Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 34 (28.12.1922)
- Date
- 1922-12-28
- Page
- Seite 373 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 1DM. Gerlin, 28. Dezember 1922 l. Jahrgang Nr. 34 Kötter färMptai^ unüluoentum DostscheSkonlo: 50472 vryan des LntralVereins öeutscker Slaatsvüryer i üEcden VUmbens Zeitung des Judentums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein öeutfcher Staatsbürger jüüischen Glaubens e.v. Serlin SwöS, Linöenstr.lZ Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595, 3596 .Die..Zeitschrift ist nur durch die zuständige Poftanstalt zum Preise von vierteljährlich M. 35,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 180,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmester Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile Al. 800,— Zum Jahreswechsel. von Pfarrer Dietrich Graue lSerlinj. D-as vergangene Jahr hat dem 'deutschen Judentum den schmerzlichen Verlust Rathenaus auserlegt und dadurch, so widersinnig das klingen mag, einen bleibenden Segen hinterlassen. Denn Kath-enaus Tod war ein 'dem deutschen Volke gebrachtes reines Opfer. Man hat von seinem -Ehrgeiz gesprochen. Nun wohl, er hat den Men Ehrgeiz besessen, sein vielseitiges, ZwischenvoeitMielender Leitung eines Weltiunkernehmens und 'beschaulicher Gelehrsamkeit geteiltes Wirken und Können in ■tcn Dienst Deutschlands zu stellen. In Aus- Mmng dieses Dienstes ist er unter „völkischen" Mörderhänden dahingenauem Das war ohne Zwei sek Zunächst von übelsten Folgen für unser politisches Ansehen und wirtschaftliches Leben: wir spüren es noch heute. Aber es ist ein die Wett bcherrschendes, ewiges Gesetz, daß aus dem Opfer einzelner hochstehender Menschen die großen Fortschritte sür die Gesamtheit heranswachsen. So hat Rat-Henaus Lod sogleich den Erfolg, gehabt, der Nation ein hohes, unentbchrliches Wut — wie ich glaube: endgültig — Zn sichern, nämlich den neuen Staat der Wu imarischen Bersassung. Hehre Wahrheiten, allgemeine sittliche Güter und notwendige staatliche Einrichtungen, die später allen Menschen als unentbehrlich und immer vorhanden gelten, sind noch stets bei ihrem ersten Auftauchen heiß umkämpst worden. Sie abZulehneu, ward als Treue gegen das Alte gepriesen; sie. zu vertreten, galt als Ketzerei. An ihnen allen klebt Blut, sie sind teuer er kaust. Das gesamte deutsche Volk wird es einst Rathenau danken, daß er diesen Kaufpreis mit seinem Leben bezahlt hat, und wird es seiner Mutter nie vergessen, daß sie ihr Kind hergab, ohne im Schmerze Zu verhärten und tröstende Worte für die Mutter eines der Mörder -fand. Das deutsche Judentum wird den Segen dieses Opfers zu spüren bekommen. Vielleicht noch nicht sofort, wie ja auch sonst manches Opfer sich erst allmählich auswirkt und zunächst vergeblich erscheint. Noch immer gibt es Hetzer und Verhetzte in unserem Volle, die ganz materialistisch ihr Deutschtum in Rasseei genschasten suchen^, obwohl diese gar nicht einheitlich vorhanden, sind, und die sich in den Besitz eines lächerlich -aufgedunsenen Nationalgefühts setzen, indem sie sprechen: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute." Aber so beschämend und gefährlich ihre Agitation geblieben ist, weil sie niedrigen Instinkten entstammt und entspricht, so dämmert doch bereits in reineren Gemüterrn die Einsicht auf, daß Menschentum mehr ist als Volkstum.' Volkstum hat erst dann fruchtbaren Wert, -wenn es sich als einen besonderen Ton in der Symphonie des Menschentums Zn.legitimieren versteht, ohne den die Menschheit Schaden leiden würde. N i ch t d ä s g l e i ch e B l u t m a ch t S t ä m m e, Parteien und Konfessionen zur einheit-. 'liehen Nation, sondern die Gemeinsamkeit erlebt c r G c s ch i dj t c it n d d e r all e n g e nie i n s a m e G c t st. Es war ein schwerer Fehler der alten Staaten, aus denen sich das kaiserliche Deutschland zusammensetzte, daß sie die Pflege des deutschen Geistes nur privilegierten Ständen anvertrauten, die eine Farce aus iijm machten, mit vielen anderen aber auch die deutschen Juden von .freudiger Mitarbeit zu rückstieß und in die Kritik und Opposition hineindrängte. Wie sehr das deutsche Judentum -imstande ist, 'dem deutschen Geiste mitschasfend zu dienen, beweist, um mir einen einzigen Namen zu nennen, Ernst L i 's s a u e r , dessen grandiose Hymnen die sprachliche Wucht 'des Propheten mit der Tiefe edelsten deutschen Geistes und dem Stolz aus die Geschichte des gemeinsamen Vaterlandes verbinden. So gehen wir trotz allem doch nicht ohne Hoffnungen in das neue Jahr hinein. Sie gründen sich nicht ans diese und jene Einzelheit, sondern auf den Glauben, daß bei den Völkern der Erde Klugheit, Vernunft und Menschlichkeit im Bunde mit der göttlichen Logik der Tatsachen doch den chauvinistischen Wahnsinn überwinden werden, in Deutschland aber der deutsche Geist stärker sein wird, als der. völkische Materialismus. Bor allem aber sollen sich unsere Hoffnungen auf unsere persönliche Tüchtigkeit, unsere Arbeit und unseren Opferstnn stützen können. Wie ganze Völker den Beruf haben, sich als unentbehrliche Bestandteile. der Menschheit aller Welt bedeutungsvoll Zu machen, ohne ihre Besonderheit preiszugeben, so sollen und können auch die deutschen Juden mit ihren besonderen Gaben sich zur Anerkennung bringen und ihre Unentbehrlichkeit im Haushalte der Nation beweisen. Seit Jahren Pflege ich meine Konfirmanden' ans Tugenden aufmerksam Zu machen, durch die .sich gerade die deutschen Juden vor anderen Volksgenossen auszeichnen, daß sie z. B.. das „germanische". Laster der Trunksucht nicht mitmachen, sondern pünktlich und unermüdlich ihrer Arbeit nachgehen, während andere beim Frühschoppen sitzen oder in der Dämmerstunde den Becher heben; daß sie vornehmlich durch die Pietät der Kinder gegen die Eltern, die Fürsorge der Eltern für die Kinder sich auszeichnen, ihre Frauen gut behandeln und im Familienleben das unangreifbare Geheimnis ihrer Kraft besitzen. Gewiß pflegen den Lichtseiten eines Charakters auch Schatten zu entsprechen. Aber es mangelt dem deutschen Judentum nicht an Selbstkritik, ja es will mir manchmal so scheinen, als ob der dem Judentum von seinen Verfolgern gemachte Vorwurf Zuweitgehender Solidarität in keiner Weise Zutresse, vielmehr größere Verträglichkeit und stärkerer Zusammenhalt am Platze wäre. Es wäre indessen ein Mangel an Feingefühl, wollte ich nicht dem deutschen Judentum selbst überlassen, die Richtigkeit meines Eindrucks Zu prüfen und sür die' Reinheit seiner Art und die Aufrechterhaltung seiner Ideale zu sorgen. Auch die höchst komplizierte Frage, wie sich das alteingesessene deutsche Judentum zu der oft noch so unkultivierten und ihm selbst unerwünschten Zuwanderung aus dem Osten Europas stellen soll, ohne Brndersinn und Menschlichkeit hintanzusetzen, muß Sache ernsten Nachdenkens bleiben.' So gehen wir mit ungelösten Problemen in das neue Jahr hinein, doch froh der uns gestellten Ausgaben, an denen unsere Kraft wachsen wird, und mit der Gewißheit, daß der waltende Gott das Seine tun wird, wenn wir alle das unsere tun. Welchem Bekenntnis wir angehören und woher wir stammen mögen — als Menschen wollen wir uns fühlen, als [ Menschen wollen wir uns behandeln! Das ist nicht weltbürgerliche s Verschwommenheit, sondern um der Weltgeltung Deutschlands willen I nationale Pflicht.