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Central-Verein-Zeitung · 1922-12-21 · 33 (21.12.1922) · p. Seite 366

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
33 (21.12.1922)
Date
1922-12-21
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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366 Randbemerkungen. Deutschland sott genesen. Aus tiefster Not soll es emstorsteigen. Das ist der herzlichste Wunsch nicht nur aller Deutschen, sondern jedes Einsichtigen in der Welt, der es mit der Menschheit gut meint. Um so furchtbarer ist es, wenn Männer, die — wie sie behaupten -- Deutschlands Wiederaufrichtung Zu ihrem Lebensziel machten, durch Schmähungen und, leider muß der Ausdruck gebraucht werden, durch Verleumdungen des Judentums unserer unglücklichen H-eimat zu Helsen vermeinen.' Es dient der Wahrheit, wenn einige Leistungen dieser Art hier Auszeichnung finden. 1. Graf Rev entlo w beklagt sich im „Reichswart" über die Ersüllungsstolitik der deutschen Regierung. Ueber diese Politik kann man verschiedener Auffassung seim Wer aber steht nach der Meinung des Herrn Grasen Reventlow hinter den Maßnahmen unserer Regierung? Nicht etwa die Mehrheit der deutschen Volksvertreter, sondern, man höre und staune, „die Judenschaft Deutschlands und der Welt"! Es heißt im „Reichswart", diese Judenschaft habe ihren gewaltigen Apparat unausgesetzt betätigt, um Deutschland auf diesen unrichtigen Weg zu bringen, und tunlichst schnell abwärts zu treiben.Die Entkräftung Deutschlands liege im weltjüdischen Programm. — In ähnlicher Werfe äußert sich in der Wochenschau der „Deutschen Zeitung" Herr v. Schilling. Erst schreibt er, man müsse zu den cüs altmodisch verspotteten Begriffen Treue und Redlichkeit zurückrehren, dann aber führt er aus, die Weltgeschichte werde viele Völker streichen, unter ihnen auch sicher „die jetzt nahezu allmächtig erscheinenden Juden". Man saßt sick) an den Kopf und fragt: Wo nehmen die Herren die Beweise für ihre Behauptungen her? Sie sind in diesen Blättern oft genug aufgefordert worden, den Nachweis, ja nur den Schatten eines Nachweises für ihre Anschuldigungen zu erbringen. Hans Goslar hat in seiner bekannten Broschüre über die „Jüdische Weltherrschaft" all die angeblichen Grundlagen zerpflückt, die vorgebracht wurden, um solche mit mehr Lungenkraft als Wahrheitsliebe hinausposaunten Behauptungen zu erhärten. Dex so sehr völkische Gras Reventlow, der aus Rassenreinheit hält und eine Französin zur Gattin hat, sollte doch soviel Anstand besitzen, um wenigstens den Versuch eines Beweises dafür anzutreten, daß die Juden der Welt Deutschland zugrunde richteten, und Herr v. Schilling sollte in einem seiner langen Aufsätze einmal untersuchen, worin denn die Allmacht der Juden besteht. Herr Graf Reventlow spricht in einem Aufsatz, der sich mit Herrn Stinnes befaßt, über „die wachsende Angst des bösen Gewissens der maßgebenden jüdischen Kreise in Deutschland". Auch hier müßte man vom Grafen Reventlow* erwarten, daß er seine Behauptung beweist. Worin äußert sich das böse Gewisten des maßgebenden Teils der deutschen Juden? Sprechen Sie, Herr Graf, damit wir Ihnen antworten können! Eine bloße Anschuldigung, die unbewiesen bleibt, darf ein Mann, der aus .Ehre hält, nicht gegen Hunderttausende von Menschen erheben, ohne die Beweise in Händen zu haben. In Ihrem Blatte, Herr Graf, findet sich der Satz: „Der Marxismus war auch nie ein furchtbarer Irrtum, sondern die bewußte Lüge des Juden." Wir haben keine Veranlassung, für Karl Marx einzutreten; das mögen andere besorgen. Aber wenn Sie so einen Satz in Ihrem Blatte durchgehen lassen, so muß man Sie fragen: Wie kommen Sie zu dieser Behauptung? Eine gefährliche, volksverhetzende Tätigkeit ist es, immer wieder auf Grund allgemeiner, jedweder Unterlagen entbehrender Behauptungen die Massen zu verhetzen. 2. Notwendig ist es, sich auch einmal mit dem wandelbaren Herrn Pfarrer T r a u b zu beschäftigen. Früher waren ihm die Juden sehr recht, insbesondere als er nock) in Dortmund in schwerer seelischer Bedrängnis lebte. Er trat damals aus das nachdrücklichste gegen den Judenhaß auf, und es mag daran erinnert sein, daß nicht allzu lange vor dem Kriege er in einer Richenversammlung zusammen mit dem Unterzeichneten in Herford i. W. die schärfsten Worte gegen , das Unsittliche und Unchriftliche des Judenhasses fand. . Heute spricht er anders. In Herford wandte er sich gegen Rassen-und Klassenhaß und beleuchtete das Unsinnige der Einstellung, die man seit einigen Jahren als völkische bezeichnet. Heute schreibt. Herr Traub: „Die Pflicht wächst für die deutschnationalen Kreise, dafür Zu sorgen, daß sich, die gebildeten Kreise ernstlich mit der völkischen Bewegung beschäftigen, um ihr unbedingt Gutes zum Gemeingut des Volles zu machen." Und — man staune — vor wem hat Herr Traub besondere Achtung? Vor Herrn Hitler, dem Führer der Nationalsozialisten, den er als „politisch gewWchfen" bezeichnet und einen „ganzen Mann" nennt. Den Demokraten steht Herr Traub noch feindlicher gegenüber als den Sozialdemokraten. Nun, damit mögen sich die betreffenden Parteien auseinandersetzen. t Für uns ist eines von Belang: Wir sehen, wie das Volk vergiftet wird, wie durch alle Kanäle der Judenhaß mit ständig erneuter Intensität, in die Massen geleitet wird. Wir haben es erleben müssen, daß die leitende Persönlichkeit einer der größten deutschen Kulturstätten, nämlich der Rektor der Wiener Universität, den judenfeindlichen Studenten schreiben durfte, er halte den Wunsch der Studentenschaft, daß nur ein deutscher Gelehrter arischer Abstammung zum Rektor einer österreichischen Hochschule wählbar sein solle, für gerechtfertigt^ Er glaube auch nicht, daß die Wahl eines .jüdischen Rektors an der Wiener Universität unter den heutigen Verhältnissen möglich wäre. Was folgt daraus? Wir müssen unsere gesamten Mitbürger über bas verbrecherische Spiel, das eine alle Mittel der Lüge nützende Demagogie mit ihnen treibt, aufklären. Wir müssen aber auch unsere indischen Freunde, die diesem Treiben vielfach noch uninteressiert Zusehen, aufrütteln, fie in Tun, Handeln und Denken aus ihre Verantwortlichkeit aufmerksam machen und von ihnen in ganz anderem Umfange als bisher Opferwilligkeit und Mitarbeit verlangen. Darüber ein anderes Mal mehr. L. H. Nochmals: Der Erlaß öes sächsischen Kultusministers. In der letzten Nummer unserer Zeitschrift haben wir die vom «Preußischen Landesverband der Shwagogeng-em-einden" an den Reichstag gerichtete Eingabe zur Kenntnis gebracht. Auch der „Landesverband a e s e tz e s t r e u e x jüdischer G e m einden (Sitz Ha-lberst-adt)" hat lvegen des Erlasses eine Eingabe an den Reichstag gerichtet, deren Inhalt in ihren staatsrechMchen Aeußerungen denen in der Eingabe des anderen Verbandes im wesentlichen entspricht. Aus der Darlegung des Halbe rstädter Verbandes ergibt sich, daß die Wirkungen des Erlasses weit über die ursprüngliche Annahme hinausgehen und gesetzestreue Eltern gegebienensalls Zwingen. die Kinder aus der Schule zu .-nehmen-, um ihnen entweder unter großen finanziellen Opfern Privatunterricht geben zu lassen oder — wegen der allgemeinen Schulpflicht — die Kinder außer Landes zu schicken oder gar mit der ganzen Familie einen Wohnsitz außerhalb Sachsens zu suchen-. Diesbezüglich wird in der Eingabe gesagt: „Die ganze Tragweite der Verfügung vom 12. August 1922 hat sich aber erst ergeben, als diese zur Ausführung gebracht wurde. Wurde doch' unter Berufung, auf die Verfügung von den jüdischen Schillern sogar das religionsgesetzlich streng verbotene Schreiben' am Sabbath gefordert. Als gelegentlich eines am Sabbath zu schreibenden Diktats die jüdische Schülerin eines Priva tghmnasiums in Dresden unter Berufung aus das Religionsgesetz unterlassen hatte. mi-tKuschreiben, erhielt ihr Vater vom Schulleiter die schriftliche Mitteilung, daß „nach einer neuerlichen Verfügung des Ministeriums" seine Tochter im Wiederholungsfälle „schwere Schulstms-en bzw. die Entlassung aus der Schule zu gewärtigen" habe. Größtes Erstaunen aber hat die Tatsache hervorgerufen, daß das Ministerium in Verfolg «der Verfügung entschieden hat, diese müsse auch aus die israelitischen Schulen in Leipzig Anwendung finden, und Befreiungen der Kinder in Schreiben, Zeichnen und von Nadelarbeiten im Schulunterricht an Sonnabenden hätten wegzufallen. Man bedenke die ganze Härte einer Maßregel, die aus nichts Geringeres hinzielt. als eine zur Pflege der indischen Religion, also wesentlich auch der Sabbath Heiligung, unter schweren Opfern errichtete Pri-vatschuke zu zwingen, den Sabbath zu entweihen und werktäglich zu behandeln. Religion8treue Lehrer sollen gezwungen lverden, gegen den heftigsten Widerspruch ihres Gewissens persönlich Sabbath und Festtage zu entheiligen. Jüdische Lehrer sollen ihrerseits jüdische Schüler z u r w is f entl ichen Verletzung stre ngster Relig io n s pflichte n an den Sabbathen und an den Festtagen anhalten. Die Verfassung hingegen macht es den Lehrern zur Pflicht, sogar auf die Empfindungen Andersdenkender gebührend Rücksicht zu nehmen. Paragraph 148 lautet: „Bekw Unterricht an öffentlichen Schulen ist Bedacht zu nehmen, daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden." Dem Geiste der Duldung, der Forderung der Gerechtigkeit widerspricht es grell, wenn Schüler wegen Fernbleibens vom Unterricht an den Feiertagen mit Karzer bestraft und andere mit der Entlassung aus der Schule bedroht werden. Durch Schwächung des sittlich-religiösen Bewußtseins und Betäubung des Gewissens seitens der Schulleiter werden dem Staate keine wertvollen Bürger erzogen. Aber 'den von den Maßregeln betroffenen religionsgläubigen Schulen und ihren Familien wird die Verfügung zum schweren Verhängnis. Ihre sittliche Widerstandskraft wird in der Wurzel gebrochen." *e tutA Die politische Lage in Deutschland und die Juden. Am 21. November veranstaltete unsere Ortsgruppe Königsberg eine öffentliche Versammlung, in der R-echtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin). Mitglied des Hauptvorstandes in Berlin, über: „Die politische Lage in Deutschland und die Juden" sprach. Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Der Schmachfrieden von Versailles, der unsere Lage beherrscht, hat alle Teile des deutschen Voltes. Juden und Christen, mit gleicher Schwere getroffen. Die innerpolitische Lage ist in ein besonders kritisches Stadium getreten, seit mit der Ermordung Rathenaus die zweite blutigere Epoche der deutschen Revolution' angebrochen ist. Die Frage: Wer trägt die Schuld an unsevem Unglück? spielt, wie immer nach verlorenen Kriegen, eine große Rolle und wird einseitig parteipolitisch beantwortet. Hier hat der Een trat-Verein die Pflicht, ohne parteipolitische Bindung ausklärend zu wirken. Die Juden sind nicht ..international", wie das antisemitische Schlagwort behauptet, sondern sie haben ihre Zugehörigkeit zur deutschen Heimat! bei den Abstimmungen in Ostpreußen wie in Oberschlesien bewiesen. Die Judenhetze der Deutschnationalen und Deutschvölkischen ist geeignet, T-eutschland im Ausland schwersten Schaden zuzusÄKen. Eine besonders wichtige Rolle spielt die Behauptung, die Juden; hätten bei der wirtschaftlichen Verschiebung in Deutschland in der Kriegs¬ und Nachkriegszeit besonders großen Gewinn davongetragen. Das ist unrichtig. Drei wirtschaftliche Klassen. Landwirtschaft. Schwerindustrie und Handel, befinden sich zurzeit in relativ günstigen Dermögensverhsltnissen. Während in Landwirtschaft und Schwerindustrie Juden nur in geringem Maße vertreten sind, ist ihr Anteil am Handel infolge ihrer historischen Zwangslage, in der sie von allen anderen Berufen ausgeschlossen wurden, ein großer. Der jüdische Kaufmann hat aber aus der wirtschastlichen Kräfteverschiebung keinen größeren Vorteil gezogen als der christliche Kaufmann. Anderseits ist die Not unter den Aahllssen jüdischen Akademikern nicht geringer als unter den Akademikern, christlichen Glaubens. Der Vortragende schloß seine Ausführungen mit einer eindringlichen Mahnung an diejenigen aLsw Bekenntnisse. die sich heute im l Reichtum befinden, in ihrem Auftreten von allem Protzentum abzusehen. f das zu der Not unseres Volkes in krassestem Widerspruch steht. — Herr Dr. Weil sprach auch noch mit großem Erfolge in Danzig. Tilsit, Jnfter- I bürg.

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