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Central-Verein-Zeitung · 1922-11-30 · 30 (30.11.1922) · p. Seite 342

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
30 (30.11.1922)
Date
1922-11-30
Page
Seite 342 (sequence 2)
Language
German
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342 And deren Vorfahren schon strenge, ethische Lebensnormen, Wissen und Bildung besaßen, als die Ahnen der völkischen Maulhelden sich bestenfalls im Keulenschwingen und Speerwerfen hervortaten. Gibt es an jeder deutschen Hochschule nur fünf Professoren, die so denken und die den Mut solchen Bekenntnisses ausbringen — „Professor" aber heißt „Bekenner"! — dann wird die Seelenpest des Judenhasses mehr und mehr gebannt und endlich verschwinden. Und dann wird auf Deutschlands hohen Schulen wieder, wie einst, Humanität und geistige Freiheit eine Heimstätte haben. Ernst Goth. Stinnes über feine Beziehungen zu Rathenan unü öas Iuöentum. Im Zusammenhang mit der Rechtsschwenkung der deutschen inneren Politik, wobei bekanntlich die von Hugo Stinnes stark inspirierte Deutsche Volkspartei eine ausschlaggebende Rolle im neuen Neichskabinett erhalten hat, wandte sich der Berliner I. C. B.-- Vertreter an Hugo Stinnes mit der Bitte, sein Verhältnis zum Judentum darzulegen. l Der I. C. V.-Vertreter wies hierbei ans die verschiedentlich zirkulierenden Gerüchte hin, die von einer antisemitischen Grundstimmung Hugo Stinnes' und seinem persönlichen Antagonismus gegen den ermordeten Walter Rathenau zu erzählen wußten. Hugo Stinnes erklärte, es sei ihm erwünscht, die Möglichkeit zu erhalten, der jüdischen Oeffentlichkeit über seine Beziehungen' zum Judentum und zu Walter Rathenau Ausschluß zu geben. Doch falle es ihm schwer, besonders sein Verhältnis zu Rathenan Persönlich auseinanderzusetzen. Er habe deshalb eine ihm nächststehende Person beauftragt, dem I. C. B.-Vertreter die nötige Aufklärung zu geben. Diese Persönlichkeit gab nun die folgende Darstellung: „Stinnes und Rathenau waren ohne Zweifel politische Gegner und pflegten auch in wirtschaftlichen Fragen anseinanderzugehen. Rathenau war in gewissem Maße Anhänger der Sozialisierungsidee, während Stinnes konsequent gegen ein solches System angekämpst hat. Dennoch hat Stinnes von jeher, eine tiefe Sympathie für Rathenau gehabt, wie überhaupt zwischen den beiden gute freundschaftliche Beziehungen herrschten. Diese beiden begabten Menschen pflegten mit Vorliebe stundenlange Unterhaltungen über Politische und wirtschaftliche Probleme und es kam vor, daß solche Diskussionen bis s§ät in die Nacht hinein ausgedehnt wurden. Vielleicht werden diese Beziehungen am besten durch das letzte Zusamm e n s e in der beiden Wirtschaftsführer charakterisiert, das am Vorabend der Mordtat stattfand und der Oefsentlichkeit bisher unbekannt war. Der amerikanische Botschafter in Berlin hatte Rathenau zu einer politischen Unterhaltung eingeladen, in welcher der Standpunkt der deutschen Negierung in der Reparationsfrage fixiert werden sollte. Rathenan fand es nötig, Stinnes zu dieser Besprechung mit einzuladen, damit er ihn in seinem Standpunkt unterstütze, da doch beide darin übereinstimmten, daß Deutschland in keinem Falle die ihm im Versailler Vertrag auferlegten Verpflichtungen erfüllen könne. Der Meinungsunterschied bestand nur darin, daß Rathenau, um die Zahlungsunfähigkeit zu beweisen, dafür war, daß der Versuch zur Leistung in jedem Falle unternommen werden müsse„ während Hugo Stinnes eine solche Taktik für gefährlich ansah. Es war 10 Uhr abends, als Rathenan Hugo Stinnes im Hotel „Esplanade" anklingelte und ihn bat, sich mit ihm gemeinsam zum amerikanischen Botschafter zu begeben. Rathenan kam bald darauf ins Hotel, von wo sich die beiden in das amerikanische Botschaftspalais begäben. Nach dem Besuch beim Botschafter begleitete Rathenan Stinnes in sein Hotel zurück und fuhr dann allein nach Hause. Vis 1 Uhr nachts unterhielt sich Stinnes mit mir über die Eindrücke des Abends und äußerte sich mit starker Sympathie über die Persönlichkeit Rathenaus. Am Morgen darauf erfuhr ich als einer der ersten von Nathenaus Tod. Als ich dies Stinnes gemeldet hatte, ward er so verstört, wie ich ihn noch niemals gesehen hatte." Zum Schluß gab die Hugo Stinnes nahestehende Persönlichkeit in Stinnes' Namen dem I. C. B.-Vertreter die bestimmte Versicherung ' ab, daß Stinnes niemals Antisemit gewesen sei. Er stand zahlreichen jüdischen Persönlichkeiten politisch wie persönlich sthr nahe; keinem von diesen fiel es je ein, Stinnes des Antisemitismus zu verdächtigen. Endlich erklärte jene Persönlichkeit: „Stinnes nimmt in Deutschland eine sehr exponierte Stellung ein; er hat viele Gegner und sogar Feinde. Die Gerüchte über sein feindseliges Verhältnis zum Judentum und besonders zu Rathenau werden durch eben diese Gegner aus dem Grunde verbreitet, um sein Prestige in gewissen Kreisen zu schädigen und seine allgemeine Position zu schwachen. ÄQ . Cfitttrftt’fecfiJttl Unsere Anklage gegen Max Naurenbrecher. Wie erinnerlich hat Max M a u r e n b r e ch e r, der bekannte Leliker der „Deutschen Zeitung", im Juni d. I. die gefälschten »Gesandtschaftsberichte Kurt Eisners zum Anlaß für einen Hetzartikel genommen, dessen bewußt aufreizende Tendenz schon im Titel „Die jüdische Fälschung" klar zutage trat — denn Elsner, der Dissident, und das Judentum hatten nie das geringste mrtemander zu schaffen,—und in dem Eisners Tat aus dem „Erbtrieb der. jüdischen Rasse" erklärt wurde, deren „wilder, unbezähmbarer, bis zur Raserei verblendeter Haß gegen das deutsche Kaisertum, das deutsche Heer und die Großmachtstellung des deutschen Reiches" hier in eklatanter Weise zum Ausdruck gelangt sei. Und Maurenbrecher gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß solch ungeheure Schuld nicht anders als durch E n t r e ch t u n g und Vertreibung der Juden gesühnt werden könne. Er sagt wörtlich: „Hat jüdischer Haß und jüdische Rachsucht uns zum Zusammenbruch getrieben-, und dann noch den Feinden, das Messer zu unserer Abschlächtung geliefert, so wird bei W-iedeverwachen der deutschen Kraft das ganze Judentum g em e i n s am für diese V e r sch u 1 dun g b a ftba r geina ch t w e rden müssen. D re Aush ebu n a der staatsbürgerlichen Gemeinschaft zwischen Deutschen u n d I u d e n u N d d i e E n t fe tu u n g des h o ch verräterischen Volkes a it s u n se r e t M t t t e: das wird die einzige Sühne sein, die die jüdische Schuld wirklich zu sühnen vermag." Wir haben die gemeinen und lügenhaften Verleumdungen Maurenbrechers an dieser Stelle sofort als solche gekennzeichnet. Und wir haben ferner — wie Pflicht und Selbstachtung es geboten — der Staatsanwaltschaft Anzeige davon geinacht, daß Maurenbrecher zur denkbar schwersten, gewalttätigen Schädigung des gesamten Judentums aussordere, weshalb wir aus Grund dieses Tatbestandes die. E r h e b lt n g der A n k läge gemäß § 130, des St.G.B. beantragen. D -i e f e m A n t r ag e ch a t die S t a a t s - an w al tscha s t st att g egeb en. Beim Strafsenat des Landgerichts Berlin-Mitte ist für den 1. Dezember die Verhandlung gegen Max Maurenbrecher anberaumt. Nun aber, da dieser Termin naherückt, wird es dem Herrn doch etwas schwül, und es drängt ihn, sich.rasch, noch bevor eres vor seinem Richter tun kann, vor seinen Lesern zu verteidigen. In einem „Strafrechtlicher Judenschutz?"' betitelten Artikel wettert er gegen den § 130, -der „zum Galgen für alle dienen soll, die in der verfassungsmäßigen Stellung des Judentums im deutschen Reiche eine Aenderung anstreben", u.nd gibt seinem Erstaunen und seiner Enrpörung, darüber Ausdrück, daß ihm jene linkriminierten Worte überhaupt als „Anreizung zu Gewalttätigkeiten" ausgelegt werden können. Er teilt mit, schon in der Voruntersuchung darauf hingewiesen zu haben, daß von einer Anwendung des tz 130 nicht die Rede sein könne, da er ja nur die Entrechtung und Entfernung der Juden auf „verfassungsmäßigem Wege" erstrebe — aber er kann nicht umhin, auch mitzuteilen, daß der Untersuchungsrichter aus diese Argumentation nicht hereinsiel, Herrn Maurenbrecher vielmehr als „h> in reichend verdächtig" erklärte, zu Gewalttätigkeiten ausgereizt zu" haben, aus welchem Grunde denn auch das Hauptversahren eröffnet wurde. ■ Wir werden uns das Beispiel Maurenbrechers in ein schwebendes Gerichtsverfahren durch publizistische L-timmungs- ■ wacher ei einzugreifen, um so weniger zu eigen machen, als wir diesem Prozeß ungleich zuversichtlicher entgegensetzen, als er. Nur auf seine plötzlich ganz zahmen Versicherungen, ausschliehlich an . „staatsrechtliche Akte" und legale Verfassungsänderung gedacht zu haben, da er jenes sühnende Strafgericht über die deutsche Judenschaft herabbeschwor, möchten wir folgendes bemerken: Selbst wenn wir ihm dies glaubten — wir glauben es ihm nicht, denn die mala lid.es dieses Wandlungsreichen ist zu oft erwiesen — so ist es ein gewaltiger Unterschied, ob man etwa in politisch ruhigen, von keinerlei Massenpsychose ausgewühlten Zeiten von „Bersassüngsünderungen" spricht, die sich gegen die Juden wenden, oder ob man es heute tut, da -ein Hitler in München, ein Kunze in Schlesien knüppelbewasfnete Scharen zum Kampf gegen fe „Rassesremden" aufstacheln, ein Dietrich Eckart, ein Fritsch, ein Reven'tlow die Arbeiterschaft zum Befreiungskrieg vom jüdischen Wucherjoch führen will -und selbst Universitütsprofessoren sich nicht entblöden, völkischem Haß, völkischer Beschränktheit das Wort zu reden. In solchen Zeitläuften, sind Maurenbrechers Vorschläge zu „Verfassungsänderuutzen" gegen die deutschen Juden nichts anderes - als die politische, vorsichtigere Fassung des Hitler-Kunzeschen Feldgeschreis: „Schlagt die Juden tot!" —tli.!# (gilt Münchener Freispruch. Aus München wird gemeldet: Der Antisemitensührer Justiz rat v. Ze z s chw itz war auf Antrag des C. V. vom Münchener Schöffengericht wegen Beleidigung ZU 6ÖÖÖ Mark Geldstrafe verurteilt worden, weil er in einem Plakat die Wendung gebraucht hatte, der jüdische Centralverein täusche die Einpassung der Juden in das deutsche Volkstum und Staatsb'ürgertum vor. Im Berufunüs- : verfahren hat das Münchener Landgericht Zezschwih f r e i g e s p r o ch e n, 1 da er in gutem Glauben und in Wahrung berechtigter Interessen für | seinen politischen Verein und für das deutsche Volk gehandelt habe. Das I Münchener Landgericht hat, wie sich zeigt, von den Interessen des deutschen ' Volkes etwas zu bayerische Vorstellungen.

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