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Central-Verein-Zeitung · 1922-12-14 · 32 (14.12.1922) · p. Seite 358

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
32 (14.12.1922)
Date
1922-12-14
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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35 durch die bloße Tatsache, daß sie arischen Besitzern gehören, ihre' Eigenschaften von Grund aus ändern. Man hat bisher auch wenig davon gehört, daß die ungeheuren Finanzgewinne der Industrie zur Erhöhung der Produktionsleistungen, also in wertschafsendem Sinne verwendet worden seien, vielmehr hat man mit allen Mitteln nur das Bestreben durchzusetzen versucht, die erzielten Geldgewinne in Sachwerte umzuwandeln, ohne Rücksicht /ruf Produktivität und Produktionssteigerung. Und damit in diesem ernsten Zusammenhänge die Satire nicht fehle, sei bemerkt, daß sich jene arischen Wertschöpsev bei ihren Geschäften mit Vorliebe „sremdrassiger" Mittler bMenen. In diesen Ausführungen soll keine Kritik an Zuständen unseres Wirtschaftslebens geübt werden. Dazu ist hier nicht der Ort. Aber die Klarheit, die wir über gewisse Vorgänge zu bringen versucht habenschließt die Kritik einer unehrlichen Taktik ein. Wir gönnen jedem seinen Verdienst, den er sich aus ehrliche Weise erwirbt, aber wir verlangen auch Sachlichkeit uns gegenüber. Moas. Meine Hrüder suche ich!" Zum Chanuka - Feste. ' Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). Ein eigenartiger Zauber mnwebt den Klang des Wortes: Weihe den Namen unseres Festes. Von Männern grbt es Kunde, die ein geschändetes Heiligtum von neuem geheiligt haben. Die Alten haben die Frage aufgeworfen, durch welche Einflüsse die Makkabäersöhne zn Gotteshelfern würden. Mochte man dabei aus den Bibelspruch weisen: „Wo Gottvertrauen im Hause eine feste Macht ist, da bewahrt sie sich auch im Herzen und Leben der Brüder," oder mochte man betonen, daß der Feuergeist des Elias in den Hasmonäerkindern und ihrer glutvollen Begeisterung von neuem ausslammte, darin war man sich einig: Wie Jakobs segnende Einwirkung den Joseph auch in der fremden Welt Aegyptens im Väterglauben hielt, so war es die Erziehungskraft des greisen Vaters Matatias, die die Schar seiner Söhne sprechen ließ: „Meine Brüder suche ich!" Als Losung für die jüdischen Fragen der Gegenwart scheint mir das Wort wie geschaffen. Wie der Paradiesesstrom in verschiedenen Richtungen auseinanderfloh, so flutet auch das jüdische Geistesleben unserer Tage nicht in einem einheitlichen Strombett. Scharfe Gegensätze zerklüsten uns. Man braucht das nicht erst breit auszumalen. Es ist auch keine neue Erscheinung. Wie in alter Zeit Pharisäer und Sadduzäer, im Mittelalter die Strenggesetzlichen und die philosophisch Gerichteten oder die in Mystik Vertieften ihre <sondermeinungen in Den jüdischen Angelegenheiten hatten, so ist es auch heute. Wber wie unsere Großen, etwa Mainwnides, sogar den scharfen Gegensatz zwischen Talmudjuden und Bibeljuden, zwischen Rabbaniten und Karäern zu überbrücken suchten im Geiste duldender Bruderliebe, so will heute unser Central-Verein eine gemeinsame Phalanx zur Abwehr und Einkehr schaffen und die Losung ausgeben: „Meine Brüder suche ich!" Doch nur der Jude ist fähig, diesem Ruf zu folgen, der auch bonst im Leben über den lauten Stimmen des Eigennutzes den leisen Mahnungen der Bruderliebe zu gehorchen pflegt. Spricht die Selbstsucht: „Ich und weiter kemer" und sagt sie mit Kam: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?", so vernimmt der gütige Mensch die Gottesforderung: „Dein Brud.er lebe neben dir." Grundvoraussetzung aber, daß solchen Worten suchender Liebe nachgelebt werden kann, ist die Fähigkeit, auch mit den Schwächen und Mängeln der Menschen Geduld zu haben. Im heftigen Kampfe der Meinungen wird hüben und drüben einmal ein Wort gesprochen, das gar zu sehr aufs Trennende blickt und zu wenig aufs Verbindende und Verbrüdernde eingestellt ist. Dann gilt es sich zu erinnern, wie sogar die ritenstrengen Rabbiner dem Grundsätze huldigten: „Auch wenn er fehlte, blewt et der Bruder", und wie bei den Rettungsversuchen an Ertrunkenen die Hauptregel ist: „Niemand ausgeben!", so müssen auch wir immer wieder zu den Seelen der Widerstrebenden und Gleichgültigen Brücken zu schlagen wissen im Sinne unseres Wortes: „Meine Brüder suche ich!" Dieser Geist tut auch unserem gelamten' deutschen Volke not. Wir dienen dem Vaterlande, wenn wir an unserer Stelle für Ausgleich, Versöhnung und Verständigung wirken und über die geistigen, wirtschaftlichen und politischen Verschiedenheiten hinweg die Gesinnung der Einigkeit pflegen. Das Wort „Humanität", es scheint seinen Goldklang für viele verloren zu haben. In ihm eint sich deutsche und jüdische Kultur. Diese Humanität schließt nicht die Pflege der nationalen Eigenart und Sondergüter aus. Aber über die Grenzen der nationalen Werte hinweg muß der Blick zu den Allgemeingütern der Menschheit schweifen. Die Griechenkultur, die in unserer Festgeschichte einen Kampf auf Tod und Leben mit der jüdischen kämpfte, diese Griechenkultur sah im Nichthellenen den Barbaren, den niederen, zum Sklaventum veranlagten Menschen. Die Bibelkultur, die damals von den» Makkabäern gerettet wurde, lehrte in jedem Menschen das Ebenbild Gottes'zu sehen und weckte auch über die Volksunterschiede hinweg die Sehnsucht: „Meine Brüder suche ich." Der Judenhaß, den zu bekämpfen die Aufgabe unseres Vereins ist, ist der volle Gegensatz zu aller Humanität. In unserer alten Literatur wird der König Antiahus, der unserer Kultur Vernichtung angesonnen hatte, zu Den Urtypen der Judenfeindschaft gerechnet. Seinen Frevelgeist verkörperte die Phantasie im Armilos, dem Antimessias, dem Dolksverderber, der Krieg und Verwüstung über die Lande und Völker bringt. Diesem unheilvollen Geiste zu wehren, ist ein Dienst an Vaterland und Menschheit, und der Kampf für dieses Ziel mündet in der Neubegründung jenes Heiligtums, auf besten Eingang die Worte prangen: „Meine Brüder suche ich!" Der sächsische Schulerlaß und -er preußische Landesverband jüdisch er Gemeinden. Gegen den bekannten Erlaß der sächsischen Unterrichtsverwaltung, der' die. Unterrichtsbefreiung an staatlich nicht anerkannten Feiertagen ausnahmslos verbietet und mehrere jüdische Schüler, die an den diesjährigen Feiertagen der Schule fernblieben, mit Karzer bestrafte, hat der genannte Landesverband mit Rücksicht aus die prinzipielle Bedeutung der Angelegenheit eine Eingabe an den Reichstag geachtet, in welcher daraus hingewiesen wird, daß diese Verordnung gegen die in der Rerchsversassung gewährleistete Glaub ens- und Gewissensfreiheit und gegen das Recht ungestörter Religionsausübung verstößt. Dem Einwand des sächsischen Ministeriums, daß die Rechte der Religionsfreiheit die staatsbürgerliche Schulpflicht weder ausheben noch beschränken, wird entgegengehalten, daß diese Schulpflicht durch den Ausfall einzelner Schulbesuche nicht verletzt wird. Es wird ferner aus einen Erlaß des preußischen Unterrichtsministeriums vom 6. Mai 1859 hingewiesen, in welchem ausdrücklich gesagt wirddaß die Schulverwaltung den Ansprüchen solcher Eltern, die ihre Kinder am Sonnabend ganz oder für die Stunden des Gottesdienstes vom Schulbesuch entbunden zu sehen wünschen, die gebührende Berücksichtigung nicht versagt werden darf. Auf Grund dieser Argumente fordert der Landesverband jüdffcher Gemeinden die Aufhebung jenes sächsischen Erlasses. Ernsi v. wolzogen im Lager Runzes. Jahrzehnte hindurch kannte man den Schriftsteller Ernst Freiherrn v. Wolzogen als Lugen und amüsanten Verfaster moderner Romane und Theaterstücke, in denen der Banause und Bierphilister meist schlecht wegkam, und die überall freien, vorurteilslosen Geist, fortschrittliche Gesinnung und Wbstandi^s Denken verrieten. Diese schätzbaren Eigenschaften hat Wolzogen Lm Kriege eingebüßt. Er kehrte mit schwerer Psychose heim und blLst nun unentwegt ins verstimmte und verstimmende Horn der völkischen Rassefanatiker und Haßteutonen. Schon als er vor wenigen Monaten in „Westerrnanns Monatsschriften" seine „Erinnerungen" veröffentlichte, scheint er sich an alles, nur nicht an seine eigene menschliche und literarische Vergangenheit erinnert zu haben, denn diese Memoiren strotzten, so sehr von antisemitischen Jnvektiven, daß die Redaktion — vom plötzlichen Abschwenken! zahlreicher Lesen beunruhigt — das Versprechen abgab, ähnliche Arbeiten nicht mehr abzudrucken. Herr v. Wolzogen übersiedelte zu Reelams „Uni- Der f um", das sich mit dem gleichfalls judenfeindlichen Roman „Wenn, die alten Türme stürzen" arg kompromittierte. Und schließlich rechnete der heimgekehrte Landsturmofsizier Wolzogen in einem — bei Dürer u. Weber, Leipzig, erschienenen — Buche „Engtauber" mit dem „schnöden, LWion" ab. Zur Charakterisierur^ dieses Opus genügen wohl die folgenden Zitate. Es heißt Dort: Süte 16. ... Als unter Eduard I. dev Unmut des Volkes über den jüdischen Wucher aesährliche Formen anzunehmen drohte, defeitiöle der Auge Koma diese Gefahr durch ein sehr einfaches Geweckt mittel, das leider in der Welt nirgendwoanders re-» ma l s a n ge we ndet wo r de n ist. . . . Er nahm nämlich die Beschuldigung, daß . . . zum Vorwand, um im Jahre 1291 sechzehntausend Juden aus einmal ans er nt ae Schiffe zu ver^ laden und sie über See a Hz usschre ben. i . . Seite 38. ... Die berüchtigten Lehren des Buches Schulchan Aruch.... die jenen verruchten Geist des -orientalischen Hasses der sadistischen Gefühlsroheit fielen Fremd- Völler ... G Seite 51/52. . . . Bei uns in Deutschland wird das aeßunte Volk, soweit es überhaupt noch rassig empfindet, von einem sich bis zum physischen Ekel steigenden Abneiaun« gegen d a s V o lk Israels beherrscht. . . . Seite 53. ... So häblen uns die Engländer mehrdurch ihre Juden als durch ihre Soldaten besiegt. Als vor rund zwanzig Jahren der Baron- Wolzogen im braunen Frack und perlgrauen Beinkleidern auf der Bühne seines „Udberbrettls" stand, war bei ihm physischer.Ekel gegen das Volk Israels noch nicht vorhanden. Angehörige dieses Volkes lieferten ihm die besten literarischen und musikalischen Beiträge — man denke bloß au Oskar Strauß —, und er ließ es sich gern gefallen, daß dieselbe Presse, die er heute die „verrucht jüdische" nennen würde, seine neue Gründung bejubelte. Er stand damals mit der ganzen Boheme Berlins und München auf Du und Du, ohne je. seine Freunde aus Schüdelform und Blutmischungzu prüfen. Heute sucht er sich seinen Verkehr offenbar im Kreise Kunzes und Hitlers. ... „Der Adel steigt von seinen stolzen "Burgen" heißt es bei Schiller — daß er aber gar so tief herabsteigt, ist betrüblich. —th.

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