Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 33 (21.12.1922)
- Date
- 1922-12-21
- Page
- Seite 365 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Cinzelnummer 5 M. vlüller sür-eulsckl undluoentum PystscheLkkonty; 30472 Serlin, 21. Dezember 1922 l. Jahrgang ♦ Nr. 33 Vrgm» -es fmtrol-Vmms tentfcher StaalsbüryerjüEcdenAauVens Lv. Allgemeine Zeitung des Oudenlums Verlag u. Echriftleitung: Lentcal-verein -eutfcher Staatsbürger jüörfchen Glaubens e.v. Serlin ELVSS, Linbenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595, 3596 Die Zeitschrift: sk nur durch' die zuständige Post an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 35,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin.8 W 19, _ und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 180,— für die 7 gespaltene Zeile' nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Bereins mit 50°/0 Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 800,— Schlesischer Antisemitismus. von Lhefreöakteur Dr. Alfons Steiger (Serlin). Herr Chefredakteur Dr. Alfons Steiger, der bekannte katholische Publizist, hatte die Freundlichkeit, uns auf unsere Bitte die folgenden Ausführungen zur Verfügung zu stellen. Sie S ch r i f tle i t u n g. Das eigenartige Gewächs politischen, wirtschaftlichen und .religiösen Bekämpfens deutscher Inden gedeiht leider auch in Schlesien. In Breslau, wie in obers che fischen Städten, in Beuthen und irt_ Hindenburg, konnte ich einige Lage hindurch diese stark angewachsene antisemitische Welle studieren. Vor Christen und Juden konnte ich sprechen und sagen, was ein überzeugter Christ vom Haß gegen jüdischen Glauben, jüdisches Volk und jüdische Lebensweise Zu halten hat. Der antisemitische Führer, Herr Kunze, war vor wenigen Wochen, als man in Oberschlesien Volksvertreter in die Parlamente wählte, teilweise die gleiche Straße gezogen. Er hinterließ Spuren. Deren seltsame Art am lebenden Menschen sestzustellen, war äußerst lehrreich. Um Tatsachen.ging Herrn Kunzes Jünger, der wir in der Diskussion zu Beuthen entgegentrat, mit ungeschickter Hervorkehrung seiner Unwissenheit herum. In ihm kochte es nur so. „Alles Unglück kommt von den Juden!" Das war sein Hauptsatz.' Im schlesischen Syndikus des C.- V., Herrn Rechtsanwalt Foerder, fand er einen Widerleger. Oberrabbiner Dr. Kopfstein lud den Heißsporn Zu fid}; die Form dieser Einladung war neben ehrlicher Herzlichkeit die beste Abwehr. Man hat Pas Problem . in Oberschlesien offensichtlich von antisemitischer Seite nur auf eine Erscheinungsform des Judentums eingestellt. Bewußt tat man das. Weit die junge Grenze zwischen^ Deutschland und Polen eine bequeme Einsallspsortesist für jeden Osteuropäer, weil In der Völkerwanderung, die der unglück- ' lliche Kriegsausgang aus Deutschland gelenkt hat, starke Gruppen vons „Ostjuden" erscheinen, die jedem nicht ganz Erblindeten unbedingt auffallen müssen, deshalb verwirft man mit. dem Ostjuden das deutsche Judentum. Ein vollkommen abgeschlossenes Bild für die Richigkeit dieses Satzes bot auch ein aus dem deutschen Judentum hervorgegangener höherer Beamter, der in der Diskussion Zu Hindenburg auftrat. Es ist hier nicht der Ort, die Stellung des Christentums zu den einzelnen Teilsragen Zu fixieren. Aber ich muß seststellen, daß in der Praxis Oberschlesiens die politische Seite überwiegt. Kommt man politisch an die Judenfrage, so findet man dort die Aussprache gegeben. Anderwärts vertieft man sich aus anderen Gründen in dm weit vorn stehende Tagesfrage. Aber eine Beobachtung ist überall gleich: Alle wollen hören und sich belehren. Das ist für jeden Monotheisten, für jeden Gläubigen, der aus der Bibel Glaubenswahrheiten schöpft, sehr -erfreulich. Streben nach Wahrheit, das heute auf diesem umstrittenen Gebiete vorhanden ist, ist Voraussetzung für Erkenntnis und gerechtes Urteil. Als Laie stand ich in den Versammlungssälen, die alle bis zum letzten Platze gefüllt waren, immer vor Theologen aller drei Bekenntnisse. Sie gaben eine Gewähr dafür, daß nichts Falsches in rein theologischen Fragen unwidersprochen blieb. Sie waren ein Beweis für den Ernst, mit dem man an dem Problem arbeitet, das in seiner letzten Folgerung nach der Verbrennung der Thora den Brand legt ans Neue Testament, das nicht zurückgehalten werden kann, die Kirchen zu stürmen, wenn die Synagogen erst einmal verwüstet sind. Nacheinander ergriffen in Hindenburg die Theologen der drei Bekenntnisse das Wort. Dr. Kaatz, der Rabbiner der dortigen Gemeinde, das Bild alttestamentlicher Patriarchie, hob in epischer Sprache den Wert gemeinsamer Abwehrarbeit hervor. Als Laie unter gründlichen Fachkennern war ich einer von drei Rednern in Breslau. Die gründliche Studie, die Universitätsprofessor Dr. Ziegler daäbot, als er die Wechselwirkung von Rasseninstinkt und Rassenhaß in ihrer Vielförmigkeit vorsührke, ist mehr als ein Vortrag gewesen. Mit einem Freimut, der jedem Glaubensverteidiger eigen sein möge, zog Seminardozent Dr. Heinemann gegen den „jüdischen Geist" zu Felde. Der vollendete Philosoph, der jedes Schlagworts Urgrund nach seinem guten Gehalt durchwühlte, um Ungerechtes abzuwehren und Tadelnswertes abzuwenden, kämpfte edel und gottesglänbig. Der Massenandrang zwang in letzter Stunde zu einer Parallelversammlung. Der schlesische Antisemitismus hat — wie alles, was Gott zu- . laßt — unbestreitbar seine guten Seiten. Er weist den deutschen Juden den Weg, wie manche Masserwerdächtigung widerlegt werden muß. Er gibt dem mit klugem Sinne, arbeitenden Glaubens-' und Vaterlandsschützer das Material und zeigt, wo Mißstände sind, die man meistern muß und kann. Der schlesische Antisemitismus führt manche jener deutschen Juden zur Gemeinsamkeit der Not und Abwehr Zurück, die der biblischen Idee der Gemeinde, einem Zeitgeist- , streben folgend, innerlich entwachsen waren. Herr Kunze hat durch seine Anhänger auf oberschlesischem Boden viel Gutes —• leider geschah, es wohl unbewußt! — aunb Erfreuliches gewirkt: Er hat viele, die bislang sich keine Meinung gebildet hatten, zum Nachdenken angeregt. Dieser erste Geistesvorgang auf dem Wege zur Urteilsbildung ist offensichtlich heute schon als Massenerscheimmg festzustellen. Der „Anti-Ostjude" aus dem deutschen Judentum, der Katholik und der Protestant können' alle ein gewissenhaftes Selbststudium betreiben. Sie können aus ihrer religiösen Literatur spielend leicht entnehmen, was zum persönlichen, zum religiösen, zum sozialen und zum politischen Antisemitismus zu sagen ist. % Unser Vaterland leidet. Außen, an den Wänden und Türpfosten des Heimathanses, pocht und droht der Ausländer. Wenn je einmal ein treuga Dei, ein Gottesfriede, deutscher Heimat geboten war, dann ists in unseren Tagen! Wo er gesät und gepflegt wird, wird der Antisemitismus stets Staatsbürger gegen Staatsbürger aufzuhetzen versuchen. Das ist in Bayern genau so wie in Oberschlesien. Es ist sicher eine gerechte Sache, zum Frieden zu rufen, falsches Vorurteil ausz'mnerzen, schlagworthaftes Verdammen umzuwandeln irr beweisbares Verstehen. Das Sinaigebot gilt den Gläubigen auch im zwanzigsten,- im überreizten, nervösen und oberflächlichen Jahrhundert. Nicht gegen die Nächstenliebe sündigen! Nicht verleumden! Nicht leichtfertig unbewiesene Phrasen nachplappern! Nicht lügen! Das ist im Geist des Dekalog enthalten. Deutsche JüdLn! Deutschlands gläubiges Christenvolk steht euch bei. Sein Glaube wiII es so. Denket auch ihr an uns! Gerade im notreichen Winter 1922 gibtS tausendfache Gelegenheit. Das ist nicht wimmerndes Betteln; das ist ein Notgebot, durch dessen Erfüllung ihr selbst den AntisemitismuH bannen körnet. Es"heißt: T at. .