Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 30 (30.11.1922)
- Date
- 1922-11-30
- Page
- Seite 341 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer Z M. Serlin, ZS. November 1922 l. Jahrgang ❖ Nr. ZS Blätter füri>eutjchtum^; unSluoentum Dofischeckronro: 30472 'vryan ürs lLnlrat-Verems taut jeher Staatsvüryer iüäifcben ClauftensTb. Allgemeine Zeitung des Oudennims Verlag u. Schriftleitung: (entral-verein deutscher Staatsbürger jü-ischen Glaubens e.v. Gerlin SVöS, Linbenftr. IS Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595, 3596 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postanftalk zum Preise von vierteljährlich M. 35,- zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mofse, Berlin 8^V 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 60,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50°/o Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 300,— Deutschlands hohen Schulen.. / hat der Geist humaner Bildung, der sie schuf, bald keine .Heimstätte mehr. Beschränkter Haß, verblendete Streitsucht, strohiger Irrwahn drohen ihn zu vertreiben, seit es gewissenlosen Jugendverderbern gelang, den deutschen Studenten zum Trabanten einer Politik zu machen, die sich „völkisch" nennt, doch das Volk vergiftet und den „freien Burschen" von einst .in ein trauriges Zerrbild seiner selbst zu verwandeln. Er, der ein Jahrhundert lang das schöne Recht aller Jugend übte, kühn und wagemutig der Zukunft entgegenzueilen, den Idealen des . kommenden'Tags als erster sein Herz zu erschließen, hängt seine Sehnsucht nun an Gestriges, Ueberholtes, Vermoderndes, stemmt sich der Zeit entgegen, verachtet die Gegenwart und ihre Staatssorm und begeifert die Männer, die sie schufen, in denen er vernichtenswerte Träger jenes „zersetzenden jüdischen Geistes" sieht, der allein die „alte Deutsche Karserherrlichkeit" in Trümmer schlug. Vom wahren jüdischen Geist, dessen große Kulturschöpfungen er auf allen Fakultäten erkennen-könnte, hat er keine Ahnung und will auch keine haben. lieber jüdische Ethik orientiert er sich nicht bei Spinoza, sondern bei Ludendorff, der ihm die Hintertreppenmär der „Weisen von Zion" zuraunt, über jüdisches Denken wicht bei Moses Mendelssohn, sondern bei Herrn Roethe, der ihn zu „germanischem Trutzkampf" gegen die Judmrepublik anseuert. Andere Professoren wieder beeilen sich, seinem bisher bloß seldgeschreiartig zum Ausdruck gebrachten Judenhaß in der bekannten ,Ariertheorie" ein pseudowissenschaftliches Fundament zu geben ... aus solch vielfacher Verführung, Verhetzung, Betörung erwuchs so im Verein mit studentisch traditionellem Hang zu romantischer Vergangenheit jene Gesinnung, die in der Republik das Judentum, im Judentum die Republik bekämpft, die in Berlin Gerhart Hauptmann als „nndeutsch" ablehnt, weil er sich zur Republik bekennt, in Jena gesonderte Arierbänke fordert, nach Prag „Hilsstruppen" entsendet, um gegen den jüdischen Rektor zu oemonstriereu, Einsteins epochale Lehre als jüdischen Schwindel erklärt, und die mitunter so grotesk pathologische Blüten treibt, wie jenen Eisenacher. Rütlischwur, „kein jüdisches oder farbiges Weib zu ehelichen" . . . Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Ziehen denn bloß unreife Knaben zur Universität, sind dort alle Hirne vom Schwall pathetischer Lügenphrasen 'so leicht zu umnebeln? Wo bleiben die Ernsten, Verständigen, die Denkfähigen, die es doch immer gab und auch jetzt geben muß? Lassen auch sie sich ins Schlepptau der Rückschrittler nehmen, sind auch sie vom Taumel dieses völkischen Veitstanzes ergriffen? Und die betrübende Antwort lautet: Auch, sie sind es; auch die Klugen, die Nüchternen, die. Lebenstüchtigen hassen diese Gegenwart, ihren Staat, ihre Männer, ihren „verjudeten" Geist — sie am meisten. Denn ihr Haß ist nicht kritiklos übernommen, ist kein rein gefühlsmäßiger wie beider Andern; ihr Haß ist begründet, ist logisch fundiert, entspringt der Wut über eine verlorene Position, über abhandengekommene Vorrechte. Just diese Klugen und Praktischen, die an der Hochschule niemals die Wissenschaft, sondern stets nur das Diplom, das Versorgungsdekret suchten, just diese haben rasch erkannt, daß der „akademische Bürger" mit Schläger und Cerevis, der die mi.sera plebs — zumal die arbeitende — verachtet und sich an Bier und Kommersliedern berauscht, plötzlich nicht mehr als edelstes Reis am deutschen stamme gewertet wird. Daß in dieser dreimal verdammten Republik die Zugehörigkeit zu einem feudalen Korps nichts mehr die sichere Antwartfchaft auf Karriere bedeutet, daß diese „Judenregierung" imstande ist, selbst Leute zu Oberpräsidenten und Staatsanwälten zu machen, die nicht der kleinste Schmiß ziert — und die am Ende kühn genug sind, über Wichs und Fahnen, Bierkomment und Paukereien zu lächeln — — daß überhaupt der ganze Zauber „alter Burschenherrlichkeit'" als romantische Ruine in diese Zeit ragt. Und so wird diese Zeit mit all ihren politischen und sozialen Gestaltungen auch von diesen Klügeren, Einsichtsvolleren in der deutschen Studentenschaft beschimpft und bekämpft, und auch sie werfen sich Jenen in die Arme, die allein von der Unterdrückung, der Entrechtung der Juden die Auferstehung neuer Reichsglorie erhoffen. Diese Auferstehung wird einst kommen, wenngleich anders, als die wilden Schwärmer sie jetzt herbeiphantasieren. ^Deutschland hat ewigen Bestand" sang schon Heinrich Heine, der kein Völkischer, sondern ein Jude war. Es hat die Wunden des Dreißigjährigen Krieges überstanden, es wird auch von den Wunden des vierjährigen Kriegs genesen. Der Schritt der Geschichte wird schließlich allen Phrasenlärw übertönen, ihr Walten auch die Jugend belehren mtb bekehren. Schwerer wird sie vom Gift des Hasses zu heilen 'sein, wir dem sie jetzt an den antisemitischen Serlchenherden der deutschen Hochschulen infiziert wird, und das ihren geistigen Organismus für Lebensdauer so folgenschwer schädigen kann, daß nicht bloß der jüdische, nein, daß jeder Deutsche, dem sein Vaterland und dessen Zukunft lieb ist, in banger Sorge d-er nahen Zeit entgegensehen muß, da diese mißleiteten jungen Männer Recht sprechen, Menschen heilen, den Staat verwalten sollen. Man darf — trotz allem und allem — annehmen, daß von solcher Sorge auch mehr als einer der Männer befallen ist, die auf den Universitäten Deutschlands ein Lehramt inne haben. Diese Weitblickenden und Gutgesinnten — deren. Zahl gewiß nicht gering ist, die sich' heute aber, angewidert, in ihren Bücherwinkel zurückziehen — sie ruft nun das Gebot der Stunde zum Zusammenschluß, zu gemeinsamem Wirken. Ihr Lehramt wird zur Lehrpflicht, da es gilt, zumindest den lernwilligen Teil der heutigen Jugend darüber auszuklären, daß alle Rassentheorien haltlose Tendenzkonstruktionen sind, die längst jeglichen wissenschaftlichen Kredit verloren haben, daß wahres Deutschtum nickst im Langschädel oder Blond- - haar, sondern in deutscher Gesittung, deutschem Kulturempfinden wurzelt und daß BoAsgenossen nicht „land-fremd" . gescholten werden dürfen, die seit tausend Jahren hier siedeln.