schrift: „Die große T ä u s ch u n g" behauptete Delitzsch, sehr im Gegensatz zu manchen früheren Aeußerungen, 'die Bedeutungslosigkeit der früheren -altLestamenLlichen Bücher einschließlich der Psalmen für uns Lebende, erklärte das sogenannte Gotteswort für eine Täuschung -und kennzeichnete die „jüdische Gefahr" als die ernsteste Frage für das deutsche Volk. Dieser Schrift, die perfönsticher Erbitterung entsprang, wurde von theologischer Seite ihr g ä n z - sicher Mangel an Wissenschaftlichkeit vorgeworsen. Antisemitismus in Schweden. Die nordischen Länder sind bisher vom unsauberen Geiste des Judenhasses so gut wie verschont geblieben. In Schlveden z. B. gibt es weder einen gesellschaftkichen noch einen politischen Antisemitismus. So kennen auch die dortigen Konservativen keinen Judenhaß. Sie snrd „konservativ", d. h.. staatserhaltend im wahren, guten Sinne des Wortes und können nicht mit den ^Reaktionären" anderer Länder, die sich auch konservativ nennen, verglichen werden. Da nun Schweden seit langem demokratisch regiert wird, so ist im Gegensatz zu den deutschen Namensbrüdern die dortige, konservative Partei, eher als liberal! anzufprechen. lind freiheitlicher Geist verträgt sich eben nicht mit Juderchaß. Nur eine unrühmliche Ausnahme gibt es auch in Schweden. Es erscheint dort in Göteborg im Stile und in der Aufmachung der leider auch bei uns bekannten Revolverblätter die antisemitische Zeitung „Vidi",

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