Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 34 (28.12.1922)
- Date
- 1922-12-28
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Der Zall Greifswald. Vor einigen Wochen brachten die „Blätter für Erziehung und Unterricht". das Organ des jüdischen Lehrerverbandes. die Mitteilung, daß der achtzigjährige Kultusbeamte Goczewski. in Greifswald an Entkräftung gestorben sei. Die Gemeinde habe ihm bis in die jüngste Zeit ein „Gehalt" von monatlich 500 Mark gezahlt, das erst auf Eingreifen des Regierungspräsidenten aus 1000 Mark erhöht worden sei. Diese erschütternde Nachricht wurde von der „Dossischen Zeitung" aufgegriffen und machte nun die Runde durch zahlreiche andere Blätter, auch antisemitische.J)ie den Vorfall entsprechend glossierten. Die Gemeinde Greifswald veröffentlichte eine Erklärung, wonach der Beamte an Verkalkung aestorben fei und übrigens so viel Spenden erhalten habe, daß sein Gehalt dadurch zeitweise verdoppelt wurde. Die Wahrheit ist schwer sestzu stellen. Man kann mit 80 Jahren an Verkalkung sterben, und man kann -mit 1000 Mark und sogar 2000 Mark Monatsgehalt heute recht gut verhungern. Der Ernst der Situation — nicht nur für die Beamten, sondern auch für alle diejenigen. denen die Ehre der deutschen Iudenheit am Herzen liegt, besteht nun darin daß sich solche und ähnliche Meldungen tagtäglich wiederholen können. Auch wenn es sich um Beamte mit 5000 bis 10 000 Mark Monatsgehalt handelt. Deren gibt es zahllose in deutschen' Landen. Die Gemeinden erklären, sie könnten nicht mehr leisten! Mag sein. Wo aber 'bleibt die Hilfe der Stärkeren für die Schwachen? Wir stellen fest: I n< d e r s u r ch t ba x st c n Zeit, dt e jemals über die beut s ch e Jude n h e i t g e - k o m ine n i st, ste h t diese ohne eine einzige leistungsfähige Organisation für die Erhaltung i h rer Kultus- und W o h l f a h r t s e i n r i ch t u n g e n d a. Aber Tagungen werden genügend abgehalten, und an ..Führern" fehlt es auch nicht, ttm so mehr an — Taten! So läßt die deutsche Iudenheit ihre Beamten darben, ihre Organisationen und Wohlsahrtseinrichtungen verelenden — aber für den Keren Hajeffod bringt sie über eine halbe Million auf! Es handelt sich, wenn man nach den Ursachen der beklagenswerten Erscheinungen sucht, gar nicht immer um Leistungs n n f ä h i g k e i t der Gemeinden, sondern ebenso oft um krasseste 11 n w i l l i g ke i t. Die jüdische Oesfentlichkeit weiß gar nicht — oder will es nicht wissen —. wie erbärmlich die meisten Mittclgemeinden, mitunter sogar Großgemeinden, ihre Beamten entlohnen — von den entwürdigenden Anstellungsverhältnissen gar nicht zu reden. So hat der Vorstand des Lehrerverbandes - um nur einen Fall von Dutzenden anzuführen — sestge stellt. daß eine reiche Gemeinde mit etwa 250 Zensiten im .Oktober ihrem Rabbiner ein Gehalt von 11250 Mark, dem ersten Kantor und Lehrer 8233 Mark, dem zweiten Beamten 7125 Mark gezahlt hat: im November bezog der Lehrer allerdings „schon" 18 600 Mark. Wir wandten uns im Nahmen^ einer allgemeinen Aktion auch an die fragliche Gemeinde mit dem Ersuchen, ihrem Lehrer ein zeitgemäßes Gehalt zubewilligen, da die Leistungsfähigkeit der Gemeinde unzweifelhaft seststehe. Der Erfolg? Ein Entrüstungsschrei ben: wir untergraben das Vertrauen des Vorstandes zu den Beamten, stören das gute Einvernehmen zwischen den beiden Parteien und — liefern durch unsere angedrohten Maßnahmen dem Gegner nur Wasser auf die Mühle. Was ist wohl bei solchen Zuständen in den. leistungsfähigen Gemeinden bei dieser Mentalität der Verantwortlichen für die Gesamtheit zu erwarten? So haben auch die in Frage komm enden Organisationen versagt: zürn mindesten hat der gute Wille keine Tat geboren. (Dankbar erkennen wir dagegen an. was der C. V. vor und hinter den, Kulissen in der Beamtenfrage getan hat.) Wer kann es da den verzweifelnden Beamten verargen, wenn sie von ihren Führern verlangen, daß diese endlich die viel zu lange geübte Rücksicht aus die gesamtjüdischen Intereisen beiseite stellen und die Flucht in die Oeffentlichkeit unternehmen. Und dazu wird es sicher kommen. Wenn die maßgebenden Faktoren, sich nicht noch im letzten Augenblick zu einer entscheidenden Tat ausraffen, dann wird die deutsche Iudenheit zu all dem Erbaulichen, das sie erlebt, auch noch das Schauspiel genießen, lote die Interna der Gemeinden, die Ohnmacht ihrer Organisationen vor der breitesten Oesfentl'.Meit verhandelt und — verurteilt werden. Die Verantwortung fällt denen zur Last, die es so weit kommen ließen. H. Stern. Berlin. Volzogens „Hakenkeeuzmarjch". Wir haben jüngst bedauernd den Niedergang Ernst v. Wolzogens vom geachteten deutschen SchrifLsteller zum antisemitische n Radau Helden festgestellt und können heute ergänzend feststellen. daß das Tempo,dieses Niederganges geradezu lawinenartig ist: E r n st v. Wolzoge n i st b e - reits bi s zum „V ö l k ts ch e n B e v ba ch te x“ h e r n baesu nke n. Dort veröffentlicht er als neu emgerückter Hitler-Zkekrut. der sich offenbar bei seinen Vorgesetzten beliebt machen will, einen „H a k c n k r e u z l e r - m arsch". Es heißt dort u. a.: Der Sturmtrupp, der marschiert voran, Blitz, stramme Jungen Mann für Mann! Die tragen die Standarte: . Jur roten Rand auf weißem Schild Das Hakenkreuz als Wappenbild — Und dann die Hitlergardc! Was ist denn unsre Wafs' und Wehr? Der Gummikuüttel und die Ehr' — Damit wird's durchgerissen. Was ist denn unsre Artillerie? Der Glaube, der da wanket nie. Und unser gut' Gewissen. Was ist denn unser Feldgeschrei? Fort mit der- Judentyrannei, Kampf allen, die nur raffen! * Ihr, denen heut vor Deutschland graust. Herbei mit Kopf und Herz und Faust — Das Hakenkreuz wird's schaffen. Bemerkenslvert, weil für die geistige Erschöpftheit und Einfallslosigkeit Wolzogens charakteristisch, ist, daß dieser Marsch bloß eine widerwärtige Parodie eines einst — z u r M e l o d i e d e s I u d e n O s k a r S t r a n tz viel^ gesungenen — Lilie ncronschen Kabarettliedes „Die Musik kommt!" darstellt. Genau wie der Autor nur noch eine widerwärtige Parodie des einst viel gelesenen Schriftstellers Wolzogen ist. Drr wilde hottenrott und der milde Staatsanwalt. Hans Hotten r o t t, der trutzige Herausgeber der „Mitteldeutschen Presse" in Staßfurt, den immer den Koller bekommt, wenn er das Wort Jude hört, ist unseren Lesern längst bekannt. Neulich ließ er seine teutonische Phantasie spielen und -träumte einen berauschenden Machttraum. Er träumte nämlich, daß er- „Diktator von Deutschland" (!) wäre und in dem Artikel, in dem er diesen Traum zu Nutz und Frommen seiner völkischen; Herde mederlegte, hieß es: „Wenn morgen mittag Punkt 12 Uhr der DoL-l-a.r nicht auf 1600 steh t . lasse i ch sämtliche tausend Juden aufhängen, Punktum." (Er -meint tausend Bankiers. Großrabbi-ner usw.) Du er aber selbst im Traum die Befürchtung, hegt, daß damit die Valutamisers Deutschlands doch noch nicht endgültig behoben sein könnte, setzt er fort: „Die ersten tausend Juden sind gehängt, morgen kommt das zweite Tausend ran-, wem: ihr nicht bis 12 Uhr mittags den Dollar fallen läßt." In einemanderen Artikel verbreitet er sich darüber, daß die Juden Iielbewußt an der Vern i ch t u n g der e ch t d e u t s ch e n P r e s s -e arbeiten. Er sagt: „Erst wenn diese schweigen muß, hat Juda sein Ziel erreicht. Die Presse ist ihm i m Wege. darum werde n d i- -e P a pi e r p r e i s e i n die Höhe g e s ch l e u d e r t. bis die Zeitungen' an der Abonnentenschwindsucht sterben. Das ist Judas Ziel und wir fragen unsere Leier: Soll diese asiatische Horde. . . soll dieses Gesindel. . . uns wirklich nnterkriegen? Oder wollen wir uns zur Wehr setzen und so lange kämpfen, bis wir e n d l i ch den Si e g e r r i n ge n od c r nvi t d e n Waffen in der H an> d st e r b e n?" Wir wollen uns hier nicht bistder betrübenden Tatsache aufh-alten. daß in Deutschland ein Mann von so infantiler volt'swirtfchnftlicher Einsielst ein Blatt, und wäre es auch nur die „Mitteldeutsche Presse", redigieren darf, wir wollen Herrn Hottenrott auch nicht fragen, warum denn „Juda" bei in Heraufschrauben der Pa vier preise auch die Preise für das Druckpapi-er der „jüdischen Pr-esfe" so. sehr hinausschraubt, daß die Abonnentenschwindsucht auch sie bedroht, sondern wir wollen eins lieber mit dein Herrn Obe r staatsanw a l t in Magdeburg beschäftigen, bei welchem beS zuständige: Syndikus des C. V. die Strafanzeige gegen Hottenrott erstattete. und der in seinem Rückbescheid erklärte: „Ich muß die Einleitung eines Vers a h r e n s a b l e h n e n." Er begründet diese immerhinüberraschende Haltuug folgen-dermaßen: „Ter Aufsatz in Nr. 212 der „Mitteldeutschen Presse" enthält keine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten. Der Beschuldigtewill, w e n n er D i k tat o r vo n Deut s ch - land wäre, tausend Juden ... -aushängen lassen, wenn nicht der Dollar am Mittage des nächsten Tages auf 1060. gesunken sei. Daß durch diese offensichtlich nicht ernst zu nehinende'Erklärung! der öffentliche Frieden! gefährdet werden könne . . . vermag ich nicht) an zun eh men. Auch der Llussatz in Nr. 213 der „Mitteldeutschen' Presse" verletzt meines Erachtens den 8 130 des Strafgesetzbuches gleichfalls nicht. Der Beschuldigte fordert zum- Karnpf gegen die Juden ans. deren Ziel es sei. die deutsche Presse zu vernichten. Die Waffe hiergegen sei die deutsche Presse. ... Es wird also zu einem Kampf mit geistigen Waffen ausgefordert-, und es ist nicht ersichtlich, daß zu Gewalttätigkeiten angereizt worden soll." Wir wären begierig zu erfahren, wie sich der Herr Oberstaatsanwalt einen Kampf mit geistigen Waffen vorstellt, tiri d-em es. wie doch Herr Hottenrott erklärt, gilt, den Sieg zu erringen oder mit der Waffe in der Hand zu sterben. Ossenbar so. daß das deutsche Volk mit der Zeitung in der Hand auf der Walstatt bkibt. . . . Wir haben selbstverständlich gocen diese Entscheidung der Magdeburger Staatsanwaltschast beim Generalstaatsanwalt in Naumburg Besch w e r d e eingelegt. «nuitt« Die Geldquellen der bayerischen NatiouaLsozialiften. Auf der letzten Tagung des bayrischen Induftriellenverbandes,hatte das geschäftsführende Prüsidialmitglied, Dr. Kuh! o. die Gerüchte über finanzielle Beziehungen des baherischen Industriellenverbandes zu den Nationalsozialisten als Lüge und Verlerundung bezeichnet. Das gibt der „Süddeutschen delnokrütischen. Korrespondenz" Anlaß zu fragen, ob es auch Lüge und Verleumdung sei. daß „zwischen; den prominenten, einflußreichen Mitgliedern des Industriellenverbandes und den Neig-ebigelr und großzügigen. Geldgebern des Herrn- Hitler Personalunion besteht." Weiter wird gefragt: „Bestreitet Dr. Kuhlo. daß er als der maßgebende Mann des Industriellenv-erbandc-s und einihm verwandtschaftlich sehr nahestehender Herr zn diesen Geldgebern gehöre, oder versucht er, eine Ableugnung damit zu begründen, daß vielleicht die Gelder nicht unmittelbar an die Hitler-Garde, sondern durch »andere Organisationen geleitet werden? Bestreitet Dr. Knhlo, mit Hitler persönlich verhandelt zu haben, als dem erkorenerr Führer einer fascistischen Schutzgruppe gewisser Unternehmerkreise, denen die Angst vor dem Marxismus die ruhige Ueberlegung geraubt hat?" Die „Süddeutsche demokratische Korrespondenz" hat aus die Frage, die sie -an Dr. Kuhlo wegen seiner finanziellen Beziehungen?tu den Nationalsozialisten richtete, keine Antwort erhalten und gibt jetzt eine ausführliche Darftellung der Finanzoperation Knhlos. Aus dieser geht hervor, daß Kuhlo tatfüchlich sämtliche Summen zur Finanzierung der nationalsozialistischen Partei' gegeben und in Kreisen des Industrie- Verbandes um Gelder für die nationalsozialistifcheArbeiterpartei geworben hat mit dem Ziel, die Nationalsozi-alisLen als Schutztruppe für gewisse Ikntern-ehmungsrreise zu gewinnen. In diesem! Zusammenhang sind von besonderem Interesse gewisse vertrauliche Rundschreiben an die Mitglieder des Induftrieverbandes. Die KvrrespondenZstellt weitere Enthüllungen m Aussicht. Die Bayerische VoLksparter gegen den NaLionaLsozialismus. Aus Kreisen der Baherischen Volkspartei wird der „Kölnischen Volkszeituna" über die nationalsozialistische Agitation geschrieben: Leute, die harmlose