Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 29 (23.11.1922)
- Date
- 1922-11-23
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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_. Juden im Gärirrerberus. Herr Geh. B a u r a t E. Frauke I schreibt uns: „Der antisemitische Vorwurf, daß Juden i m Gär t ner b e r u f, der mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist, nicht o.nZut ressen sind, verstummt nicht. Aber alle unsere Gegner vergessen oder verschwelen, welche Schwierigkeiten einen: Juden bei seiner Ausnahme als Lehrling von den christlichen Lehrherre-n bereitet werden. Der I ü dis ch e B o de n k u lt u r v e r e i n hat nach nngünftigen Erfahrungen setzt zwei Lehr guter geschaffen — Halbe und Buckow bei Neukölln —, wo Lehrlinge unter gebracht werden Wunen. Darüber hinaus mag angeregt seini, daß die Gemeinden und gemeinnützigen Anstalten mit Ga-rten-anlagen an allen Orten sich dazu verstehen, nicht nur Bernssgärtner ausZubilden, sondern auch Frauen, Männer und Kinder in den Ansaugsgrüirdender Gärtnerei für Laubenkolonien im Nebenberuf zu unterrichten. Diese Betätmnna) ist von erheblicher votkswirtschastlicher Wichtigkeit; denn abgesehen von der Nutzbarinachung kleiner oder ödliegender Geländestücke und den hohen Erträgen an Gemüse, Obst, Kartoffeln, wird auch die nicht voll aus genutzte Arbeitskraft vieler Beru-fsmenschen nutzbar gemacht. Es wird fict) empfehlen, die hierfür geeigneten Anlagen an dieser Stelle bekanntzugeben, so daß Reflektanten sich melden können. So ist z. B. in Lichter selbe Gelegenheit geboten, sich im Lehrerinnenheim lernend der Bearbeitung des Gartens Au beteiligen, wo auch eventuelle Anmeldungen an Zu bringen sind." Eine Aufforderung au Sudendorss. Der Verband bah-erischer israelitischer Gemeinden hielt am 1. November unter Vorsitz des Ober- Lan'desgerichtsrats Prof. Dr. S i 1 b e r s ch m i dt eine Tagung ab. der Vertreter der Ministerien des Kultus und des Innern, der Stadtgerneiude und der PoliZeidirektivn beiwvhnt-en. Die Grüße des Nlinisterpräsidenten Grafen Lerchenfeld überbirachte O-berregierungsrat v. Schellhorn. In einer Rede über die Folgen der antisemitifchenl Hetze forderte Rabbiner Dr. Stein (Schweinsurt) L u d e n d o r f f auf, den N -a ch weis z u e r - b r i :: gen, daß es wirklich e i nc i ü d i f ch e O b >e r l e i t u n g gebe, von welcher der General in feinem Buche gesvrochen habe. Die. Versammlung! nahm einstimmig eine Entschließung an. die das Bekenntnis unauflöslichen Zusammenhangs der jüdischen Bevölkerung mit dem deutschen Vaterland und der baherischen Heimat zum Ausdruck bringt und einmütig Einspruch gegen die judenfemdliche Bewegung erhebt. Der „Hammer" verboten. Die in Leipzig von dem berüchligten Hetzapostel Th. Fri'tsch heransgegebene. deutschvölkische Zeitschrift „Hammer" ist bis zum 15. Januar, gemäß dem Gesetze zum Schutze der Republik, verbot e n worden. Ja, Bauer, das ist etwas anderes! In Köniasberg erregte dieser Tage die Aufdeckung von ungewöhnlich großen Schiebungen in Kokain-. Morphium. Opium und anderen Medikamenten großes Aufsehen. Beteiligt an diesen Adanövern waren vorwiegend Drogist Willi Rhode, der Handlungsgehilfe P l o g s ch t i e s . der Kaufmann Kurt K o l J e ch, der baltische Adlige - Arnim v. Gernett. seine Schwester Irene v. G e r nett, der ehemalige Oberleutnant Hugo E w e r t. ein Sanitatsschüler P l a v s , die Ang-esbellten F e l g e n d r e h e r und E wer t, ein Chauffeur Morrs se und noch andere, deren Namen gleichfalls so arisch klingen, daß die völkische Presse, die sich doch! so gernmit „Schiebungen" 'beschäftigt. an diesem Fall gang sicher mit geschlossenen Augen vorbeischleichen wird. Zwei Morde. In Arnstadt erschoß vor einiger Zeit im Verlause eines Wirtshaustumults ein gewisser Hermann P o m me r. ein Jude, den Techniker Karl Strauß. Cr wurde sestgenommen und sieht jetzt seiner Aburteilung entgegen. Trotzdem das Verfahren gegen ihn noch .schwM. kann es sich die „Deutsche Zeitung" nicht versagen, den FM in einem Artikel mit der lleberschrist „Der schieß wütige Jude" für ihre Zwecke ausAuschroten, und sie fragt, was Wohl geschehen würde, wenn nicht der Täter, sondern das Opfer Jude wäre. Sie gibt der Uederzeugung Ausdruck, daß dann die jüdische Presse den Vorfall sofort zu einer sensationellen Staatsaktion breittreten würde und weist höhnend darauf hin, daß Pommer bereits vorforgrich die Untersuchung seines Geisteszustandes beantragt hat. Wir können die Frage der „Deutschen Zeitung" prompt beantworten, denn fast zur selben Zeit schoß in Essen der nichtjüdische Knufnmnnssohn Klein den jüdischen Mitbewohner seines Hauses. Karl Ro senthal, aus nichtigstem Anlaß über den Hausen, ohne daß es der „jüdischen Presse" eingefallen wäre, die Sache zu einer Staatsaktion -anf- Zubauschen. Und als ob die „Deutsche Zeitung" in allen Einzelheiten ad absurdum geführt lverden solle, hat auch Klein sofort auf seine Unzure chnnngsfäh igkeit hingewiesen und diese mit einer angeblichen Kri egs- Verwundung zu motivieren versucht. Antisemitische Geheimorganisationen. Nach einer amtlichen Mitteilung des preußischen Pressedienstes haben sich in der letzten Zeit nach dem Muster der baherischen NativnMozianften auch in dtorddeutsätland mehrere Gruppen gebildet, die das nationalsozialistische Programm akzeptierten und mit den baherischen Nationalsozialisten und deren Führer, dem bekannten Antisemiten Hitler, Zusammenarbeiten wollen. Der Führer der preußischen nationalfozialMschen Bewegung ist der Freund Hitlers, der Freikorpssührer und frühere Leutnant Roßbach, gegen den ein Vevsahren 'beim Staatsgerichtshof schwebt. Roßbach wurde vor einigen Tagen verhaftet, aber gegen Ehrenwort wieder aus freiem Fuß belassen. Für die preußischen nationalsozialistischen Geheimbünde sollen außer Roßbach noch der denÜchvölkische Gras Reventlow und der Herausgeber des Pamphlets „Die Weifen von Zion", M ü C i er - H a it f e n tätig sein. Da erwiesen ist. daß die nationalsozi-alistischen und die ihnen nahestehenden Vereinigungen außer ihrem öffentlich bekanntgegebenen Programm geheime Bestrebungen verfolgen, wurde:! die Maßnahmen zu -deren Auflösung getroffen. In Baden und Thüringen' wurden die nationalsozialistischen Vereinigungen bereits verboten. Ein Dementi der ungarischen Regierung betreffend die Jnderrausweisungen. Das Komitee für ausländische Angelegenheiten der englischen Juden hat sich an den ungarischen AntzenmiEer, Graten Banffh. mit der Anfrage gewandt, ob die Gerüchte von der bevorstehenden Ausweisung sämtlicher ausländischer Juden aus Ungarn auf Wahrheit beruhen. Auf diese Anfrage erhielt der Generalsekretär des Komitees, Mr. Lucien Wolfs, ein von: 8. November datiertes Telegramm ans! Budapest, das folgendermaßen, lautet: „Alle diese Gerüchte sind grundlos: der Regierungsbesehl hat nur die Registrierung aller Ausländer ohne Ausnahme verordnet, nicht aberdie Ausweis::ng. Ungar isches A ußenministerimn." Dem widerspricht das Interview,' das kürzlich der Qbierpolizeirat und Lei ter der I nt e r n i e r u n g s a b t e il u n g, Dr. Johann B ak s a, einem Journalisten gab. in welchem er die Ausweisungen als solche ausdrücklich z u gab und hervorhob. daß alle jene Juden — also nicht bloß ausländische — ausgewiesen würden, deren Verbleib im Lande „nicht im Interesse der Gesamtbevölkevung liegt-" —- eine überaus elastische Richtlinie, die natürlich jedweder Willkürden Weg ebnet. Die arisch-deutschen Studenten in Prag gegen den jüdischen Rektor. Nachdem der. im Juni d. I. überreichte formelle Protest der arischen Studentenschaft der Prager deutschen Universität gegen die Wahl des Professors Dr. t e i n h e r z, zum Rektor vom akademischen Senat zurückgewiesen worden war, hat die deutsch-arische Studentenschaft uunnrehr beim Amtsantritt des neuen Rektors einen Streik an der Universität proklamiert und in, einem Flugblatt zmn Kamps „gegen die Verjndnng der Universität" aufgeruseu. Zur Verhinderung der Vorlesungen besetzten sie die Eingänge der Universität und mehrere Lehrkanzeln. Ter Unterricht mußte einzelnen Fakultäten eingestellt werden. Es kau: zu Schlägereien zwischen den Einlaß begehrenden liberalen und jüdischen Studenten und den deutschnationalen „Streikposten". Die deut-schvölkifchen Studenten unterhalten die Wachet: bei Tag und bei Nacht. Es sind eine Anzahl rei chs dents cher Studenten angekommen. um den Widerstand zu -organisieren. lieber das Verhalten -des Rektors. Professor Stein - h e y z, selbst ist noch nichts bekannt. Während es bisher 'an der Prager Universität Tradition war. daß jeder zmn Rektor gewählte jüdische Professor freiwillig auf die Neltorswürde verzichtete, hat Professor Steinherz ZU'M erstenmal mit dieser Tradition gebrochen und sein Amt -angetreten. Waisenkinder auss Land. Ein unter obiger Spitzmarke erschienener, von der Waisenkommission der Jüdischen Gemeinde Berlin angeregter Aufruf hat insofern Erfolg gehabt, als eine Anzahl von Zuschriften aus kleinen Ge. meinden eingelaufen sind, in denen die Bereitschaft zur Aufnahme von Waisenkindern erklärt wird. Bezeichnenderweise handelt es sich aber in allen diesen Fällen um Mädchen von 12 bis 14 Jahren, die sich in der Hauswirtschaft nütz, lieh machen können. Damit wird der guten Absicht, auch anderen Waisenkindern die Wohltat des Landaufenthaltes zugute kommen zu lassen, in keiner Weise genügt, auch der bedrohten jüdischen Volksschule erwächst nur ein geringer Nutzen. Es wäre erwünscht, wenn sich die Nachfrage auch auf Knaben und Mädchen schon vom 2. Lebensjahre ab erstrecken würde. Zuschriften sind an den Deutsch-Zsraelitischen Gemeindebund, Berlin W, 85, Steglitz er straße 9, ZU richten. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums fererte am 2. November die Wiederkehr ihres zwanzigjährigen Bestehens. Einleitend gab der Vorsitzende, Prof. Dr. M. So beruhe im, einen Bericht über die bisherige Tätigkeit der Gesellschaft, gedachte der Verdienste der Stifter und der dahingeschiedenen Mitglieder, insbesondere Prof.-Martin Philippsohns, RaLb. Prof. Dr. Guttnmnns und Prof. Brunns. Hieraus hielt Rabbiner Dr. B a e ck einen gehaltvollen Vortrag über Nie Aufgaben der Wissenschaft des Judentums. Der Feier wohnte:: Vertreter der* Jüdischen Gemeinde Berlin, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, der Hochschule und der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, des Centräl-VeTeins und vieler anderer jüdischer Korporationen bei. 4 Gedächtnisfeiern. Am Sonntag, den 5. November, wurden in der Halle des jüdischen Friedhofes zu Hannover die Gedächtnistaseln zu Ehren der im Weltkriege Gefallenen enthüllt. Auf den Tafeln stehen 122 Äkamen verzeichnet. Unter den Gefallenen sind alle Waffengattungen und die militärischen Ränge bis zum Hauptmann vertreten, darunter ein Sohn des Landrabbiner Dr. Meyer, welcher als Hauptmann der Artillerie, und ein Enkel, welcher als Leutnant siel. — Der Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Hamburg, veranstartete am 29. v. M. auf dem Ehrenfriedhofe in Ohlsdorf eine Feier zum Andenken an die gefallenen jüdischen Krieger. — EinEhrendenkmalfÜr die Gefallenen des Freistaates Hessen wurde dieser Tage auf dem israelitischen Friedhof in Darmstadt enthüllt. Nach einer Begrüßungsansprache des Herrn T h a l h e i u: e r vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten übernahn: namens der Stadtverwaltung Oberbürgermeister Dr. Glässing -das Denkmal, auf dessen Bedeutung Rabbiner Dr. Italiener mit tief empfundenen Worten hinwies. Overkanlor Birnbaum gestorben. D-er bekannte jüdische Komponist, Oberkantor Beer Birnbaum, ist iw Czenstochau gestorben. Oberkantor Birn'barrm war auch einbedeutender Musittheore'tiker. und hat sich besonders durch musikalische Bearbeituna und wissenschaftliche Erforschung! alter und neuer jüdischer Musik sehr verdient gemacht. Bekmmt sind seine Abhandlungen über Wesen und Geschichte der jüdischen Musik. Todesfälle. Kommerzienrat Leopold A l e xa n d « r, eines der geachteisten Mitglieder der Memeler Kansmannschast, ist im Alter von 68 Jahren in Memel gestorben. Der größte Teil der Industrie Memels verdankt ihm seine Entstehung. Er war u. a. Mitbegründer der Waggonfabrik, der Memeler Fellu. Rauchwaren-A.-G., der Aktiengesellschaft für Holzbearbeitung, der Holzindustrie Wischwill u. a., welchen Unternehmungen er bis zu seinem Tode als Vorsitzender oder Mitglied des Aufsichtsrats angehörte. Alexander war ferner Ehrenmitglied der Kaufmannschaft und führte 28 Jahre hindurch ehrenamtlich Las Amt des Ob er v o r st-e h e r s der dortigen jüdischen Gemeinde. Er begründete das jüdische Krankenhaus, dem er reiche Zuwendungen machte. Mit der jüdischen Gemeinde trauert ganz Memel um den Mann, der durch -seine vornehme Gesinnung, Intelligenz und unermüdliche Arbeitskraft mit -dem Aufblühen seiner BaLerstadt untrennbar verbunden war. — Herr Moritz Weil, ‘ der Schatzmeister und zweite Vorsitzende unserer Orts- und Bezirtsgruppe Offenburg, ist im .51. Lebensjahre plötzlich verschieden. Wir verlieren in dem Verstorbenen, der sich allseitiger Beliebtheit und Wertschätzung erfreute, einen Mitarbeiter, der im Dienste des E. V. - Gedankens eine überaus rührige unerfolggekrönte Wirksamkeit entfaltete, und werden sein Andenken stets in Ehren halten. — Am 25. Oktober d. I. verstarb in G u n z e n h a n s e n der erste Vorsitzende unserer dortigen Ortsgruppe, Rudolf Seeberger. Anfangs als Vertrauensmann unseres Vereins und nach Gründung der Ortsgruppe als deren 1. Vorsitzender, hat er uns treu zur Seite gestanden und auch als Vorstand der dortigen Kultusgemeinde Wertvolles geleistet. Berichtigung. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht: Unter dem Schlagwort „Die Geldgeber der Völkischen" ist in Ar. 23 der „C. V. - Zeitung" vom 12. Oktober 1922 die Behauptung aufgestellt worden, zu den geheimen Geldgebern der Völkischen, insbesondere zu den Geldgebern des „Sturms", des Mattes des deutschvölkischen Lug- und Mordbundes in Hannover, gehöre die H e f e f a b r i k E m m e r t h a l. Diese Angabe ist unwahr. In Emmerthal gibt es nur eine Hefefabrik, nämlich die Hefe- und Spritwerke A.-G. Emmerthal. Deren Direktor, Herr Reinhard Hagen in Emmern, hat weder als Leiter der Aktiengesellschaft noch persönlich den „Sturm" unterstützt.