Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 32 (14.12.1922)
- Date
- 1922-12-14
- Page
- Seite 357 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ekrzelnummer 3 N. Serli«, 14. Dezember 1422 l. Jahrgang 4 Nr. 32 Nüibr förPmlfchtum und Judentum. D-stscheSkont»: rvLTL 0ryan des LmtralVerrms deutsckee Sirmtsvüryer iüEcdrn MauvensLv S^H^srriSj^s cZSS Judentums Verlag u. Echristleitung: Lentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin Sw-S, Lindenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595, 3596 Die Zeirschrift ist nur durch" die zuständige Poftanftalt zum Preise von -ierteljährrich M. 35,- zu beziehen! Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 10V,— für die 7 gespaltene : Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 500/a Nachlaß. Die 90 nun breite Reklamezeile M. 500,— „Schaffendes" und ^raffendes" Kapital. Politik unö wirtjihaft. — völkische wirtschaftslehren. — Raffe unö Geld. Die Geschichte der Gegenwart gruppiert sich, aus Mangel an Führerpersönlichkeiten, um wirtschaftliche Vorgänge. Dem Versailler Diktat verdanken wir neben so vielem anderen, idaß die geringste Veränderung in der Politischen Gestaltung der Verhältnisse sich sofort Ln wirtschaftlichen Notwendigkeiten auswirkt. Unser Valutaelend wiederum läßt bis in den kleinsten Haushalt hinein jede hierdurch bedingte Minderbewertüng der Mark fühlbar werden. Die Politik selbst befaßt sich letzten Endes nur mit der Problemstellung des Nichtperhungerns. Dies alles sind bekannte Tatsachen. Selbstverständlich sind die Folgerungen, die jeder vaterlandsliebende Deutsche zieht: Bereinigung aller Kräfte zur Beseitigung der letzten Kriegsfolgen nnd gemeinsames Arbeiten am Wiederaufbau. Allerdings erfordert die Verwirklichung solchen Strebens starke persönliche Opfer ideeller wie materieller .Natur: Neben zeitweiliger Ausschaltung aller politischen und wirtschaftlichen Gegensätze, Verzicht auf persönlichen .Gewinn, vor allem aber, wenn Gegensätzlichkeiten ausgeglichen werden . müssen, unbedingte Sachlichkeit und Ehrlichkeit gegen sich und die 'anderen. So- Viele aber auch von diesen Notwendigkeiten überzeugt .sein mögen, so Wenige sind gewillt, sie in die Tat umzusetzen. Man fühlt das Beschämende dieser Tatsache und versucht dies zu verchleiern, indem man die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen aus Nebensächliches lenkt und dem bejahungsfreudigen Vorwärtsstreben für das Allgemeinwohl ein kleinliches Suchen nach der Frage vorzieht, wer; ein den ungünstigen Verhältnissen schuld sei. Ansichten bilden sich? hüben und drüben, prallen aufeinander, erregen die Leidenschaften, verwirren das Urteil, oft auch die Moral, und da unter solchen Umständen gemeinsame, zielbewußte Arbeit aller für alle unmöglich ist, so kann, wie man entschuldigend behauptet, bis zur Klärung der! strittigen Fragen, da nun einmal doch gearbeitet wird, nur für den; eigenen Vorteil geschafft werden. Man sucht diesen angenehmen! Zustand zu verlängern, indem man den Wegfall seiner Ursache ver- : hindert, die Klärung der Schuldfrage hintertreibt. Die Wasser sind Sr regt und jeder fischt im Trüben. i Wir haben uns nachgerade, und nicht nur in diesen Spalten,; daran gewöhnt, daß nicht weit entfernt von dem Worte „Schuld- ’ frage" das Wort „die Juden" steht. Die Gedankengänge in diesem Zusammenhänge lauten ungefähr, daß die Juden, nachdem sie erst den Krieg verlängerten (stehe Rathenaus Rohstofforganisation), seinen unglücklichen Ausgang verschuldet hätten, und daß sie nun, als Nutznießer des wiederum durch sie geschaffenen Versailler Vertrags, die von Feindesseite betriebene Ausplünderung Deutschlands im Innern . nutmachen, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu beschleunigen rmd dann im politischen Chaos ihre eigene Herrschaft aufzurichten. Man' hat die Massen daran gewöhnt, die Quelle alles Uebels im Juden zu erblicken, um so politische Ziele zu verwirklichen. Warum solltet man das bewährte Rezept nicht auch bei der Durchführung wirtschaftlicher Pläne benutzen? Nichts konnte angenehmer fein, als die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit in 'bestimmte Richtungen Ur lenken und dem eigenen Gewinnstreben edelste Motive zu unterlegen. Wie lauten diese? Es gibt, so kündigen die Prediger völkischer Wirtschaftsweisheit, zwei Arten von Kapital: Schaffendes und raffendes Kapital. Das eine hat der Arier." Das andere.der Jude. Werte, die sich in arischen Händen befinden, schaffen neue Werte, die der Allgemeinheit zugute kommen, wenn auch nur durch Errichtung neuer , Fabriken und die hierbei gebotene Arbeitsmöglichkeit.- Geld .in * des Juden Hand aber ist ohne 'lebende Zeugungskrast. Nur Geld kann es als Zins wieder hervorbringen und so Judas Zinsknechtschaft über die Völker verstärken. Was der Arier erwirbt, strömt wieder ein in den Kreislauf der Volkswirtschaft! Das Geld de8 Juden wirkt nur für ihn selbst, es bleibt, ist es erst einmal in seiner Hand, der Volkswirtschaft dauernd entzogen. Hieraus muß jeder an der Gesundung unseres Vaterlandes Interessierte den Schluß Ziehen, daß erst nach Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben der wirkliche Wiederaufbau beginnen könne. Das sind, rein gedankenmäßig, die Gesichtspunkte jener Wirtschastslehrer. Ihre politische Auswertung legt den Versuch nahe, das Streben . der sozialistischen, kapitälsseindlichen Parteien nach Vergesellschaftung in bestimmter Richtung abzulenken und sie den Unterschied zu lehren zwischen wertschafsendem und totem Kapital. Der arische Besitz verbürgt, daß er allen Zugute komme. Seht euch dagegen jene an, die das raffende Kapital verkörpern, die fremdstämmigen Juden! Es soll nicht gesagt werden, daß diese Gedankengänge dem Hirne konkurrenzbedrückter, fozialisierungsgeängstigter Industrieller entsprungen sei, aber es ist begreiflich, daß sie ihnen sehr sympathisch sein rnüssen. Und die auffallende finanzielle Stärke der Parteien, die sich die Bezeichnung: „National" und den Zusatz „sozialistisch" leisten, läßt vermuten, daß diese Sympathien sich nicht nur platonisch äußern. Es bedeutete ja auch nichts anderes als Verwendung der überall vorhandenen Propagandafonds zur Hebung des eigenen Geschäfts, wenn man die unbequeme jüdische Konkurrenz durch politische Mittel ausschaltet. An dieser Stelle können die letzten Gründe des Gegensatzes Zwischen Industrie und Handel in bezug aus die geschichtlich bedingte Konstellation zwischen nichtjüdischen und jüdischen Deutschen nur gestreift werden. Sie scheinen ans das Bestreben der Industrie zurückführbar, durch Schaffung eigener Verkaufsstellen den Handel auszuschalten, um den Zwischengewinn selbst einzustecken und aus der erzwungenen Gegenwirkung des Handels durch Erwerb von Produktionsstätten die von ihm benötigten Waren sich zu sichern und so der wirtschaftlichen Erdrosselung zu entgehen, die über kurz oder lang durch Lieferungssperre der Industrie eintreten müßte. Eine.Nachprüfung, wie weit sich Theorie und Praxis in der Lehre von arischem und semitischem Kapital decken, ergibt bemerkenswerte Feststellungen. Man hat bislang als Hauptargument gegen das jüdische Kapital angeführt, daß es, wenn es Fabriken erwerbe, in keinem inneren Zusammenhang mit diesen stehen könne, während der Arier dagegen meist das Werk selbst geschasfen habe und ein ausgesprochen persönliches Verhältnis zu diesem habe. Wer aber die Vorgänge im deutschen Wirtschaftsleben seit 1918 beobachtet und dabei gesehen hat, welche ungeheuren Anlagen in einzelnen nichtjüdischen Händen, zusammengeballt wurden, wird zweifelnd fragen, ob die Herren "dieser Wirtschaftsherzogtümer tatsächlich noch persönliche Beziehungen zu ihrem Besitz haben können, den sie nicht durch schöpferische Arbeit, sondern so oft durch reine Finanztransaktionen erworben haben, also durch die Methoden, die dem jüdischen Kapital zum Vorwurf gemacht werden. Selbst wenn wir den Rassetheoretikern glauben wollten, daß der Besitz eines Langschädels genüge, um seine glücklichen Träger zum Inbegriff menschlicher Vollkommenheit zu wachen, können wir nicht recht begreifen, daß dieselben Geldscheine