Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 34 (28.12.1922)
- Date
- 1922-12-28
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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375 Passanten verprügeln. ledig-lich, weil sie Juden find, und die Gewalttat in den Dienst der Agitation stellen, herben nichts vom Christentum an sich. Es ist eine Torheit, eine Beweaunfl zu tolerieren, welche die christliche Staats- und Gesellschaftsordnung n-egiert, bloß deshalb, weil sie einen nationalen Einschlag hat. Gründung einer neuen antijüdrschen Partei. Die vor ennaon Taaen,in Potsdam unter der Parole „Kampf gegen Juden" gearundete rJ.D d'^e 'U' t sche A r b e i t e r pari e i" hat ihre Tätigkeit aus Oberscylesien ausgedehnt. In den letzten Tagen trafen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands militärisch organisierte Trupps, die rote Armbinden mit Hakenkreuzen trugen, in Gleiwitz, Beuthen. Natibor und anderen ober-schlesischen Städten ein. Die Redner dieser Partei erklären offen, sie st/hen -auf dem Boden der b a h e r i s ch e n n at i o n a l s o ziulistischen Partei, da aber dieselbe in Preußen-verboten ist. mußte sich die Organisation hier e i n e n n e u e n N >a -me n beilege n. Der Leipziger Staatsgerichtshof gegen Jttdenbefchimvfung. Der Staatsgeri-chtsbof zum Schlitze der Republik trat am 2V. Dezember zu nun er letzten Sitzung in dieseur-Jahre Zlrsmnrnen. llnter den Fällen, die in dieser Letzten Sitzung Zur Erledigung kamen., war -auch der Prozeß gegen einen gewissen Becker, der beschuldigt wurde, in einer öffentlichen Versammlung die Worte „Schieberrepublik" und „Schiebersirden" gebraucht zu haben. Der Angeklagte wurde zu zehn Tagen Gefängnis und 10 '000 Mark Geldstrafe verurteilt. HisMarck unö öie Iuöen. Eine Antikritik von Ministerialrat Dr. Otto I ö h l i n $ c r (Berlin). Seit Bismarcks Tode war es üblich, daß in antisemitischen und deutsch-völkischen Kreisen Bismarck regelmäßig als Antisemit gepriesen wurde, derselbe Bismarck, den ein sehr großer Teil der Antisemiten als er noch, lebte, in der unflätigsten Weise angegriffen hatte. Gewiß waren ja nicht alle Antisemiten Bismarckgegner. Im Gegenteil, einige unter den Antisemiten aus der Bismarckzeit hatten rechtzeitig die Bedeutung des Altreichskanzlers erkannt und. auch öffentlich anerkannt; aber es ist merkwürdig, daß die gehässigsten Gegner Bismarcks gerade im Lager der Antisemiten saßen, so daß Ahlwardt einmal erklären konnte, daß „b ismarckfeindlich und jndenfe i n d l i ch g le i ch b e d e u t e n d" sei. Aber seitdem Bismarck tot ist, ward er von den Antisemiten dauernd für ihre Bewegung reklamiert, und leider haben viele Juden diese Bestrebungen der Antisemiten dadurch unterstützt, daß sie Bismarck als den „Vater des Antisemitismus" bezeichneten. Durch meine Spezialuntersuchungen, deren Ergebnis in meinem Buche: „Bismarck und die Juden" (erschienen bei Dietrich Reimer A.-G., Berlin SW 48) nie der gelegt ist, habe ich den lückenlosen Beweis dafür erbracht, wie falsch die Legende' ist, daß Bismarck den Inden mit mangelnder 'Sympathie oder gar mit feindlichen Gefühlen .gegerrüüevg-estarnde-n habe?) Aus Bismarcks Munde stammt von dem Augenblick an, wo er Staatsmann geworden ist, nicht nur kerne einzige antisemitische Bemerkung, sondern auch nicht einmal eine solche, die irgendwie von einem Mangel an Sympathie Zeugte. Wohl aber ist die Zahl der günstigen Austastungen über die Judenfrage außerordentlich groß. Mein Buch über die Stellung Bismarcks zum Judenproblem hat nun nicht mit Unrecht gerade in den -Kreisen der Antisemiten ein besonderes Aufsehen -erregt, was ja kein Wunder ist; denn da die Untersuchungen auf den Originalakten Bismarcks basieren, können sie nicht gut widerlegt werden, so unsympathisch sie auch manchen deutsch-völkischen Kreisen sein mögen. Dies kommt deutlich zum Ausdruck in einer Besprechung, die Herr Dr. B. I riedri ch im Heft 6 der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung" über mein 'Buch gebracht, und die nicht weniger als nenn Seiten umfaßt. Auf das Grundsätzliche der Aeußerungen des Herrn Friedrich, nämlich die Judensragc,- brauche' ich^nicht emzugehen. Es kam mir weder daraus an, die Juden in schütz zu nehmen, noch sie -anzuklagen, sondern ich habe ausschließlich die Frage untersucht, wie sich Bismarck zum Judentum stellte. Ob ich das Wesen des Judentums richtig erfaßt habe, darüber werde ich mich mit Herrn Friedrich vermutlich niemals einigen. Herr Dr. Friedrich geht von der irrtümlichen Auffassung aus, daß ich „in einem Berliner Presseamt tätig sei". Hier scheint ihm eine Verwechslung unterlaufen zu sein, da ich bisher niemals in einem Presseamt beschäftigt war. Er sagt dann über mein Buch wörtlich: „Das Buch tritt im Gewände der Unparteilichkeit auf, bedeutet indessen tatsächlich eine Verteidigung , für das Judentum und einen Angriff gegen den Antisemitismus. Da es geeignet ist, viel Verwirrung zu stiften, so muß man ihm einige Aufmerksamkeit schenken." Ich habe allen Anlaß, Herrn Tr. Friedrich für die Aufmerksamkeit zu danken! In meinem Buch habe ich u. a. einige Ausführungen von Gustav Schn: oller, meinem verehrten Lehrmeister der Staatswistenschaften, veröffentlicht, die zweifellos das Mißfallen des Herrn Dr. Friedrich gefunden haben. Er meint, daß Schmoller di-e Juden nicht geliebt habe. Bei seinen, allgenieinen Bemerkungen über das Judentum sei er indes nicht recht mit der Sprache heraus gekommen. Ich glaube nicht, daß'es notwendig ist, Gustav Schmoller gegen einen solchen Angriff in Schutz zu nehmen, ebensowenig gegen die Andeutung, daß Schmoller „von einem gewaltigen Schriftsteller- und Gelehrten- Ehrgeiz erfüllt" gewesen fei und daß er eine Gefährdung seines Ruhmes durch Bemerkungen gegen das Juden t mir befürchtet habe. Interessant ist, daß Friedrich behauptet, ich hätte die jüdischen Politiker ans der Zeit Bismarcks durchweg überschätzt, und als *) Eine Bestätigung meines Standpunktes findet sich übrigens in sehr interessanter Weise in den neuesten W a l d e r s e e - Memoiren. Beweis dafür zitiert er den Neichsgerichtsprüsidenten S i m s o n, der ein glänzender Streber gewesen sei. „Obwohl er lange Universitätsprostssor war, hat er nie ein Buch veröffentlicht." Als ob es darauf ankomme, daß ein Mann, der im politischen Leben eine große Nolle spielt, dauernd dicke Bücher schreibt. Ebenso wie Simson soll ich auch F r i e d b e r g überschätzt haben, und von Brandes behauptet Friedrich, er sei einer der unangenehmsten Irr den, dessen Schriftstellerei in scharfem Gegensatz zum Deutschtum stehe. Während nun Friedrich ans dem Standpunkt steht, daß ich die Juden überschätze, so ist er der Meinung, daß ich anderseits die Antisemiten herabsetze, und demgegenüber betont er, daß es „doch aber einige (!) sehr bedeutende Antisemiten gegeben" habe. Esist bemerkenswert, daß Herr Friedrich von vornherein die Zahl der sehr bedeutenden Antisemiten nur klein beziffert. Meiner Meinung nach gehört Treitschke 'nicht zu den Antisemiten, wenn auch manche Kritik, die Treitschke an den Juden geübt hat, von Juden unliebsam empfunden wurde. Mit der Stöckerschen Bewegung hat Treitschke jedenfalls nichts zu tun gehabt. Wie sucht sich mm Herr Friedrich mit meiner Auffassung abzufinden, daß Bismarck als Staatsmann nie etwas Antisemitisches gesagt habe? Den Grund hierfür sieht er darin, daß Bismarck — die Nationalliberalen habe gewinnen wollen und daß die Nationalliberalen den Antisemitismus dauernd verflucht hätten. „Wollte Bismarck sie gewinnen, so durste er um keinen Preis etwas direkt Antisemitisches sagen." Friedrich meint, daß, wenn Bismarck sich antisemitisch geäußert hätte, dann die Linksliberalen die Gelegenheit benutzt haben würden, gegen die Natiormlliberalen zu. Felde zu ziehen, und „da der normale Liberale nichts Schrecklicheres kannte, als einen Antisemiten, so wären sofort Scharen von den pLatioualliberalen zu den Linksliberalen übergegangen. Da das Kartell stets um seine Existenz kämpfen mußte, so bemühte sich Bismarck, auch selbst Inden für feine Politik zu gewinnen". Ich glaube, daß diese Art der Begründung wohl mit dem ganzen Charakter Bismarcks im Widerspruch steht. Bismarck hielt die Antisemiten für Schädlinge, u. a. weil sie seine auswärtige Politik störten, und was die innere Politik anbelangt, so hat er ihnen oft genug vorgehalten, daß sie einen Weg, wie sie ihre Ideen zu verwirklichen gedächten, zu zeigen nicht imstande, waren Während nun Herr v. Simfon als „unbedeutender und unproduktiver Mensch" abgelehnt wird, wird von Herrn Friedberg gesagt, daß -er kein bedeutender Jurist war. Merkwürdig, daß die Deutschvölkischen mm aus einmal von. Bismarck behaupten, er h ab e unbedeu te nde Männer in hoh-e Stellu ng en gebracht! Wenn man die -deutschvölkische Literatur durchsieht, könnte man glauben, daß s-o etwas nur heute vorkäme, während früher stets der richtige Mann an den'richtigen Platz gesetzt wurde. Herr' Friedrich aber scheint das Gegenteil anzunehm-en. Sicherlich hat Bismarck Friedberg nicht deshalb berufen, weil er früher Jude war, um zu zeigen, daß „den Juden die Bahn für hohe Aemter frei sei". Recht eigenartig ist das Geständnis von Friedrich: „Es überwältige uns heute das Gefühl des Elends, wenn wir sehen, daß der große Staatsmann sich genötigt sah, so viel Rücksicht auf da s I n d e n t n m (!) zu nehmen." Merkwürdig, sonst liest man es in der deutschvölkischm Presst gerade umgekehrt. Da wird immer gesagt, daß Bismarck der einzige gewesen wäre, der als Antisemit den Blut gehabt habe, den Juden -entgegenzutreten. Friedrich gibt zu, daß manche Antisemiten über Bismarck entrüstet waren, „weil er den Juden nicht den Fehdehandschuh emgegenschleuderte". Der Verfasser -meint, es sei „schandbar", daß Bismarck durch die jüdische Befangenheit der Liberalen so sehr gefesselt war, und er versucht, den Fall Stöcker nachträglich anders zu erklären, als er in Wirklichkeit war; denn es ist ganz falsch, behaupten zu wollen, daß Bismarck den Kaiser deshalb von der inneren Mission fernzuhalten versucht habe, weil „die vom Judentum eingeseiften Liberalen eine Gänsehaut bekamen, falls sie das Wort „innere Mission" hörten." (Vgl. hierzu die Walderste-Memoiren!) Daraus hat Bismarck nicht im geringsten Rücksicht genommen. Wenn Bismarck in so scharfer Weise gegen die innere Mission austr-at, und das Wort von der „Stöckerei und Mucker ei" prägte, , so hatte das Ursachen, die in dem persönlichen Charakter 'des Herrn Adolf Stöcker wurzelten und worüber man einiges im dritten Bande seiner „Gedanken und Erinnerungen" lesen kann, sowie in dein von nur entdeckten und in meinem Bucke abgedruckten Bericht Bismarcks an den Kaiser, wo aus Bismarcks eigener Feder die Qualität Stöckers entsprechend charakterisiert wurde. Al eine Sammlung von recht häufigen Aussprüchen Bismarcks über den Antisemitismus sucht Friedrich durch folgenden Satz zu entkräften: „Einzelne tadelnde Aeußerungen Bismarcks über den Antisemitismus -erklären sich auch als Entgegnung auf persönliche Angriffe, die gegen ihn von antisemitischer Seite gerichtet worden waren." .Damit kann man aber noch lange nicht die geradezu perfiden Angriffe der Bismarck-Gegner entschuldigen, und mit Recht hat Bismarck gesagt, daß er von Juden niemals so stark angegriffen worden sei, lost von seinen Feinden aus der „Kreuzzeitungs"-Clique. Hierfür har Herr Friedrich kein Wort der Erklärung, und in der Tat waren die Angriffe der „Kreuzzeitungs"-Clique das ungeheuerlichste an Angriffen, die Bismarck je vorgekommen sind. Es handelt sich hier allerdings um ein Kapitel, an das die deutschvölkischen Elemente heute nicht gern erinnert werden. S-ehr eigenartig ist die Feststellung, daß Simson seine Ernennung zum Zceichsgerichtsprästdenten seinem — Judentum verdanke! Der Verfasser scheint vergessen zu haben, daß Simson getauft war, und schließlich kann der Verfasser nicht umhin, festzustellen: „Einige Juden hat er offenbar auch wegen persönlicher Tüchtigkeit